mini|Hermann Knoflacher kritisierte bereits vor Jahrzehnten die autogerechte Stadt. Mit seinem Gehzeug karikiert er den Platzbedarf des motorisierten Individualverkehrs (2007). mini|Demonstranten von Fridays for Future mit einem Banner mit der Aufschrift „Verkehrswende statt Klimakrise“ vor dem Bundesverkehrsministerium (2019)

Als Verkehrswende, auch Mobilitätswende, wird der gesellschaftliche, technologische, planerische und politische Prozess bezeichnet, Verkehr und Mobilität auf nachhaltige Energieträger, sanfte Mobilitätsnutzung, geringeren Flächenverbrauch und eine Vernetzung verschiedener Formen des Individualverkehrs und des öffentlichen Personennahverkehrs umzustellen. Sie beinhaltet auch einen kulturellen Wandel, eine Umverteilung des öffentlichen Raums und eine Umleitung von Geldströmen. Eine solche Verkehrswende bezieht auch den Güterverkehr ein.

Die Verkehrswende stellt eine Gegenbewegung zur Autozentriertheit aus der Mitte des 20. Jahrhunderts darhttps://www.vcd.org/artikel/die-verkehrswende-gerecht-gestalten, die zum Beispiel in Form der autogerechten Stadt ausgeführt wurde.

Motivation Hauptmotivation für eine Verkehrswende ist die Reduzierung von verkehrsbedingten Umwelt- und Personenschäden.

Klimaschäden Wichtiges Ziel ist die Senkung von CO2-Emissionen. Um das im Übereinkommen von Paris vereinbarte Ziel zu erreichen, also die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C zu begrenzen, muss die Verbrennung von Erdölprodukten bis etwa 2040 eingestellt werden. Da die CO2-Emissionen des Verkehrs auf praktisch Null sinken müssen, reichen die bisher im Verkehrsbereich getroffenen Maßnahmen nicht aus, um die gesetzten Klimaschutzziele zu erreichen. Viele Klimaschutzstrategien im Verkehrssektor hätten ebenfalls positive Nebeneffekte. Hierzu zählen z. B. bessere Luftqualität durch weniger Luftverschmutzung, gesundheitliche Vorteile, gerechter Zugang zu Transportdienstleistungen, weniger Staus und ein insgesamt verringerter Materialbedarf im Verkehrswesen.

Auf nationaler Ebene wollte die Ampel-Regierung den übermäßigen CO2-Ausstoß im Verkehr durch Einsparungen in anderen Sektoren außerhalb des Verkehrssektors ausgleichen. Entsprechende Möglichkeiten schafft die Entkernung des Bundes-Klimaschutzgesetzes.Jörg Staude: Reform des Klimaschutzgesetzes: Konflikt um europäische Klimapflichten bleibt ungelöst. In: klimareporter°, (Online-Magazin), 20. April 2024. Das befreit Deutschland allerdings nicht von den Klimaschutzvorgaben im Rahmen der europäischen Lastenteilung, des „Effort Sharing“. Diese Regelung in der Verordnung (EU) 2018/842 („EU‑Klimaschutzverordnung“) verlangt von den EU-Staaten, ihre Emissionen in den sogenannten ESR-Sektoren „Verkehr“, „Gebäude“, „Landwirtschaft“ und „Abfall“ESR ist ein Kürzel für „Effort Sharing Regulation“, also „Lastenteilungsregulierung“. von 2005 bis 2030 um etwa 40 Prozent, je nach vereinbarter Vorgabe von Staat zu Staat variierend, zu verringern. Deutschland als wirtschaftlich starkes Land muss sogar 50 Prozent Verringerung erreichen – und diese Anforderung würde nach aktuellem Stand allein der deutsche Verkehrssektor laut einer Umweltbundesamt-Projektion für 2030 um 29 Millionen Tonnen CO2 verfehlen. Kumuliert für die Jahre 2023 bis 2030 ergibt sich sogar eine Verfehlung um 180 Millionen Tonnen CO2. Zwar mag es sein, dass sich der Bundesverkehrsminister durch die Aufweichung des Bundes-Klimaschutzgesetzes auf der nationalen Ebene gewisse Spielräume zur Vermeidung von CO2-Emissionseinsparungen im Verkehr verschafft hat; auf der EU-Ebene gibt es solche Spielräume jedoch nicht, da die EU-Klimaschutzvorgaben in jedem einzelnen ESR-Sektor zu erfüllen vorgegeben sind.

Luftverschmutzung mini|Klassische städtische Mobilität am Beispiel Aachens: Automobile im privaten Besitz prägen das Straßenbild.

Eine Verkehrswende dient in den Metropolregionen und großen Städten auch gesundheitlichen Zwecken und soll insbesondere der massiven Luftverschmutzung entgegenwirken. Beispielsweise verursachte der Verkehr in Deutschland 2015 etwa 38 % der auf den Menschen zurückzuführenden Stickoxidemissionen. Abrufbar unter Alleine durch die Luftverschmutzung des Verkehrs an Land starben im Jahr 2010 rund 164.000 Menschen; in Deutschland waren es gut 6.900 Menschen. Eine neuere Studie des gleichen Hauptautors kommt zu dem Ergebnis, dass durch die Luftverschmutzung des Straßenverkehrs in Deutschland jährlich 11.000 Todesfälle verursacht werden, die potenziell vermieden werden könnten. Diese Zahl ist 3½-Mal so hoch wie die Zahl der Todesopfer durch Unfälle.

Unfalltote, Lebensqualität, aggressives Verhalten Weitere Motive sind der Wunsch nach weniger Lärm, Straßen mit Aufenthaltsqualität und geringeren Unfallrisiken (siehe auch Vision Zero). Nach Schätzungen der europäischen Umweltagentur sind 113 Millionen Menschen in Europa von Straßenlärm auf ungesundem Niveau betroffen. Bei steigendem Verkehrsaufkommen und Pendlerzahlen wünschten sich viele Bürger auch attraktivere Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Eine Verkehrswende dient demnach auch der Steigerung der Lebensqualität.

Die Verkehrswende gilt manchen auch als Mittel, aggressives Verhalten im Verkehr und der Gesellschaft abzubauen.Die Zeit, Verkehrswende: „Es geht nicht um Autofahrer gegen Radfahrer“, 10. Juli 2020 Studien weisen darauf hin, dass Menschen in großen und teuren Autos eher zu rücksichtsloserem Verhalten neigen.Higher social class predicts increased unethical behavior, Piff et al., Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2012, 109 (11) 4086-4091; DOI:10.1073/pnas.1118373109 Der Studie Verkehrsklima 2020 zufolge fühlen sich Frauen unsicherer als Männer. Sie wünschen sich stärker mehr Kontrollen und strengere Gesetze.Redaktionsnetzwerk Deutschland, Studie: Aggressivität im Verkehr steigt leicht, 1. Oktober 2020 Der im Design von Fahrzeugen gezielt eingesetzte böse Blick wird hingegen von Herstellern zunehmend eingesetzt, um Fahrern, die sich auf der Straße als stark und überlegen fühlen möchten, Fahrzeuge zu verkaufen.Der Spiegel, Aggressives Fahrzeugdesign, 13. September 2018 Laut einer Veröffentlichung des IASS Potsdam werde in der Unfallberichterstattung durch Presse und Polizei bisweilen ein verzerrtes Bild aufgebaut.Dirk von Schneidemesser: Wir brauchen eine neue Sprache für die Verkehrsberichterstattung In: iass-potsdam.de, 22. April 2021, abgerufen am 10. Mai 2021

Stau Ein weiterer Treiber der Verkehrswende ist der zunehmende Stillstand im Stau auf den Straßen. Die klassische Verkehrspolitik setzt hier zur Lösung des Stauproblems meist auf den Ausbau der Straßen. Für den zunehmenden Stau gibt es global betrachtet wiederum zwei wichtige Faktoren: Immer mehr Menschen ziehen im Zuge der Urbanisierung in die Städte und mit wachsendem Wohlstand werden mehr Automobile (auch als Statussymbol) gekauft. Angestrebt wird im Rahmen der Verkehrswende, dem Ausbau des öffentlichen und des nichtmotorisierten Verkehrs eine deutlich größere Rolle zu geben. .

Konzept mini|hochkant=1.4|Radfahren in Kopenhagen bedeutet, auch den Berufsverkehr mit dem Rad zu gestalten. Für 45 Prozent der Fahrten im städtischen Berufs- und Ausbildungsverkehr wird das Fahrrad genutzt.

Kritik an der „automobilen Gesellschaft“ ist nicht neu. Schon 1975 wollte der Verkehrsplaner Hermann Knoflacher den Radverkehr in Wien fördern. Er karikierte den Platzbedarf von Automobilen mit einem von ihm erfundenen Gehzeug.

Diese Kritik und die geforderten Gegenmaßnahmen wurden zu dem Konzept der Verkehrswende verdichtet.

Der Duden definiert die Verkehrswende als „grundlegende Umstellung des öffentlichen Verkehrs [besonders mit ökologischen Zielvorstellungen]“.

Ziel einer Verkehrswende in Deutschland ist nach einem Thesenpapier von Agora Verkehrswende – eine gemeinsame Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation –, die Klimaneutralität des Verkehrs bis zum Jahr 2050 sicherzustellen. Sie müsse auf zwei Säulen basieren: Mobilitätswende: Ziel ist eine deutliche Energieeinsparung. Die Mobilitätswende soll eine qualitative Veränderung des Verkehrsverhaltens bringen, insbesondere eine Vermeidung und Verlagerung von Verkehr. Eine effiziente Gestaltung der Verkehrssysteme ohne Einschränkung der Mobilität soll erreicht werden. Energiewende im Verkehr: Zur Dekarbonisierung des Verkehrs wird die Umstellung der Energieversorgung des Verkehrs auf erneuerbare Energien für notwendig erachtet.

Eine Verkehrswende beinhaltet auch einen kulturellen Wandel und insbesondere einer Neubewertung „der Straße“. Derzeit besteht ihr vorrangiger Zweck darin, den Kfz-Verkehr möglichst ungestört durch die Stadt zu lenken. Zukünftig soll die Dominanz des Autos einer Gleichberechtigung der Fortbewegungsweisen weichen.

In einer erweiterten Definition wird die Verkehrswende von einer reinen Antriebswende einerseits und einer grundlegenden Mobilitätswende andererseits unterschieden: Antriebswende: schrittweise Ersetzung von Verbrennungsmotoren durch solche, die über Wasserstoff, Brennstoffzellen oder batterieelektrisch angetrieben werden Verkehrswende: der private AutoverkehrWarum wissen wir nicht, wie viel ein Auto im Monat kostet? In: Auf-Ruhr, Magazin (der Stiftung Mercator) August 2020, mit Autokostenrechner wird durch andere Modi reduziert, respektive ersetzt. Vor allem in den großen Städten und Metropolregionen wird verstärkt auf die Etablierung und Verbreitung alternativer Verkehrsmittel gesetzt – vom Ausbau des öffentlichen Verkehrs über die Förderung des sogenannten Aktivverkehrs (Fuß- und Fahrradverkehr), der Zulassung neuer elektrifizierter Kleinstfahrzeuge wie E-Tretroller sowie dem Angebot verschiedener Mobilitätsdienstleistungen (die sogenannten MaaS, »mobility as a service«). Mobilitätswende: In dieser Perspektive werden nicht nur die zurückgelegten Wege und die hierfür verwendeten Verkehrsmittel in den Blick genommen, sondern auch die sozio-ökonomischen, kulturellen und räumlichen Dynamiken und Zwänge, die die Notwendigkeit von Distanzüberwindung verursachen. Dazu gehören beispielsweise Siedlungs- und Verkehrspolitiken, Wohnungs- und Arbeitsmärkte, Sozialpolitik und Migration. Das Bedürfnis nach schneller Überwindung von Distanzen wird nicht als invariante Eigenschaft von Menschen, sondern als Teil und Voraussetzung der gegenwärtigen, auf Wachstum ausgerichteten marktwirtschaftlichen Gesellschaftsformation verstanden.

mini|Carsharing in Konstanz von Stadtmobil mit einem Renault Zoe und Urban Arrow Lastenfahrrad als Teil von Mobilitätsketten. Teilweise wird eine Verkehrswende auch als Paradigmenwechsel des „Eigentumsverständnisses“ dargestellt. Eine kollektive Nutzung von Verkehrsmitteln ermöglicht es, auf „an den konkreten Bedarf angepasste“ Verkehrsmittel zurückzugreifen (siehe auch: Carsharing, Privates Carsharing, Fahrradverleihsystem) und verschiedene Verkehrsmittel auf einer zurückzulegenden Route miteinander zu kombinieren. Elektromobile könnten ihre Vorteile in der Vernetzung mit anderen Verkehrsmitteln besser ausspielen. An die jeweilige Nutzung angepasste Elektromobile können je nach Einsatz klein oder groß sein und müssen nicht für lange Strecken ausgelegt sein. Eine passende Ladeinfrastruktur ist erforderlich. Unter Umständen wird es in einem solchen Umfeld nicht mehr erforderlich werden, private Verkehrsmittel für den Eigenbedarf zu besitzen.

Die Verkehrswende kann in Deutschland dem Bundesverkehrswegeplan 2030 gegenübergestellt werden. Die Verkehrswende setzt auf Verkehrsvermeidung und Verlagerung auf Schienenverkehr, der Verkehrswegeplan hingegen auf Neu- und Ausbau der Fernstraßen in Deutschland. Abrufbar unter Verkehrswissenschaftler und ADFC-Gründungsmitglied Heiner Monheim ordnet die Wende als eine „Abkehr von der Autoförderung durch milliardenschweren Straßennetzausbau“ ein. Als notwendige Bedingung hierfür sieht er eine entscheidende Änderung der Prioritäten der Verkehrspolitik an.