mini|hochkant=1.3|Neuperlach ist der Stadtbezirksteil 4 des Stadtbezirks 16 Ramersdorf-Perlach mini|hochkant=1.3|Hochhaussiedlung in Neuperlach in der Nähe des pep mini|hochkant=1.3|Luftbild von Neuperlach

Neuperlach ist ein seit 1967 auf der „grünen Wiese“ erbauter Stadtteil im Südosten Münchens und gehört zum Stadtbezirk 16 (Ramersdorf-Perlach) der bayerischen Landeshauptstadt. Das hauptsächlich aus Großwohnsiedlungen zusammengesetzte Quartier auf der östlich des alten Dorfes Perlach gelegenen ehemaligen Perlacher Haid ist eine der größten deutschen Satellitenstädte. Neuperlach grenzt westlich an die Stadtteile Ramersdorf und Perlach, nördlich an die Stadtbezirke 14 (Berg am Laim) und 15 (Trudering-Riem), östlich an den Stadtteil Waldperlach und südlich an den Ortsteil Unterbiberg der Gemeinde Neubiberg. Das Viertel wird im westlichen Bereich von Süden nach Norden vom Hachinger Bach durchflossen; dabei fließt er auch durch den westlichen Teil des Ostparks.

Planung und Baugeschichte mini|Wohnsiedlung Neuperlach Zentrum

Da die Stadt München in den 1950er-Jahren rapide wuchs und sich einer großen Wohnungsnot gegenübersah, beschloss der Münchner Stadtrat 1960 den Bau von „Entlastungsstädten“. Ins Auge gefasst wurden Standorte in Oberschleißheim, Freiham und Perlach. Für den Bereich der Gemarkung Perlach erstellte das Baureferat zwischen 1961 und 1966 eine Planungsstudie und einen umfassenden Strukturplan für eine Satellitenstadt von 80.000 (später 70.000) Einwohnern. Die dafür zuständige Planungsgruppe stand seit 1963 unter der Leitung Egon Hartmanns, der 1951 den Wettbewerb zur Bebauung der Ost-Berliner Stalinallee gewonnen hatte. Mit der Bodenordnung und der Koordination der baulichen Umsetzung wurde das gewerkschaftseigene Unternehmen Neue Heimat beauftragt.

Gemäß den Vorgaben des Strukturplanes ergaben sich fünf Bauabschnitte (Nord, Nordost, Ost, Zentrum, Süd), von denen nach der Grundsteinlegung am 11. Mai 1967 in rascher Folge die Baugebiete Nord, Nordost und Ost fertiggestellt wurden. Für die zweite große Baustufe, das Zentrum Neuperlachs mit zahlreichen Geschäften, Arbeitsstätten und kulturellen sowie sozialen Einrichtungen, war ein städtebaulicher Wettbewerb schon 1967 ausgelobt und im Jahr darauf zugunsten des jungen Berliner Architekten Bernt Lauter entschieden worden (Entwürfe hatten u. a. auch Josef Paul Kleihues und Harald Deilmann eingereicht). Einen 2. Preis erhielten jeweils Heinrichs und Wermund (Berlin) sowie die Freie Planungsgruppe Berlin (Egbert Kossak, Thomas Sieverts, Herbert Zimmermann, Rudolf Weichenmayr). Die Arbeiten von Albert Speer jr. (Frankfurt (Main)) und Frey und Brennenstuhl (Stuttgart) sowie Friedhelm Amslinger, Peter Biedermann, Werner Böninger, Hubert Caspari, Werner Fauser (München) erhielten jeweils einen 3. Preis. Ankäufe gingen an Alexander Freiherr von Branca, Dimitri Avgoustinos (Hildesheim) und Peter Brocke, Hellmut Pratsch, Kurt Welle (Offenbach / Heidelberg).

Lauters Plan sah einen gewaltigen achtseitigen Ring aus Wohnhäusern vor, der bis zu einer Höhe von 18 Stockwerken aufsteigen und eine Freifläche von etwa 400 bis 500 Metern Durchmesser umfassen sollte. Nach Osten sollte sich diese Bebauung in zwei senkrecht sich durchdringenden, nach Norden, Osten und Süden trichterartig geöffneten Gebäudespangen aus bis zu 17 Stockwerke hohen Wohn- und Büroscheiben fortsetzen. Das eigentliche Zentrum der Gesamtanlage bestand in diesem Entwurf aus zwei sich kreuzenden offenen Ladenpassagen zwischen den Spangenbauten, die unterirdisch über Tiefgaragen sowie die U-Bahn und von der Ebene des Neuperlacher Wegesystems aus über Rampen und Treppen zugänglich sein sollten. Ein Bürgerhaus mit einer Außenstelle der Münchner Volkshochschule und der Münchner Stadtbibliothek, ein Künstlerhof mit Ateliers sowie ein Kinozentrum sollten in den Komplex integriert werden; das städtische Richard-Strauss-Konservatorium mit Konzertsälen sowie eine katholische und eine evangelische Kirche waren innerhalb des „Wohnrings“ vorgesehen, ein Hallenbad und eine Eislaufhalle sollten im näheren Umkreis ihren Platz finden.

In der Folgezeit kam es zu eingreifenden Veränderungen des Plans; im Interesse einer wirtschaftlicheren, additiven Bauausführung wurde zunächst die Idee einer Verschränkung unterschiedlicher städtischer Funktionen zugunsten einer klaren Trennung von Wohn-, Einkaufs-, Büro-, Kultur- und Sportbereich verworfen; später entfielen auch die Sportstätten, die kulturelle Infrastruktur wurde fast vollständig aufgegeben und auf ein (in seinen Dimensionen bis heute immer weiter verkleinertes und bislang nicht ausgeführtes) Bürgerhaus reduziert. Egon Hartmann, der Hauptplaner Neuperlachs, hatte vergeblich vor der Degradierung des Stadtteilmittelpunktes zu einem „klimatisierten Allerweltskaufhaus“ ohne echtes städtisches Leben gewarnt; der Architekt Bernt Lauter distanzierte sich noch während der Umarbeitungen seines Entwurfs, an denen er nicht mehr beteiligt war, von dem Projekt.

Die Grundsteinlegung verschob sich durch die zahlreichen Umplanungen bis 1974. Der Wohnbereich des Zentrums war im Wesentlichen bis 1978 fertiggestellt, die erste Stufe des Einkaufskomplexes bis 1979 (Erweiterung 1989), die Geschäftsbauten folgten schrittweise bis in die neueste Zeit.

Für den Bauabschnitt Süd entstand 1972 der Bauentwurf auf Grundlage eines städtebaulichen Gutachtens von Thomas Sieverts und Ferdinand Stracke. Der Beginn der Ausführung verzögerte sich aber auch hier wegen Finanzierungsschwierigkeiten und Rentabilitätsproblemen bis 1980. Die Errichtung des Wohngebiets Süd in zwei aufeinanderfolgenden Phasen war mit der Eröffnung der zentralen Fußgängerzone im zweiten Abschnitt 1991 weitgehend abgeschlossen.

Leitbild und Bedeutung mini|„Stadtlandschaft“ in Neuperlach-Zentrum, in der Mitte der Theodor-Heuss-Platz, rechts unten im Bild das Einkaufszentrum pep, das Sozialbürgerhaus und die MVV-Haltestelle Neuperlach Zentrum

Neuperlach ist das größte westdeutsche Siedlungsprojekt nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gilt als Beispiel für den Städtebau der 1960er- und 1970er-Jahre, als Produkt einer Umbruchzeit, in der sich alte und neue urbanistische Leitbilder gegenüberstanden. Als „Stadt neben der Stadt“ sollte Neuperlach durch eine Integration von Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur und Sport, durch eine hohe Bevölkerungsdichte sowie eine städtisch dimensionierte und gestaltete Ortsmitte ein relativ eigenständiges, lebendiges und anziehendes Gemeinwesen werden und auf ein Einzugsgebiet von etwa 400.000 Menschen im Münchner Südosten ausstrahlen. Durch die Einbeziehung von im damaligen Zeitgeist renommierten Städtebaukritikern (Hans Paul Bahrdt, Alexander Mitscherlich) in die Zentrumsplanungen wollte man zu dieser Zeit als stadtplanerische Fehler empfundene Eigenschaften der Vorkriegsarchitektur vermeiden.

Trotz der sich also bereits vollziehenden Renaissance des Urbanitätsgedankens sind in der tatsächlichen Umsetzung noch sehr deutlich die Prämissen älterer, tendenziell stadtfeindlicher Leitbilder wirksam: die strikt durchgehaltene Trennung des Verkehrs in reine Fußwege und oft überdimensionierte Straßenzüge nach dem Muster der „autogerechten Stadt“ und des „organischen Städtebaus“ Hans Bernhard Reichows, die kleinteilige Durchgrünung, wie sie das Konzept der „Gegliederten und aufgelockerten Stadt“ von Johannes Göderitz, Roland Rainer und Hubert Hoffmann vorsah, schließlich die in der Praxis ungenügende Mischung städtischer Funktionen, die noch eher an die funktionalistischen Ideen der Charta von Athen Le Corbusiers als an die zuvor theoretisch formulierten urbanen Ziele erinnert.

Diese konzeptionellen Ungereimtheiten prägen ganz wesentlich das Bild wenigstens der drei älteren Bauabschnitte Neuperlachs: das zeitgenössische Schlagwort einer „Urbanität durch Dichte“ – das vor allem eine Verdichtung des städtischen Lebens, der Atmosphäre, der Funktionen meinte – wusste man nicht besser in die architektonische Realität umzusetzen als durch eine Steigerung der Bauhöhen; eine den damals noch immer gültigen „organischen“ und „funktionalen“ Konzepten geschuldete überstarke Beachtung des „gesunden Lebens“ (Durchgrünung, gleichförmige Gebäudeausrichtung nach Süden, Verkehrstrennung, Separierung der Wohngebiete von Arbeits- und Einkaufszonen) ging einher mit der planerischen Vernachlässigung der Aufenthalts- und Erlebnisqualitäten des öffentlichen Raumes, in dem die Raumstrukturen der traditionellen Stadt mit baulich gefassten Straßenzügen und Plätzen durch eine fließende, offene „Stadtlandschaft“ ersetzt sind. Die hauptsächliche Verwendung von Beton als Baustoff tut ihr Übriges zur Schaffung einer architektonischen Monotonie.

mini|Winterliche Abendstimmung im Westen Neuperlachs mini|Ostpark

Zu diesen zeittypischen Erscheinungen kamen in der Folgezeit die mangelnde Finanzierbarkeit vor allem der projektierten kulturellen Einrichtungen sowie ein zunehmendes Desinteresse der Stadt München an dem Projekt, das schon seit dem Abschluss der Planungen Ende der 1960er-Jahre hinter den Maßnahmen für die Olympischen Spiele 1972 zurückstehen musste.

In den beiden neueren, südlichen Bauabschnitten ist gegenüber den städtebaulichen Konzepten der Anfangszeit eine Hinwendung zu traditionelleren Raumprofilen mit Blockrandbebauung und begrünten Innenhöfen sowie der Versuch einer stärkeren Funktionsmischung festzustellen.

Gegenwart mini|Neuperlach bei Nacht mini|Neuperlach und Perlach vor Alpenhintergrund vom Ostpark aus gesehen

In Neuperlach leben etwa 55.000 Menschen. Trotz der qualitativ hochwertigen Wohnbebauung und der guten infrastrukturellen Ausstattung leidet das Viertel unter dem Ruf einer Satellitenstadt, obwohl die sozialen Kennzahlen sich nicht wesentlich von anderen Münchner Stadtbezirken unterscheiden.

Inzwischen wurden viele der ursprünglichen Sozialwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt, die Bewohner leben oft seit Jahrzehnten im Viertel.

Architektur und Kunst Architektur Neben einer zeittypisch funktionsgerechten Wohnbebauung entstanden in Neuperlach auch einige qualitativ herausragende Gebäude: Wohnring (Wohnbereich des Neuperlacher Zentrums) / Architekten: Bernt Lauter und Manfred Zimmer / 1974–1978 Verwaltungsgebäude der Landesversicherungsanstalt von Oberbayern (heute DRV Bayern Süd) / Architekt: Alexander Freiherr von Branca Forschungs- und Entwicklungszentrum der Siemens AG / Architekten: Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Berend Bakema Serbisch-Orthodoxes Kirchenzentrum / Architekt: Stephan Braunfels / 1993 Verwaltungsgebäude Vereinte Versicherung / Architekten: Ulrike Lauber und Wolfram Wöhr / 1990–1996 Verwaltungsgebäude der Bosch-Siemens Hausgeräte / Architekten: Büro Denk, Mauder, Wisiol / 2003 Alexisquartier (im Bau)

„Munich Depression“ Munich Depression ist der Titel einer Arbeit, die der amerikanische Land-Art-Künstler Michael Heizer im Mai 1969 für die Galerie Heiner Friedrich auf einem noch unbebauten Gelände Neuperlachs realisierte: ein vier Meter tiefer Erdtrichter von fünfunddreißig Metern Durchmesser, der begehbar war, sodass beim Hinabsteigen die ersten schon vorhandenen Wohnzeilen der „Entlastungsstadt“ aus dem Blickfeld verschwanden und schließlich nur mehr der Himmel zu sehen war. Mit einem Erdaushub von etwa 1.000 Tonnen war Munich Depression die erste große landschaftsbezogene Arbeit Heizers. Da das Gelände wenig später überbaut wurde, ist die Münchner Versenkung heute nur mehr als photographische Dokumentation erlebbar (360-Grad-Projektion unter dem Titel Actual Size: Munich Rotary, im Besitz des Whitney Museum of American Art in New York, dort erstmals 2002 vollständig installiert).

Kunst im öffentlichen Raum mini|Jai Young Park: Nur der Mensch ist der Ort der Bilder (1999) an der Ständlerstraße