Irene Harand (* 7. September 1900 als Irene Leopoldine Wedl in Wien, Österreich-Ungarn; † 2. Februar 1975 in New York CityManche Sekundärliteratur nennt als Geburtsdatum den 6. September 1900, als Todesdatum den 3. Februar 1975, zum Beispiel: ) war eine US-amerikanisch-österreichische Politikerin, Publizistin, Schriftstellerin und Widerstandskämpferin, die besonders als Gegnerin des Nationalsozialismus bekannt wurde.
mini|Irene-Harand-Platz in Wien mini|Das 2010 aufgestellte Denkmal für Irene Harand auf dem gleichnamigen Platz in Wien
Biographie Frühe Jahre Irene Leopoldine Wedl wurde im September 1900 im 5. Wiener Gemeindebezirk Margareten in der Hartmanngasse 1Dem Taufbuch der Pfarre St. Florian (Matzleinsdorf), tom. 62b, fol. 86 (Faksimile), zufolge wurde Irene Leopoldine Wedl am 7. September 1900 in Wien V., Hartmanngasse 1, geboren. als drittes von vier Kindern in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Ihr katholischer Vater war Franz Wedl, ein aus Südmähren stammender Gewerbetreibender bzw. Anstreichermeister, ihre evangelische Mutter Sophie, geborene Markely, stammte aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie, die als junge Frau nach Wien gekommen war. Nach Pflicht- und wirtschaftlicher Mittelschule besuchte Harand die zweijährig weiterbildende der Schwestern Diwisch (Mademoiselles Divish) in der Schaumburggasse auf der Wieden. Zur Vorbereitung auf ein bürgerliches Leben wurde sie in Französisch, feinen Umgangsformen und Haushaltsführung unterrichtet., abgerufen am 31. Jänner 2025.
Irene Harand wird und als sowie als beschrieben. Am 14. August 1921 heiratete sie in der Pfarrkirche St. Elisabeth im 4. Bezirk Wieden den k.u.k. Offizier Franz Harand (1895–1976). Durch den Weltkrieg verlor Irene Harand einen beträchtlichen Teil ihres Erbes. Zunächst arbeitete sie als Sekretärin, bis ihr Mann eine Anstellung fand. Von dann an wurde sie von ihm unterstützt, sodass sie sich ehrenamtlich zu engagieren begann.
In den späten 1920er Jahren arbeitete Harand im Verband der Kleinrentner und Sparer Österreichs des jüdischen Rechtsanwalts Mori(t)z Zalman(n), abgerufen am 31. Jänner 2025. (geboren am 7. November 1882 in Bârlad, Rumänien; gestorben am 29. Mai 1940 im KZ Sachsenhausen), den sie 1926 kennenlernte und der sich unentgeltlich für Opfer der Inflation einsetzte. In diesem Verband wurde sie schließlich seine Stellvertreterin und schrieb für dessen Zeitung Welt am Morgen. 1930 gründete sie gemeinsam mit Zalman die „Österreichische Volkspartei“ (steht nicht in Verbindung mit der ÖVP der Zweiten Republik), die sich für Kleinrentner und Ärmere einsetzte und, im Gegensatz zu den anderen Parteien in Österreich, aktiv gegen den Antisemitismus auftrat. Bei den Wahlen am 9. November 1930 erhielt die Partei nur 0,4 Prozent der Wählerstimmen und konnte nicht in den Nationalrat einziehen.
„Harand-Bewegung“ 1933 bis 1938 Im Herbst 1933 gründeten Zalman und Harand die Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot, die unter dem Namen Harand-Bewegung bekannt wurde und als Antithese zur NSDAP-„Hitler-Bewegung“ auftrat. Die Harand-Bewegung hatte zwischen 1933 und 1938 mehrere tausend Mitglieder und Ortsgruppen in vielen europäischen Staaten. Ihr Sprachrohr war die Wochenzeitung Gerechtigkeit, die von 1933 bis 1938 in einer Auflage von ca. 28.000 Exemplaren – für kurze Zeit auch in polnischer und französischer Sprache – erschien. Ein Weltkongress der Harand-Bewegung scheiterte 1937 an den finanziellen Möglichkeiten der Organisation und der mangelnden Unterstützung der österreichischen Behörden.
Darüber hinaus war Harand eine der Gründerinnen der Women's Organization for World Order (WOWO), einer internationalen feministische und pazifistische Organisation, die im September 1935 in Genf gegründet wurde. Die WOWO entstand aus der Unzufriedenheit einiger Aktivistinnen mit der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit, da sie ihre radikaleren Ziele wie die Forderung nach einer Weltregierung und internationaler Geburtenkontrolle innerhalb der etablierten Organisation nicht verwirklichen konnten. Neben Harand gehörten zu den Hauptinitiatorinnen Anna Helene Askanasy, Elin Wägner und Ellen Hoerup. Die Organisation hielt zwischen 1935 und 1938 vier Kongresse ab und setzte sich für progressive Ziele wie Geschlechtergleichstellung, Abrüstung, reproduktive Rechte und Agrarreformen ein, bevor sie mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs ihre Aktivitäten einstellen musste.
1935 erschien ihr Buch „Sein Kampf“. Antwort an Hitler, welches sie auf eigene Kosten herausgab, in dem sie diverse antisemitische Stereotype widerlegte und in einem eigenen Kapitel auf die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion einging. 1936 erschien das Buch auf Französisch, 1937 auf Englisch. In ausgedehnten Vortragsreisen durch Europa und die USA (1937) versuchte Irene Harand die Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus und im Speziellen gegen den Antisemitismus zu mobilisieren. Da sie der Ansicht war, dass prekäre wirtschaftliche Verhältnisse einen Nährboden für die Ideologie der Nationalsozialisten bildeten, übernahm sie Firmpatenschaften und organisierte Weihnachtsbescherungen für die Kinder Mittelloser und die Zusendung von Lebensmittelpaketen an Bedürftige. Sie versprach Hoteliers vor allem in ländlichen Regionen Gratis-Inserate in der Zeitung Gerechtigkeit, sofern diese die Zeitschrift abonnierten und sich verpflichteten, jeden Gast unabhängig von Herkunft und Religionszugehörigkeit aufzunehmen. Als Protest gegen die Münchner Ausstellung Der ewige Jude gab die Harand-Bewegung Verschlussmarken mit Porträts berühmter jüdischer Persönlichkeiten heraus.
Die überzeugte Katholikin Irene Harand war bis in die 1940er Jahre Monarchistin und eine Anhängerin des Austrofaschismus. Die Harand-Bewegung wurde Teil der Vaterländischen Front und verteidigte bis zum Schluss den autoritären Kurs der Regierungen von Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg. Gegen antisemitische Strömungen innerhalb des Austrofaschismus und der katholischen Kirche in Österreich trat die Harand-Bewegung jedoch massiv auf.
Emigration 1938 und weiteres Leben Nach dem „Anschluss Österreichs“ 1938 wurde ein Kopfgeld von 100.000 Reichsmark auf Irene Harand ausgesetzt und ihre Bücher wurden in Salzburg öffentlich verbrannt. Harand, die zu jener Zeit in Großbritannien mit Wohnsitz in London war, konnte jedoch nicht gefasst werden. (Spätestens) im Herbst 1938 zog sie in die USA.Vgl. Irene Leopoldine Harand. Grenzübertritt in Rouses Point (New York) am 7. März 1941. Rückkehr an ihren gemeinsamen Wohnsitz mit ihrem Mann Frank Harand in der West End Avenue in New York City. Dort lebte sie bereits von 1938 (Ankunft mit der Paris in New York am 10. September 1938) bis 25. November 1940. Digitalisat In: Vereinigte Staaten, Grenzübergänge aus Kanada, 1895–1956 – Irene Leopoldine Harand auf MyHeritage (= „Soundex Index to Entries into the St. Albans, Vermont, District through Canadian Pacific and Atlantic Ports, 1924–1952 (National Archives Microfilm Publication M1463 43“)). 1940 wurde sie auf die Sonderfahndungsliste G.B., Buchstabe H gesetzt, gesucht vom Reichssicherheitshauptamt, Referat VI G1.Die Sonderfahndungsliste G.B., S. 81, hier: (Digitalisat (PDF; 19,2 MB) in den Hoover Institution Library materials der Hoover Institution, abgerufen am 31. Jänner 2025).
In den USA gründete sie die Exilorganisation Austrian Forum mit und führte in den 1940er Jahren die Frauenorganisation der amerikanischen Non-Sectarian Anti-Nazi League to Champion Human Rights. Zudem verhalf sie österreichischen Juden zu Visa für die USA, wodurch mehr als 100 Menschen vor der nationalsozialistischen Verfolgung fliehen konnten.Daniel Fraenkel, Jakob Borut (Hrsg.): Lexikon der Gerechten unter den Völkern: Deutsche und Österreicher. Mit einem Vorwort von Avner Shalev und einem Nachwort von Horst Köhler. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-900-3, S. 318. 1941 war sie in London an der Gründung des Free Austrian Movements beteiligt.
Das Reichsministerium des Innern des Deutschen Reichs, vertreten von dem aus Wiesbaden stammenden Juristen und späteren SS-Obergruppenführer Wilhelm Stuckart (1902–1953), der am 20. Januar 1942 an der Wannseekonferenz über die „Endlösung der Judenfrage“ teilgenommen hatte,Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, 2., aktualisierte Auflage 2005, ISBN 3-596-16048-0, S. 611–612. entschied und veröffentlichte mit Wirkung vom 16. Juni 1942 im Deutschen Reichanzeiger bezüglich Irene und Franz Harand den Widerruf ihrer Einbürgerung (aus Österreich in die „Ostmark“) und die Aberkennung bzw. den Verlust der deutschen Staatsangehörigkeit für das emigrierte Ehepaar.Vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger, 18. Juni 1942, S. 1: Bekanntmachung.
Im Jahr 1944 wurde sie Staatsbürgerin der Vereinigten Staaten.Petition for Naturalization, Southern District of New York, Petition No. 466204, Line No. 7 of List No. 14670, Certificate 5905914.
Tod und Bestattungsort mini|Grabstätte von Irene und Frank Harand Irene Harand starb 1975 in New York. Ihre Asche wurde am 27. Juni 1975 in einem auf Friedhofsdauer ehrenhalber gewidmeten Grab (Abteilung ARI, Nummer 153) im Urnenhain der Feuerhalle Simmering beigesetzt.Die Verstorbenensuche der Friedhöfe Wien nennt den 6. September 1900 als Geburtsdatum und den 1. Februar 1975 als Sterbedatum, siehe: , abgerufen am 31. Jänner 2025. Bei der Beisetzungszeremonie hielt Carry Hauser, zu dieser Zeit Präsident der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich, eine Rede. Im März 1976 wurde dort auch ihr verstorbener Mann Frank (geboren als Franz; 1895–1976) Harand bestattet., abgerufen am 31. Jänner 2025.
Harands einstiger Mitstreiter Moriz Zalman (auch: Moritz Zalman bzw. Zalmann) erhielt ebenfalls auf Friedhofsdauer ehrenhalber gewidmetes GrabFriedhöfe Wien (Hrsg.): Ehrengräber der Friedhöfe Wien. Band 2: Andere Friedhöfe. Eigenverlag, Wien 2019, S. 184. in den Ehrengräber Krematorium (Abteilung 6, Ring 3, Gruppe 4, Nummer 39).Hedwig Abraham (Hrsg.): Ehrengräber Krematorium: Dr. Moritz Zalman, Rechtsanwalt, 1883 – 1940. In: viennatouristguide.at. Kunst und Kultur in Wien, abgerufen am 31. Jänner 2025.
Auszeichnungen und Ehrungen Am 26. September 1967 oder 15. Oktober 1968 wurde sie von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt.Harand Irene. Datenbank der „Gerechten unter den Völkern“ von Yad Vashem (englisch), abgerufen am 31. Jänner 2025. Hier im Text: Abweichend im Datenabschnitt: . Zur Geburt wird hier das Jahr 1900, als Todesdatum der 2. Februar 1975. angegeben. (Siehe auch Liste der Gerechten unter den Völkern aus Österreich.) 1971 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.Aufstellung der durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 bis 2012 (PDF; 6,59 MB). Anfragebeantwortung des Bundeskanzlers, 23. April 2021, S. 323: .
1990 wurde das Haus Judengasse 4 – ein Wiener Gemeindebau – auf Initiative von Peter Marboe auf Irene-Harand-Hof umbenannt.Hausbenennung im 1. Bezirk: „Irene-Harand-Hof“. In: Rathauskorrespondenz der Stadt Wien, 20. April 1990, abgerufen am 31. Jänner 2025.
2004: Veranstaltung des Begleitprogramms im Gedenken an die Widerstandskämpferin Irene Harand zur Ausstellung „Wien, Stadt der Juden. Die Welt der Tante Jolesch“ im Jüdischen Museum Wien.Jüdisches Museum: Gedenken an Widerstandskämpferin Irene Harand. In: Rathauskorrespondenz der Stadt Wien, 15. Oktober 2004, abgerufen am 31. Jänner 2025.