Robert Winchelsey (auch Robert of Winchelsea) (* um 1240; † 11. Mai 1313 in Otford) war ein englischer Geistlicher. Ab 1293 war er Erzbischof von Canterbury. Bis zu seinem Tod verteidigte er die Privilegien der Kirche und wurde so ein Gegner der Politik der Könige Eduard I. und Eduard II.
Herkunft und Ausbildung Winchelsey wuchs vermutlich in Old Winchelsea in Sussex auf, doch entweder stammte er nach dem Chronisten von Hagnaby aus Pevensey in Sussex oder nach William Thorne aus River in Kent. Über seine Familie ist nur wenig bekannt,Kathleen Edwards: The social origins and provenance of the English bishops during the reign of Edward II. In: Transactions of the Royal Historical Society, 9 (1959), S. 67. außer dass er einen Bruder namens Henry Winchelsey und einen Neffen John Winchelsey hatte, der ebenfalls Geistlicher wurde. Möglicherweise besuchte Winchelsey eine Schule in Canterbury, anschließend studierte er die Freien Künste in Paris, wo er einen Abschluss als Master machte. Vor Juli 1267 wurde er Leiter der Fakultät der Freien Künste an der Universität von Paris. Wenige Jahre später studierte er Theologie in Oxford, wo er das Studium als Doktor der Theologie abschloss.
Tätigkeit als Hochschullehrer Nach dem Abschluss seiner Studien war Winchelsea in den 1280er Jahren Kanzler der Universität Oxford. Ende der 1280er Jahre war er Regius in Oxford, und zu Beginn der 1290er Jahre lehrte er an der Kathedralschule der St Paul’s Cathedral in London Theologie. Als weltlicher Geistlicher wurde er nicht in den erbitterten Lehrstreit zwischen den Dominikanern und Franziskanern verwickelt, der damals in Oxford ausgetragen wurde. Von seinen Schriften sind zwei Quodlibeta und dreizehn Quaestiones erhalten, die er in Oxford und an St Paul’s lehrte. Zu seinen Hauptanliegen gehörte die Untersuchung der philosophischen Grundlagen des Verständnisses der Dreieinigkeit. Dabei baute er auf der Lehre von Thomas von Aquin auf. Nach seiner Deutung können die drei Hypostasen von ihren Beziehungen her untereinander, aber nicht von ihrer Herkunft her unterschieden werden. Zu seiner Versorgung hatte er bereits im April 1272 das Rektorat von Wood Eaton in Oxfordshire als erste Pfründe erhalten. Vor Juni 1276 wurde er Kanoniker an der Kathedrale von Lincoln und vor August 1288 wurde er Archidiakon von Essex.
Erzbischof von Canterbury Wahl zum Erzbischof Nach dem Tod von Erzbischof John Pecham am 8. Dezember 1292 wurde rasch ein neuer Erzbischof gewählt. Entgegen der Praxis der bisherigen Wahlen griffen weder der König noch der Papst in die Wahl ein, und am 13. Februar 1293 wurde Winchelsey als unumstrittener Kandidat von den Mönchen des Kathedralpriorats von Canterbury gewählt. Trotzdem erfolgte die Anerkennung der Wahl nicht sofort. Winchelsey verließ am 1. April 1293 England, um zur Kurie nach Rom zu reisen und um seine Wahl vom Papst bestätigen zu lassen. Diese Bestätigung verzögerte sich über ein Jahr, da das Papstamt nach dem Tod von Nikolaus IV. noch vakant war. Erst der neue Papst Coelestin V. bestätigte nach seiner Wahl im Juli 1294 Winchelseys Ernennung und weihte ihn am 12. September 1294 in Aquila zum Bischof. Wegen des beginnenden Französisch-Englischen Kriegs konnte Winchelsey nicht durch Frankreich nach England zurückreisen, sondern musste den Weg durch Deutschland nehmen. Von den Niederlanden aus erreichte er am 1. Januar 1295 Yarmouth. Von dort reiste er unverzüglich nach Wales, wo König Eduard I. einen Aufstand niederschlug. Er erreichte den König in Conwy, wo er ihm am 2. Februar 1295 mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass dies nur für seine Lehnsgüter galt, die Treue schwor.Michael Prestwich: Edward I. University of California Press, Berkeley 1988. ISBN 0-520-06266-3, S. 413. Daraufhin wurden ihm am 4. Februar die Temporalien übergeben. Dabei stellte er jedoch klar, dass er dem König nur als Lehnsherrn für Am 18. März 1295 zog er in Canterbury ein, wo er am 2. Oktober 1295 in Anwesenheit des Königs, des Thronfolgers Eduard und zahlreicher Magnaten und anderen Bischöfen inthronisiert wurde. Winchelsey war während seiner langen Wartezeit in Italien von der päpstlichen Kurie so gut behandelt worden, dass man in Canterbury schon glaubte, dass der Papst ihn zum Kardinal erheben wollte. Obwohl er enge Kontakte zur Kurie behielt, lagen Winchelseys Interessen als Erzbischof und Primas vor allem in England. Noch bevor Winchelsey den englischen König in Wales erreichen konnte, war in Rom Papst Coelestin V. zurückgetreten und Bonifatius VIII. als sein Nachfolger gekrönt worden. Mit dem neuen Papst arbeitete Winchelsey eng zusammen und diente ihm gehorsam.
Beginn des Konflikts mit Eduard I. Als Erzbischof von Canterbury musste Winchelsey die Interessen, die Rechte und die Privilegien der englischen Kirche gegenüber der Krone verteidigen. Schon kurz nach seiner Wahl kam es zum ersten Streit mit Eduard I., da Winchelsey die Besetzungen von Pfarrstellen kritisierte, die während der Vakanz des Erzbistums vor seiner Wahl zum Erzbischof von der königlichen Verwaltung vorgenommen worden waren. Zu den umstrittenen Fällen gehörten die Pfarreien von Sevenoaks, Reculver und Pagham. Während Winchelsey trotz seines Widerstands die Ernennung des königlichen Kanzleibeamten Thomas de Capella zum Pfarrer von Sevenoaks akzeptieren musste, konnte er nach langem Streit 1300 seinen eigenen Kandidaten gegen John Langton, den königlichen Kanzler als Rektor der reichen Pfarrei Reculver durchsetzen. Auch in Pagham konnte Winchelsey nach einem siebenjährigen Streit seinen Kandidaten gegen die Ansprüche des einflussreichen Theobald de Bar durchsetzen. Dennoch wurde das Recht des Erzbischofs, geistliche Ämter zu besetzen, oft durch königliche Anordnungen unterlaufen, um so verdiente königliche Beamte mit geistlichen Einkünften zu versorgen. Ihre mangelnde Eignung für ihre geistlichen Ämter war für Winchelsey eine grundlegende Streitfrage. Er kritisierte, dass königliche Beamte oft ihre geistlichen Ämter nicht wahrnahmen und sich oft weigerten, seinen Anordnungen zu folgen. Trotz der energischen Versuche des Erzbischofs, das Kirchenrecht einzuhalten, nahm die Einflussnahme der Krone auf die Kirche zur Zeit Winchelseys merklich zu. Andererseits gab es nur wenige Beamte, die wirklichen Missbrauch ihrer geistlichen Ämter betrieben. Zu den höheren Beamten, die Winchelsey besonders kritisierte, gehörten der königliche Richter Ralph de Hengham, der Baron of the Exchequer Peter of Leicester sowie John of Caen und Peter Dene.
Zugleich versuchte der Erzbischof, die besonderen Privilegien der Royal free Chapels einzudämmen. Diese waren oft Säkularkanonikerstifte, deren Benefizien oft königliche Beamte innehatten. Auch diese Ämter dienten nur zu deren Versorgung. Als königliche Eigenkirchen unterstanden diese Stifte jedoch nicht der bischöflichen Aufsicht. Um das Recht zur Besetzung dieser Benefizien zu behalten, verteidigte die Krone mit dem Einverständnis der Päpste und oft auch mit dem der Diözesanbischöfe den exemten Status dieser Kirchen. Winchelsey begann dagegen vor allem über den Status der Stiftskirchen St Oswald’s in Gloucester, St Martin’s-le-Grand in London und St Mary’s in Hastings einen langwierigen Rechtsstreit. Dieser und die anderen Konflikte führten zu einer raschen Entfremdung des Erzbischofs von der Krone. In der Folge kam es auch zu einer deutlichen Teilung der englischen Prälaten in Kritiker der Krone und in eine Gruppe, die die Krone treu unterstützten.
Streit um die Besteuerung der Geistlichen durch den König Steigende Geldforderungen des Königs Die Kosten des Französisch-Englischen Kriegs ab 1294 sowie der Niederschlagung der Rebellion in Wales hatten die königlichen Finanzen erschöpft. Deshalb ergriff Eduard I. gegenüber der Kirche äußerst drastische Maßnahmen. Er beschlagnahmte die Einnahmen des vom Papst gewährten Zehnten auf die Einkünfte der Kirche, der eigentlich für einen neuen Kreuzzug des Königs gedacht war. Dazu ließ er den Wert der Schätze, die in den Kirchen und Klöstern in England vorhanden waren, ermitteln und führte eine hohe Steuer auf den Export von Wolle ein, wovon besonders viele Klöster betroffen waren. Zusätzlich erhob er 1295 von den Geistlichen eine außerordentlich hohe Steuer, die die Hälfte ihrer kirchlichen Einkommen umfasste. Anders als sein Vorgänger Erzbischof Pecham nahm Winchelsey zunächst selbst diese hohe Belastung ruhig hin, um das Verhältnis zur Krone nicht weiter zu belasten. Im Juli 1295 berief er sein erstes Konzil der Kirchenprovinz Canterbury ein, bei dem er sich als Verfechter der kirchlichen Rechte darstellte. Im Herbst 1295 verschlechterte sich die politische Krise weiter, als der König einen Feldzug gegen Schottland führte, das sich mit Frankreich verbündet hatte. Obwohl Winchelsey sich der kritischen Lage des Reiches voll bewusst war, lehnte er während des Model Parliament im November 1295 eine erneute Steuer von einem Drittel oder einem Viertel der Einkünfte des Klerus entschieden ab und war nur Zahlung eines Zehnten bereit. Für diese Haltung hatte er die volle Zustimmung der anderen Vertreter des Klerus im Parlament. Damit stand dem König, anders als er es erwartet hatte, eine oppositionelle, von einem starken Führer geführte Geistlichkeit gegenüber.
Die Bulle Clericis laicos Winchelsey informierte Papst Bonifatius VIII. über die erneuten Geldforderungen des Königs. Der Papst wünschte sich eine rasche Beendigung des Krieges zwischen England und Frankreich, und als sich auch der vom französischen König finanziell bedrängte französische Klerus mit der Bitte um Unterstützung an den Papst wandten, erließ dieser im Februar 1296 die Bulle Clericis laicos. Darin bestätigte er entschlossen, dass die Geistlichkeit nur mit Einverständnis des Papstes besteuert werden dürfe. Die Friedensbemühungen des Papstes verzögerten zunächst die Bekanntmachung des Inhalts der Bulle, die Winchelsey jedoch in seiner ablehnenden Haltung gegenüber einer neuen Steuer bestätigt. Als der englische König Eduard I. vom Parlament, das im November 1296 in Bury St Edmunds zusammenkam, für einen neuen Feldzug gegen Frankreich weitere finanzielle Unterstützung verlangte, verweigerten die Vertreter der Kirchenprovinz Canterbury ihre Zustimmung. Nach ausführlicher Debatte entschlossen sie sich unter Winchelseys Führung, die Entscheidung über die Forderung des Königs erst auf einem kirchlichen Konzil im Januar 1297 weiter zu beraten. Winchelseys Beharren auf einer unabhängigen Verwaltung der kirchlichen Finanzen führte dazu, dass sich der König nun mit den Baronen verbündete, die der Auffassung waren, dass auch der Klerus zur Verteidigung des Reiches beitragen musste. Damit versuchte der König, den Erzbischof politisch zu isolieren.
Die Krise von 1297 Die Steuerpläne des Königs