Heather Sheehan (* 9. Dezember 1961 in Mount Vernon, New York) ist eine US-amerikanische Künstlerin. Sie lebt und arbeitet in Köln. In ihren Arbeiten vereint sie Elemente von Objekt-, Installations-, Performance-, Videokunst, Skulptur, und Schwarz-Weiß-Fotografien. Häufig verwendet sie Textilien in ihren figurativen Werken. Im Zentrum ihrer Schöpfungen steht die parallele Nutzung aller verschiedenen Kunstelemente, zu denen auch Erzählungen und Gedichte gehören. Die Künstlerin fokussiert sich auf die Erarbeitung und Präsentation individueller Mythologien.
Leben mini|Selbstporträt 2016, mit einem Ohr in der Vergangenheit (Schwarz-Weiß-Fotografie)
Heather Sheehan studierte an der Parsons School of Design und an der New School of Social Research in New York. Von 1981 bis 1983 absolvierte sie ein Studium der Textilwissenschaft und des Damenschneidereihandwerks am Fashion Institute of Technology der State University of New York. Sie machte ihren Abschluss 1983 mit dem in den USA bekannten Associate Degree of Applied Science. Bis 1994 wohnte und arbeitete sie in New York City, danach wanderte sie nach Köln aus. Sie ist mit dem Künstler Ivo Ringe verheiratet.
Werk Arbeiten der Individuellen Mythologie Der Begriff der Individuellen Mythologie, ursprünglich von Harald Szeemann anlässlich der documenta 5 geprägt, bezeichnet eine Arbeitsweise der Künstler, in der sie aus ihrer subjektiven inneren Wahrnehmung heraus Kunstwerke schaffen, in welchen sie wiederkehrende Ereignisse im Leben von Menschen, wie Geburt, Tod etc. in ihren mythologischen Qualitäten thematisieren. Entsprechend rätselhaft wirken diese künstlerischen Installationen auf den Zuschauer, den die Vieldeutigkeit dieser dargebotenen Impulse zu eigenem Nacherleben und Nachschwingen einlädt. Heather Sheehans Interesse gilt vor allem dem erzählerischen Verweben von komplexen Zusammenhängen mittels unterschiedlicher Medien zu einer Art multidimensionaler Erfahrungswelt. Hierbei ist alles auf die vorgegebenen Räumlichkeiten und ihren Recherchen dazu bezogen.
Für Unter der Haut (2001) konzipierte Sheehan eine Art Brutstation im Lehmbruck-Museum, in denen unter durchsichtigem Plastik Wesen –voneinander isoliert – verborgen waren, die mit Schläuchen genährt wurden und anscheinend zu wissenschaftlichen Zwecken untersucht wurden. Sie wirkten weich und schleimig, wie nicht ganz fertig, oder noch dabei erst zu reifen. Dazu erstellte sie ein Video mit dem Titel Single Opening, in welchem sie als Professor Dr. Nurse auftrat und erklärte, dass es sich bei den Wesen um die Wiederbelebung einer Existenzform, eines Kloakentiers handele, die Maboutae heißt. Es hat einen großen ökonomischen Vorteil: es verfügt über nur eine Öffnung des Körpers und stellt eine besondere Milch her: Sarkastisch karikiert sie damit abseitige Forschungsschwerpunkte und unsere laienhaften Vorstellungen von den Möglichkeit der Gentechnik und deren ökonomischen Vorteilen.
Für Alighting (2015) hat Sheehan ein Video mit dem Titel alighting on the river angefertigt, in welchem die beiden wichtigen Themen aus der Geschichte Augsburgs gespiegelt werden, nämlich die Textilkunst und der Fluss Lech, der durch Augsburg fließt. Wesentlicher Teil des Ausstellungskonzeptes bildeten von Sheehan inszenierte fotografierte Selbstporträts in schwarz-weiß, die in den Jahren 2012 bis 2015 entstanden und die Videoinstallation: Eine Frau in einem schlichten Kleid geht barfuß, jeder Schritt langsam und tastend, an einem Flussufer entlang. Sie trägt ein weißes Kopftuch und legt unter einer Weide den Sack aus grobem Leinen und den schwarzen Stein ab, den sie wie ein Kind oder ihre Seele in den Armen trug. Dann dreht sie dem Betrachter des in Schwarz-Weiß gedrehten Videos den Rücken zu und schreitet ins Wasser, das ihr bald bis zu den Oberschenkeln reicht. Schnitt. Die nächste Einstellung zeigt nichts als Wasser, den dahinströmenden Fluss. Ende.
Es geht für Heather Sheehan darum, wie eine Art menschlicher Seismograph den Energien der Räume, in denen sie arbeitet und ausstellt, nachzuspüren und daraus ihre Installationen und Performances zu entwickeln:
Individuelle Mythologie und Kollektives Gedächtnis 2017 SeamStress (Die Näherin) Angeregt durch den Aufenthalt als Artist in Residence im Schloss Plüschow entwickelte Sheehan eine neue Arbeitsreihe, bei der sich die individuelle Mythologie mit dem Kollektiven Gedächtnis einer Gruppe von Menschen verbindet. Für das denkmalgeschützte Herrenhaus aus dem Jahr 1763 in Mecklenburg entwarf Sheehan die Performance einer Näherin, die in einer Art Bekleidungsfabrik auf dem Dachboden des Hauses unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten musste. Sheehan verkörperte die Frau in ihrer Handlung, Gestik und Kleidung, die sie selbst nähte. Hier trifft Individuelle Mythologie auf das Kollektive Gedächtnis einer Nation oder auch einer Gruppe.
Das Wissen, dass die Lebens- und Arbeitssituation für Frauen im 18. und 19. Jahrhundert durch Ausbeutung und Fremdbestimmtheit definiert waren, ist in der Bevölkerung zwar vorhanden, wird aber allenfalls noch als vergangen und abgelebt wahrgenommen. Indem Sheehan in einer Performance die Position einer dieser Frauen – im wörtlichen Sinne – in ihrem Körper verhandelt, holt sie verdrängte Vergangenheit in die Gegenwart, und macht sie so besprech- und erfahrbar:
2021: Sharpless Margaret 2020 bekam Sheehan die Möglichkeit, in der Milton Art Bank in Milton, Pennsylvania vor Ort zu arbeiten. Das Gebäude, ursprünglich eine Geschäftsbank, stammt aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts. 2017 wurde es in ein privates Kunstmuseum umgewandelt. Die Vorbereitungen für diese Arbeit zogen sich mehrere Jahre hin. Die Konzeption umfasste nicht nur von Sheehan selbst genähte historische Kleidung inklusive eines Korsetts, sondern griff auch in das persönliche Leben der Künstlerin ein, indem sie sich ein ganzes Jahr lang die Haare wachsen ließ, weil ihr bewusst war, dass die Protagonistin in der Darbietung ihre Haare abschneiden würde. Der Titel des Buches zur Ausstellung: Sharpless, Margaret. The Ledger of – Deutsch: Das Kassenbuch von Margaret Sharpless – thematisiert Sheehans Konzept, wonach die Protagonistin, Margaret Sharpless, während des Ersten Weltkrieges Buchhalterin in der Bank gewesen wäre. Der Name Sharpless bedeutet in Deutsch ohne Schärfe, wie ein Stift, der stumpf geworden ist.
In dem Narrativ hat Margaret einen unehelichen Sohn, Thomas, den sie zur Adoption freigegeben hatte. Beim Lesen der täglichen Vermissten- und Todesfälle in der Zeitung, erfährt sie, dass ihr Sohn gestorben ist und erleidet daraufhin einen Nervenzusammenbruch. Aber es stellt sich heraus, dass ihr Kollege Thomas ihr verschollener Sohn ist und doch überlebt hat – und die Geschichte also einen positiven Ausblick auf die Zukunft bietet. In über siebzig schwarz-weiß Fotos hat Sheehan den Alltag Margarets festgehalten, bevor sich dann durch ihren Zusammenbruch alles änderte. Auch hat die Künstlerin Texte zu dem Projekt verfasst, die allerdings nicht von Margaret stammen, sondern von Thomas verfasst wurden. Vor ihrer Kamera schnitt sich Sheehan die langen Haare ab, die Margaret zu einem Dutt gebunden hatte: Ich spürte die steife Einsamkeit ihres selbstverschuldeten Alte-Jungfer-Daseins, und ihren Stolz auf ihre buchhalterhafte Genauigkeit. Mir kam die Idee, dass die Zahlen in ihrem persönlichen Bestandsbuch ein verschlüsseltes Tagebuch sein könnten; es war ihre Art, Geheimnisse aufzuzeichnen. Das Buch mit den Fotografien und Texten erschien 2021.
2020–2024 Sylta, die Walfängerwitwe, die weint Die Vorbereitungen für dieses Projekt wurden durch die Covid-Pandemie unterbrochen, weshalb die Ausstellung erst im Frühjahr 2024 realisiert werden konnte. Sie fand in einem der Sölring-Museen, im Altfriesischen Haus, auf Sylt statt. Auch hier befasst sich Sheehan mit dem Kollektiven Gedächtnis einer Gruppe, nämlich mit der Geschichte der Walfänger auf Sylt und der Situation der Frauen zu dieser Zeit. Während ihre Männer auf Grönlandfahrt gingen, waren die Frauen zuhause und mussten den Alltag auf der Insel allein bewältigen. Oft starben die Seeleute bei ihrem gefährlichen Unternehmen und viele Frauen blieben als Witwe zurück: Viele Frauen verloren durch die Waljagd ihren Ehemann. Ein Beispiel: Auf Borkum waren im Jahr 1734 von 154 Frauen 44 Witwen. Die Situation war auf den anderen Inseln sicher ähnlich.
Durch die fiktive Figur Sylta, der Witwe eines wohlhabenden Walfängers, näherte Sheehan sich der Konzeption dieser Ausstellung an. Auch hier nähte die Künstlerin ihr Kostüm für diese Performance selbst und fotografierte ihre Bewegungen in den Räumen mittels des Selbstauslösers der Kamera. Durch die Gelegenheit, sich mehrere Tage in dem Altfriesischen Haus aus dem Jahr 1640 aufzuhalten und auch dort zu übernachten, konnte sie das Umfeld der historischen Räume und ihrer Ausstattung auf sich wirken lassen. Das von Sheehan entwickelte Narrativ berichtet davon, dass die Frau schwanger gewesen wäre, als sie vom Tod ihres Mannes erfuhr. In der Folge ihrer Verzweiflung verlor sie auch das ungeborene Baby.
In eindrücklichen, intimen Fotos wird die immense Verzweiflung von Sylta greifbar. In der Kurzgeschichte Ich bin Sylta begegnet berichtet die Künstlerin davon, wie ihr Konzept für dieses Projekt Gestalt annahm und wie sehr sie sich selbst konfrontieren musste mit der tragischen Geschichte der Walfänger-Frauen: Ich spüre Sylta in den letzten Monaten vor ihrer Niederkunft, als die Nachricht sie ereilt, dass das Schiff ihres Mannes gesunken sei. Sie ist wie im Fieber. Ich höre sie schreien.
Die Ausstellung wurde begleitet von mehreren Lesungen der Künstlerin aus der Kurzgeschichte vor Sylter Publikum. Diese hatten zwar die kollektive Erinnerung an die Fakten aus dieser Zeit, aber erst durch die aktuelle Performance von Sheehan wurde es für sie zu etwas Gegenwärtigem, mit dem man sich auseinandersetzt. Der Leiter des Museums Altfriesisches Haus, Alexander Römer, beschreibt die Wirkung der Ausstellung und der Lesungen wie folgt: Eine neue Ausstellungsform im Sylt Museum, die jedoch über die Inselgrenzen hinaus für große Aufmerksamkeit sorgte und äußerst erfreuliche Befürwortungen erhielt, die aber zugleich auch den ein oder anderen Besucher forderte und anregte, sich dem historischen Thema über andere Wege zu nähern.
Werke in Sammlungen (Auswahl) Kunstmuseum Bonn, Deutschland Museum für Gegenwartskunst Krakau, Polen Stadtmuseum Siegburg, Deutschland Schloss Plüschow, Plüschow, Deutschland
Videografie (Auswahl) 1995: Performance: On Pink, 18′ 02″ 1999: Single Opening, 08′ 15″ 2003: Performance: Each&Every, 04′ 21″ 2015: Performance: Alighting on the River, 14′ 32″ 2015: Performance: Waterline/Receding, 05′ 11″ 2018: Performance: I shot myself in Augsburg, 01′ 07″ 2019: Burlap Poem video (2012–2019), 11′ 57″ 2021: Hers is a Story, 04′ 06″
Auszeichnungen 2015 bis 2016 MacDowell Colony Fellowship, USA 2017 Gastkünstlerin in Schloss Plüschow, Deutschland
Einzelausstellungen (Auswahl) 1995 On Pink, (Performance) Hering Raum Bonn, DeutschlandOn Pink – Heather Sheehan. Hrsg.: ViSophie. Video zur Ausstellung im Hering Raum Bonn, 1995 1997: Made for Arolsen (Installation), Museum Schloss Arolsen, Deutschland 2000: Father, Pavillon Schloss Molsberg, Westerwald, Germany 2000: Single Opening (Videoperformance), Artothek Köln, DeutschlandSingle Opening – Heather Sheehan. Hrsg.: ViSophie. Video zur Ausstellung in der Artothek Köln, 2000 2003: Soulfood, Kunstraum Fuhrwerkswaage, Köln, Deutschland 2005: Each and Every (Videoperformance), Trinitatiskirche Köln, Deutschland 2007: Nike & Co., Art Galerie Scheel, Morsum, Sylt, Deutschland 2009: Heather Sheehan – Beings, Neue Galerie Landshut, Deutschland 2011: Visitors and other Beings, Stadtmuseum Siegburg, Deutschland 2012: Visitors, the Tall and the Small, Kunstverein Oerlinghausen, Deutschland 2014: (W)hole, Selected Art Models, Köln, Deutschland