mini|Zwei javanische kemanak. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1958 Kemanak, auch gumanak, kenawak (indonesisch), ist ein in wenigen Ensembletypen (gamelan) auf den indonesischen Inseln Java und Bali gespieltes Aufschlagidiophon, das aus einem an den Längsseiten eingerollten Metallstreifen besteht. Daraus ergibt sich eine geschlitzte Röhre, die an einem gebogenen Handgriff gehalten wird. Die löffelartigen Perkussionsinstrumente werden auf Java mit einem mit Stoff umwickelten Holzstöckchen geschlagen, auf Bali mit einem dünnen Metallstab. Zwei Musiker spielen jeweils abwechselnd ein kemanak, um die kürzesten Einheiten des Taktzyklus zu markieren. Kompositionen mit einem von kemanak strukturierten, festgelegten Zeitmaß heißen gendhing kemanak. Auf Java wird das bananenförmig gekrümmte kemanak in einem gamelan zur Begleitung der höfischen Tanzstile bedhaya und serimpi verwendet und auf Bali gehört das kürzere, gerade gumanak zum altehrwürdigen gamelan gambuh.
Der Name ist seit dem 12. Jahrhundert nachgewiesen, Reliefabbildungen von kemanak sind ab dem 14. Jahrhundert an ostjavanischen Hindutempeln überliefert. Idiophone aus Bronze und vielleicht auch solche vom kemanak-Typ gibt es auf Java seit vorchristlicher Zeit.
Herkunft mini|Geschmiedete Bronzeaxt aus Indonesien, 1.–3. Jahrhundert n. Chr. Los Angeles County Museum of Art Die frühesten Schlaginstrumente waren paarweise zusammengeschlagene Idiophone aus Stein oder Holz (Klappern) ähnlicher Größe oder selbstklingende Körper, die mit einem anderen, nicht klingenden Gegenstand angeschlagen werden (Schlagbalken). Gegenschlagstäbe in den Händen von Tänzerinnen sind um 3000 v. Chr. auf prädynastischen ägyptischen Vasen abgebildet, Klappern sind seit dieser Zeit als archäologische Funde aus Mesopotamien erhalten. Im bronzezeitlichen Babylonien (vor 2000 v. Chr.) gab es stets paarweise gefundene, flach gekrümmte Klappern oder Zimbeln aus Holz oder Bronze, manche mit einem hölzernen Handgriff.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 3f
Die bis heute in ganz Südostasien weit verbreiteten Musikinstrumente aus Bambus (Aufschlagidiophone, Rasseln, Röhrenzithern, Flöten) stammen aus der ältesten, bis in die Steinzeit zurückreichenden Kulturschicht. Die frühesten Musikinstrumente aus Bronze sind zeitlich schwer einzuordnen. Lediglich die mit der Dong-Son-Kultur in Südchina in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. verbreiteten, sogenannten Bronzetrommeln lassen sich ungefähr datieren. In Indonesien kommen Bronzeobjekte in vielen Fundstätten zusammen mit Eisenwerkzeugen vor, also in einem bereits relativ fortgeschrittenen Stadium der Metallverarbeitung, aber mutmaßlich noch vor dem indischen Kultureinfluss, der sich in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bemerkbar macht.Robert Heine-Geldern: The Early Metal Ages of Indonesia. In: American Anthropologist, New Series, Band 62, Nr. 2, April 1960, S. 330–334, hier S. 331 Die im Wachsausschmelzverfahren hergestellten, chinesischen Bronzetrommeln waren die Vorbilder für javanische Gongreihen wie kenong und bonang. Frühe Funde gegossener Bronzegongs mit einem hohen Buckel in Java waren offensichtlich nicht als Musikinstrumente geeignet, weshalb vermutet wurde, dass sie unvollendet waren und vielleicht hätten dünnwandiger ausgeschmiedet werden sollen. Jedenfalls begann nach diesen wenig erfolgreichen Versuchen, Bronzegongs zu gießen, auf Java die Entwicklung von mit der Hand geschmiedeten Bronzemusikinstrumenten.Mantle Hood: Ethnomusicology’s Bronze Age in Y2K. In: Ethnomusicology, Band 44, Nr. 3, Herbst 2000, S. 365–375, hier S. 366
Der niederländische Naturforscher Georg Eberhard Rumpf (1627–1702) erklärte die Herkunft der für die Kulturgeschichte bedeutsamen und für ihre Besitzer mit magischer Macht ausgestatteten Bronzeäxte in Indonesien so: Metallische Dämpfe würden in Wolken zu Bronzeäxten kondensieren und dann mit Blitzschlägen auf die Erde herabfallen, in Form gebracht durch den starken Wind, der stets ein Gewitter begleitet.Hendrik Robert van Heekeren: The bronze-iron age of Indonesia. [PDF] (Verhandelingen van het Koninklijk Instituut vor Taal-, Land- en Volkenkunde) Martinus Nijhoff, S-Gravenhage 1965, S. 3 Auch wenn Rumpf 1682 als erster eine Bronzetrommel unklarer Herkunft als Geschenk zum Großherzog von Toskana sandte, begann ihre eigentliche Erforschung erst Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kultur, der sie zugerechnet werden, ist nach dem Dorf Đông Sơn in Nordvietnam benannt, bei dem 1924 die ersten Bronzeobjekte in Südostasien ausgegraben wurden.H. H. E. Loofs-Wissowa: The Development and Spread of Metallurgy in Southeast Asia: A Review of the Present Evidence. In: Journal of Southeast Asian Studies, Band 14, Nr. 1, März 1983, S. 1–11, hier S. 2 Die alten indonesischen Bronzeobjekte bestehen zu rund 75 Prozent aus Kupfer und zu 25 Prozent aus Blei. Es gab nur wenige Kupferlagerstätten auf den Inseln; Bronze war daher selten, teuer und musste überwiegend importiert werden.Hendrik Robert van Heekeren, 1958, S. 5 Gussformen zur Herstellung der typischen Dong-Son-Trommeln wurden auf Java nicht gefunden.Mantle Hood: Bronze drum. 1. General. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 4. Macmillan Publishers, London 2001, S. 426
Die frühesten Funde von bronzenen Musikinstrumenten gelten zeitlich und typologisch als vorhinduistisch, waren also vor dem indischen Kultureinfluss vorhanden, den vermutlich aus Südindien stammende Siedler in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in den Malaiischen Archipel brachten. Im Verlauf des 5. Jahrhunderts ließen sich indische Einwanderer auf Java nieder. Die wohl älteste bekannte Darstellung hindu-javanischer Musikinstrumente sind kleine Bronzeglocken in einem Relief an einem Tempel auf dem Dieng-Plateau vom Ende des 7. oder Anfang des 8. Jahrhunderts. Wenig später entstandene Tempel auf dem Dieng-Plateau zeigen eine breite Palette indischer und javanischer Musikinstrumente. Die ältesten Abbildungen von kemanak finden sich am Haupttempel des ostjavanischen Candi Penataran (bei Blitar), der in der Mitte des 14. Jahrhunderts während des Majapahit-Reichs entstand. Der neben dem kemanak-Spieler abgebildete Musiker schlägt mit einem hakenförmigen Stock in der rechten Hand einen mit der linken Hand gehaltenen kleinen Gong (beri). Weitere musizierende Figuren werden mit kleinen Zimbeln, der Buckelgongreihe reyong, dem Trogxylophon gambang aus Bambusplatten, einer geraden Trompete (oder Kegeloboe) und einer vermutlich einfelligen, mit einem Stock geschlagenen Trommel gezeigt. Auf ostjavanischen Reliefs dieser Zeit ist ferner eine mehrsaitige Zither als Vorläufer der heutigen celempung zu sehen.R. Anderson Sutton, Endo Suanda, Sean Williams: Java. In: Terry E. Miller, Sean Williams (Hrsg.): The Garland Encyclopedia of World Music. Band 4. Southeast Asia. Garland, New York / London 1998, S. 632
Die aus der Zeit des Kediri-Reiches (1042–1222) und des nachfolgenden Singhasari-Reiches (1222–1292) in Ostjava gefundenen Bronzeobjekte, darunter kemanak im Distrikt Malang sowie Bronze-Schlitztrommeln und hängende Glocken, entsprechen den Abbildungen an den Tempeln. Die auf Inschriften und in der Literatur belegten Namen von Musikinstrumenten sind älter als die Reliefdarstellungen. Das Wort kemanak wird erstmals im ostjavanischen Lehrgedicht WretasancayaKakawin Wretasancaya, altjavanische Sprache in Kawi-Schrift auf einem Palmblattmanuskript; bei aus der Mitte des 12. Jahrhunderts erwähnt; des Weiteren sind bis heute etwa die Bambusröhrenzither guntang (im Kidung Sunda kurz nach 1357 erwähnt) und die Rahmentrommel terbang (Smaradahana, 1135 datiert) namentlich bekannt.Jaap Kunst, Band 1, 1973, S. 110f Andere Quellen aus dem 12. bis 16. Jahrhundert, in denen kleine Ensembles mit Bronzeschlaginstrumenten zur Begleitung von Schattenspielen (wayang kulit) genannt werden, sind das Baratayuda (eine Bearbeitung des indischen Epos Mahabharata) und das Wangbang Wideya (eine Erzählung aus dem javanischen Panji-Zyklus). Jaap Kunst (1960) zufolge dürfte das kemanak mit großer Wahrscheinlichkeit wesentlich älter sein und der Instrumententyp könnte bis in die Dong-Son-Kultur der vorchristlichen Zeit zurückgehen,Jaap Kunst, 1960, S. 268 auch wenn hierfür keine konkreten materiellen Belege vorliegen.
Bauform Zur Herstellung eines kemanak wird ein dickes Metallblech, dessen Fläche ein breites Oval mit einer schmalen Verlängerung als Stiel bildet, zu beiden Seiten so eingerollt, dass sich die Längskanten gegenüber stehen und lediglich ein Schlitz zwischen ihnen offen bleibt. In der Seitenansicht entsteht beim javanischen Typ, der etwa 20 Zentimeter lang ist, die Form einer Banane, die mit dem gebogenen Stiel zu einem Löffel wird. Das balinesische gumanak ist nur 13 Zentimeter lang und besteht aus einem geraden, zylindrisch aufgerollten Blechstreifen. Annähernd zylindrisch mit einem schräg abgehenden Stiel sind auch die im ostjavanischen Malang gefundenen Exemplare. Nach der Tonerzeugung bilden beide Varianten eine sehr kleine Schlitztrommel. Kemanak werden allgemein aus Bronze hergestellt, manchmal aus Kupfer, regional in Westjava aus Eisen und auf Bali aus Bronze oder Eisen.Jaap Kunst, Band 1, 1973, S. 180
Funktionell vergleichbare kleine Perkussionsinstrumente sind Zimbeln, die auf Java kaum vorkommen. Die javanischen chiyeyek, die in wenigen gamelan verwendet werden, sind zwei Zimbeln, von denen eine auf einem Holzgestell fixiert ist. Der Musiker hält die andere Zimbel in der Hand und schlägt sie flach von oben auf die befestigte Zimbel. Häufiger sind die balinesischen ceng-ceng, die aus zwei gebuckelten Becken bestehen, die mit der Öffnung nach oben auf einem hölzernen Unterbau befestigt sind. Der Spieler schlägt sie mit ihren Gegenstücken, die er an Holzgriffen in den Händen hält. Die ceng-ceng werden unter anderem im beliebten gamelan beleganjur gebraucht. Eine Form mit mehreren kleinen Becken auf einem hölzernen Korpus heißt rincik.
Einzelne Glocken (genta, von Sanskrit ghanta) werden in den javanischen gamelan längst nicht mehr verwendet; außerhalb der höfischen Ensembles sind unterschiedliche Größen und Formen von Schellen unter dem javanischen Namen klintingan weit verbreitet. Das Gegenstück zum europäischen Schellenbaum ist ein Holzständer, an dem in mehreren Etagen Glöckchen aufgehängt sind. Als gentorag gehört der Schellenbaum zum altertümlichen Dreiton-Gamelan kodok ngorek auf Bali.Jaap Kunst, Band 1, 1973, S. 183–185
Spielweise