mini|John Mauceri (2016) John Francis Mauceri (* 12. September 1945 in New York City) ist ein US-amerikanischer Dirigent, Pädagoge, Produzent und Drehbuchschreiber. In seiner Dirigentenkarriere war er als Gastdirigent, Produzent und musikalischer Berater von Tony- und Olivier-Award-Gewinnern von Broadwaymusicals bei deren Premieren an den Opernhäusern bei fast allen großen Orchestern der Welt tätig. Während seiner von Vielseitigkeit geprägten Karriere leitete und dirigierte er gewichtige Werke so verschiedener Komponisten wie Debussy, Stockhausen, Korngold, Hindemith, Bernstein, Sibelius, Ives, Elfman und Shore. Ein besonderes Augenmerk widmete er der sogenannten Entarteten Musik von in Hollywood lebenden Emigranten des Dritten Reichs.
Studienzeit und frühe Karriere Mauceri studierte Musiktheorie und Komposition an der Yale University, erhielt seinen Bachelor of Arts 1967 und den Master of Philosophy in Musiktheorie 1972. Zu seinen Lehrern gehörten William G. Waite, Claude Palisca, Beekman Cannon, Leon Plantinga und Robert Bailey in Musikwissenschaft; Mel Powell, Donald Martino, Alan Forte und Peter Sculthorpe in Theorie und Komposition; Donald Currier in Piano; und Gustav Meier in Dirigat. Dazu belegte er Vorlesungen der Architektur des 20. Jahrhunderts bei Vincent Scully, französische Literatur bei Henri Peyre, Religion bei Jaroslav Pelikan und Stephan Kuttner und Psychologie.
Im letzten Jahr seiner Studienzeit am 4. Dezember 1966 gab er sein Debüt als Gastdirigent mit dem Yale Symphony Orchestra am Branford College bei der Inszenierung von Brechts Lustspiel Mann ist Mann und produzierte und dirigierte am 11. März 1967 Benjamin Brittens Kirchenparabel Curlew River in der Sankt Thomas More Chapel der Yale University, die er am 13. und 14. Mai 1967 in der katholischen Kapelle der Vereinten Nationen auch zur Aufführung brachte. Er graduierte cum laude, gewann den Wrexham Prize „für höchste musikalischen Leistungen“, den Francis Vernan Prize für Komposition und den Branford Arts Prize für seine künstlerischen Verdienste.
Ausgestattet mit der Lehrberechtigung für die Fakultät der Musiktheorie übernahm Mauceri ab 1968 als Musikdirektor die Verantwortung für das Yale Symphony Orchestra, das er bis 1974 leitete und war gleichzeitig Gastdirigent an der Yales Opera School und danach, ab 1974 bis 1983 Musikdirektor. Durch Mauceri entwickelte sich das Yale Symphony Orchestra zu einem der meistbeachteten Studentenorchester der Welt. Tourneen durch Europa führten ihn an das Théâtre des Champs-Élysées, wo er Charles Ives 4. Sinfonie uraufführte, Claude Debussys Ballettaufführung Khamma und Alexander Nikolajewitsch Skrjabins Prométhée. Le Poème du feu. In Wien produzierte und dirigierte er mit dem YSO im Wiener Konzerthaus mit dem Wiener Singverein Leonard Bernsteins Musiktheaterstück Mass, das vom PBS, der BBC und dem ORF weltweit übertragen wurde. Auf sein Konto gehen auch die Weltpremieren von Ives Three Places in New England in der Originalversion mit großem Orchester sowie, ebenfalls von Ives, das Orchestral Set No. 2. In der Zeit unter Mauceri feierte das YSO große Erfolge mit dem entsprechenden großen Publikumsandrang. Dazu zählten insbesondere die amerikanischen Premieren des von Debussy 1913 komponierten Balletts Khamma sowie die Originalfassung der Begleitmusik zu dem 1926 aufgeführten Stummfilm des Rosenkavaliers von Richard Strauss. Eine weitere Weltpremiere war Karlheinz Stockhausens Bühnenstück Hymnen mit 1000 Darstellern und Statisten auf dem Yale’s Cross Campus, die amerikanische Premiere Hindemiths Liederzyklus Das Marienleben und seltene Darbietungen wie zum Beispiel Skrjabins Prometheus: The Poem of Fire, das er mit der Hilfe der Lasertechnik publikumswirksam in Szene setzte, dazu John Cages Atlas Eclipticalis, Wagners Das Rheingold, Schoenbergs Gurre-Lieder, Messiaens Réveil des oiseaux und Strawinskys Ballettinszenierung Agon.
Seine professionelle Karriere startete Mauceri 1973 mit seinem Orchesterdebüt bei der Los Angeles Philharmonic und seinem Operndebüt, als er Menottis The Saint of Bleecker Street auf dem Wolf Trap Festival dirigierte.
Arbeitsbereiche Mauceri widmete sich mit den Broadway-Musicals und der Filmmusik Hollywoods intensiv den zwei typischen amerikanischen Musikrichtungen. Er redigierte, restaurierte und dirigierte eine große Anzahl älterer Produktionen. Darunter das 1942 uraufgeführte Musical Oklahoma! von Rodgers und Hammerstein, sowie Gershwins Porgy and Bess, Girl Crazy und Strike Up the Band, Bernsteins Candide und A Quiet Place und die Soundtracks von Miklós Rózsa, Franz Waxman, Erich Wolfgang Korngold, Max Steiner, Elmer Bernstein, Jerry Goldsmith, Danny Elfman und Howard Shore. Er ist einer von zwei Dirigenten, die den Decca Records Award für seine ersten historischen Tonaufnahmen der von den Nazis verbotenen Entarteten Musik gewann, Darüber hinaus gilt sein besonderes Interesse den Werken der europäischen, sogenannten degenerierten Komponisten, die als Flüchtlinge in den 1930er Jahren insbesondere nach Hollywood emigrierten. Dazu dirigierte er bemerkenswerte Premieren von Kompositionen Verdis, Debussys, Hindemiths, Ives’, Stockhausens und Weills.
Musicalinszenierungen Bernstein Am 10. März 1974 gab Mauceri sein Musicaldebüt als Musikdirektor der Hal Prince Produktion von Leonard Bernsteins Candide, das an der Brooklyn Academy of Music zunächst nur einen geringen Zuspruch gefunden hatte, in der Version Mauceris aber einen großen Erfolg feierte und mit einem Special Tony Award für seine Verdienste für das amerikanische Musical-Theater gewürdigt wurde. Später entwickelte er eine Opern-Version des Stückes mit größerem Orchester und einem Text Hugh Wheelers, das 1982 in der New York City Opera Premiere hatte. 1986 gewann er dafür einen Grammy als beste Opern Tonaufnahme. Die dritte Version des Stückes produzierte er 1988 als Musikdirektor der Scottish Opera, das aus einer Adaption eines Textes Voltaires von John Wells entwickelt und von Jonathan Miller als Regisseur in Szene gesetzt wurde. Mauceri war in der Lage alle Versionen die Bernstein zwischen 1956 und 1971 für Candide komponiert und umgeschrieben hatte zur Darbietung zu bringen. Diese letzte Version Candides hatte Premiere am Theatre Royal in Glasgow in Anwesenheit Bernstein und von der BBC im Fernsehen direkt übertragen. Nachdem es noch 1988 am Sadler’s Wells Theatre in London zur Aufführung gekommen war, gewann es den Olivier Award als "Musical of the Year." Bernstein dirigierte in London Mauceris dritte Version von Candide für eine Tonaufnahme selbst und gewann dafür 1990 posthum einen Grammy für das beste klassische Album des Jahres.
Gershwin Mauceri spielte eine herausragende Rolle bei der Wiederentdeckung fast vergessener amerikanischer Musicals und deren Aufnahmen auf Tonträger wie zum Beispiel Gershwins 1930 uraufgeführtes Musical Girl Crazy, mit dem er 1990 den Edison Klassiek Award gewann und die beiden Versionen von 1927 und 1930, ebenfalls von Gershwin, Strike Up the Band, 1991 auf CD gespielt. On Your Toes als eines der wichtigsten Musicals von Richard Rodgers und Lorenz Hart aus 1936, das er 1983 inszenierte, gewann Mauceri als Vertreter des John F. Kennedy Center for the Performing Arts den 96-jährigen Filmproduzenten, Regisseur und Drehbuchautor George Abbott, den Choreografen George Balanchine und mit Hans Spialek das letzte Mitglied des Orchesters, das On Your Toes uraufführte zur Mitarbeit um eine möglichst detailgetreue Inszenierung der Uraufführung zu gewährleisten. Mit 505 Aufführungen am Broadway war es das erste Musical, das über eine Zeitspanne von mehr als einer Generation mit denselben musikalischen Elementen und demselben Arrangement von 1930 zur Vorstellung gekommen ist. Das Musical war für fünf Tony Awards nominiert und gewann zwei als beste Wiederaufnahme und Natalja Romanowna Makarowa als beste Hauptdarstellerin. Dazu gewann Mauceris On Your Toes vier Drama Desk Awards für ein außergewöhnliches Revival, außergewöhnliche Leistung der Hauptdarstellerin, außergewöhnliche Leistung des Dirigenten und außergewöhnliche Leistung des Orchesters. Das Musical, von Mauceri dirigiert, war die erste voll digitalisierte Tonaufnahme eines Broadwaystücks. Das Resultat des Erfolgs, das Mauceri mit der Restauration mit On Your Toes hatte, fand viele Nachahmer, die ebenfalls alte Bühnenstücke überarbeiteten und zur Aufführung brachten aber niemand erreichte damit dieselbe Publikumswirksamkeit.
Webber Im Winter 1984 besuchte Andrew Lloyd Webber eine Aufführung von La Bohème im Royal Opera House im Covent Garden an dem Mauceri dirigierte, woraufhin Webber Mauceri anbot als musikalischer Berater die Produktion des neuen Broadwaymusicals Webbers Song and Dance zu überwachen, das am 18. September 1985 Premiere hatte und für acht Tony Awards nominiert wurde aber nur einen gewonnen hatte, den Bernadette Peters erhielt.
Im Oktober 1995, nach einer desaströsen Interpretation des Soundtracks für den Film Evita holte Webber Mauceri und kommentierte das mit den Worten, dass Mauceri mit den besten Londoner Orchestermitgliedern die Sache in Ordnung bringen würde und dieser schwarze Montag dann schnell vergessen wäre. Zur Dankbarkeit für die Mitarbeit bei der Vertonung des Films wurde Mauceri nicht mal im Abspann erwähnt, noch wurde er auf irgendeine Art und Weise an den finanziellen Einspielungen beteiligt.
Weill Mauceri sah sich in der Verantwortung Kurt Weills Musikwerke, die im Allgemeinen ungeordnet als deutsche Editionen vorlagen für die amerikanischen Bedürfnisse zu überarbeiten. 1978 dirigierte er das 1947 von Weill komponierte Musiktheaterstück Street Scene an der New York City Opera so erfolgreich, dass es in der nachfolgenden Saison vom Public Broadcasting Service (PBS) aus dem Lincoln Center live übertragen wurde.
Mit der Aufführung Weills, Lady in the Dark auf dem Edinburgh Festival 1988 und der folgenden ersten professionellen Produktion von Street Scene im Vereinigten Königreich, argumentierte Mauceri, dass es keine Unterschiede bei den Inszenierungen der Werke Kurt Weills in den amerikanischen und deutschen Versionen gäbe. Seine Tonaufnahme von Street Scene 1991 für Decca war das erste komplette Album eines amerikanischen Theaterstücks Kurt Weills. Länderpremieren feierte Mauceri mit Street Scene in Portugal an der Lissaboner Oper und in Italien am Teatro Regio di Torino in Turin. Mit Mauceri kamen auch Weills fast vergessene Kompositionen in Deutschland wieder zu neuen Ehren. 1989 bespielte Mauceri zwei Alben mit Weills satirischen Ballett mit Gesang Die sieben Todsünden, dem Singspiel Mahagonny und die erste deutsche Aufnahme seit vierzig Jahren der Dreigroschenoper in Zusammenarbeit mit Ute Lemper und mit Texten in Deutsch, Französisch und Englisch.
2000 bearbeitete Mauceri als Koproduktion mit dem Musikwissenschaftler Ed Harsh, der New Israeli Opera, der Chemnitzer Oper und der Brooklyn Academy of Music Kurt Weills 1933 komponiertes Oratorium Der Weg der Verheißung, das in Europa mit dem kompletten vierten Akt noch nie zur Aufführung gekommen ist und das auch in der deutschen Sprache in der Übersetzung des in die USA emigrierten Franz Werfel auf die deutsche Bühnen gekommen ist. Mauceri dirigierte 2001 auch mit Der Protagonist eines von Weills frühen Werken mit den Berliner Philharmonikern, das im Radio live übertragen wurde.
Operninszenierungen