Die Manumit School wurde 1924 von William Mann Fincke (* 1. Januar 1878 in New York City; † 31. Mai 1927 in New York City) und dessen Frau, Helen Hamlin, als christlich-sozialistisches (aber überkonfessionelles) und koedukatives Internat in Pawling im Bundesstaat New York gegründet und als Grundschule auf einer Farm betrieben. Der Name Manumit stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „von der Sklaverei befreien“. Die Schule spielte in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre eine Rolle bei der Betreuung der jüdischen Kinder, die als Flüchtlinge aus Europa in die USA gekommen waren.

William Mann Fincke (Senior) Fincke hat an der Yale University studiert und war ein bekannter Footballer. 1901 beendete er sein Studium und arbeitete danach mehrere Jahre für die Schifffahrtsgesellschaft seines Vaters und im Transportgewerbe. Am 8. Januar 1902 heiratete er Helen Hamlin. Das Ehepaar hatte drei Kinder, darunter als ältestes William Mann Fincke, Jr., 1902 Bachelor-Absolvent der Columbia University, der später die Nachfolge seines Vaters antrat.William Fincke im OBITUARY OF YALE GRADUATES 1926 – 1927, S. 255–256

Von 1908 bis 1911 absolvierte Fincke eine theologische Ausbildung und wirkte von 1912 bis 1917 als presbyterianischer Pfarrer in einer Kirche in Greenwich (New York). 1917 wurde er von seiner Gemeinde entlassen, nachdem er in einer pazifistischen Predigt sich dagegen ausgesprochen hatte, den Ersten Weltkrieg, dem die Vereinigten Staaten zuvor beigetreten waren, als einen Kampf für Freiheit und Demokratie zu betrachten.

Fincke wurde trotz seiner pazifistischen Gesinnung noch 1917 Private in den Sanitätscorps der US Army einberufen und nach Europa verschickt. Im Januar 1918 schied er aus dem Militärdienst aus.

Vom April 1918 bis in den Juni 1919 wirkte Fincke als Direktor des Labor TempleLabor Temple: „Labor Temple was founded in 1910 by the Rev. Charles L. Stelze of the Presbyterian Home Mission Board. The first Labor Temple occupied the former Fourteenth Street Presbyterian Church, located at 225 Second Avenue near Union Square, and built in 1851. Under Stelze's leadership, Labor Temple would be‚ entirely unsectarian, where every man, if he have a message, may give it expression, and if it be good it will receive attention.‘ On its opening day, Labor Temple was attended by five hundred members of labor unions, Socialist, Anarchists, and persons who took interest in labor matters and sociologists.“ in New York. Danach engagierte er sich beim Aufbau des Brookwood Labor Colleges, dem ersten Arbeiter-College in den USA. Die Schule wurde von der Gewerkschaft, der American Federation of Labor, unterstützt. Parallelen zu der 1921 in Frankfurt am Main gegründeten Akademie der Arbeit sind kaum zu übersehen.Bei Diether Döring: Ein vergessenes Stück Universitätsgeschichte, findet sich allerdings kein Hinweis darauf, inwieweit Brookwod ein Vorbild für deutsche Gründungen gewesen sein könnte.

Finckes Engagement in Brookwood dauerte nur bis 1922. Von nun an widmete er sich zusammen mit seiner Frau dem Aufbau der Manumit School, die 1924 eröffnet wurde. Er musste sich allerdings schon 1926 von der Schulleitung zurückziehen und starb nach zweijähriger Krankheit 1927 an Leukämie. Er wurde auf dem Gelände der Manumit School begraben.

Kurze Geschichte der Manumit School Die beiden Finckes gründeten die Schule auf einem von ihnen erworbenen Farmland. Sie zeichnete sie sich von Anfang an durch eine große Nähe zur amerikanischen Arbeiterbewegung aus und firmierte offiziell als „Manumit School for Workers' Children“. Der Unterricht sollte eine „progressive“ „Arbeiterbildung“ in einer Zeit des sich verstärkenden sozialistischen Optimismus in Amerika gewährleisten. Ähnlich beschreibt es auch Scott Walter:

Unter Bezug auf die Historikerin Katherine Moos Campell beschreibt Walker den experimentellen und kommunitarischen Charakter vieler „progressiver Schulen“, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA gegründet worden waren, und die – Manumit eingeschlossen – pädagogisch am Dalton Plan von Helen Parkhurst, der Projekt-Methode und an John Dewey orientiert waren. Obwohl sich in dieser Beschreibung keine Verweise auf deutsche Quellen oder Vorbilder finden, könnte man problemlos Verbindungslinien zur deutschen Reformpädagogik und der durch sie geprägten Landerziehungsheim ziehen. Hier liegt sicher auch ein Grund, weshalb Ingrid Warburg Spinelli, wie noch zu zeigen sein wird, ausgerechnet mit der Manumit School in Verbindung trat. Allerdings gab es auch Akzente, die in der Form den deutschen Landerziehungsheimen eher fremd waren. Das wird deutlich in einem Statement von Nellie Marguerite Seeds (1886–1946), die von 1928 bis 1933 Direktorin der Manumit School war: Damit wäre die Manumit School in Deutschland allenfalls beim Landerziehungsheim Walkemühle anschlussfähig gewesen.

Die Nähe der Manumit School zur Arbeiterbewegung zeigte sich nicht nur darin, dass in ihren Verwaltungsgremien Gewerkschaftsführer und Vertreter der amerikanischen Linken stark vertreten waren, sondern dass auch die Schüler eine große Nähe zur Arbeiterschaft hatten. Seeds bringt das abermals in Abgrenzung gegenüber anderen „alternativen“ Schulen klar zum Ausdruck, wie Scott Walter referiert:

Um das zu ermöglichen, musste ein sehr differenziertes Bezahlsystem praktiziert werden. Fincke ging von $ 665 als Jahresschulgeld aus, für Kinder von Gewerkschaftsmitgliedern aber betrug es nur $ 270 oder, wenn nicht anders möglich, noch weniger. Andere Eltern zahlten freiwillig $ 1000, so dass im Jahr 1930 für die Mehrheit der Schüler ein Schulgeld von $ 500 anfiel. Zusätzlich gab es aber auch noch Unterstützung durch die Gewerkschaften, die das Schulgeld weiter minderten.Scott Walker (siehe Weblinks)

Eine weitere Besonderheit der Schule war es, dass sie nicht nur den Kindern aus der Arbeiterklasse offenstehen sollte, sondern sowohl ihre Schüler als auch ihre Lehrkräfte dazu anhielt, aktiv für einen sozialen Wandel zu kämpfen. Bei den Schülern konnte das so aussehen, dass sie einen Teil ihres wöchentlichen Essensgeldes für soziale Aktivisten spendeten, während Lehrer sich aktiv in soziale Kämpfe außerhalb der Schule einmischten. Sie unterstützten fortschrittliche Summer Schools für die Kinder streikender Arbeiter oder versuchten, ihren pädagogischen Ansatz auch im Nachmittagsunterricht für Arbeiterkinder in New York zu etablieren.

Zusammenfassend beschreibt Scott Walter das pädagogisch-politische Konzept der Manumit School folgendermaßen:

Das Progressive School Committee for Refugees' Children 1933, nach Nellie Marguerite Seeds Zeit als Direktorin der Manumit School, übernahm William Mann Fincke jr. zusammen mit seiner Frau Mildred die Schulleitung. Beide waren „experienced with ‚experimental/progressive‘ education in NYC“, doch um die Schule scheint es zu diesem Zeitpunkt nicht besonders gut bestellt gewesen zu sein: Sie war hochverschuldet und es gab nur noch ein halbes Dutzend Schüler. Inwieweit sie sich in den Folgejahren wieder erholte, verschweigt die Schulchronik, und deren nächster Eintrag betrifft dann das Jahr 1938: Progressive Schools’ Committee for Refugee Children unter der Leitung von Mildred und William Fincke gebildet. Mindestens 23 jüdische Flüchtlingskinder besuchten Manumit.vgl. Time Magazine, 27. März 1939. Manumits ‚Kontakte zu europäischen Untergrund- und Widerstandsgruppen und zu jüdischen Gruppen, beides zurückreichend in das Jahr 1935, spätere Kontakte zu britischen Gruppen (während des Blitz von 1940), steigerten stark die Anmeldungen durch interessante evakuierte Kindern.‘: „Progressive Schools’ Committee for Refugee Children formed under leadership of Mildred and William Fincke. At least 23 Jewish refugee children attended Manumit. (See: Time Magazine, 3/27/1939). […] Manumit ‚contacts with European underground and resistance groups, and with Jewish groups, both dating back to 1935, later contacts with British groups (during the blitz of 1940) greatly enriched the enrollment with interesting evacuee children‘.“

An diesem Punkt kommt nun Ingrid Warburg Spinelli ins Spiel, die in ihrem Buch Erinnerungen. Die Dringlichkeit des Mitleids und die Einsamkeit, nein zu sagen.Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen, S. 128–136 ausführlich auf die Arbeit des Progressive School Committee for Refugees' Children als einer von ihr ideell und finanziell unterstützen Hilfsorganisation für jüdische Kinder eingeht, die aus Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei heraus- und in den USA in Sicherheit gebracht worden waren. Sehr interessant an diesem Komitee ist, dass sich mit Warburg Spinelli, die sich seit 1936 in den USA aufhält, mit dessen Arbeit bewusst von der der German Jewish Children’s Aid absetzt, die als die „offizielle“ jüdische Hilfsorganisation gelten kann.Über das Progressive School Committee for Refugees' Children sind über das Buch von Warburg Spinelli hinaus nur sehr wenige Informationen zu finden. Ausführlich informiert die Webseite Unknown Story Of American Rescues Of Children Of The Holocaust über die Arbeit der German Jewish Children’s Aid. Warburg Spinelli kritisierte das, was später auch als Fehlentwicklung bei den Kindertransporten nach England beschrieben wurde: den oftmals zu Lasten der Kinder herbeigeführten völligen „Bruch[…] mit ihrer Herkunft und ihrem kulturellen Umfeld“. Inge Hansen-Scharberg: Kindheit und Jugend, in: Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winkler (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945, S. 84. Literarisch aufgearbeitet wurde diese Thematik von Ursula Krechel in ihrem Roman Landgericht am Schicksal der beiden nach England geschickten Kornitzer-Kinder (Ursula Krechel: Landgericht, Jung und Jung, Salzburg, 2012, ISBN 978-3-99027-024-0).

Warburg Spinelli kritisierte die Überzeugung vieler Helfer, „dass die Kinder, um sich in Amerika wirklich assimilieren zu können, so viel wie möglich von ihrer europäischen Vergangenheit und vor allem den Kontakt zu Freunden und Verwandten in Europa aufgeben sollten“. Was sie vor diesem Hintergrund gesehen und erlebt hat, beschreibt sie recht plastisch: Die Ursache hierfür sieht Warburg Spinelli bei den die Kinder betreuenden Sozialarbeitern, die eine starre und unbewegliche Sozialarbeit praktiziert hätten, normalerweise mit unterprivilegierten Kindern befasst waren, und „darum nicht viel Verständnis für diese Kinder, die aus gutbürgerlichen Elternhäusern kamen“, aufgebracht hätten. Anknüpfend an ihre eigenen Erfahrungen mit Landschulheimen in Deutschland – sie war Schülerin in der Schule Schloss Salem gewesen – und mit Heimen der Jugend-Alijah suchte sie stattdessen für die Geflüchteten nach einem Weg, der diesen eine „Ruhepause und genügend Zeit zum Erlernen der Sprache und zur Arbeitssuche“ verschaffen könnte.

Der Weg, den Warburg Spinelli suchte, führte sie zu William Mann Fincke jr.Sie schreibt William Mann „Fink“ statt Fincke. (Ingrid Warburg Spinelli: Erinnerungen, S. 133) und der Manumit School. Wie die Verbindung zu Stande kam, beschreibt sie nicht, doch sie schilderte, dass sie ihn über ihre Probleme mit der bisherigen Betreuung der jüdischen Flüchtlingskinder unterrichtet habe, und er sich danach bereiterklärt habe, „mit verhältnismäßig großen Stipendien eine Gruppe von Kindern in seine Schule aufzunehmen. Die jährlichen Kosten von 500 Dollar pro Kind bedeuteten, daß die Gehälter der Lehrer gekürzt werden mußten. Mit Finks Hilfe interessierten wir eine Reihe anderer progressiver Farmschulen für das Projekt und schufen so das »Progressive School Committee for Refugees' Children« Das notwendige Geld für dieses Komitee habe ich mehrere Jahre lang alleine zusammengebracht.“