Albaniana oder Albanianiae (das sich in etwa als bei den weißen Wassern ins Deutsche übersetzen lässt) war der antike Name eines römischen Kohortenkastells am Niedergermanischen Limes. Die Relikte des ehemaligen Militärlagers liegen heute weitestgehend überbaut im Zentrum von Alphen aan den Rijn, einer Stadt und Gemeinde in der niederländischen Provinz Südholland. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Niedergermanischen Limes.

Lage, Quellen und Forschungsgeschichte mini|links|Geologisch-topographische Situation im Mündungsgebiet des Rheines im 2. Jh.mini|Albaniana im Verlauf des Niedergermanischen Limes Das ehemalige Militärlager befand sich an der Mündung des Flüsschens Aar in den Oude Rijn. In der Wahl des Lagerplatzes bestehen Ähnlichkeiten zu Nigrum Pullum. Wie bei diesem wurde der direkten, aber tiefergelegenen Position unmittelbar gegenüber der Flussmündung der Vorzug gegeben vor einer Lage auf geringfügig entfernterem, aber höhergelegenem Terrain. Dies wirft umso mehr Fragen auf, als sich beide Militärlager in einem Gebiet befanden, in dem sich der durch die Nordsee verursachte Tidenhub des Rheines schon deutlich bemerkbar gemacht haben muss.

Der antike Name Albaniana ist sowohl auf der Tabula Peutingeriana als auch im Itinerarium AntoniniA Lugduno Argentorato mpm cccxxv sic Albinianis mpm x Traiecto mpm xvii ... [Von Lugdunum Batavorum (Katwijk) nach Argentorate (Straßburg) 330 Meilen, davon von Lugdunum Batavorum nach Albaniana zehn Meilen, von Albaniana nach Traiectum (Utrecht) 17 Meilen ...] verzeichnet.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert sind archäologische Relikte aus dem Zentrum von Alphen bekannt, die insbesondere im Bereich des Kirchhügels immer wieder zu Tage traten. Aber erst beim Bau der Adventskerk (1920–1922) wurden konkretere Spuren beobachtet, die jedoch nicht zu größeren Untersuchungen führten. Wissenschaftliche Untersuchungen fanden erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg statt, aber nur in sehr geringem Umfang, da zu dieser Zeit in der niederländischen Archäologie die Großgrabungen in Valkenburg alles andere aus dem öffentlichen Fokus drängten. Die spärlichen Befunde blieben nur schwer interpretierbar, das Interesse verflachte. Eine Grabung im Jahre 1959 nördlich der Adventskerk förderte die Kastellthermen zu Tage, wurde aber nur in drei Kurzmitteilungen publiziert.In: Nieuws-Bulletin van de Koninklijke Nederlandse Oudheidkundige, Band 12 (1959), S. 59, S. 84 und S. 98f. Weitere Gelegenheiten zu Ausgrabungen bei großen Bauprojekten in den 1960er und 1970er Jahren wurden leider versäumt. Weite Bereiche des heute bekannten, südlichen Kastellareals müssen daher als unwiederbringlich zerstört angesehen werden. Erst 1985/1986 führte eine Untersuchung durch die Katholieke Universiteit Nijmegen (heute: Radboud-Universität Nijmegen) im Westen der Julianastraat zu weiteren Ergebnissen. Bei diesen Grabungen konnten offensichtliche Spuren einer Mannschaftsbaracke festgestellt werden.Jules Bogaers, Jan Kees Haalebos: Opgravingen te Alphen aan den Rijn in 1985 en 1986. In: Westerheem 26 (1987), S. 40–52. Die gesicherte Entdeckung Albanianas gelang schließlich erst 1998/1999 im Rahmen der durch die geplante Errichtung eines Einkaufszentrums notwendig gewordenen Untersuchungen unter der Leitung von Jan Kees Haalebos, dem Ordinarius für Provinzialrömische Archäologie an der Katholieke Universiteit Nijmegen. Dabei konnten Teile des Kastells, der Zivilsiedlung (Vicus) und der Gräberfelder erforscht werden. 2001/2002 erfolgten weitere Untersuchungen.Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF).Jan Kees Haalebos, Paul Franzen et al.: Alphen aan den Rijn. Albaniana 1998–1999. Opgravingen in de Julianastraat, de Castellumstraat, op Het Eiland en onder het St.-Jorisplein. Nijmegen 2000, (auch digitalisiert als PDF), S. 21–28.Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF), S. 15–20. In dieser Grabungskampagne wurde die überwältigende Anzahl von rund 40.000 Stück Keramik, 800 Münzen, 5000 andere Metallobjekte sowie hunderte Kilogramm Knochen, Ziegel und Naturstein geborgen. Ferner wurden 1.500 Holzproben und 200 Bodenproben entnommen.Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF), S. 256.

Befunde, Funde, Interpretationen und Geschichte Im Inneren des Kastells konnten Mannschaftsbaracken mit hölzernen Böden nachgewiesen werden. Viele persönliche Gegenstände der Soldaten befanden sich noch vor Ort, darunter ein Spiegel und Schreibutensilien sowie hunderte von römischen Münzen. Ferner verschiedene hölzerne Bauteile, darunter eine vollständige Türe, sowie organisches Material wie Speisereste und Pflanzensamen.

Die grobe Periodisierung, die nach den ersten Ausgrabungen 1998/1999 erstellt worden war, konnte nach der zweiten Grabungskampagne 2001/2002 wesentlich verfeinert werden. Problematisch war, dass lediglich die Spuren der ersten Phase gut erhalten waren, während die Relikte der jüngeren Phasen größtenteils der jahrhundertelangen, intensiven landwirtschaftlichen Nutzung des Geländes zum Opfer gefallen sind.Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF), S. 122.

Periode 1a bis 1c (41 bis 69/70) Albaniana ist eines der wenigen Auxiliarkastelle, deren Gründungsdatum in die kurze Regierungszeit des Caligula fällt. Eine dendrochronologische UntersuchungP. van Rijn: Hout. In: Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF), S. 216–237. der Bauhölzer verweist in die Zeit unmittelbar nach Caligulas Reise in das Gebiet der späteren Provinz Germania inferior in den Jahren 39/40.C. Svetoni Tranqvilli: De vita Caesarvm libros VIII. VI, 43 bis 49. Dieser Nachweis wird noch einmal dadurch erhärtet, dass 340 von 579 Fundmünzen in die Zeit dieses Kaisers verweisen.Rob W. Reijnen: Munten. In: Jan Kees Haalebos, Paul Franzen et al.: Alphen aan den Rijn. Albaniana 1998–1999. Opgravingen in de Julianastraat, de Castellumstraat, op Het Eiland en onder het St.-Jorisplein. Nijmegen 2000, (auch digitalisiert als PDF), S. 143–148.Fleur Kemmers: Munten. In: Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X,(auch digitalisiert als PDF), S. 165–187.

Aus den während der Grabungskampagnen 1998 und 2001/2002 gefundenen Münzen konnten insgesamt 579 Stück näher datiert werden: Prägung Zeitstellung Grabung 1998 Grabung 2001/2002 Summe AnteilRepublikanischvor 27 v. Chr.017172,94 %Augusteisch27 v. Chr.–14 n. Chr.440447,60 %Tiberisch14–37 n. Chr.026264,49 %Caligula37–411632434058,72 %Claudisch41–545677212,44 %Neronisch54–68216183,11 %Vierkaiserjahr68/690220,35 %Flavisch69–96638447,60 %Nerva96–980220,35 %Trajanisch98–1172681,38 %Hadrianisch117–1380110,17 %Antoninisch138–1610330,52 %Marc Aurel161–1801010,17 %Gordianus III.238–2441010,17 %SUMME1. Jh. v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr.37542579100,01 %Rundungsfehler. Im Jahr 38 war Caligula mit einer großen Armee nach Mainz gezogen, um aggressive germanische Stämme jenseits des Rheins zu befrieden. Anschließend, im Jahr 40 zog er weiter an die Nordseeküste, um in die Fußstapfen Cäsars zu treten und eine Eroberung Britanniens in Angriff zu nehmen. Die Expedition wurde jedoch abgesagt. Der Wahrheitsgehalt der absurden Vorgänge, die Sueton in diesem Zusammenhang beschreibt, sei dahingestellt. Die Forschung war lange davon ausgegangen, dass sich diese Ereignisse in Boulogne-sur-Mer abgespielt hätten, aber in den letzten Jahren häuften sich Hinweise, die in die westlichen Niederlande wiesen. Die Errichtung der Kastelle von Valkenburg (Praetorium Agrippinae) im Jahr 40 und von Albaniana ein Jahr später könnten durchaus mit einer geplanten Invasion Britanniens in Zusammenhang gestanden haben.Marinus Polak, René P. J. Kloosterman, Ryan A. J. Niemeijer: Alphen aan den Rijn. Albaniana 2001–2002. Opgravingen tussen de Castellumstraat, het Omloopkanaal en de Oude Rijn. Nijmegen 2004, ISBN 90-802647-5-X, (auch digitalisiert als PDF), S. 122–124 und S. 249f. Im Januar 41 wurde Caligula von Claudius abgelöst, der dann bereits im Jahre 43 tatsächlich die Eroberung Britanniens beginnen ließ.

Periode 1a Über die zu dieser Zeit in Albaniana stationierten Truppen ist nichts bekannt. Die als Graffiti auf Terra sigillata Gefäßen eingeritzten Namen sind jedoch lateinischen Ursprungs,Ester van der Linden: Graffiti. In: Jan Kees Haalebos, Paul Franzen et al.: Alphen aan den Rijn. Albaniana 1998–1999. Opgravingen in de Julianastraat, de Castellumstraat, op Het Eiland en onder het St.-Jorisplein. Nijmegen 2000 (auch digitalisiert als PDF), S. 117–120. es ist daher denkbar, dass die Vexillatio einer Legio hier Quartier bezog, also Soldaten römischen Bürgerrechts vor Ort waren.

Die Spuren der ersten Bauphase fanden sich vorrangig in der südlichen Hälfte des Kastells, im Norden waren sie nahezu vollständig verschwunden. Das Kastell war aus Holz gebaut und mit seiner Prätorialfront nach Osten, zum Rhein hin ausgerichtet. Es war von zwei Verteidigungsgräben umgeben und von einer im Fundament drei Meter breiten Holz-Erde-Mauer (mit einem Skelett aus weichen Nadelholzstämmen) geschützt. Das Südtor (die Porta principalis dextra (rechtes Seitentor)) und der südwestliche Eckturm konnten noch nachgewiesen werden. Der Eckturm und die beiden Türme, die das Südtor flankierten, gründeten jeweils auf sechs massiven Holzpfosten. Die Hölzer der Umwehrung konnten dendrochronologisch auf Herbst/Winter 40/41 und Frühjahr 41 datiert werden, während das bei den Innenbauten verwendete Material aus dem Jahr 42 stammte. Wahrscheinlich waren die Soldaten zunächst in Zelten untergebracht. Der Grundriss des Lagers musste sich, bedingt durch die nahe Lage am Rhein, den topographischen Gegebenheiten anpassen, was dazu führte, dass es die Form eines Parallelogramms annahm.

Im Inneren des Lagers fanden sich in der rechten Praetentura (rückwärtige Lagerhälfte) die Spuren von drei hölzernen, nord-südlich ausgerichteten Mannschaftsbaracken, in der linken Praetentura die Überreste von weiteren, ebenfalls aus Holz errichteten Gebäuden, darunter ein Horreum (Getreidespeicher) und eine Fabrica (Werkstatt).

Perioden 1b und 1c Für die folgenden Jahre konnten an der Lagerumwehrung zwei Reparaturphasen festgestellt werden: Jeweils in den Jahren 56(?) und (60) wurde das Lager erneuert. Das Gleiche gilt für eine unmittelbar beim Lager im Jahr 42 angelegte Uferbefestigung. Diese Kaianlage wurde in den Jahren 51 und 67 grundlegend repariert.