Die SU-122 () war eine sowjetische Selbstfahrlafette, die zur Zeit des Zweiten Weltkrieges entwickelt wurde. Die Bezeichnung SU bedeutet Samochodnaja Ustanowka (Selbstfahrlafette) und die Zahl 122 steht für das Kaliber der Haubitze.

Das Konstruktionsbüro des Uralski Sawod Tjascholowo Maschinostrojenija (, kurz USTM, Uralmasch – Uraler Werk des Schweren Maschinenbaus) in Swerdlowsk entwarf die SU-122 im November des Jahres 1942. Als Projektleiter wirkte Lew Israilewitsch Gorlizki, einer der damals führenden Spezialisten in der Entwicklung mittlerer Selbstfahrartillerie-Fahrzeuge. Nachdem die Sowjetarmee die Selbstfahrlafette im Monat darauf angenommen hatte, begann die Serienproduktion. Die Fertigung der SU-122 endete nach dem Bau von 638 Einheiten im August 1943, als die Produktionskapazitäten für die Herstellung des neuen Jagdpanzers SU-85 freigemacht wurden. Viele Baugruppen der SU-85, wie das Fahrgestell, waren Weiterentwicklungen der entsprechenden Teile der SU-122.

Die Rote Armee setzte die SU-122 in den Gefechten des Zweiten Weltkriegs ab Februar 1943 ein. Die Fahrzeuge wurden mit Erfolg hauptsächlich als mittleres Sturmgeschütz genutzt, manchmal übernahmen sie auch die Aufgaben von Panzerhaubitzen. Versuche eines Einsatzes als Jagdpanzer scheiterten an der hierfür ungeeigneten Hauptwaffe. Der Höhepunkt der aktiven Verwendung lag im zweiten Halbjahr 1943. Nach den schweren Verlusten im Jahr 1944 wurden die SU-122 selten im Fuhrpark der sowjetischen Truppen eingesetzt, einzelne verbliebene Fahrzeuge waren bis zum Kriegsende im Kampfeinsatz.

Geschichte Vorgeschichte In der Zwischenkriegszeit arbeiteten die sowjetischen Militärtheoretiker konsequent auf dem Gebiet der Bewaffnung der Roten Armee mit Selbstfahr-Artillerie. Unter den verschiedenen Entwicklungen, die für eine praktische Umsetzung als geeignet betrachtet wurden, war auch der Entwurf eines vollgepanzerten, turmlosen Kettenfahrzeuges. Haupteinsatzgebiet sollte die unmittelbare Feuerunterstützung der Panzer- und Schützeneinheiten auf dem Schlachtfeld werden. Das in den frühen 1930er-Jahren noch unzureichende Ingenieurwesen und die schwache Industrie der Sowjetunion machten jedoch eine Realisierung aus eigener Kraft nicht möglich. So gab man die Ausarbeitung des Projektes und den möglichen Bau eines Versuchsmusters bei Daimler-Benz in Auftrag. Der Auftragnehmer konnte die Arbeit jedoch nicht in der vereinbarten Zeit abschließen und stellte seine Entwicklungen Mitte 1932 vor. Auch der von Daimler-Benz geforderte Preis war dreimal höher als der ursprünglich vereinbarte. Daraufhin verzichtete die sowjetische Seite auf den Entwurf.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 39.

Im Deutschen Reich wurde die Idee zu dieser Art von Kampffahrzeugen wieder aufgenommen. Schon während des Westfeldzuges verwendete die Wehrmacht die ersten Sturmgeschütze auf Basis des mittleren Panzerkampfwagens III. Sie entsprachen den oben erwähnten Merkmalen und bewährten sich im Gefecht gut. Die als StuG III in Dienst genommenen Fahrzeuge wurden zu einem unerlässlichen Teil des deutschen Heeres. Dieser Erfolg blieb in der Sowjetunion nicht unbemerkt und um die Jahreswende 1940/41 begann man, sich erneut mit der Frage einer eigenen Entwicklung zu beschäftigen. Die sowjetischen Militärspezialisten konnten sich jedoch noch nicht über den Typ des Unterstützungspanzers einigen. Es gab zwei Alternativen mit je eigenen Vorzügen und Nachteilen: ein turmloses Selbstfahrgeschütz ähnlich dem StuG III oder den für die Rote Armee üblicheren „Artillerie-Panzer“ wie den in Serie gefertigten BT-7A. Der Überfall auf die Sowjetunion beendete alle diese Vorarbeiten.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 118.

mini|links|Sturmgeschütz III, frühe Ausführung Die Analyse der ersten sechs Kampfmonate brachte den sowjetischen Spezialisten wieder Erkenntnisse über die Effektivität der deutschen Sturmgeschütze.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 142. Am 14. und 15. April 1942 fand das Plenum des Artillerie-Komitees statt; unter den diskutierten Themen war auch die Entwicklung eines eigenen turmlosen „Sturmpanzers“, deren Umsetzung nunmehr aber von den Umständen des Kriegsverlaufes geprägt wurde. Im Jahr 1941 erlitten die Panzertruppen der Roten Armee katastrophale Verluste an Kampfmaterial, der schnelle Vormarsch der deutschen Wehrmacht bedeutete den Wegfall industrieller Kapazitäten und Rohstoffquellen. Die wichtigsten Rüstungsbetriebe wurden erfolgreich nach Osten evakuiert, aber von diesen konnte kurzfristig kein großer Produktionsausstoß erwartet werden. Gerade dies war jedoch die Hauptforderung des Staatlichen Verteidigungskomitees (, abgekürzt ГКО – GKO) an jedes Werk, unabhängig von den dortigen Zuständen. Die Anpassung an einen neuen Standort sowie die Wiederherstellung der Verbindungen zu den Zulieferern forderten eine gewisse Zeit. Unter solchen Bedingungen war die Vereinfachung und Verbilligung der Konstruktion des Panzers einer der wichtigen Wege, um diese Aufgabe zu erfüllen. Gerade deshalb entwarfen die Konstrukteure Nikolai Wassiljewitsch Kurin und Georgi Fjodorowitsch Ksjunin nach dem Plenum den turmlosen Panzer U-33. Dieses Fahrzeug nutzte das Fahrgestell des T-34 und die 76-mm-Divisionskanone SiS-22 (eine Variante der 76-mm-Divisionskanone M1939 (USW), die im Krieg produziert wurde) mit Sockellafette als Bewaffnung. Der Verzicht auf einen Turm verringerte den Arbeitszeitaufwand um 27 % und die Masse um 1,8 bis 2,1 Tonnen. Die Gewichtseinsparung erlaubte auch eine Verstärkung der frontalen Panzerung auf 75 mm oder mehr. Der Entwurf wurde hoch bewertet, blieb aber nur auf dem Papier, da das USTM zu stark von der bereits angeordneten Organisierung der Serienproduktion des T-34 beansprucht wurde.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 188, 189.

Etwas später, im Sommer 1942, kehrten die Konstrukteure des USTM zu diesem Thema zurück und schlugen im August den Entwurf des turmlosen Panzers U-34 mit der 76-mm-Kampfwagenkanone F-34 (bereits Hauptbewaffnung des T-34) dem Volkskommissariat für Panzerindustrie (, abgekürzt НКТП – NKTP) vor. Gleichzeitig überarbeitete N. W. Kurin das Projekt U-33, um im Fahrzeug die 122-mm-Haubitze M1938 (M-30) unterzubringen. Doch das USTM wurde wieder stark von der Serienproduktion des T-34 beansprucht. Als Folge wurden die Arbeiten am U-34 zeitweilig angehalten und die Unterlagen des U-33 zum Artillerie-Werk Nr. 9 zur dortigen Weiterentwicklung gebracht.

Entwicklung mini|Der mittlere Panzer T-34, Basis für die SU-122. mini|Die gezogene mittlere Feldhaubitze M-30 Am 19. Oktober 1942 erließ das GKO die Resolution Nr. 2429ss, welche die Entwicklung einer gepanzerten 122-mm-Selbstfahrhaubitze für die Niederhaltung feindlicher Feuerstellungen und für die Panzerabwehr forderte. Am selben Tag verließen die ersten seriengefertigten T-34 das Fließband des USTM, so dass die Arbeitskraft der Entwickler auf diese Aufgabe konzentriert werden konnte. Nach dem Befehl Nr. 721 des NKTP wurde beim USTM eine Sonderkonstrukteursgruppe unter der Leitung Lew Gorlizkis organisiert. Zu ihr gehörten die Ingenieure N. W. Kurin, G. F. Ksjunin, A. D. Nekljudow, K. N. Iljin, I. S. Sasanow und I. I. Emmanuilow. Der Stellvertreter des Volkskommissars der Panzerindustrie und bekannte Konstrukteur sowjetischer Panzerfahrzeuge Josef Kotin führte die persönliche Kontrolle der Arbeiten durch. Auf Basis des überarbeiteten Projekts U-34 und der Entwicklungen des Werks Nr. 9 legte die Sondergruppe am 29. Oktober den neuen Entwurf U-35 der zwischenbehördlichen Kommission der Hauptartillerieverwaltung (, abgekürzt ГАУ – GAU) und dem NKTP vor.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 196.

Ein ähnliches, vom Werk Nr. 9 selbst entwickeltes Projekt war die zweite Variante zur Vorstellung bei der zwischenbehördlichen Kommission. Für die Auswahl zwischen beiden war nur die Menge der jeweils erforderlichen Nacharbeiten und der Produktionsaufwand entscheidend. Endgültig ging der U-35 als Sieger hervor. Für den Bau des Versuchsmusters mit allen vorgeschlagenen Verbesserungen erhielten die Konstrukteure nur 20 Tage Zeit, zum 25. November sollte der Prototyp für die Tests bereit sein. L. I. Gorlizki beschrieb die Lage während der Ausführung dieser Aufgabe wie folgt:

Deshalb begannen die Werksprüfungen nicht wie geplant am 25. November, sondern erst am 30. November. Der Prototyp U-35 legte einen Marsch von 50 Kilometern zurück und gab 20 Schuss ab. Sofort zeigten sich die gravierenden Schwachpunkte der Konstruktion. Die Rohrzurrung und die Fixierung des Geschossansetzers erwiesen sich als unzuverlässig und die Ventilation des Kampfraums war schlecht. Wenn das Rohr maximal nach links oder rechts geschwenkt wurde, ergaben sich Schlitze zwischen der Panzerblende und der Frontplatte des Aufbaus. Der Beschusssektor entsprach – besonders in der Höhe – nicht den ursprünglichen Anforderungen. Ein Teil dieser Mängel wurde unverzüglich durch Montage des Turmventilators des T-34 und die Erweiterung des Schwenkbereiches der Hauptwaffe behoben. Andere Schwachstellen erforderten hingegen aufwendigere Maßnahmen, um sie zu beheben.

Die staatlichen Tests des U-35 und des alternativen Entwurfs vom Werk Nr. 592, genannt SU-122/T-3 oder SG-122, fanden vom 5. bis zum 19. Dezember 1942 auf dem Gorochowezker Artillerieschießplatz statt. Der Konkurrent war ebenfalls ein Selbstfahrartillerie-Fahrzeug – mit der gleichen Hauptwaffe wie der U-35, aber auf Basis erbeuteter Panzer III. Die Prüfungen zeigten, dass der U-35 leichter war und besseren Panzerschutz sowie bessere Geländegängigkeit besaß. Der SG-122 hingegen gewann bei der Feuergeschwindigkeit, wobei er einen größeren Erhöhungswinkel gewährleistete. Die ungewisse Anzahl von in der Zukunft noch zu erbeutenden Panzern würde jedoch eine Aussage über den möglichen Produktionsausstoß dieser Kampffahrzeuge unmöglich machen. Deshalb nahm die staatliche Kommission für den Dienst in der Roten Armee den U-35 unter der Bezeichnung SU-122 an, stellte aber gleichzeitig eine Forderungsliste mit 48 Konstruktionsverbesserungen zusammen. Infolge des akuten Bedarfs der Front erhielt das USTM die Erlaubnis, die erste Serie der SU-122 ohne Behebung der erkannten Mängel zu bauen, noch vor Ende 1942 konnte das Werk aber den Großteil der Schwächen beheben. Nur die Vorserienfahrzeuge hatten eine „unterbrochene“ Aufbaufront aus zwei Panzerplatten, eine kleine Panzerblende und besaßen keinen Ventilator und keinen Schutz für das Rundblickfernrohr. Bei den ab Januar 1943 gebauten SU-122 war die Frontpanzerung nur noch aus einer Panzerplatte hergestellt. Auch wurde eine neue Panzerblende eingeführt, die ein Eindringen von Kugeln oder Splittern durch Spalte beim größtmöglichen Seitenwinkel ausschloss. Hinzu kamen eine Reihe von weiteren, weniger bedeutenden Verbesserungen wie Kraftstofftanks mit vergrößertem Volumen.Michail N. Swirin: Die Selbstfahrartilleriefahrzeuge Stalins. Die Geschichte des sowjetischen Selbstfahrartilleriefahrzeuges 1919–1945. S. 198, 199.

Weitere Verbesserungen mini|SU-122, Seitenansicht