Zweier ohne: Die Geschichte einer bedingungslosen Freundschaft ist eine 2001 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienene Novelle von Dirk Kurbjuweit. Sie handelt von den beiden Jugendlichen Johann und Ludwig, die im Alter von elf Jahren Freunde werden. Im Lauf der Jahre wird ihre Beziehung immer enger und problematischer, bis sie an Ludwigs 18. Geburtstag mit dessen Tod endet. Die Novelle wurde 2008 verfilmt.
Entstehungsgeschichte mini|Die Mintarder-Brücke, die den Autor inspiriert hat Gemäß Klaus Will basiert Zweier ohne auf Erlebnissen, Begebenheiten und Erkenntnissen aus Dirks Kurbjuweits eigenem Leben.Klaus Will: Textanalyse und Interpretation zu Dirk Kurbjuweit Zweier Ohne. Bange Verlag, Hollfeld 2016, ISBN 978-3-8044-3097-6, S. 20 ff. (Reihe Königs Erläuterungen Spezial). Eingeflochten in sein Werk hat er seinen eigenen Artikel Magersucht. Locker, Bahne, locker über den Rudersportler Bahne Rabe, der 2001 an Magersucht starb. Außerdem verarbeitet er auf literarische Weise seine eigene Jugend sowie Leseerlebnisse im Zusammenhang mit Schillers Ballade Die Bürgschaft.
Danach gefragt, ob er für die Novelle lange recherchiert habe, meint Kurbjuweit:
Inhalt Zweier ohne erzählt die Geschichte von Johann und Ludwig, die sich mit elf Jahren kennenlernen, als Ludwig neu in Johanns Klasse kommt. Johann wünscht sich einen Freund, mit dem er seine Erlebnisse teilen kann, und er freut sich sehr, als Ludwig ihn zum Übernachten zu sich nach Hause einlädt. In jener Nacht springt ein Mädchen von der Autobahnbrücke, die über Ludwigs Haus hinwegführt, und landet tot in seinem Garten. Für Johann ist dies ein einschneidendes Erlebnis, Ludwig hingegen ist nicht beeindruckt, da sich öfter Selbstmörder von der Brücke stürzen. Ludwigs ruhiges Verhalten beeindruckt Johann. Die beiden werden Freunde.
Johann und Ludwig trainieren zusammen im Ruderclub. Da sie sich körperlich sehr ähnlich sind, rudern sie in der Leichtgewichtsklasse der Disziplin Zweier ohne. Mit 16 sind sie sehr erfolgreich, nur die eineiigen Zwillingsbrüder aus Potsdam können sie nicht besiegen. Ludwig ist überzeugt, dass sie die echten Zwillinge nur schlagen können, wenn sie selbst wie Zwillinge werden. Johann ist mit dem „Zwillingsgelübde“ einverstanden, die beiden verbringen noch mehr Zeit miteinander und teilen nicht nur alle Gedanken, sondern selbst das von Ludwig organisierte Mädchen für ihr „erstes Mal“. Ludwig dominiert die Beziehung, Johann hinterfragt Ludwigs Entscheidungen nicht.
Die beiden verbringen fast jede Minute miteinander, absolvieren Mutproben auf der Brücke, verstecken die Leiche eines Selbstmörders und stehlen das Motorrad von Ludwigs Vater für eine Spritztour, bei der sie jedoch von der Polizei erwischt werden. Johann übernimmt die Strafe von zwanzig Sozialstunden für Ludwig.
Erheblich gestört wird die scheinbar harmonische Beziehung durch das Liebesverhältnis, das Johann heimlich mit Ludwigs Schwester Vera beginnt. Nach und nach überschattet das Verhältnis die Freundschaft.
Im Frühling, bevor sie 18 werden, beginnen Johann und Ludwig, aus alten Ersatzteilen ein eigenes Motorrad zusammenzubauen. Als Ludwig seinen Führerschein bekommt, machen die beiden mit ihrem fertig gebauten Motorrad einen Ausflug. Bei einem Unfall kommt Ludwig ums Leben, Johann wird schwer verletzt.
Nach Ludwigs Tod bleiben Johann und Vera noch zwei Jahre zusammen, bis Vera den Verdacht äußert, Ludwig könnte den Unfall mit Absicht verursacht haben, um sich selbst und Johann im Tod für immer zusammenzuschweißen. Johann empfindet diese Äußerung als Verrat an seinem Freund und trennt sich von Vera.
Jahre später arbeitet Johann in der Lebensmittelabteilung eines Kaufhauses. Er ist unverheiratet und ungebunden. Die Novelle endet einen Tag vor seinem Wiedersehen mit Vera, die inzwischen in Amerika wohnt und ein Kind hat.
Form
Novelle Im Zentrum einer Novelle steht – ganz Goethes Definition gemäß – eine „sich ereignete unerhörte Begebenheit“. Im Fall von Zweier ohne handelt es sich dabei um den Tod Ludwigs, der unter außergewöhnlichen Umständen auftritt. Daneben gibt es weitere Ereignisse, die man als „unerhörte Begebenheiten“ betrachten könnte, so z. B. den Fall des Mädchens „vom Himmel“Kurbjuweit, Dirk: Zweier Ohne. Zürich, Verlag Nagel & Kimche AG 2016, ISBN 978-3-462-04026-5, S. 9. oder die Tatsache, dass die beiden Jungen eine Leiche verstecken und sie später im Fluss versenken.
Typisch für das Genre Novelle sind Leitmotive. In Zweier ohne sind dies: die Brücke, das Motorrad, das Zwillingsmotiv, der Tod.
Der zentrale Konflikt der Novelle besteht in Ludwigs Ideal einer vollkommenen Freundschaft und im Zwillingsgelübde, welches zu scheitern droht. Wie häufig in einer Novelle ähnelt der Aufbau der Handlung von Zweier ohne dem eines Dramas. Phase Beschreibung Novelle Exposition Einführung in die Handlung, die Zeit, den Raum, die Personen und Konflikte Kap. 1 erregendes Moment Steigerung der Handlung und die Entfaltung des Konfliktes Kap. 2+3 Höhepunkt, Peripetie Höhepunkt der Handlung und Wendepunkt ins Negative Kap. 4+5 retardierendes Moment Verzögerung der Katastrophe, Scheinlösung Katastrophe Katastrophe, Epilog mit Handlungserklärung Kap. 6 Dabei ist die Katastrophe (Ludwigs Tod) pointiert als klarer Höhepunkt dargestellt.
Im Gegensatz zu den meisten Novellen steht, dass mehr als ein einziges Ereignis behandelt wird und die Ereignisse nicht chronologisch erzählt werden. Novellentypisch wäre eine klare, straffe, chronologische Erzählung. Untypisch ist zudem auch, dass keine eigentliche Rahmenhandlung vorliegt, sondern die Ereignisse vom erwachsenen Johann rückblickend erzählt werden.
Erzähltechnik und Sprache In der Novelle dominiert das personale Erzählverhalten. Die Geschehnisse werden aus Johanns Sicht erzählt, und zwar „ganz aus der Sicht der damaligen Zeit“.Klaus Will: Textanalyse und Interpretation zu Dirk Kurbjuweit Zweier Ohne. Bange Verlag, Hollfeld 2016, ISBN 978-3-8044-3097-6, S. 86 (Reihe Königs Erläuterungen Spezial). Zusammen mit der Perspektivenfigur Johann erleben die Lesenden das Adoleszenzdrama aus nächster Nähe mit.
Ergänzt wird diese direkte Wiedergabe der Handlung durch eine auktoriale Ebene. Diese besteht aus Kommentaren und Vorausdeutungen aus der Perspektive des älteren Johann. So relativiert er seine Aussagen immer wieder oder betont, dass er sich nicht genau erinnere: „Ich weiß nicht mehr“ (31), „wenn ich mich richtig erinnere“, „es kann sein, dass …“ (S. 40), „wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht“ (S. 91). Auf diese Weise entstehen Leerstellen, die der Leser interpretieren muss. „Dieser Erzählrahmen verdeutlicht neben der Subjektivität auch die Unzuverlässigkeit des Erzählers.“Roth-Züfle, Sabine: Interpretationen Deutsch, Dirk Kurbjuweit Zweier ohne. Freising, Stark Verlag 2013, ISBN 978-3-86668-851-3, S. 53.
Deutung
Figuren
Johann
Johann ist der Ich-Erzähler der Geschichte. Er erzählt die Geschichte viele Jahre später aus seiner subjektiven Sicht. Er lebt zu Beginn der Novelle mit seinen Eltern, nach der Scheidung der Eltern allein mit seiner Mutter in einer Kleinstadt an einem Stausee. Als Ludwig in seine Klasse kommt, sind die beiden elf Jahre alt. Johann ist sofort fasziniert von Ludwigs selbstbewusstem Auftreten und freundet sich mit ihm an. Fünf Jahre später lässt er sich auf ein „Zwillingsgelübde“ mit Ludwig ein. „Ich sah nicht schlecht aus damals, war zwar nicht größer als die anderen, aber kräftiger, trainierter. Ich galt als nett, umgänglich, fair. Es wäre nicht schwer gewesen, ein Mädchen zu finden. Das Problem war die Vereinbarung, die Ludwig und ich getroffen hatten. Wobei ich von einem Problem gar nicht sprechen möchte, denn es war natürlich richtig, dass wir uns entschieden hatten, wie Zwillinge zu werden. Vielleicht ist das nicht treffend ausgedrückt: Wir wollten Zwillinge sein“ (S. 39, hier und im Folgenden zitiert nach: Zweier ohneKurbjuweit, Dirk: Zweier Ohne. Zürich, Verlag Nagel & Kimche AG 2016, ISBN 978-3-462-04026-5.). Mit der Zeit wird immer offensichtlicher, dass die Freundschaft nicht gleichberechtigt funktioniert, sondern dass sich Johann Ludwigs Wünschen unterordnet. Gleichzeitig beginnt Johann eine Beziehung mit Vera, die er vor Ludwig geheim hält.
Ludwig
Ludwig ist ein mittelgroßer Junge mit blonden, fast weißen Haaren. Er wohnt mit seinen Eltern und seiner Schwester Vera in einem Haus unter einer Autobahnbrücke etwas außerhalb des Städtchens. Er tritt selbstsicher und schlagfertig auf und beeindruckt Johann durch seinen selbstverständlichen Umgang mit Toten. In der ersten Nacht, die Johann bei Ludwig verbringt, erkennt er: „Niemals zuvor hatte mich etwas so beeindruckt wie jene selbstverständliche Geste, mit der er dem Mädchen die Augenlider schloss. […] Man braucht einen Freund gegen die Angst. Ludwig konnte mir gegen die schlimmste meiner Ängste helfen.“ (S. 34 f.)
Als Johann und Ludwig 17 sind, organisiert Ludwig ein Mädchen, mit dem die beiden ihr „erstes Mal“ erleben. Ludwig verbringt jedoch nicht viel Zeit mit ihr; er scheint sich nicht viel aus Mädchen zu machen. Dafür ist er besitzergreifend, wenn es um seine Freundschaft mit Johann geht. Er bringt Johann dazu, sich sowohl von seinem alten Schulfreund Marco wie auch von seiner Mutter zu distanzieren. Immer wieder fordert er Johann zu Mutproben heraus.
Körperlich sind sich Johann und Ludwig sehr ähnlich: „Wir hatten gute Voraussetzungen für den Zweier ohne, wir waren gleich groß, gleich schwer, gleich kräftig, technisch gleich begabt, und wir waren Freunde, wir dachten gleich.“ (S. 47)
Vera
Vera ist Ludwigs jüngere Schwester. Johann beschreibt sie als „sehr dünn, groß und dünn. Sie war blond, aber nicht so weiß wie Ludwig.“ (S. 31). Vera unterhält sowohl mit Johann als auch mit ihrer besten Freundin Flavia eine sexuelle Beziehung.
Symbole und Motive
Ruderboot
Pfäfflin,Sabine Pfäffli: Auswahlkriterien für Gegenwartsliteratur im Deutschunterricht. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2007, ISBN 978-3-8340-0302-7, S. 82. Will,Klaus Will: Textanalyse und Interpretation zu Dirk Kurbjuweit Zweier Ohne. Bange Verlag, Hollfeld 2016, ISBN 978-3-8044-3097-6, S. 77 (Reihe Königs Erläuterungen Spezial). und Roth-ZüfleRoth-Züfle, Sabine: Interpretationen Deutsch, Dirk Kurbjuweit Zweier ohne. Freising, Stark Verlag 2013, ISBN 978-3-86668-851-3, S. 72 f. sind sich einig, dass das Ruderboot ein Symbol für Ludwigs und Johanns Freundschaft ist. Das zeigt sich an der Wahl des Bootes, da es keinen Steuermann braucht, sondern nur für zwei Personen geeignet ist. Dies widerspiegelt die Freundschaft der beiden, da auch hier kein Dritter willkommen ist. Marco und Josephine schaffen es beide nicht in den Freundesbund. Vera, die in die Freundschaft eindringt, zerstört sie.
Ein Zweier ohne steht für Gleichklang und Einheit, die in der Zwillingsbeziehung eine große Rolle spielt: „Auch das Zwillingsgelübde ergibt sich aus dem gemeinsamen Rudern […].“ Nach einer zweifachen Niederlage gegen Zwillingsbrüder meint Ludwig: „Wenn wir sie schlagen wollen, müssen wir auch Zwillinge sein.“ (S. 48)
Die Harmonie wird im Verlauf der Geschichte mehrfach durch Ludwigs Dominanz gestört, welcher auch im Zweier ohne der „Schlagmann ist, der das Tempo vorgibt.“
Motorrad
Das Motorrad ist als Leitmotiv dem Zweier ohne sehr ähnlich und hat dieselbe symbolische Bedeutung. Das verdeutlicht die folgende Textstelle: „Ein Motorrad, sagte Ludwig, ist wie ein Zweier ohne, zwei Leben, ein Schicksal.“ (S. 91).
Brücke