mini|Der Palazzo Soranzo Cappello in Venedig Die Aspern-Schriften ist ein Roman von Henry James. Er handelt von der vergeblichen Jagd nach der privaten Hinterlassenschaft eines berühmten Schriftstellers. Der Schauplatz ist Venedig.

Die englischsprachige Originalausgabe wurde unter dem Titel The Aspern Papers erstmals von März bis Mai 1888 in der Zeitschrift Atlantic Monthly veröffentlicht; die New Yorker Gesamtausgabe der Werke James' erschien in den Jahren 1907 bis 1918 und basiert auf Revisionen, die der Schriftsteller in den Jahren 1906 bis 1910 vornahm. Unter anderem änderte er damals den Namen einer der Hauptpersonen der Aspern-Schriften von Tita in Tina. Übersetzungen ins Deutsche sind unter den Titeln Asperns Nachlaß und Die Aspern-Schriften erschienen. Der Roman wurde auch für die Bühne adaptiert und mehrmals verfilmt.

Inhalt Ein namen-, alters- und gesichtsloser Ich-Erzähler, Amerikaner, Literaturwissenschaftler und Herausgeber, ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts zusammen mit seinem Partner John Cumnor auf der Suche nach Lebenszeugnissen des romantischen Dichters Jeffrey Aspern, dessen Werke die beiden bereits herausgegeben haben. Aspern, dem sie ungefähr den Rang Shakespeares zusprechen, war um 1820 aktiv, ist jung verstorben und muss sich einst ungewöhnlicher Erfolge bei vielen Frauen erfreut bzw. große Mühe gehabt haben, sich diesen gegebenenfalls unter Wahrung der Höflichkeitsformen zu entziehen. Der Ich-Erzähler fühlt sich bei der Lektüre der Briefwechsel, die ihm schon in die Hände geraten sind, an Orpheus unter den Mänaden erinnert. Rückblickend ist er höchst erstaunt, nicht früher erfahren zu haben, dass gerade eine besonders wichtige der Musen, die ihre Spuren in Asperns literarischer Produktion hinterlassen haben, noch am Leben ist: Juliana Bordereau, die sich zusammen mit einer Nichte oder Großnichte in Venedig niedergelassen hat und dort schon seit etlichen Jahren ein sehr zurückgezogenes Leben führt.

Henry James macht sich und dem Leser das Vergnügen, in einer Art Kammerspiel in neun Kapiteln vorzuführen, wie der Held, der in seiner Verehrung für Aspern durchaus auch bereit ist, sehr unlautere Methoden anzuwenden, um an die Briefe und anderen Papiere zu gelangen, die die alte Dame seiner Vermutung nach noch besitzt, grandios scheitert.

Briefliche Anfragen Cumnors, der sich derzeit in London aufhält, haben nur zu einer schroffen Ablehnung geführt, die von der Hand der Nichte in wenigen Zeilen niedergeschrieben wurde. Doch selbst diese Ablehnung bestärkt den Ich-Erzähler noch in seiner Annahme, es müssten noch Dokumente aus der Zeit der Beziehung zwischen „Juliana“ und Aspern vorhanden sein. Denn, so argumentiert er seiner mütterlichen amerikanischen Freundin Mrs. Prest gegenüber, wenn dem nicht so wäre, so hätte die Dame nicht die vertrauliche Formulierung „Mr. Aspern“ in ihrem Brief verwendet.

Mrs. Prest, die bereits seit einigen Jahren in Venedig lebt und dort Gutes tut, speziell in den Kreisen ihrer Landsleute, hat einmal im Haus der Bordereaus vorgesprochen, wurde aber von der Nichte, Miss Tina, kurz abgefertigt. Immerhin kennt sie aber den Palazzo, in dem die beiden Damen ihr zurückgezogenes Leben führen, und hat dem Ich-Erzähler auch einen Vorschlag gemacht, wie ein Kontakt herzustellen sei: Er soll sich in dem weitläufigen Gebäude einmieten und so schließlich das Vertrauen der Damen gewinnen. Zu Beginn der Erzählung, etwa Anfang Mai, ist sie auch mit ihrem Schützling in ihrer Gondel in die Nähe des Palazzos gefahren, und noch in der Gondel offenbart sich dieser: „Ich kann nur an meine Beute gelangen, wenn ich ihr Misstrauen zerstreue, und ich kann ihr Misstrauen nur dadurch zerstreuen, dass ich geschickte Kunstgriffe anwende. Scheinheiligkeit, Doppelzüngigkeit sind meine einzige Chance. Es tut mir leid, aber es gibt keine Niederträchtigkeit, die ich nicht um Jeffrey Asperns willen begehen würde.“Henry James, Die Aspern-Schriften, übersetzt von Bettina Blumenberg, München, 5. Auflage 2015, ISBN 978-3-423-13337-1, S. 16. Auch die weiteren Zitate aus dem Roman stammen aus dieser Ausgabe. Er hat sich bereits Visitenkarten mit einem falschen Namen zugelegt und ist bereit, der Nichte der alten Dame den Hof zu machen, was Mrs. Prest mit den Worten kommentiert, er solle lieber abwarten, bis er diese Nichte zu Gesicht bekomme.

Als der Ich-Erzähler den Palazzo betrachtet, kommt ihm die entscheidende Idee: Anders als die meisten anderen Gebäude Venedigs besitzt die Wohnstatt der beiden Damen einen Garten. Dieser Garten muss als Vorwand für sein Mietgesuch herhalten, mit dem er den Damen Bordereau ins Haus fällt.

Dies geschieht im zweiten Kapitel. Der Ich-Erzähler wird von dem Dienstmädchen Olimpia eingelassen, dem er einige Zeilen in italienischer Sprache an ihre Herrschaften in die Hand drückt, in denen er um eine kurze Unterredung bittet. Tatsächlich kommt ihm Miss Tina in den großen Durchgangssaal im ersten Stock des Palazzos entgegen. „Ihr Gesicht war nicht jung, aber es wirkte offen; es hatte keine Frische, war aber klar. Sie hatte große Augen, die nicht glänzten, üppiges Haar, das nicht frisiert war, und lange, feingliedrige Hände, die - möglicherweise - nicht sauber waren. Fast krampfartig rang sie diese langen Glieder [...]“Die Aspern-Schriften, S. 24 Miss Tina behandelt den Besucher, als habe er die Macht, ihr den geliebten, wenn auch vernachlässigten Garten wegzunehmen. Der Ich-Erzähler verspricht aber, als Haus- und Gartengenosse möglichst wenig zu stören und überdies ein Meer von Blumen pflanzen zu lassen. Auch meint er, nachdem Miss Tina die sehr begrenzten finanziellen Mittel erwähnt hat, die ihrer Tante und ihr zur Verfügung stehen und die über einen Anwalt aus Amerika überwiesen werden, der Verzicht auf eine solche Vermietung sei doch wirtschaftlich höchst unklug. „Ich erkannte sofort, dass noch nie jemand in einer solchen Weise mit der guten Dame gesprochen hatte - mit einer humorvollen Entschlossenheit, die Mitgefühl nicht ausschloss, die vielmehr darauf gegründet war. Sie hätte mir ohne weiteres sagen können, dass sie mein Mitgefühl als unverschämt empfände, doch glücklicherweise kam ihr das nicht in den Sinn. Ich verließ sie in dem Einvernehmen, dass sie die Frage ihrer Tante unterbreiten wollte [...]“Die Aspern-Schriften, S. 30

Mrs. Prest versetzt ihm einen Dämpfer, als er darüber triumphiert: „Sie bilden sich ein, Sie hätten innerhalb von fünf Minuten einen so tiefen Eindruck auf die Frau gemacht [...] Wenn Sie tatsächlich dort Einlass finden, werden Sie es sich als Sieg anrechnen.“Die Aspern-Schriften, S. 30 Der Ich-Erzähler rechnet sich dies tatsächlich als Erfolg an, fügt aber hinzu, dies gelte „nur für den Herausgeber des Werkes, nicht für den Mann, für den persönliche Eroberungen nicht zu seinen Gepflogenheiten gehörten.“Die Aspern-Schriften, S. 31

Am nächsten Tag macht er Juliana Bordereau seine Aufwartung und ist sehr aufgeregt, weil er immer noch die Aura des von ihm vergötterten Dichters um die etwa Hundertjährige zu verspüren glaubt.

Im dritten Kapitel spricht diese zum ersten Mal und überrascht ihren Besucher mit ihrer Sachlichkeit und ihrem Verhandlungsgeschick. Sie vermietet ihm einige Räumlichkeiten im Palazzo zum Zwanzigfachen des üblichen Preises auf drei Monate, ohne dass er die Zimmer überhaupt gesehen hat, und er muss versprechen, das Geld – in Gold – am nächsten Tag bereits abzuliefern. Einen Handschlag, um dieses Geschäft abzuschließen, verweigert sie ihm. Er wird die alte Dame überhaupt nie berühren dürfen, was ihm wichtig wäre, da sie ja einst Aspern berührt hat. Aber das Äußerste, was sie viele Wochen später gestatten wird, wird sein, dass er ihren Rollstuhl durch den Saal schiebt. Miss Tina zeigt ihm immerhin, ehe er das Haus verlässt, die verwahrlosten Räume im zweiten Stock, in denen er wohnen wird, und erklärt ihm, dass die hohen Mieteinnahmen für sie, Tina, bestimmt seien, da die Tante mit ihrem baldigen Ableben rechne.

Bis zu Mrs. Prests Abreise in die Sommerfrische – es ist mittlerweile Mitte Juni – hat der Erzähler, wie er zu Beginn des vierten Kapitels erwähnt, noch keinerlei Fortschritte im Verhältnis zu den beiden Damen Bordereau erzielt. Dennoch ist er nicht unzufrieden: „Ich sah voraus, dass ich einen Sommer vor mir hatte, der ganz meinem Literatenherzen entsprach, und mein Sinn für das Spiel mit meinen Möglichkeiten war trotz allem sehr viel ausgeprägter als mein Sinn dafür, dass man mit mir spielen könnte [...]“Die Aspern-Schriften, S. 54 Er genießt das Leben im sommerlichen Venedig in dem Gefühl, den Genius Asperns heraufbeschworen zu haben und sich mit den Künstlergenerationen verbunden zu haben, die in der Vergangenheit für Schönheit gesorgt haben. Auch der Garten, den so zu lieben er behauptet hat, entwickelt sich, als der Hochsommer herannaht, endlich so, wie er soll: „Mit Lilien würde ich gegen die alten Damen anstürmen - mit Rosen würde ich ihre Festung bombardieren.“Die Aspern-Schriften, S. 58 Er verbringt viel Zeit damit, sich die Schicksale der jungen Juliana Bordereau auszumalen und über Aspern zu sinnieren, der zwar intensive Beziehungen zu Europa gepflegt habe, aber letztlich doch als einer der ersten amerikanischen Schriftsteller zu gelten habe. Seine Hochschätzung Asperns beruhe darauf, „dass er zu einer Zeit, als unser Herkunftsland nackt, roh und provinziell war [...], Mittel und Wege gefunden hatte, zu leben und zu schreiben wie einer der Ersten; frei und großzügig und völlig unerschrocken zu sein; alles zu empfinden, zu verstehen und zum Ausdruck zu bringen.“Die Aspern-Schriften, S. 64 f.

Es wird sehr heiß. Im Palazzo ist es abends kaum auszuhalten, zumal man keine Lampe anzünden kann, ohne Scharen von Insekten anzulocken. Der Ich-Erzähler gewöhnt sich an, seine Abende auf dem Markusplatz im Café Florian zu verbringen. Mitte Juli kommt er, so wird zu Beginn des fünften Kapitels berichtet, ausnahmsweise einmal früher nach Hause als sonst und trifft die arme Miss Tina, wie er die Nichte meistens nennt, im Garten an. Seit Wochen hat er beide Damen tagtäglich mit großen Blumensträußen beschenkt. Nun erklärt er der Nichte, dass diese Blumen nicht nur für die alte Tante bestimmt waren, bleibt bis nach Mitternacht mit ihr im Garten und fragt sie aus, wird aber seinerseits auch von Miss Tina befragt. Als er schließlich damit herauskommt, dass er an Material über Aspern interessiert ist, verlässt sie ihn mit einem Schreckensruf und lässt sich die nächsten vierzehn Tage nicht mehr sehen. Der Ich-Erzähler, dessen Geduld allmählich überstrapaziert ist, stellt nach einigen Tagen die Blumengrüße für die beiden Damen ein. mini|Piazza San Marco und Caffè Florian Dies hat zur Folge, dass die Nichte ihm bei der nächsten Begegnung, zu Beginn des sechsten Kapitels, ausrichtet, ihre Tante erwarte seinen Besuch. Diese bedankt sich jetzt, nachdem die Sendungen abgebrochen sind, erstmals für die Blumen und erreicht, dass der Ich-Erzähler verspricht, sie ab sofort wieder mit Blumen zu beschenken. Außerdem schlägt sie ihm vor, Miss Tina auf Ausflüge durch Venedig mitzunehmen. Einige Tage später fährt er tatsächlich mit Miss Tina in seiner Gondel durch Venedig. Auf der Piazza San Marco erklärt ihm diese dann, dass ihre Tante befürchtet, er könne fortgehen. Dadurch kommt das Gespräch wieder auf die Gründe, die er hat, in Venedig und in dem alten Palazzo zu bleiben. Er spricht Miss Tina gegenüber die Befürchtung aus, dass ihre Tante die Dokumente, die ihm so wichtig sind, vor ihrem Tod vernichten könnte, und erhält von ihr das Versprechen, sie werde tun, was sie könne, um ihm zu helfen.