mini|Lage der Landwirtschaftsbetriebe im Interessengebiet des KZ Auschwitz mini|Luftaufnahme eines Teils des SS-Interessengebietes durch die South African Air Force vom 31. Mai 1944

Die Landwirtschaftsbetriebe des KZ Auschwitz bestanden von Dezember 1941 bis zur kriegsbedingten Räumung des Lagerkomplexes im Januar 1945 während des Zweiten Weltkrieges im deutsch besetzten Polen. Sie befanden sich im Interessengebiet des KZ Auschwitz, das in seiner größten Ausdehnung 40 Quadratkilometer umfasste. Die Einrichtung dieser Landwirtschaftsbetriebe wurde von Reichsführer-SS Heinrich Himmler angeordnet, um ein Musterbeispiel für die landwirtschaftliche Nutzung zukünftig durch das nationalsozialistische Deutsche Reich okkupierter Ostgebiete zu schaffen. Nach der Vertreibung der ortsansässigen polnischen Bevölkerung entstanden insgesamt sechs Landwirtschaftsbetriebe unter der Leitung von SS-Führer Joachim Caesar mit angeschlossenen Nebenlagern. Tausende weibliche und männliche KZ-Häftlinge mussten in diesen landwirtschaftlichen Produktions- und Zuchtbetrieben unter insgesamt menschenverachtenden und todbringenden Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Die meisten dort eingesetzten Häftlinge wurden täglich in Arbeitskommandos aus dem KZ Auschwitz I (Stammlager) und dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zum Einsatz in der Landwirtschaft geführt, ein kleiner Teil war in den Nebenlagern der Landwirtschaftsbetriebe untergebracht. Die Arbeits- und Existenzbedingungen variierten je nach Tätigkeit, Kommandozugehörigkeit sowie Unterbringung und basierten auf Vernichtung durch Arbeit.

Beginn der Landwirtschaft beim KZ Auschwitz Bald nach der Einrichtung des Stammlagers des KZ Auschwitz wurde von Mitte Juni 1940 bis zum Frühjahr 1941 die ortsansässige polnische Bevölkerung bis auf wenige Ausnahmen aus der Umgebung des Lagers durch die deutschen Besatzer vertrieben. Bereits im Juli 1940 deklarierte der örtlich zuständige Höhere SS- und Polizeiführer Erich von dem Bach-Zelewski im Zuge dieser „Aussiedlungsaktionen“ in einem Umkreis von fünf Kilometern rund um das Lager ein Sperrgebiet, das schließlich zum Interessengebiet des KZ Auschwitz wurde. Zunächst waren sicherheitspolitische Aspekte für die Vertreibungsaktion maßgeblich, um Häftlingsfluchten sowie Fluchthilfe durch die einheimische Bevölkerung zu verhindern und um den Lagerbereich vor der polnischen Bevölkerung abzuschotten. Zunehmend spielten in diesem Zusammenhang jedoch auch ökonomische Erwägungen eine Rolle, da die SS das lagerumgebende Gebiet landwirtschaftlich nutzen wollte.Angelika Königseder: Die Entstehung des Lagers und das „Interessengebiet“ Auschwitz. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck Verlag, München 2007, S. 83.

Schon ab Sommer 1940 leitete die Lager-SS die Übernahme der zwangsweise zurückgelassenen Besitztümer vertriebener polnischer Landwirte ein. Die Bewirtschaftung der verlassenen Höfe, die Nutzung brachliegender landwirtschaftlicher Nutzflächen und die Versorgung des Viehbestandes mussten mobile Häftlingskommandos im Rahmen von Zwangsarbeit leisten. Eine geplante und umfassende Nutzung des lagerumgebenden Gebiets für landwirtschaftliche Zwecke setzte im Frühjahr 1941 nach einer Lagervisite des Reichsführer-SS Heinrich Himmler ein.Aleksander Lasik: Die Organisationsstruktur des KL Auschwitz. In: Aleksander Lasik, Franciszek Piper, Piotr Setkiewicz, Irena Strzelecka: Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Band I: Aufbau und Struktur des Lagers. Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oświęcim 1999, S. 276.

Planung und Bau der Landwirtschaftsbetriebe Der Lagerkommandant Rudolf Höß legte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in polnischer Haft eine schriftliche Aufzeichnung über den Reichsführer-SS Heinrich Himmler nieder, der nach dem Ersten Weltkrieg ein landwirtschaftliches Studium absolviert hatte. In diesem Zusammenhang schilderte Höß folgende Begebenheit während eines mündlichen Vortrages bei Himmler im November 1940 bezüglich der Aufbauschwierigkeiten des KZ Auschwitz:

Während einer Inspizierung des KZ Auschwitz am 1. März 1941 bekräftigte Himmler sein Vorhaben, auf den das Konzentrationslager umgebenden Flächen landwirtschaftliche Großbetriebe zu errichten, um ein Musterbeispiel für die landwirtschaftliche Nutzung zukünftig durch das nationalsozialistische Deutsche Reich okkupierter Ostgebiete zu schaffen. Angehörige der in Kattowitz befindlichen Zweigstelle des Reichskommissars zur Festigung deutschen Volkstums planten im Zuge der nationalsozialistischen Germanisierungspolitik im Interessengebiet eine deutsche Siedlungslandschaft.Angelika Königseder: Die Entstehung des Lagers und das „Interessengebiet“ Auschwitz. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck Verlag, München 2007, S. 85. Im März/April des Jahres 1941 wurden die Einwohner der Dörfer Pławy (deutsch Plawy), Babice (deutsch Babitz), Broszkowice (deutsch Broschkowitz), Brzezinka (deutsch Birkenau), Budy (Vorwerk von Brzeszcze), Harmęże (deutsch Harmense) und Rajsko (deutsch Raisko) vertrieben. Die polnischen Einwohner wurden ins so genannte Generalgouvernement verbracht oder mussten nach Oświęcim (deutsch Auschwitz) zu Verwandten beziehungsweise dort in Häuser ziehen, deren ehemalige jüdische Bewohner Opfer der NS-Judenverfolgung wurden. Häftlingskommandos mussten danach zur Erschließung des Geländes in Schwerstarbeit den Großteil der Gebäude in der Umgebung des Konzentrationslagers abbrechen, um für den Lagerausbau Baumaterial zu gewinnen, sowie das sumpfige Gelände entwässern und Straßen anlegen. In der Folge mussten aus Häftlingen bestehende Baukommandos eine Geflügelfarm in Plawy, einen Gartenbaubetrieb in Raisko sowie Wirtschaftshöfe in Budy, Babitz, Birkenau und Harmense aufbauen. Später entstanden bei den Landwirtschaftsbetrieben noch Nebenlager.Angelika Königseder: Die Entstehung des Lagers und das „Interessengebiet“ Auschwitz. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme. C. H. Beck Verlag, München 2007, S. 85f.

Während der Aufbauphase der landwirtschaftlichen Großbetriebe kam es mehrfach zu Treffen von Höß mit Vertretern der lokalen Zivilverwaltung, dabei ging es um konkurrierende Vorstellungen über die Flächennutzung im SS-Interessengebiet und dessen Grenzen. Zwei seitens der Zivilverwaltung geplante Wehrbauernhöfe für Beschäftigte der I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz (Zweigstelle des neuen Buna-Werks) sollten nicht realisiert werden, wie Höß bei einem erneuten Treffen im Herbst 1941 erläuterte: Stattdessen sollten auf Weisung Himmlers Großgüter bei Babitz und Harmense entstehen und darüber hinaus sei „im Süden des jetzigen KZ-Lager-Bereichs und in Erweiterung dieses Bereichs im Gebiet von Raisko“ auch „die Schaffung von vier Bauernhöfen von je etwa 300 Morgen als Musterhöfe vorgesehen“.Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8, S. 91.

Im Zuge des sich ständig erweiternden Lagerkomplexes Auschwitz lag die Planung landwirtschaftlicher Bauvorhaben bei der Abteilung Landwirtschaft, die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz war jedoch auf dieser Grundlage für entsprechende Entwürfe und deren Ausführung verantwortlich.Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8, S. 139. Am 17. Juli 1942 kam Himmler in Begleitung des Chefs der SS-Bauleitung im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (SS-WVHA) Hans Kammler und des Gauleiters von Oberschlesien Fritz Bracht ein zweites Mal nach Auschwitz, um den Lagerkomplex zu inspizieren. Zunächst gab Lagerkommandant Höß den Besuchern mittels Kartenmaterial Auskunft über die Struktur und den Zustand des Lagerkomplexes. Anschließend referierte Kammler in der Zentralbauleitung mittels Plänen und Modellen über geplante und bereits begonnene Bauvorhaben im Interessengebiet. Die Besuchergruppe verschaffte sich im gesamten Interessengebiet einen Überblick, eingeschlossen die Landwirtschaftsbetriebe und die entsprechenden Infrastrukturarbeiten. Während seiner Inspektion wohnte Himmler auch der Vergasung holländischer Juden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bei.Danuta Czech: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945. Hamburg 1989, S. 250. Im November 1942 konferierten Kammler und die Abteilung Landwirtschaft bei der Zentralbauleitung in Auschwitz über den Ausbau der Landwirtschaftsbetriebe. Kammler setzte in dem Zusammenhang den „Häftlingseinsatz“ in Bezug zum „Fortschritt der Arbeit“.Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8, S. 195. Als Resultat dieser Beratung wurden Bauvorhaben wie die Errichtung eines „Melk- und Schutzschuppens“ und eines „Fohlenhofs“ beschlossen. Zudem wurde der als zu kostenintensiv eingestufte Bau eines geplanten Entenhauses verworfen. Der Angehörige der Zentralbauleitung Dietrich Kamann hielt den Fortschritt der Bauarbeiten im KZ Auschwitz fotografisch fest, darunter auch den Aufbau der Landwirtschaftsbetriebe.Niels Gutschow: Ordnungswahn. Architekten planen im „eingedeutschten Osten“ 1939–1945. Gütersloh 2001, ISBN 3-7643-6390-8, S. 195. Diese Fotografien sind im überlieferten Album der Zentralbauleitung enthalten.Philipp Weigel: Schrecken erzieht nicht: Zum Einsatz von Fotografien in den Ausstellungen polnischer Shoah-Gedenkstätten. In: Jörg Ganzenmüller, Raphael Utz: Gedenkstätten zwischen Mahnmal und Museum. Böhlau-Verlag, Köln/Weimar/Wien 2016, S. 61f.

Organisationsstruktur der landwirtschaftlichen Betriebe Schon 1940 wurden SS-Männer zum KZ Auschwitz versetzt, die dort eine landwirtschaftliche Abteilung aufbauten, organisierten und die in der Landwirtschaft eingesetzten Häftlinge beaufsichtigten. Dieser ständig mit weiterem Personal vergrößerten landwirtschaftlichen Abteilung gehörten 1941 bereits 20 Angehörige der Lager-SS an. Von Beginn an wurde diese Abteilung von Reinhard Thomsen geleitet. Als Abteilung V6 – Landwirtschaft unterstand sie der Abteilung IV (Verwaltung) des Konzentrationslagers, die später als Standortverwaltung bezeichnet wurde.