mini|240px|Henrik Ibsen, fotografiert von Gustav Borgen mini|240px|Titelseite des Originalmanuskriptes
Ein Volksfeind (norwegisch: En Folkefiende) ist ein gesellschaftskritisches Drama des norwegischen Schriftstellers Henrik Ibsen aus dem Jahr 1882. Leitmotive sind Wahrheit und Freiheit sowie Mehrheit und Recht. Besonders beanstandet Ibsen die öffentliche Meinung, die oft als Wahrheit akzeptiert werde. Er schrieb Ein Volksfeind als Antwort auf die Kritik an seinen Dramen Nora oder Ein Puppenheim und Gespenster. Beide wurden zu seiner Zeit als skandalös betrachtet, da sich Ibsen gegen die herrschenden Konventionen wandte.Wilhelm Hans: Ibsens Selbstporträt in seinen Dramen. C. H. Beck, München 4. Aufl. 1911, S. 117, in Bezug auf Gespenster. Ibsens letztes Gesellschaftsdrama Ein Volksfeind hatte, wie von ihm erwartet, trotz des brisanten Themas beim Publikum und der Theaterkritik Erfolg und wird auch heute noch häufig aufgeführt und als Schullektüre eingesetzt.Fach Deutsch. Unterrichtsmodell. Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. Erarbeitet von Christine Mersiowsky. Braunschweig / Paderborn / Darmstadt 2009, S. 71, 73; dort Zitate von Horst Bien: Henrik Ibsens Realismus. Zur Genesis und Methode des klassischen realistischen Dramas. Berlin 1970, S. 13
Inhalt des naturalistischen Schauspiels ist der Konflikt zwischen einem Badearzt und den Honoratioren sowie der Bürgerschaft eines norwegischen Kurortes. Die wirtschaftlich stark vom Kurbad abhängige Stadt diffamiert den Badearzt als einen Volksfeind. Denn er will ein wissenschaftliches Gutachten veröffentlichen, wonach das Wasser des Kurbads verseucht ist. Schließlich kommt er zu dem Schluss, dass die gesamte Gesellschaft vergiftet sei, da sie auf dem „Boden der Lüge ruht“.S. 111, Zn. 3162–3173. Er behauptet, die „kompakte, liberale“ und „geschlossene Mehrheit“ sei der „gefährlichste Feind der Wahrheit und der Freiheit.“Ein Volksfeind. AbiBox Deutsch. Textbuch zum Schülerarbeitsbuch Wissen und Verantwortung. Niedersachsen und Schleswig-Holstein, Verlag Brinkmann-Meyhöfer, Hannover 2010, S. 114, Zn. 3279–3283.
Der Protagonist kämpft gegen die irrationalen Tendenzen der Massen sowie das scheinheilige und korrupte politische System, das diese unterstützen. Ein Volksfeind ist das Drama eines tapferen Mannes, der versucht, das Richtige im Namen der Wahrheit in einem Umfeld extremer sozialer Intoleranz zu tun. Doch alle Figuren weisen Brüche und Widersprüche auf, sodass die Grenzen zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge nicht eindeutig sind.
Das Stück hat fünf Aufzüge und wurde erstmals am 13. Januar 1883 am Christiania Theater in Oslo aufgeführt.Marion Siems: Reclams neuer Schauspielführer. Stuttgart 2005, aktualisiert und erweitert 2010, S. 280. Die deutsche Erstaufführung fand 1890 durch die neu gegründete Freie Volksbühne Berlin statt.
Aufbau des Dramas und kritisch-realistische Methode Ibsen konstruiert sein Schauspiel weitgehend nach der antiken Dramatheorie des Aristoteles, lässt allerdings das Ende offen. Er überträgt die bereits in der Literatur entwickelte kritisch-realistische Methode auf das Theater und ermöglicht damit eine ökonomische, soziale, politische Analyse der bürgerlichen Gesellschaft verbunden mit komplexen widersprüchlichen individuellen Figurenzeichnungen, so weit wie möglich an der Wirklichkeit (Naturalismus) orientiert. Durch die Aufnahme epischer Anklänge, nach Aristoteles unerwünscht, eröffnet er einen weiteren historischen Horizont als im traditionellen Drama möglich. Er zeigt Probleme in der Vergangenheit als Quelle für den gegenwärtigen Konflikt auf. Außerdem benutzt er verschiedene Sprachebenen und formuliert ausführliche Regieanweisungen, um sich möglichst der Realität anzunähern. Mit all dem weist er auf verschiedene Richtungen des modernen Theaters im 20. Jahrhundert hin.Fach Deutsch. Unterrichtsmodell. Henrik Ibsen: Ein Volksfeind. Erarbeitet von Christine Mersiowsky. Braunschweig / Paderborn / Darmstadt 2009, S. 71, 73; dort Zitate von Horst Bien: Henrik Ibsens Realismus. Zur Genesis und Methode des klassischen realistischen Dramas. Berlin 1970, S. 9f, 81f, 156
Handlung Das Drama spielt in einer Küstenstadt im südlichen Norwegen. Der Ort lebt vom Tourismus, nicht zuletzt durch das neue Bad, welches der Stadtvogt als die „vornehmste Lebensquelle der Stadt“S. 9, Zn. 100. bezeichnet. Protagonist ist der Badearzt Dr. Thomas Stockmann. Er lebt zusammen mit seiner Frau Kathrine („Käte“S. 14, Zn. 253.), der Tochter Petra, von Beruf Lehrerin, und den beiden Söhnen Eilif (13 Jahre) und Morten (10 Jahre) seit einiger Zeit im Kurort. Antagonist ist der Stadtvogt und Vorsitzende der Badeverwaltung Peter Stockmann, der ältere Bruder des Doktors.S. 5.
Die Entdeckung – 1. Akt Die Handlung beginnt im Wohnzimmer der Familie Stockmann, wo gerade der Redakteur des Volksboten Hovstad und sein Mitarbeiter Billing zu Gast sind. Auch der Stadtvogt kommt hinzu. Da sein Bruder mit seinen Söhnen unterwegs ist, unterhält er sich mit Hovstad über das Bad. Als Vorsitzender der Kurverwaltung schwärmt der Stadtvogt vom Wohlstand und Aufschwung, den das Kurbad in den letzten Jahren für den Ort gebracht habe. Als Hovstad auf die wichtige Rolle seines jüngeren Bruders bei der Entstehung des Bades zu sprechen kommt, wehrt Peter Stockmann ab und unterstreicht seinen eigenen hervorragenden Beitrag zur Förderung des Kurbads.S. 6–12, Zn. 1–182.
Danach treten sowohl Dr. Stockmann als auch seine Söhne und Kapitän Horster auf. Es entsteht ein erster Disput zwischen Thomas und Peter. Der Volksbote will einen positiven, von Thomas verfassten Artikel über das Kurbad drucken, was Peter befürwortet, Thomas jedoch aus zunächst ungeklärtem Grund vehement ablehnt. Thomas Stockmann spricht zu diesem Zeitpunkt lediglich von unnormalen Verhältnissen im Kurbad, ohne diese zu benennen. Erst als Peter, von Thomas’ Zurückhaltung gegenüber der Veröffentlichung des Artikels in Rage gebracht, gegangen ist und Petra mit einem Brief des Postboten in die Szene tritt, wird offensichtlich, worum es geht.
Der Badearzt hat das Trink- und Seewasser des Kurortes von Chemikern an einer Universität analysieren lassen. Dabei wurde festgestellt, dass es schädliche beziehungsweise krankheitserregende Mikroorganismen enthält. Damit haben sich seine Einwände beim Bau des Bades bestätigt: Die gesamte, erst vor kurzem gebaute Wasserleitung muss umgelegt werden. Diese Neuigkeit verkündet er stolz Hovstad und Billing, die ihm begeistert zustimmen. Sie spekulieren bereits darüber, wie man ihm danken könne.
Dr. Thomas Stockmann ist fest entschlossen, den Missstand zu bereinigen und das Gutachten publik zu machen. In einem Brief an die Badeverwaltung, also auch an seinen Bruder, will er die Beweislage darlegen. Er nimmt an, dass der Stadtvogt die Entdeckung begrüßen wird und erlaubt den Journalisten, einen kleinen Artikel über den Befund zu drucken.S. 12–33, Zn. 184–839.
Der Brüderkonflikt – 2. Akt Thomas öffnet in seinem Wohnzimmer einen Brief seines Bruders, der ihm das Gutachten zurücksendet und seinen Besuch ankündigt, um persönlich mit ihm darüber zu sprechen.S. 34–35, Zn. 842–877.
Auftritt von Morten Kiil, Kathrines Pflegevater und Besitzer der für die Wasserverseuchung ursächlichen Gerberei: Er gratuliert dem Badearzt zum gelungenen Streich, denn er glaubt, Thomas habe den Skandal erfunden, um den gutgläubigen Stadtvogt bloßzustellen. Peter Stockmann hatte nämlich dafür gesorgt, dass Kiil aus dem Stadtrat herausvotiert wurde.S. 35–38, Zn. 878–989.
Hovstad und der Buchdrucker Aslaksen, Repräsentant der Kleinbürger, betreten die Bühne und bieten Dr. Thomas Stockmann ihre Unterstützung an. Sie unterstreichen, dass es wichtig und richtig sei, seinen Artikel möglichst schnell zu drucken, um die Missstände des Kurbads aufzuklären und so die Wahrheit ans Licht zu bringen. Dies wird laut Hovstad zu der Erkenntnis führen, dass auch die Obrigkeit nicht unfehlbar ist, und das Volk motivieren die Honoratioren abzusetzen. Dadurch könne der Kurarzt selbst in eine leitende Position aufsteigen und die Geschicke des Kurbads mitbestimmen. Durch diese Befreiung von der Unterdrückung werde er seine Fähigkeiten positiv einsetzen, Kenntnisse gewinnen und sein Selbstwertgefühl steigern können. Bei Protestäußerungen dürfe das Volk sich nicht um mögliche Gegenwehr der bisherigen Führungskräfte kümmern.
Hier widerspricht Aslaksen Hovstad in der Hinsicht, dass er jegliche Form von Gewaltanwendung strikt ablehnt. Er hat Angst vor der Reaktion der führenden Persönlichkeiten, da diese überwältigende Macht besäßen und damit dem aufbegehrenden Volk gefährlich werden könnten. Aslaksen vertritt die Interessen der Kleinbürger, vor allem diejenigen der Hausbesitzer, und unterstreicht in diesem Zusammenhang mehrmals, dass man gemäßigt vorgehen müsse und nicht zu stark auffallen dürfe. Zudem betont er seinen Einfluss im Kurort und beschließt, sogleich mit den Hausbesitzern zu reden, um sie von dem Vorhaben zu überzeugen. Eine Art offenes Dankesschreiben seitens der Bürgerschaft an den Badearzt soll aufgelegt werden und seinen Einsatz für die gemeinnützige Sache würdigen.S. 39–47, Zn. 991–1258.
Als Aslaksen gegangen ist, bezeichnet Hovstad Thomas gegenüber dessen Ansichten als „feige“ und „halbherzig“ und betont, man müsse unabhängig und selbstsicher sein.S. 47–8, Zn. 1260–1275. Die beiden Männer beschließen, dass der Redakteur, auch falls die Aussprache Thomas Stockmanns mit seinem Bruder misslingen sollte, einen Leitartikel zu dem Thema verfassen wird und die Universitätsanalyse veröffentlichen darf.S. 47–49, Zn. 1259–1310.
Nachdem auch Hovstad das Wohnzimmer verlassen hat, kehrt Petra von der Schule zurück. Thomas berichtet über die Gespräche mit Hovstad und Aslaksen und verkündet stolz, er habe „die geschlossene Mehrheit“ hinter sich.
Darauf erscheint – wie angekündigt – sein Bruder Peter, Vorsitzender der Badeverwaltung. Er verlangt von Thomas, das Gutachten und die Anschuldigungen gegen die Kurverwaltung nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Zunächst versucht er den Badearzt mit Argumenten zu überzeugen. So bringt er vor, dass der Umbau, der die von der Gerberei ausgehende Verschmutzung beheben könnte, mindestens zwei Jahre dauern und immense Kosten mit sich bringen würde, die die Kleinbürger zu tragen hätten. In dieser Zeit würde der Besucherstrom sich Bädern der umliegenden Orte zuwenden und eine der Haupteinnahmequellen der Stadt versiegen. Die Zukunft der Heimatstadt werde dadurch ungewiss. Somit diene die Geheimhaltung der Erkenntnisse letztendlich dem Gemeinwohl. Da jedoch bereits Gerüchte über vergiftetes Wasser kursierten und der Volksbote schon informiert sei, fordert er seinen Bruder nachdrücklich auf, öffentlich allen Berichten über die Verseuchung des Wassers entgegenzutreten.
Der Kurarzt ist entsetzt über die Pläne seines Bruders und bezeichnet sie als eine „Hinterlist, – eine Betrügerei, eine Lüge, geradezu ein Verbrechen am Publikum, an der ganzen Gesellschaft“. Er beharrt auf seiner Position, dass das Wohlergehen der Kurgäste wichtiger als ökonomische Vorteile ist und beruft sich auf die Redefreiheit eines jeden Menschen. Weiter argumentiert er, dass die Mängel früher oder später ans Tageslicht kommen und somit die Stadt in den Ruin treiben werden. Daraufhin droht der Stadtvogt mit seiner Entlassung als Badearzt, sollte er es wagen, mit seinem Gutachten an die Öffentlichkeit zu gehen. Er bezeichnet seinen Bruder als lästig und reizbar, gar als einen „Feind der Gesellschaft“.S. 49–60, 1311–1650.