Die historische Romanbiographie Charlotte von Weiß, die von der deutschen Schriftstellerin Clara Viebig im Jahr 1929 veröffentlicht wurde, widmet sich dem Leben der schönen und von der Natur begünstigten Charlotte von Weiß bzw. von Ursinus, die an mehreren Menschen zur Giftmörderin wird.

Handlung Die etwa 13-jährige Charlotte lebt mit ihren Eltern in dem preußischen Kreisstädtchen Stendal, wo ihr Vater ein schlecht dotiertes Amt als Kammerrat innehat. Man respektiert den Fremden und seine Familie kaum, da er aus dem ungeliebten katholischen Österreich stammt und seinerzeit in preußische Dienste gelangt war, da er in verräterischer Weise einige Aktenstücke über geheime österreich-russische Abkommen an Preußen ausgeliefert hatte. Die Mutter, eine geborene Witte und bürgerlicher Herkunft, ist eine vom Leben enttäuschte, gefühlskalte Frau.

Aufsehen erregt die junge Charlotte, die als eine Erscheinung mit zartem Gesicht geschildert wird, das von blonden Locken umrahmt ist. Sie schaut mit rätselhaften, meergrün-schillernden Augen mit glänzenden Pupillen in die Welt, die sich allerdings auch „wie bei einer Katze zu schmalen Strichen“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 157. verengen können. Man nimmt jedoch nur die Anmut des schönen Kindes wahr.

Die Familie lebt in Armut, ist aber darum bemüht, den Schein des Wohlstandes nach außen zu wahren. So wird im Winter kaum geheizt und man hungert lieber, um sich standesgemäß zu kleiden. „In den Magen sieht dir keiner, mon enfant, …. aber was man anhat, das sehen die Leute“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 36., so tröstet die Mutter die hungrige Tochter, und Charlotte träumt: „Wenn sie erst alt genug dazu war, heiratete sie aber recht rasch, einen Mann, der Geld hatte, damit sie sich satt essen konnte.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 36. Die Mutter trachtet danach, den Töchtern einen gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. Ihre ältere Tochter Henriette hat sie bereits an einen Hofrat von Hauke in Spandau verheiratet. In der Hoffnung, Charlotte noch weit besser verheiraten zu können, soll auch den Eltern eine sorgenfreiere Zukunft gesichert werden.

Charlotte muss täglich in der eiskalten Kirche die Frühmesse besuchen, wo sie die Flügel des Hochaltars betrachtet. Dort stechen die „umstrahlten Gesichter der Heiligen“ gegen die „verzerrt-finsteren Gestalten der Bösen doppelt ab […]: Teufel, Dämonen, aber Menschen waren es auch.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 5. Charlotte ist fasziniert:

Eine seltsame Szene erzählt Frau von Weiß einer Freundin: Die sieben Kätzchen der Hauskatze sollen ertränkt werden. Als der Bediente sich weigert, dies zu tun, übernimmt Charlotte den Auftrag: „Da sagt das gute Kind und lächelt dabei unter Tränen, die ihr unter den langen Wimpern hervorquellen: ‚Ich werde es tun. Und zwar sofort, ehe sie wissen, dass sie sterben.‘“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 9. Anschließend tröstet Charlotte die Katze damit, „daß ihre Kätzchen nun im Himmel sind, und spricht so zärtlich zu ihr und mit einer so lieben Stimme, dass es mich fast rührt.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 9. Selbst für ihre Mutter ist Charlotte ein „merkwürdiges Kind.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 9.

Charlottes Begleiterin ist Zéphire, eine junge Zofe aus hugenottischer Familie, die der Tochter die französische Sprache vermitteln soll, und bei der Charlotte Zuwendung findet. Da Zéphire schlecht schreiben kann, hilft Charlotte ihr beim Abfassen von Briefen an den Verlobten. Im ungeheizten Zimmer suche beide Wärme, indem sie gemeinsam in ein Bett schlüpfen. Charlottes Zärtlichkeiten enden mit einem Biss in die Brust der Zofe, und auf deren Aufschrei erwidert sie: „Das soll auch wehtun […]. Was dir weh tut, das tut mir wohl.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 18. Will aber die Zofe flüchten, so bittet Charlotte: „Bleibe! Du bist weich und warm. Ich liebe nur Dich!“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 18. Als die beiden Mädchen eines Abends von der Mutter entdeckt werden, wird Zéphire aus dem Haus gejagt, unter heftigem Protest Charlottes, die daraufhin erkrankt.

Nach ihrer Genesung beschließt die Mutter, Charlotte nach Spandau, ins Haus der älteren Tochter Henriette zu schicken. Mit dieser Entscheidung verbindet Frau Weiß die Hoffnung, ihre schöne Tochter werde dort bald einen reichen Mann finden, oder ihre in Charlottenburg wohnende wohlhabende und ledige Schwester Christiane Witte werde Charlotte zur Erbin einsetzen. Die Reise nach Berlin unternimmt Charlotte in Gesellschaft von Theodor Ursinus, einem etwa 50-jährigen höheren Beamten, der von ihrer Erscheinung sehr angetan ist. Als er aber miterleben muss, dass sie über das Essen „wie ein ausgehungerter junger Wolf“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 39. herfällt, wird ihm das Mädchen unheimlich.

Die wohlhabende Tante setzt tatsächlich Charlotte zur Alleinerbin ein. Weniger glücklich ist das Mädchen über die Avancen von Haukes, der lieber die schöne Schwägerin als seine meist schwangere Frau neben sich sieht. Dessen Vorschlag, zum Protestantismus überzutreten folgt Charlotte direkt, da Zéphire diesem Glauben angehangen hatte. Zur Vorbereitung auf die Konfirmation wird Charlotte zu dem Hilfsgeistlichen Gotthold Bange geschickt, an dem sie ihre Verführungskünste übt und feststellt: „Also man hat so viel Macht, daß man selbst einen Heiligen zwingen kann.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 52.

Bei einer zufälligen Begegnung mit König Friedrich dem Großen auf der Promenade verspürt Charlotte den Wunsch, so wie er, eine „Persönlichkeit“ zu werden: „Nicht weich durfte man sein, nicht sentimental, nichts verspielen und nichts verschenken, bewußt mußte man alles tun.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 75. Auch Begegnungen anderer Art in Berlin beschäftigen Charlotte. Sie ist hingerissen von Kriminalgeschichten. Ein Sträfling, ein ehemaliger Soldat, der wegen Insubordination zu zwanzig Jahren Kerker verurteilt wurde, war auf der Flucht erfroren; des Weiteren wird eine Fischersfrau verurteilt, die das Neugeborene ihrer geistig behinderten Tochter getötet hat: „Sie [die Fischersfrau] sagte immer nur: ‚Zu arm, zu arm‘, schlug sich an die Brust und wiederholte wieder ‚Zu arm.‘“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 96. Die öffentliche Enthauptung der Frau wird von den Herrschaften als „ein warnendes Schauspiel und sehr erziehlich“ gutgeheißen.Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 98.

Als sie die Emilia Galotti auf der Bühne spielt, erhält Charlotte großen Beifall und man stellt gar fest, sie „hätte das Zeug, die größte Schauspielern des Jahrhunderts zu werden.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 80. Das Schlüpfen in Rollen liegt ihr, aber schließlich ist sie sich ihrer Identität nicht mehr sicher: „Kannte Charlotte sich denn selber? Sie fühlte nur, daß es ihr lag und ihr gefiel, eine andere vorzutäuschen, als sie in Wirklichkeit war.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 80. Als sie sich auf einem Ball leidenschaftlich in Leutnant von Revell, einen verschuldeten Lebemann verliebt, nimmt Schwager Hauke dies zum Anlass, sich für eine Zurückweisung Charlottes zu rächen. Er schickt sie zurück nach Stendal.

Charlotte hasst das Leben in ihrer immer mehr verarmenden Familie und nimmt schließlich auf das Drängen ihrer Mutter einen Heiratsantrag des Ursinus an. Der Vater zweifelt: „War das denn Lottes Wohl, wenn sie diesen schon ältlichen und dazu noch kränklichen Mann heiratete?“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 132., er aber wird nicht weiter gefragt. Ursinus handelt auf Initiative von Tante Witte, die ihm das Mädchen als ‚etwas ganz Besonderes‘ ans Herz gelegt hat. Charlotte graut vor dieser Ehe. Kurz vor der Hochzeit schneidet sie sich die Pulsadern auf, jedoch wird der Selbstmordversuch von der Mutter als Unfall vertuscht, und die Eheschließung findet statt. Wider Erwarten arrangieren sich die beiden ungleichen Eheleute in harmonischer Weise, da Charlotte ihrem Ehemann in der Hochzeitsnacht „aus einer Situation herausgeholfen [hat], deren Verlegenheit einen Mann sonst zur Verzweiflung gebracht hätte.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 151. Ursinus tut alles, um seiner jungen Frau das Leben angenehm zu machen, und auch sie tritt als fürsorgliche Gattin auf. Insgeheim sehnt sie sich aber nach einem anderen Leben in Berlin.

Zehn Jahre später erfolgt die von Charlotte heiß ersehnte Versetzung von Ursinus nach Berlin. In der Zwischenzeit hat sich die inzwischen 29-Jährige auf ein Leben in städtischen Kreisen vorbereitet. Das Haus der Eheleute wird zu einem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens, wobei sich Charlotte erneut verliebt, in einen Attaché der holländischen Gesandtschaft namens von Ragay. Ursinus nimmt den Attaché und dessen Diener Benjamin Klein in sein Haus auf, wobei er geflissentlich übersieht, dass der Attaché der Geliebte seiner Frau wird. Doch der kränkelnde von Ragay, der um seine Karriere fürchtet, entzieht sich bald, mit Hilfe seines Dieners, der ungezügelten Liebe Charlottes, worauf diese krank wird. Von Ragay verstirbt bald darauf an Schwindsucht.

Charlotte ist es leid, ihre Ehe fortzuführen zu sein und vergiftet ihren Ehemann am Abend seines 75. Geburtstages mit Arsenik. Der Mord fällt nicht auf, und nach einer Trauerzeit macht die Ursinus erneut ihr Haus zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Geschehens. Aber das erhoffte Glück in Form eines männlichen Bewerbers tritt nicht ein. Überdies wird sie von Albträumen geplagt, in denen Ursinus allgegenwärtig ist; „eine ungeheure Last senkte sich mit der Finsternis der Nacht auf die Finsternis ihrer Seele.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 228. Charlotte wird sich ihrer Einsamkeit als alternde Frau ohne Kinder bewusst und denkt sehnsüchtig an Zéphire, denn „nie wieder hatte sie jemanden gefunden, der sie so selbstlos lieb gehabt hatte.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 231.

Zu jenem Zeitpunkt ist Christiane Witte schwer erkrankt. Da sie sich den Tod wünscht, beschließt Charlotte, diesem Wunsch mit Arsenik nachzuhelfen und später sich selbst zu töten. Als sie aber dem Todeskampf der Tante beiwohnt, wird sie unsicher und schüttet das restliche Pulver weg. An Benjamin Klein unternimmt sie einen weiteren Tötungsversuch. Diese ist ihr Vertrauter geworden, denn sie sieht ein: „Einen Menschen mußte man doch haben, vor dem man sich keine Maske vorbindet.“Viebig, Clara: Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau, Berlin: Ullstein 1929, S. 217. Dennoch kränkt Charlotte, dass er sie durchschaut, und sie versucht, ihn mit vergifteten Speisen aus dem Weg zu räumen. Der erkrankte Klein lässt eine ihrer Speisen analysieren, und es wird offensichtlich, dass diese Arsenik enthält.