Der Seidige Pillenwälzer (Gymnopleurus geoffroyi) ist ein Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer und gehört zu den Koprophagen. Die Gattung Gymnopleurus ist in Europa mit vier Arten vertreten.
Die Käfer betreiben Brutfürsorge. Männchen und Weibchen fertigen in geschlechtsspezifischer Zusammenarbeit Dungkugeln, die sie vom Dunghaufen wegrollen und einzeln vergraben. Unterirdisch werden die Dungkugeln dann zweimal gründlich umgearbeitet, wobei eine Brutbirne entsteht. In jede Brutbirne wird ein Ei abgelegt.
Der Käfer wird in Deutschland und Teilen Österreichs als ausgestorben oder verschollen (Kategorie 0) eingestuft. Er wird in einer Liste geführt, nach der ihm im Fall seiner Wiederentdeckung in Bayern die Förderung von Schutzmaßnahmen zugesichert wird.
Bemerkungen zum Namen und Synonymen Bereits 1762 wurde der Käfer von Geoffroy recht ausführlich unter dem französischen Namen Le bousier à couture (etwa Der Mistkäfer mit Naht) beschrieben und als achte Art der Gattung Copris zugeordnet. Da Geoffroy dem Tier jedoch keinen der binominalen Nomenklatur entsprechenden zweiteiligen lateinischen Namen gibt, wird diese Beschreibung nicht als Erstbeschreibung anerkannt. In Kenntnis der Beschreibung durch Geoffroy beschreibt Füssli 1775 den Käfer unter dem deutschen Namen Geoffrois Kolbenkäfer und dem wissenschaftlichen Namen Scarabaeus geoffroae. Er versieht den Namen mit einem Stern, womit er eine neue Art kennzeichnet. Diese Beschreibung gilt als Erstbeschreibung. Füssli bemerkt in seiner Beschreibung, dass bereits Geoffroy auf den ungewöhnlichen Bau der Flügeldecken hinweist. Diese Besonderheit drückt sich auch im Namen der 1803 von Illiger aufgestellten Gattung Gymnopleurus aus. Der Name ist von altgr. γυμνός gymnos für nackt und πλευρόν pleuron für Seite abgeleitet. Er bezieht sich darauf, dass die Flügeldecken die Seiten des ersten Hinterleibsringes unbedeckt lassen.
Der bei Füssli unkorrekt gebildete Genitiv zum Namen Geoffroy wird heute durch geoffroyi ersetzt und erklärt den Artnamen des Käfers. Panzer schreibt dazu: „Ich will sehr gerne zugeben, dass Geoffroyi richtiger geschrieben als Geoffroyae sei. Nur irren die Herren Creutzer und Illiger sehr, wenn sie behaupten, ich sei es gewesen, der dies unrichtige Geoffroyae gebildet oder angegeben habe. Fuessly, Sulzer, Scriba, Goetze, Harrer - schrieben lange vor mir Geoffroyae.“ Der Autor Füssli wird gewöhnlich in der Schreibweise Fuessly genannt.
Aus dem deutschen Namensteil seidig könnte man auf eine feine Behaarung schließen. Eine solche ist jedoch nicht vorhanden, es wird lediglich auf den matten Glanz des Käfers Bezug genommen. Der Namensteil Pillenwälzer, weniger passend auch Pillendreher, bezieht sich auf den Transport der Dungkugel.
Der Käfer wurde unter zahlreichen Synonymen beschrieben. Weit verbreitet in der älteren Literatur ist das Synonym Gymnopleurus cantharus, etwa bei Reitter in der Fauna Germanica. Der Name cantharus war schon in der Antike für den Pillendreher gebräuchlich. 1803 ersetzt Illiger geoffroyi durch cantharus mit dem Ziel, widersprüchliche Benennungen aus der Welt zu schaffen. Es wurde jedoch eher das Gegenteil erreicht. Die frühen Beschreibungen sind meist nicht genügend präzise, die Namen werden von verschiedenen Autoren in verschiedenem Sinn gebraucht. Erst später wird erkannt, dass Männchen und Weibchen Verschiedenheiten im Bau aufweisen und dass es von Bedeutung ist, ob das frei sichtbare Stück der Hinterleibsseite gekielt ist oder nicht. Duftschmid trennt 1805 geoffroyi und cantharus, wobei er die Männchen zu geoffroyi zählt, die Weibchen zu cantharus. Auch Mulsant führt 1871 geoffroyi und cantharus als verschiedene Arten auf und schreibt geoffroyi eine gekielte Seite des ersten Hinterleibssegmentes zu, die weder Geoffroy noch Füssli erwähnen, cantharus dagegen das Fehlen eines solchen Kiels. Die im Sinn von Erichson bzw. Illiger definierte Art cantharus hat wie geoffryoi keinen Kiel, die Namen sind Synonyme.
Außerdem wurden Farbvarianten als Arten benannt, beispielsweise cyanescens für bläuliche Käfer.
x150px!x150pxAbb. 1: Beförderung der Dungkugel186px184pxAbb. 2: Kopf und raspelartige Kör-nung des Halsschilds zum Rand hinAbb. 3: Unterseite, Beine teilweiseentfernt, Mittelhüfte grün getönt186px184pxAbb. 4: Ausschnitt HalsschildOberflächenstrukturAbb. 5: rechtes Vorder-, Mittel- undHinterbein von oben (♂)380pxAbb. 6: Ausschnitt Seitenansicht nahe Flügeldeckenbasis, unten kolorierte Kopie; gelb: Brustschild; grün: Flügeldecken, blau: 1. Sternit, rotbraun: 2. Sternit, weiß: Kiel380pxAbb. 7: Entfalteter Hautflügel bei geschlossenem Deckflügel
Merkmale des Käfers Der breite Käfer ist nur wenig gewölbt. Seine Länge schwankt zwischen zehn und fünfzehn Millimetern, die Breite ist im zweiten Drittel des Halsschilds am größten und schwankt zwischen 5,6 und neun Millimetern. Der Käfer ist damit etwa nur 1,7-mal so lang wie breit. Nach hinten verschmälert sich der Käfer. Er ist matt schwarz und kann manchmal einen bläulichen oder grünlichen Farbton zeigen, ist aber nicht glänzend wie der im Kaukasus heimische Gymnopleurus aciculatus. Halsschild und Flügeldecken sind nicht grob punktiert wie bei Gymnopleurus flagellatus.
Der Kopf (Abb. 2) erscheint wie gepanzert. Er ist hinten gerandet und schließt dicht an den Halsschild an. Die Mundwerkzeuge und die Einlenkung der Fühler sind nach oben durch den Kopfschild verdeckt. Die großen, rundlichen Augen haben nach oben nur durch einen schmalen Schlitz Ausblick. Der Kopfschild ist vorn in der Mitte ausgerandet, sodass der Kopf nach vorn stumpf zweispitzig endet. Seitlich ist der Kopfschild durch eine erhöhte Naht abgesetzt, nach hinten nähern sich die beiden Nähte einander. Die Stirn ist ohne Höcker. Die Fühler sind neungliedrig. Das erste Glied ist lang und walzenförmig, das zweite kurz, das dritte etwas länger und umgekehrt kegelförmig, die drei folgenden Glieder wieder kurz, die drei letzten Glieder bilden eine mit einem feinen Haarfilz überzogene eiförmige Keule. Der dreigliedrige Lippentaster hat ein großes und innen erweitertes Basisglied, das zweite Glied ist klein, beide sind dicht beborstet. Das Endglied ist ebenfalls klein, dazu eiförmig und glatt. Die dünnen, viergliedrigen Kiefertaster haben ein spindelförmiges Endglied.
Der Halsschild ist wie der Kopf dicht und fein gerunzelt, in den Zwischenräumen sehr fein punktiert (Abb. 4) und gegen den Rand zu zusätzlich raspelartig gekörnt. Hinten ist der Halsschild gerandet und schließt dicht an die Basis der Flügeldecken an. Auf jeder Seite des Halsschilds befindet sich nahe dem Seitenrand, dicht hinter der halben Länge, ein rundes Grübchen (im Taxobild gut erkennbar).
Das Schildchen fehlt.
Die Flügeldecken sind ebenfalls fein gekörnt, aber etwas grober als der Halsschild. Sie sind kürzer als Kopf und Halsschild gemeinsam. Seitlich sind die Flügeldecken nur wenig nach unten gezogen. Hinter den Schultern sind sie weit und tief ausgerandet, sodass von oben die Seite des ersten Hinterleibssternits und die Ansätze der benachbarten Sternite sichtbar sind. Dieser Ausschnitt ermöglicht dem Insekt, mit geschlossenen Flügeldecken zu fliegen (Abb. 7). Von der Seite betrachtet erkennt man innerhalb des Ausschnittes auf der Seite des zweiten Sternits einen deutlichen Kiel. Dieser hat nicht wie bei Gymnopleurus sturmi und Gymnopleurus mopsi eine Fortsetzung auf dem ersten Sternit. Die Seite des ersten Sternits ist leicht gewölbt, aber ohne Kiel (Abb. 6).
Die Beine sind sehr unterschiedlich ausgebildet (Abb. 5). Die Vorderbeine sind typische Grabbeine. Nicht nur die Vorderschienen, sondern auch die Vorderschenkel sind verbreitert. Sie tragen auf dem Hinterrand (also vorn) einen Zahn, der beim Männchen stärker als beim Weibchen ausgebildet ist. Die Tarsen der Vorderbeine sind nur schwach ausgebildet, die Schienen tragen drei kräftige Außenzähne. An ihrem Ende sitzt ein kräftiger Dorn, der beim Männchen stumpf und gerade, beim Weibchen leicht gekrümmt und spitz ist. Da die Spitzen jedoch in Folge von Grabtätigkeit zunehmend abgenutzt werden, ist dieses Merkmal bei Alttieren nicht zuverlässig. Ein sicheres Merkmal ist dagegen, dass die Innenseite der Vorderschiene bei den Männchen über die ganze Länge quer gekerbt ist, bei den Weibchen dagegen nur in dem Schenkel anschließenden Teil.
Auch die übrigen Beine tragen am Ende der Schiene einen Dorn. Die Beine des hinteren Beinpaars sind deutlich länger als die des mittleren Beinpaars, besonders die gekrümmten Schienen. Diese tragen nur einen Enddorn. Sie ermöglichen ein effizientes Komprimieren der Dungkugel, was den Transport erleichtert. An allen Beinen ist das Klauenglied länger als die vier übrigen Tarsenglieder gemeinsam.
Die Mittelhüften sind deutlich schräg gestellt und weit voneinander entfernt, aber weniger weit als bei der Gattung Sisyphus (Abb. 3), Vorder- und Hinterhüften sind einander genähert.
Biologie Biotop und Aktivität Man findet den Käfer auf warmen und trockenen Viehweiden. Als wärmeliebende Tiere beenden die Käfer in Mitteleuropa die Winterruhe erst, wenn die Temperaturen Mitte Mai hohe Werte erreichen. Die Tiere der neuen Generation erscheinen Ende Juli bis Ende August. Im Herbst sind die Tiere bis Oktober zu beobachten. An kühleren Tagen verlassen sie den schützenden Bereich des Bodens nur in den warmen Mittagsstunden, im Hochsommer dagegen sind sie schon in den Morgenstunden und noch in der Abenddämmerung aktiv. Bei ungünstiger Witterung werden der Nahrungserwerb und die Tätigkeiten im Zusammenhang mit der Fortpflanzung nahezu eingestellt. Bei leichten Niederschlägen stellen die Käfer ihre Aktivitäten ein, bei starken Niederschlägen graben sie sich ein. Bei warmem und trockenem Wetter zwischen 20 und 26 °C sind die Käfer flink und flugfreudig. Beim Fliegen bleiben die Deckflügel geschlossen (Abb. 7). Bereits der Schatten einer Wolke verlangsamt die Aktivitäten beträchtlich.
Beide Geschlechter benötigen nach dem Schlüpfen einen Reifungsfraß. Dieser erstreckt sich im Geburtsjahr über den ganzen Sommer und wird nach der Überwinterung im nächsten Frühjahr fortgesetzt. Die Fertigung von Kotkugeln für den eigenen Verzehr, wie sie bei manchen anderen Koprophagen beobachtet wird, ist bei Gymnopleurus geoffroyi nicht festgestellt worden. Sie stellen nur für die Nachkommen bestimmte Brutpillen her. Diese können aber von Fremdlingen als Nahrungsquelle benutzt werden, wenn sie verwaist sind. Streitigkeiten zwischen Käfern werden selten beobachtet.
Der Käfer bevorzugt zur Nahrungsaufnahme Kuhdung, ist aber auch häufig an Schafskot zu finden, seltener in Pferdekot. Bei Fütterungsversuchen nimmt die Art auch den Kot anderer Pflanzenfresser an, insbesondere Zebu, aber auch Ziege und Rotwild und im Notfall auch Elefant und Kaninchen. Die Exkremente von Omnivoren (Mensch, Schwein) wirken zwar anziehend, werden aber ungern gefressen. Der Käfer frisst nur oberirdisch am Dunghaufen.
Als Regel werden nur die Kotarten, die gerne gefressen werden, auch zum Bau von Brutpillen als Futtervorrat für die Nachkommen benutzt, so wurde der Kot von Ziege, Mensch und Schwein, Elefant und Kaninchen nicht zum Bau von Brutpillen verwendet.
Die Käfer fliegen mit vorgestreckten Fühlern und gespreizten Fühlerlamellen auf Futtersuche umher. Wird der Dung olfaktorisch wahrgenommen, landet der Käfer sofort. Laufende Käfer halten ab und zu an, halten den Hinterleib gesenkt und den Kopf erhoben und drehen ihn mit ausgestreckten Fühlern hin und her. Nehmen sie keine Duftstoffe war, laufen sie in gleicher Richtung weiter. Andernfalls drehen sie sich abrupt in Richtung auf die Duftquelle zu und beginnen mit zunehmender Geschwindigkeit auf diese zuzulaufen. Kurz davor setzt die Wahrnehmung durch die Maxillartaster ein, die lebhaft bewegt werden. An der Nahrungsquelle angekommen, wird diese mit Lippen- und Kiefertastern geprüft, bevor der Fressvorgang beginnt.