mini|Britischer Bomber vom Typ Avro Lancaster, der auch in Solingen zum Einsatz kam Die Luftangriffe auf Solingen während des Zweiten Weltkriegs sorgten in der bergischen Großstadt Solingen für beträchtliche Schäden, die Zahl der Todesopfer schwankt zwischen 1880 und 2250. Zwischen 1940 und 1945 war die Stadt das Ziel von insgesamt 84 Luftangriffen der Alliierten. Am 4. und 5. November 1944 wurde durch je einen Großangriff die Solinger Altstadt komplett zerstört. Weitere Ziele des Luftkriegs waren beispielsweise der Rüstungsbetrieb Rudolf Rautenbach am Mangenberg sowie in zwei Großangriffen Teile der Stadtteile Wald und Gräfrath.
Ausgangssituation Solingen vor dem Luftkrieg Die Stadt Solingen, die erst am 1. August 1929 durch den Zusammenschluss mit Ohligs, Wald, Gräfrath und Höhscheid zur Großstadt wurde, hatte bei Kriegsausbruch 1939 140.453 Einwohner. Diesen standen 1939 insgesamt 50.071 Wohnungen in der Stadt zur Verfügung.
Die Stadt war bereits seit Mitte der 1920er Jahre bis in die 1930er Jahre durch den Bau der Großwohnsiedlungen des Solinger Spar- und Bauvereins am Kannenhof, am Weegerhof und am Böckerhof in ihren Außenbezirken stark gewachsen. Die Solinger Altstadt sah sich seit der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhunderts einem steten Wandel unterworfen, in welchem bereits zahlreiche Fachwerkhäuser zugunsten neuer, moderner Wohn- und Geschäftshäuser des Historismus niedergelegt wurden. Weitere Abrisse zugunsten breiterer Straßen und damit einer verbesserten Verkehrsinfrastruktur waren in Planung.
Ziviler Luftschutz mini|225x225px|Hochbunker an der Max-Leven-Gasse Die Vorbereitung für einen möglichen Luftkrieg begann bereits am 4. Dezember 1933 mit der Bildung einer Solinger Ortsgruppe des Reichsluftschutzbundes. Bis 1936 unterstanden die Luftschutzangelegenheiten dem Solinger Bauamt, bevor ein eigenes Stadtamt für Feuer- und Luftschutz errichtet wurde. Es war im Gebäude der Solinger Feuerwehr an der Katternberger Straße angesiedelt. Der Bau von Luftschutzbunkern begann auf Basis der Planungen des Solinger Stadtbaurats Karl Dörich 1938 an der Ohligser Wittenbergstraße und in Solingen-Mitte an der Florastraße (1938/39). Im Januar 1940 wurden weitere Bunker der Bauart Winkel an der Hohen Gasse (heute Max-Leven-Gasse) und der Lüneschloßstraße eingeweiht. Der 1940/1941 errichtete Hochbunker Walter-Dodde-Straße diente insbesondere den in den Fabriken von Friedrich Herder Abraham Sohn und J. A. Henckels beschäftigten Menschen am Grünewald als Schutzraum. Bis gegen Ende des Krieges waren 15 größere oberirdische Bunkerbauten im Stadtgebiet entstanden.
Eine Luftschutzschule entstand in Solingen am 19. Juli 1934. Mit zunehmender Zahl an feindlichen Luftangriffen richtete man am 31. März 1941 in öffentlichen Gebäuden Nachtwachen ein.
Luftabwehr Im Jahre 1937 entstand in Solingen als Abteilung der Landesgruppe Rheinland der Waffenring der Flugabwehr, der auch als Flakwaffenring bezeichnet wurde. Dieser unterwies seine Mitglieder in Fragen der Luftabwehr. Die Unterweisungen fanden im neu eingerichteten flugphysikalischen Laboratorium der Moeller-van-den-Bruck-Schule statt.
Solingen war durch seine Lage am Rande des rheinisch-westfälischen Industriegebiets durch mögliche Luftangriffe höchst gefährdet. Am Stadtrand nahm darum eine Flak mit 8,8-cm-Geschützen ihre Arbeit auf. Mit der Verschärfung des Luftkriegs ab 1943 wurden die 16- und 17-jährigen Oberschüler als Luftwaffenhelfer eingesetzt. Die Solinger Flakhelfer gehörten zum Flakbataillon 389. Bis August 1944 taten sie ihren Dienst noch schwerpunktmäßig in Solingen, bevor sie in das Ruhrgebiet (z. B. nach Oberhausen-Holten und Gladbeck) und nach Aachen verlegt wurden. Gegen Ende des Krieges taten sie ihren Dienst sogar in Hamburg. Die Flakbatterie aus Höhscheid wurde 1943 nach Eversael bei Rheinberg verlegt, die Walder Batterie kam nach Lintorf. Aufgrund der zahlreichen Abzüge aus dem Solinger Stadtgebiet fehlte es bei den Großangriffen im November 1944 in Solingen an geeignetem Flakschutz.
Weg zum Luftkrieg Der Zweite Weltkrieg wirkte sich für die einheimische Zivilbevölkerung vor allem durch die Luftangriffe der Alliierten aus. Bis in das Jahr 1941 waren britische Luftangriffe über deutschen Städten noch selten, Ziel des Luftkriegs war in der Anfangszeit noch die Zerstörung der deutschen Infrastruktur wie zum Beispiel Flughäfen. Für eine Verstärkung des Luftkriegs sorgte der Beschluss des britischen Kabinetts am 14. Februar 1942, die deutsche Bevölkerung durch Flächenangriffe zu zermürben (Moral bombing). Was Solingen erwartete, ließ sich bereits am 28./29. März 1942 bei dem Angriff auf Lübeck erahnen. Unterstützung erhielten die Briten ab Januar 1943 durch die 8. US-Luftflotte.
Chronologie der Luftangriffe Luftangriffe von 1940 bis Oktober 1944 Die ersten Bomben auf Solinger Stadtgebiet fielen am 5. Juni 1940. An diesem Tag sorgten INC 4 lb-Brandbomben für Kleinfeuer an der Walder Straße, im Krausen, an der Rolsberger Straße, der Krautstraße und der Wittkuller Straße. Am Rolsberg wurde eine Person verletzt. Berichten der Royal Air Force zufolge, wonach ihr Flugzeug an jenem Tag auch Sprengbomben mitgeführt habe, bestätigten die Solinger Polizeiakten hingegen nicht. Allerdings sind die Polizeiakten aus der Erinnerung rekonstruiert wurden, da das Polizeirevier an der Felder Straße bei dem Angriff am 5. November 1944 zerstört wurde.Heinz Rosenthal: Solingen. Geschichte einer Stadt. Aus der Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. 1975, Band 3, Braun, Duisburg 1975, ISBN 3-87096-126-0.
Bis zum 30. Mai 1943 waren die durch Luftangriffe entstandenen Schäden in Solingen gering. Bis 1942 starben drei Einwohner infolge von Angriffen aus der Luft, 27 wurden verletzt. Auch die Flak wurde gelegentlich aktiv. Sie schoss 1941 und 1942 je ein feindliches Flugzeug ab, 1944 waren es insgesamt sechs. Am 29. August 1941 wurde durch die Flak bei Glüder ein kanadisches Flugzeug abgeschossen, die beiden Piloten gefangen genommen und nach Frankfurt am Main verbracht. Durch Flakeinwirkung wurden allerdings auch Einheimische verletzt, so etwa am Tage des Luftangriffs auf Barmen am 30. Mai 1943, als es in der Gegend um die Lutherkirche Verletzte und beschädigte Gebäude gab. Am 30. November 1943 gelang es der Flak dagegen, ein Bomberkommando von 80 amerikanischen Flugzeugen zum Umkehren zu bewegen.
Als die Alliierten Großangriffe auf die Solinger Nachbarstädte Remscheid (31. Juli 1943 und 23. August 1943) und Elberfeld (25. Juni 1943) flogen, gerieten auch die Solinger Randbezirke in Mitleidenschaft. Am 25. Juni 1943 starben infolgedessen 21 Solinger, 58 wurden verletzt. Bei den Angriffen auf Remscheid starben insgesamt 40 Personen auf Solinger Stadtgebiet, 82 wurden verletzt. Die Gebäudeschäden indes hielten sich bis 1. November 1944 noch in Grenzen, was auch darin begründet lag, dass viele Schäden gleich wieder von den Bewohnern behoben wurden und Wohnhäuser damit quasi unmittelbar wieder instand gesetzt wurden. Anderenfalls wäre die Wohnungsnot nach den beiden Großangriffen am 4. und 5. November 1944 noch deutlich größer ausgefallen.
Luftangriff am 4. November 1944 links|mini|Britischer Lancaster-Bomber bei dem Luftangriff auf Duisburg am 15. Oktober 1944, wie er wenig später auch über Solingen zum Einsatz kam Am Mittag des 4. November 1944, einem Samstag, meldete der Drahtfunk einen im Anflug befindlichen Bomberverband, der sich über der Mündung der Schelde in Belgien befand. Er drehte bei Koblenz nach Norden ab. Um 13.55 Uhr gaben die Sirenen in Solingen Vollalarm. Wenig später fielen in der Südstadt die ersten Bomben. Insgesamt 170 britische Lancaster-Bomber entluden ihre Bombenlast innerhalb von 18 Minuten von der Krahenhöhe über Schützenstraße, Ufergarten bis zum Hauptbahnhof. Das betroffene Gebiet südlich dieser Linie lag in Schutt und Asche, während der Kern der Altstadt an diesem Tage noch verschont blieb.Ralf Rogge, Armin Schulte, Kerstin Warncke: Solingen – Großstadtjahre 1929–2004. Wartberg Verlag 2004. ISBN 3-8313-1459-4
Der Angriff löste 100 Großfeuer, 300 mittlere und 500 kleine Feuer aus, die Wasserversorgung brach zusammen, was die Löscharbeiten zusätzlich erschwerte. Erst in den späten Abendstunden erreichten die Feuer ihre größte Intensität. Trotz der widrigen Umstände gelang es der Solinger Feuerwehr, ein Zusammenlaufen der Brände und damit einen Flächenbrand zu verhindern. Bei dem Luftangriff starben mindestens 500 Menschen, besonders viele Tote wurden am Hauptbahnhof geborgen.
Luftangriff am 5. November 1944 Durch den Angriff am Vortag war das Luftwarnsystem weitgehend zerstört worden. Behelfsmäßige Sirenen auf Lastwagen wurden herangeschafft; diese waren aber bei weitem nicht so leistungsstark. So kam es, dass der Alarm am 5. November 1944, der um 12.15 Uhr ausgelöst wurde, viele Menschen in der Solinger Altstadt nicht erreichte und diese in der Folge von dem von 13:00 Uhr bis 13:26 Uhr dauernden Angriff überrascht wurden. Die Briten kamen dieses Mal mit 165 Bombern, die 783 Tonnen Spreng- und 150 Tonnen Brandbomben geladen hatten. mini|Tückmantelhaus und Haus Quabeck mini|Personalkarte zum Ausweis für Fliegergeschädigte aus dem November 1944 Ziel des Angriffs war dieses Mal der Altstadtkern mit seinen verwinkelten Gassen und seinen Fachwerkhäusern rund um Hauptstraße, Graf-Wilhelm-Platz, Kölner Straße bis hin zum Schlagbaum. Durch die Zerstörungen des Vortags waren die entstandenen Brände vielfach nicht erreichbar, Löschwasser stand kaum zur Verfügung. Die eingesetzten Feuerwehren schafften es nicht, einen Flächenbrand zu verhindern, der in der Folge auch fast alle die Gebäude zerstörte, die den Bombenhagel überstanden hatten. Bei beiden Angriffen wurden insgesamt 1.700 Menschen getötet, außerdem mindestens 150 Kriegsgefangene, 20.000 Menschen wurden obdachlos und 16 Prozent der damaligen Solinger Gebäude wurden zerstört. Der Erfolg der beiden Angriffe wurde noch am selben Abend in der britischen Presse gelobt:
Die massive Zerstörung der Solinger Altstadt hatte einen enormen Trümmerhaufen zur Folge, aus dem nur noch vereinzelte Mauerreste emporragten. Lediglich am Dreieck zwischen Graf-Wilhelm-Platz, Neumarkt, Max-Leven-Gasse und Kölner Straße blieben noch einige Wohn- und Geschäftshäuser der Gründerzeit erhalten, darunter, wenn auch schwer beschädigt, das bereichsprägende Eckgebäude Haus Tückmantel sowie das Nachbargebäude Haus Quabeck.
Unter den prominenten zerstörten Gebäuden befanden sich unter anderem die Alte Kirche am Fronhof, das alte Rathaus, das Polizeirevier an der Felder Straße, der Fuhrpark der Stadtwerke an der Florastraße, die Wagenhalle der Solinger Straßenbahn, der Hauptbahnhof, die Badeanstalt Birker Bad und die St.-Clemens-Kirche. Auch die Städtischen Krankenanstalten am Vogelsang trugen schwere Schäden davon, so dass die Opfer des Luftangriffe zu großen Teilen in ein Krankenhaus nach Barmen eingeliefert werden mussten. Außerdem schwer zerstört, aber noch rekonstruierbar, war der sogenannte Goebelbau am Dickenbusch, der Amtssitz des Oberbürgermeisters, dessen Überreste allerdings 1949 ordnungswidrig abgebrochen wurden. mini|Gedenktafel für die Opfer der Fliegermorde in der Solinger Nordstadt