mini|350px|Das Reich Alexanders des Großen in seiner territorialen Ausdehnung im Jahr seines Todes 323 v. Chr.

Das Alexanderreich war ein Großreich der Antike, das sich unter Alexander dem Großen im Laufe des Alexanderzugs herausgebildet hatte und in seiner vollen Größe von 324 bis etwa 319 v. Chr. bestand. Da Alexanders politische Stellung in einigen Gebieten unterschiedlich legitimiert war und er seine Herrschaft auch entsprechend regional verschieden ausübte, lässt sich diesem Staatsgebilde kein geographischer Raumbegriff außer dem Namen seines Herrschers zuordnen.

Das Alexanderreich basierte im Wesentlichen auf einer Personalunion von dreierlei verschiedenen Herrschaftsbereichen: Jenem von Makedonien, des Altpersischen Reichs und Ägyptens. Darüber hinaus hatte Alexander die Oberherrschaft über die meisten griechischen Städte im Hellenenbund von Korinth und einige barbarische Stämme des Balkans ausgeübt. Sein Reich erstreckte sich dabei über mindestens 19 Gebiete heutiger moderner Staaten (Griechenland, Nordmazedonien, Bulgarien, Türkei, Syrien, Jordanien, Israel, Libanon, Zypern, Ägypten, Libyen, Irak, Iran, Kuwait, Afghanistan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan und Pakistan) und berührte einige weitere an ihren Peripherien (Ukraine, Rumänien, Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Saudi-Arabien und Indien). Nach seinem Tod zerfiel sein Reich schließlich im Rahmen der Diadochenkriege und wurde unter seinen Nachfolgern, den Diadochen und Epigonen, aufgeteilt. Dabei bildete sich die hellenistische Staatenwelt heraus.

Charakteristik mini|Makedonien und der Hellenenbund von Korinth im Jahr 336 v. Chr. mini|Das Altpersische Reich der Achämeniden in seiner größten Ausdehnung um 500 v. Chr.

Das nach moderner Wortschöpfung als „Alexanderreich“ bezeichnete Staatsgebilde war der historische Nachfolger des altpersischen Reichs der Achämeniden, mit dem es geographisch nahezu deckungsgleich war, allerdings um das Heimatland seines Eroberers Makedonien samt den unter seiner Hegemonie stehenden griechischen Stadtstaaten auf dem europäischen Erdteil erweitert. Gelegentlich wird es deshalb auch „Großmakedonisches Reich“ oder „makedonisches Imperium“ genannt, zumal mit dem Eroberungszug Alexanders die alte persische Herrscherkaste durch eine neue makedonische verdrängt wurde, die sich aus den Reihen seiner Gefährten (hetairoi) rekrutierte und die als seine Nachfolger (diadochoi) auch das weitere historische Geschick des östlichen Mittelmeerraums bestimmten, bis zu dessen Eroberung durch Rom. Weiterhin war das Alexanderreich ein Vielvölkerstaat, in dem die Herrschaft auf unterschiedlichen Instrumenten der Legitimation fußte, die Alexander in Personalunion auf sich vereinte. Allein seine Person konnte sich für die Einheit des Reiches verbürgen, für das es keinen geographischen Raumbegriff noch für sein Staatsvolk einen Namen gab.

Trotz seiner sehr kurzen und an nur eine Person gebundenen Existenz nimmt das Alexanderreich in der staatstheoretischen Entwicklung einen bedeutsamen Stellenwert ein. Es war der erste aus einem europäischen Kulturraum heraus geschaffene Flächenstaat, der sich über mehrere Erdteile und Völkerschaften erstreckte, der die Verbreitung der griechischen Kultur über die Grenzen ihrer angestammten Stadtstaaten hinaus ermöglichte und ihr im Hellenismus zu Weltgeltung verhalf. Bedingt durch Alexanders Stadtgründungen ging damit eine sprunghafte Ausbreitung urbaner Zivilisation einher und mit der sie begleitenden geographischen Erschließung die Etablierung eines euro-asiatischen Welthandels. Für die nachfolgenden europäischen Monarchien ist die Staatsform des Alexanderreichs mit seiner Konzeption zur Herrschaftslegitimierung konstitutiv geworden, mit den drei erstmals verbundenen Faktoren der dynastischen Erbfolge, der Anerkennung durch das Heer per Akklamation und der sakralen Überhöhung des Herrschers zum Göttlichen.Siehe Demandt, S. 361–362.

Das Königtum Das von Alexander eroberte Reich war kein Einheitsstaat, in dem die Herrschaft durch Übernahme eines bestimmten Herrschaftstitels erlangt werden konnte. Es gab keinen „König des Alexanderreichs“, sondern einen König Makedoniens, Asiens, Babylons und Ägyptens. Seine Herrschaft musste durch die Vereinigung von Befugnissen und Herrschertiteln gerechtfertigt werden, die den traditionellen Vorstellungen der einzelnen Reichsteile entsprachen. Im Unterschied zu den Achämeniden respektierte Alexander und, wo es ging, restaurierte er auch die althergebrachten kulturellen wie religiösen Traditionen der von ihm beherrschten Völker, wie beispielsweise seine Inthronisierung in Ägypten veranschaulicht. Er wollte ihnen gegenüber nicht als Eroberer oder Fremdherrscher auftreten, sondern als Bewahrer ihrer traditionellen Gesellschaftsordnungen. In diesem Sinne stellte sein Königtum ein universelles, von nationalen Begrenzungen losgelöstes Herrschaftskonzept dar, das als Garant für die Einheit des Ganzen und zugleich für die Bewahrung der ihm unterworfenen Völkervielfalt stand. Schon Niccolò Machiavelli hat das Ausbleiben „nationaler“ Aufstände der asiatischen Völkerschaften gegen die neuen hellenistischen Herrscher, sowohl unter Alexander wie seinen Nachfolgern, mit Erstaunen bemerkt, während sich noch gegen die Achämeniden insbesondere die Babylonier und Ägypter häufig erhoben hatten.Niccolò Machiavelli, Il Principe Kap. IV. Die Reichseinheit manifestierte sich damit also einzig in der Person des Königs, dessen Staat nicht unabhängig von ihm existieren konnte, den er ausgestattet mit einer unumschränkten Gewalt gestalten konnte und ihn somit zu seiner persönlichen Angelegenheit machte. Alexander war also nicht König „von“, sondern „in“ Asien und „in“ Ägypten, genauso wie seine hellenistischen Nachfolger der Ptolemäer und Seleukiden Könige „in Ägypten“ und „in Syrien“ waren. Die einzige Ausnahme blieb Makedonien, wo sich die Herrscher vor und nach Alexander Könige „der Makedonen“ nennen konnten.Siehe Demandt, S. 386.

In Europa war Alexander zuallererst König der Makedonen (basileus Makedonōn), als dynastisch legitimierter Nachfolger seines Vaters Philipp II. und in Anerkennung der makedonischen Heeresversammlung. Da es im makedonischen Staat neben dem Königtum (monarchia) kein existierendes Kontrollorgan gab, wie etwa dem Ephorat in Sparta oder dem Senat in Rom, hatte hier der König eine absolute Gewalt als oberster Richter und Feldherr inne. Sein Wille war in Fragen der Verwaltung und der Innen- und Außenpolitik Gesetz. Einzig das versammelte makedonische Heer hatte eine indirekte Funktion als Korrektiv zum Königtum inne, dessen Anerkennung der König unter Beweisstellung seiner Führungsqualitäten und angemessener Beteiligung aus Kriegsgewinnen erlangen musste. Diese Form der Herrschaftslegitimierung war für Makedonien während seiner gesamten Geschichte charakteristisch und setzte sich schließlich auch in den Diadochenreichen fort.

Weiterhin hatte Alexander die von seinem Vater geerbte Stellung des obersten Heerführers des thessalischen Bundes inne, des tagos, die in etwa mit einem frühmittelalterlichen Herzog vergleichbar ist. Nach außen war er damit der De-facto-Herrscher von Thessalien, dessen Städte nach innen aber ihre Autonomie beibehielten. Eine ähnliche Konstellation ergab sich schließlich in Bezug auf die im Hellenenbund von Korinth vertretenen Griechenstädte (poleis), die ihren inneren Freiheiten einen traditionell hohen Stellenwert beimaßen. Ebenfalls von seinem Vater hatte Alexander die Stellung des Anführers (hēgemon) des Hellenenbundes übernommen und war dessen oberster Feldherr (strategōs autokratōr). Die Beziehung der Städte zum Hegemon war vertraglich geregelt, dessen politische und militärische Führung nach außen sie mehr oder weniger bereitwillig anerkannten, besonders in Bezug auf den beschlossenen Rachefeldzug gegen den persischen Erzfeind. Weiterhin wurde dem Hegemon die Stellung einer Garantiemacht zur Einhaltung des allgemeinen Landfriedens (koinē eirēnē) zugestanden, den er gegebenenfalls mit militärischen Mitteln durchzusetzen hatte, wie im Fall des Abfallversuchs von Theben 335 v. Chr., der in der Zerstörung der Stadt mündete. Im Gegenzug war der Hegemon zur Anerkennung der inneren Autonomie der Städte verpflichtet, in die er nicht eingreifen durfte.

mini|Alexander der Große dargestellt als Weltherrscher (kosmokratōr), ausgestattet mit Diadem, Lanze und Schild. Die Weltherrschaft symbolisierend sind auf dem Schild die Abbildungen der Erdgöttin Gaia, des Sonnengottes Helios, der Mondgöttin Selene und fünf Tierkreiszeichen zu sehen. Römisches Goldmedaillon geprägt unter der severischen Dynastie, 1906 in Abukir entdeckt. Münzkabinett der Staatlichen Museen, Berlin.

Als Befreier von der persischen Fremdherrschaft ist Alexander in Ägypten empfangen und in Memphis nach altägyptischem Ritus zum Pharao gekrönt worden, worauf die persischen Könige verzichtet hatten. Ähnlich verhielt es sich in Babylon, wo er ebenfalls als Befreier und laut der astronomischen Tagebücher als „König der Welt“ (šar kiššati) empfangen wurde.Abraham Sachs, Hermann Hunger: Astronomical Diaries and Related Texts from Babylon, I, Diaries from 625 BC. to 262 B.C. (1988); Übersetzung von Bert van der Spek: Darius III, Alexander the Great and Babylonian scholarship. In: Achaemenid History. Band 13, 2003, S. 289–346. Die persische Herrschaft wurde hier wie in Ägypten stets entschieden abgelehnt; mehrfach wurde die Stadt erobert und die Zerstörung ihres Tempelturms Etemenanki durch Xerxes hatte ähnliche perserfeindliche Reaktionen wie in Griechenland erzeugt.Alexander hatte nach seinem Einzug in Babylon die Reparierung des Etemenanki angeordnet. Strabon 16, 1, 5. Und dennoch hatte Alexander stets eine legitime Nachfolgerschaft als Erbe der persischen Könige beansprucht, die seine Herrschaft in Asien rechtfertigen sollte. Nicht zuletzt deshalb kann das „Alexanderreich“ als Nachfolgerstaat zum Perserreich betrachtet werden. Wann Alexander diese Nachfolge tatsächlich ins Auge gefasst hatte, ist strittig. Als er 334 v. Chr. seinen Feldzug nach Asien begann, hatte zuallererst die Vergeltung für vorangegangene Angriffe der Perser auf Griechenland (Perserkriege) und die Befreiung der griechischen Städte entlang der ionischen Küste in Kleinasien Priorität. Laut Diodor aber machte Alexander bereits bei seiner Landung auf asiatischem Boden sein Herrschaftsrecht durch einen Speerwurf geltend, das durch den Willen der Götter auf ihn übertragen worden sei.Diodor 17, 17, 2. Ein zweites Mal wird sein Streben im Jahr darauf in Gordion greifbar, als er im dortigen Zeus-Heiligtum den berühmten Knoten löste, der die Herrschaft über Asien versprach. Beachtenswert ist weiterhin die Tatsache, dass Alexander bereits im ersten Jahr seines Feldzuges herrscherliche Handlungen in Asien tätigte, indem er die eroberten persischen Provinzen nicht nur bestehen ließ, sondern auch neue, nun makedonische Satrapen in ihnen einsetzte. In seinem offiziellen Programm taucht der Name Asien aber erst nach seinem Sieg in der Schlacht bei Issos 333 v. Chr. auf, indem er sich in einem Brief an Dareios III. selbst als „Herr von Asien“ titulierte und fortan als „König in Asien“ (basileus tēs Asias) angeredet zu werden verlangte.Arrian, Anabasis 2, 14, 7–9. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Gaugamela 331 v. Chr. wurde er schließlich von seinem Heer auch zum „König von Asien“ proklamiert, wobei dieser Akt weniger einer imperatorischen Akklamation als einer feierlichen Bestätigung seines Anspruchs seitens der Krieger entsprochen haben dürfte.Plutarch, Alexander 34, 1. Zum König Asiens ist Alexander nie inthronisiert worden, seine Herrschaft legitimierte sich durch seine Siege gegen die Perser. Spätestens mit dem Tod des Dareios III. 330 v. Chr. wurde er als alleiniger Herrscher Asiens anerkannt. Bessos, der sich selbst zum König ernannt hatte, fand als Königsmörder wenig Anhängerschaft und wurde deswegen auf Betreiben Alexanders als Usurpator verurteilt und hingerichtet.