Die osttimoresisch-portugiesischen Beziehungen beschreiben das zwischenstaatliche Verhältnis von Osttimor und Portugal. Die Länder unterhalten seit dem 20. Mai 2000 direkte diplomatische Beziehungen.
Das bilaterale Verhältnis wird geprägt von der Geschichte Osttimors als portugiesische Kolonie Portugiesisch-Timor vom 16. Jahrhundert bis 1975. Das architektonische und kulturelle Erbe, vor allem aber die vielfältigen Kooperationsprojekte insbesondere seit der Unabhängigkeit Osttimors 2002 bilden heute die wesentlichen Pfeiler der osttimoresisch-portugiesischen Beziehungen.
Portugal ist nach Australien der zweitwichtigste Entwicklungshilfegeber Osttimors und bedeutendster Kooperationspartner bei der Entwicklung der wichtigsten Institutionen des jungen Landes, etwa des Rechtswesens, der öffentlichen Verwaltung, der Wirtschaft, des Bildungssystems oder auch des allgemeinen Informationszugangs und einer freien Medienlandschaft.Umfassender Bericht und Bewertung der portugiesisch-osttimoresischen Entwicklungszusammenarbeit (port.), PDF-Abruf auf der Website der OECD, abgerufen am 27. März 2017
Seit 2002 ist Osttimor Vollmitglied in der Gemeinschaft der Portugiesischsprachigen Länder. Portugiesisch ist neben der lokalen Sprache Tetum offizielle Amtssprache in Osttimor.
Im Jahr 2015 waren 172 Bürger Osttimors in Portugal gemeldet,Summen der Anzahl der Osttimoresen in den offiziellen Ausländerstatistiken nach Distrikt, portugiesische Ausländer- und Grenzbehörde SEF, abgerufen am 25. März 2017 im portugiesischen Konsulat in Osttimor waren im Jahr 2012 9.700 Menschen registriert, davon 9.487 portugiesische Staatsbürger.Webseite zur osttimoresisch-portugiesischen Migration (Tabelle A.3) beim portugiesischen wissenschaftlichen Observatório da Emigração, abgerufen am 25. März 2017 Beide Zahlen nahmen bis 2023 stark zu.
Geschichte Bis 1975 mini|hochkant|Gedenkstein nahe dem 2015 errichteten Lifau-Monument zur ersten Landung von Portugiesen in Timor 1515 mini|hochkant|Pataca-Schein aus Portugiesisch-Timor (1910)
1512 sichtete der Portugiese António de Abreu Timor als erster Europäer. Es ist nicht dokumentiert, ob er die Insel betrat. Als erste Landung gilt die Ankunft portugiesischer Dominikaner in Oe-Cusse Ambeno.
Zunächst setzten die Portugiesen sich nur auf der nahe gelegenen Insel Solor fest und liefen die Insel Timor an wechselnden Punkten an, um vor allem Sandelholz einzuhandeln. Die erste portugiesische Ortsgründung auf Timor wurde 1556 Lifau im Westen der Insel. Ab 1586 nahm Portugal Timor als Portugiesisch-Timor in Besitz. Die Insel wurde im Verlauf der Christianisierung zeitweise auch Ilha de Santa Cruz (Insel des Heiligen Kreuzes) genannt. Unterstand Portugiesisch-Timor de jure der portugiesischen Krone, so waren de facto die Topasse Herrscher der portugiesischen Gebiete auf Timor.
Mit der Wiederherstellung der Eigenständigkeit des Königreichs Portugal nach der Personalunion mit Spanien (1580–1640) nahm auch die Präsenz Portugals in der Region wieder zu, doch der niederländischen Expansion im Westen musste Portugal nach und nach weichen. 1756 war fast ganz Westtimor in niederländischer Hand. 1769 vertrieben die Topasse zeitweise die Portugiesen sogar aus ihrer Exklave Lifau, so dass Dili im Osten neue Hauptstadt wurde. Die Spannungen zwischen den Niederländern im Westen und den Portugiesen im Osten Timors blieben dabei stets bedrohlich und verhinderten eine Befriedung und feste Grenzziehung, die auch durch einen Grenzvertrag 1859 nicht erreicht wurde. Erst 1916 wurden die heutigen Grenzen festgelegt, inklusive der osttimoresischen Exklave Oe-Cusse Ambeno in Westtimor.
Auch im Osten bestand die Kolonie weitgehend aus Vasallenstaaten, die nach innen hin unabhängig blieben. Bei Abschluss des Vertrages zwischen den Portugiesen und den einheimischen Herrschern (Liurai) übergab man den Timoresen unter anderem eine portugiesische Flagge. Als Symbol der Macht wurden diese Flaggen zu Kultgegenständen und werden noch heute in den Heiligen Häusern (Uma Lulik) aufbewahrt. Den Portugiesen kam beim Erhalt ihrer Herrschaft die Kopfjagd zugute, die einen permanenten Kriegszustand zwischen den zahlreichen Reichen auf Timor mit wechselnden Machtkonstellationen bedeutete. Erst mit der Niederschlagung der Rebellionen in Portugiesisch-Timor (1860–1912) wurden die Liurais in Portugiesisch-Timor entmachtet und koloniale Verwaltungsstrukturen aufgebaut.
mini|hochkant|links|Denkmal für den Artur do Canto Resende in Dili (1970) mini|Vereidigung portugiesischer Soldaten im Ausbildungslager Marobo (1968)
Im Zweiten Weltkrieg blieb Portugal unter Diktator Salazar neutral, geriet aber in Macau und Timor dennoch zwischen die Fronten. Ende 1941 drangen zunächst alliierte Truppen in die Kolonie ein, um eine Verteidigungsbasis gegen die Japaner aufzubauen, 1942 begann die Schlacht um Timor und die Besetzung durch die Japaner. Alliierte Einheiten führten auf der Insel einen Guerillakrieg gegen die Japaner, unterstützt von Teilen der einheimischen timoresischen und portugiesischen Bevölkerung, trotz der offiziellen Neutralität Portugals. Vor allem von Portugal in die Kolonie Verbannte wie Manuel Viegas Carrascalão taten sich dabei hervor. Der von den Japanern hingerichtete Liurai Aleixo Corte-Real wurde später zum Volkshelden der Kolonie verklärt. Manuel de Jesus Pires war ein portugiesischer Offizier, der aufseiten der Australier kämpfte. Die Japaner protestierten mehrfach bei der portugiesischen Regierung, auch wegen des kaum kooperativen portugiesischen Gouverneurs Manuel de Abreu Ferreira de Carvalho. Die portugiesische Zivilbevölkerung wurde schließlich interniert. Pro-japanische Gruppen von Timoresen, die schwarzen Säulen (), griffen Priester und andere Zivilisten an. Insgesamt starben 75 Portugiesen und zwischen 40.000 und 70.000 Timoresen durch die japanische Besetzung. Mehrere Denkmäler in Osttimor erinnern an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Am 26. September 1945 fand die offizielle Kapitulationszeremonie der Japaner in Dili und die Rückgabe der Herrschaft an die Portugiesen statt – trotz des Widerstands der australischen und niederländischen Militärs.
1951 wurde Osttimor zu einer Überseeprovinz Portugals erklärt, was jedoch de facto keine wesentlichen Änderungen für Osttimors Situation als portugiesische Kolonie darstellte. 1954 nahm die staatliche Transportes Aéreos de Timor (TAT), die erste Fluggesellschaft der Kolonie, ihren Betrieb auf und verband verschiedene Punkte in der Kolonie und den benachbarten Regionen. Nachdem Portugal bereits ab 1894 als Geldwährung in Timor die Pataca herausgegeben hatte, führte die Kolonialmacht 1959 den Escudo Portugiesisch-Timors ein, der hier bis 1976 Zahlungsmittel blieb.
1959 kam es zur Viqueque-Rebellion und 1961 versuchte das Bureau de Luta pela Libertação de Timor einen letzten Aufstand gegen die Kolonialherren.
Nach der Nelkenrevolution in Portugal sollte auch Portugiesisch-Timor auf die Unabhängigkeit vorbereitet werden, doch kam es, angeheizt durch Indonesien, zum Bürgerkrieg zwischen den beiden großen Parteien, der konservativen UDT und der linksgerichteten FRETILIN, die aus dem kurzen Konflikt als Sieger hervorging. In beiden Parteien spielten neben Timoresen aus der Adels- und Bildungsschicht auch Mestiços bedeutende Rollen. Noch heute haben sie Einfluss auf die Politik in Osttimor. Portugals letzter Gouverneur Mário Lemos Pires zog sich während der Kämpfe im August 1975, zusammen mit der portugiesischen Administration und deren Familien, auf die Dili vorgelagerte Insel Atauro zurück. Der Bitte nach Rückkehr nach Dili durch die FRETILIN folgte Pires nicht.
Indonesische Besatzung Osttimors und Unabhängigkeit mini|20. Mai 2012: Eröffnung des Museums des timoresischen Widerstands, u. a. mit Osttimors Premier Xanana Gusmão (2. v. r.) und Portugals Präsident Cavaco Silva (9. v. r.)
Angesichts der Infiltrierung der Grenzgebiete durch indonesische Streitkräfte sah sich die FRETILIN dazu gezwungen, am 28. November 1975 einseitig die Unabhängigkeit auszurufen. Portugal und der Großteil der internationalen Gemeinschaft erkannten dies nicht an. Neun Tage später begann Indonesien mit der offenen Invasion in das Nachbarland und der Besetzung Dilis. Tags darauf, am 8. Dezember verließen Pires und die portugiesische Gemeinde die Kolonie von Atauro aus an Bord zweier portugiesischer Kriegsschiffe. Die letzte portugiesische Flagge wehte noch über Atauro, bis am 30. Dezember indonesische Truppen auf Atauro landeten und sie zeremoniell einholten. Sie befindet sich nun im Privatbesitz von Francisco Lopes da Cruz, der mit den Indonesiern zusammenarbeitete.
1976 wurde Osttimor offiziell als indonesische Provinz Timor Timur annektiert. International galt Osttimor weiterhin als „abhängiges Territorium unter portugiesischer Verwaltung“.Resolution 3485 der Generalversammlung der Vereinten Nationen (englisch) In der Verfassung Portugals von 1976 legte sich Portugal mit Artikel 307 die Verantwortung für Osttimor auf.Verfassung Portugals von 1976: Artikel 307 (portugiesisch), abgerufen am 3. November 2020. Noch 2001 war dieser Abschnitt Teil der Verfassung (dann Artikel 293):Verfassung Portugals von 2001 (deutsch), abgerufen am 3. November 2020.
Während in Osttimor der bewaffnete Widerstand im Guerillakrieg gegen die Besatzungsmacht vorging, versuchte die osttimoresische Diaspora auf diplomatischen und politischen Wegen die Unabhängigkeit Osttimors zurückzugewinnen. Eine große Gruppe lebte in Portugal, wo Osttimoresen auch nach verschiedenen friedlichen Botschaftsbesetzungen in den 1990er Jahren Asyl fanden. Beim Nationalen Timoresischen Kongress vom 23. bis 27. April 1998 im portugiesischen Peniche gelang die Vereinigung aller größeren osttimoresischen politischen Parteien im Dachverband des Conselho Nacional de Resistência Timorense. Portugal unterstützte während der gesamten Besatzungszeit die Osttimoresen auf dem diplomatischen Weg. In Portugal selbst unterstützten mehrere Nichtregierungsorganisationen Osttimor, so die Comissão para os Direitos do Povo Maubere (CDPM), die Paz e Justiça para Timor Leste, die Associação Portugal Loro Sae , die Espaço Timor und das Centro Internacional da Acção Jovem para a Paz.ETAN: List of East Timor Support and Solidarity Groups Worldwide, abgerufen am 24. Januar 2018. Bereits seit 1982 bestand die christliche A Paz é Possível em Timor-Leste (APPTL).Universität Coimbra: A Paz é Possível em Timor Leste, abgerufen am 23. Oktober 2019.
Insbesondere nach dem Santa-Cruz-Massaker 1991 nahmen die internationalen Proteste gegen die indonesischen Machthaber und für ein unabhängiges Osttimor stark zu. Neben Australien kam es besonders in Portugal zu großen Protest- und Solidaritäts-Demonstrationen, die die portugiesische Politik unter Druck setzten und eine portugiesische Verantwortung für die ehemalige Kolonie anmahnten. Die Osttimorfrage wurde in Portugal zur nationalen Frage und Symbol der jungen Generation. Man hatte eine grundlegend romantische Vorstellung von Timor.Marinús Pires de Lima & Nuno Filipe Pombo Nunes: MOVIMENTOS SOCIAIS EM TIMOR, abgerufen am 20. September 2019. Portugiesische Musiker nahmen Lieder zu dem Thema auf, und zahlreiche Boykottaufrufe gegen Indonesien wurden laut. Portugiesische Musikgruppen mieden teils öffentlichkeitswirksam indonesische Restaurants auf ihren ausländischen Touren und machten in Kommentaren auf den Bühnen auf die Situation aufmerksam, etwa Madredeus. Auch portugiesische Autoren, teils mit osttimoresischen Wurzeln, setzten sich für die ehemalige Kolonie ein. Im März 1992 versuchten Aktivisten, mit Unterstützung der portugiesischen Regierung, mit der Fähre Lusitânia Expresso nach Osttimor zu fahren. Als Ziel dieser Mission „Frieden in Timor“ wurde angegeben, man wolle am Friedhof von Santa Cruz einen Kranz für die Opfer des Massakers niederlegen. Das Schiff wurde von der indonesischen Marine aufgehalten, doch sein eigentliches Ziel wurde erreicht: Weltweite Aufmerksamkeit.