mini|Guntang. Tropenmuseum Amsterdam, vor 1939. Guntang ist eine mit einem Stöckchen geschlagene, einsaitige, idiochorde Bambusröhrenzither, die hauptsächlich auf der indonesischen Insel Bali in verschiedenen gamelan (Ensembletypen) gespielt wird. Die guntang ist ein den Rhythmus punktierendes Perkussionsinstrument in der balinesischen Musik und hiervon übernommen in der Musik von Lombok. Im gamelan arja legt üblicherweise eine größere guntang die rhythmische Betonung fest und eine zweite, kleinere guntang gibt den Taktschlag vor. Letztere wird heute meist durch einen kleinen Buckelgong (kempli) ersetzt.

Bauform Die guntang besteht aus einem 35 bis 70 Zentimeter langen, dicken Bambusabschnitt (Internodium), der knapp hinter den Knoten abgeschnitten wurde und eine beidseits geschlossene Röhre bildet. Eine dünne Saite wird durch zwei Längsschnitte und einen Tangentialschnitt aus der oberen Schicht (Epidermis) herausgetrennt. An den Enden bleibt die Saite mit dem Bambus verbunden und wird gegen Ausreißen mit einer Faserwicklung um die Röhre aus Rattan oder einem anderen Pflanzenmaterial gesichert. Unter der Saite wird die Röhrenwandung ausgedünnt und zu einer ebenen Fläche begradigt. An beiden Enden als Sattel quer untergeschobene Hölzchen oder Bambusstücke bringen die Saite in einen parallelen Abstand zum Saitenträger. Durch Verschieben der Hölzchen nach außen lässt sich die Saitenspannung erhöhen. Ein in der Mitte an der Saite befestigtes, flaches Holzstück von etwa 4 × 5 Zentimeter Größe vibriert, wenn die Saite mit einem dünnen Bambusstöckchen geschlagen wird. Es senkt die Tonhöhe ab, erhöht die Lautstärke und macht den Ton anhaltender. Bei anderen zweisaitigen Röhrenzithern ist ein solches Holzstück zwischen die Saiten gespannt, ohne die Röhre zu berühren, und dient als Schlagplatte. Eine schmale Öffnung unter der Saitenmitte dient als Schallloch. Die alte Klassifizierung als „Trommelzither“ für diesen Typ von geschlagenen Röhrenzithern ist ebenso irreführend wie bei den sogenannten Schlitztrommeln. Die guntang ruht waagrecht auf einem Holzgestell vor dem am Boden sitzenden Musiker.

Guntang werden den Namen nach in mehrere Größen unterteilt. Am größten ist guntang gede (gede, „groß“, entsprechend dem sehr großen gamelan gong gede), gefolgt von guntang kempur (kempur, ein einzelner, in einem Holzrahmen hängender Buckelgong), guntang cenik (cenik, balinesisch „klein“) bis zum kleinen guntang kajar oder guntang kempli (kempli, ein kleiner hängender Gong, der alternativ zur guntang als Taktgeber verwendet wird). Das Wort guntang für eine Röhrenzither ist erstmals in einigen javanischen Dokumenten aus dem 14. Jahrhundert nachgewiesen

Jaap Kunst beschrieb in den 1930er Jahren die heute vereinzelt in Zentral- und Ostjava vorkommende Entsprechung zur guntang, die gumbeng genannt wird. Die Jaap Kunst zufolge auf Java üblichen indonesischen oder javanischen Bezeichnungen der einzelnen Bauteile dieser Bambusröhrenzither sind: senteng („Saite“), ganjel („Unterlage“) oder in Ostjava tlapakan („Fußsohle“) für den Sattel und suh (Rattanfasern, um die Saiten am Ausreißen zu hindern). Das mittlere Holzstück der gumbeng heißt siwil oder bindingan.Jaap Kunst, 1973, S. 231f Die heutige gumbeng ist etwas größer als die balinesischen Varianten der guntang und besitzt ein Saitenpaar mit einem mittig zwischen den Saiten (welad) eingeklemmten Holzstück (tangsel) und eine einzelne Saite, die nur von einem unter die Saitenmitte geschobenen Steg angehoben wird.Gumbeng: Bamboo Zither Drums of Java. Aural Archipelago, 2016

Herkunft und Verbreitung mini|Gong tondo von der Insel Flores, Tropenmuseum Amsterdam, vor 1934. Im Unterschied zur guntang hat die gong tondo kein Schallloch in der Mitte, dafür auf beiden Seiten durchbrochene Internodien. Saiteninstrumente benötigen einen Saitenträger und einen Resonanzkörper. Beides ist bei einer Bambusröhre ohne weitere Bearbeitung gegeben, weshalb idiochorde Bambusröhrenzithern neben Musikbögen die am einfachsten herzustellenden Saiteninstrumente sind, als deren „Urväter“ geltenCurt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens (zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde). 2. Auflage. Georg Reimer, Berlin 1923, S. 96 und in fast allen Regionen vorkamen oder noch vorkommen, in denen Bambus gedeiht. Dies trifft auf ganz Südostasien und bis Südchina im Norden zu, wo ein- und mehrsaitige, gezupfte und geschlagene Bambusröhrenzithern in großer Vielfalt vorkommen und in traditionellen Musikstilen gespielt werden. Das Hauptverbreitungsgebiet von Bambusröhrenzithern sind die Malaiischen Inseln. Dort gehören sie zu den charakteristischen Musikinstrumenten der Proto-Malaiien, also der ältesten, steinzeitlichen Einwandererschicht.Artur Simon: Southeast Asia: Musical Syncretism and Cultural Identity. In: Fontes Artis Musicae, Bd. 57, Nr. 1, Januar–März 2010, S. 23–34, hier S. 25 Von Südostasien beeinflusst kommen Bambusröhrenzithern im äußersten Nordosten Indiens vor, darunter die zweisaitige gintang in Assam und die chigring im dortigen Bundesstaat Meghalaya. Das isolierte Vorkommen von Bambusröhrenzithern bei den zu den Scheduled Tribes gehörenden Hill Reddis in Andhra Pradesh (Zentralindien) wird ebenfalls auf einen alten südostasiatischen Einfluss zurückgeführt. Das bekannteste Musikinstrument Madagaskars, die Bambusröhrenzither valiha, geht vermutlich auf indonesische Einwanderer zurück, die Ende des 1. Jahrtausends auf dem Seeweg diese Insel vor der afrikanischen Ostküste erreichten. Von den Bambusröhrenzithern zu unterscheidenVgl. Rolf B. Roth, 1987, S. 19 sind einige, in der Vergangenheit häufigere, Vorkommen von aus anderen Materialien gefertigten Röhrenzithern in Zentralasien, auf dem Balkan sowie im nachkolumbianischen Südamerika und in Nordamerika.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 190 Die guslice oder gingara in Bosnien und Serbien ist eine mit einem Bogen gestrichene Röhrenzither aus einem Getreidehalm, die als Kinderspielzeug verwendet wird. Eine ebensolche corn-stalk fiddle wurde früher in Nordamerika gespielt.Cornstalk Fiddle. The Metropolitan Museum of Art (Abbildung) Die mit Stöckchen geschlagene, jamaikanische benta besitzt eine idiochorde Saite, die aus einem langen grünen Bambusrohr herausgeschnitten wird.

Einfache Brettzithern, bei denen mehrere Saiten in einer parallelen Ebene über ein Brett gespannt sind (wie die bangwe in Malawi), und Trogzithern, deren Saiten frei über einen an der Oberseite offenen Resonanzkörper verlaufen, kommen hauptsächlich in Zentral- und Ostafrika vor, sind aber in Südostasien selten.Fredeliza Campos, Roger Blench: Heterochord Board and Strip Zithers in the Cordillera, Northern Philippines. In: The Galpin Society Journal, Bd. 67, Januar 2014, S. 171–180, hier S. 171

mini|Zweisaitige gumbeng von Java. Tropenmuseum Amsterdam, vor 1936. Das über dem Schallloch zwischen den Saiten eingeklemmte Schlagplättchen fehlt. Die bei einer evolutionären Betrachtungsweise auf „eine sehr niedrige Entwicklungsstufe“ gestellten idiochorden BambusröhrenzithernPaul Collaer: Südostasien. Musikgeschichte in Bildern. Band I: Musikethnologie. Lieferung 3. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1979, S. 26 gehören zusammen mit Bambusidiophonen (angklung), Buckelgongs, Flöten (suling) und Rahmenmaultrommeln (genggong) zur frühesten Schicht indonesischer Musikinstrumente. Hierbei werden Röhrenzithern zusammen mit beispielsweise Blasrohren und Auslegerbooten zu den „altindonesischen Elementen“ gezählt.Rolf B. Roth, 1987, S. 2

In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten brachten indische Händler und Missionare ihre indische Kultur nach Südostasien, die bis heute in vielen Bereichen spürbar ist. Relativ gering war der indische Einfluss auf die Musikinstrumente, wie an den Reliefs an den Tempeln von Angkor und am Borobudur (8. Jahrhundert) zu erkennen ist, die nur wenige Instrumente aus Indien zeigen. Zur indischen Generation indonesischer Musikinstrumente gehört die mit der Röhrenzither vergleichbare Stabzither kse diev in Kambodscha, die heute fast verschwunden ist, aber an wenigen Reliefs am Bayon vom Anfang des 13. Jahrhunderts auftaucht. Über die westlichen Malaiischen Inseln gelangten die indischen Musikinstrumente in abgewandelter Form bis zu den Philippinen, wo vor deren Einführung idiochorde Bambusröhrenzithern die vermutlich einzigen Saiteninstrumente gewesen sein dürften.Hans Brandeis: Versuch einer Typologie philippinischer Bootslauten. In: Eszter Fontana, Andreas Michel, Erich Stockmann (Hrsg.): Studia instrumentorum musicae popularis, Band 12. Janos Stekovics, Halle 2004, S. 75–108, hier S. 104

Die in dieser groben historischen Einteilung dritte Generation indonesischer Musikinstrumente kam ab dem 15. Jahrhundert mit arabischen Händlern in die Region. Mit der heute dominierenden islamischen Kultur und Religion und durch die christliche Missionierung in anderen Gebieten verschwand ein guter Teil der überlieferten Musik und der traditionellen Instrumente. Auf muslimischen Einfluss gehen etwa die Zupflaute gambus (auf Bali nur von der muslimischen Minderheit gespielt) und die Stachelfiedel rebab zurück. Zu den heutigen konzertanten Saiteninstrumenten mit orientalischen Vorläufern gehören die javanischen Kastenzithern kacapi und celempung.

Unter beiden Namen sind auch indonesische Bambusröhrenzithern bekannt, die regional in der Volksmusik gespielt werden: die canang kacapi der Gayo in Aceh, die kacapi bambu der Minangkabau und die celempung bambu in Westjava. Eine verfeinerte Form ist die sasando auf der indonesischen Insel Roti. Einfache Varianten sind tanggetongTanggetong. Ethnologisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin (Abbildung) bei den Toba-Batak in Sumatra, keteng-keteng bei den Karo-Batak, gondang bulu bei den Mandailing und Angkola, zwei weiteren Batak-Gruppen in Zentralsumatra. Tongkungon heißt eine Bambusröhrenzither auf Borneo, salude, kalembosan, sattung, ganrang bulo und dimba-dimba sind einige der auf Sulawesi vorkommenden Namen. Die ganrang bulo von Südsulawesi entspricht im Norden der anthu-anthuga (Gorontalo) und der tantabua (Bolaang Mongondow) und besitzt zwei Saiten, die mit zwei dünnen Stöckchen geschlagen werden.Mayco A. Santaella: Ganrang bulo. In: Laurence Libin (Hrsg.): The Grove Dictionary of Musical Instruments. Bd. 2, Oxford University Press, Oxford/New York 2014, S. 392 Die Atoin Meto in Westtimor spielen die sechssaitige sene kaka, Einwohner von Alor die achtsaitige teleng und auf der Insel Luzon im Norden der Philippinen kommt die kolitong vor.Vgl. Tube zither. In: Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 547f: listet über 90 Namensverweise meist zu südostasiatischen Bambusröhrenzithern Ein und zweisaitige, teilweise auch dreisaitige Bambusröhrenzithern werden in Indonesien rhythmisch mit Stöckchen geschlagen, bei manchen Instrumenten, die anstelle der beiden seitlich untergeschobenen Holzstücke einen ungefähr mittig platzierten Steg besitzen, lassen sich zwei unterschiedliche Töne je Saite produzieren. Drei und mehrsaitigen Zithern werden üblicherweise beidhändig mit den Daumennägeln gezupft und zur Melodiebildung verwendet. Jaap Kunst, 1973, S. 233