mini|Flüchtlinge aus Ramle werden eskortiert, aufgenommen am 1. Juli 1948. Die Palästinensische Vertreibung aus Lydda und Ramle 1948 (auch bekannt als der Todesmarsch von LyddaPaul Chamberlin: The Global Offensive: The United States, the Palestine Liberation Organization, and the Making of the Post-Cold War Order. Oxford University Press, 2012, ISBN 978-0-19-981139-7, S. 16.Richard Holmes, Hew Strachan, Chris Bellamy, Hugh Bicheno (Hrsg.): The Oxford companion to military history. Oxford University Press 2001, ISBN 0-19-866209-2, S. 64.) war die Vertreibung von 50.000 bis 70.000 Palästinensern, als israelische Truppen die beiden Städte im Juli des Jahres einnahmen. Die Kriegshandlungen ereigneten sich im Zusammenhang des Palästinakriegs. Beide arabische Städte Lydda und Ramle lagen außerhalb der Grenzen des israelischen Staates, die im UN-Teilungsplan für Palästina von 1947 festgelegt worden waren, und innerhalb des Gebiets, das für einen arabischen Palästinenserstaat bestimmt war.
Der Exodus, der laut Benny Morris die „größte Vertreibung während des Krieges“ darstellte, fand nach dem Ende des Waffenstillstands statt, als die Kämpfe wieder aufgenommen wurden. Israel fühlte sich dazu veranlasst, seine Kontrolle über die Straße nach Jerusalem und die Küstenstraße zu verbessern, die vonseiten der transjordanischen Arabischen Legion und ägyptischen Armee wie palästinensischen Truppen unter Druck kam. Aus israelischer Sicht schützte die Einnahme der Städte, nach Benny Morris unternommen um Panik und Flucht der Zivilbevölkerung hervorzurufen, Tel Aviv vor Bedrohungen. Die Militäraktion machte den Vormarsch der Arabischen Legion zunichte, insofern die Straßen mit Flüchtlingen blockiert waren, wodurch die Arabische Legion dazu veranlasst wurde, logistische Anstrengungen auf sich zu nehmen; dies schwächte ihre militärischen Fähigkeiten und trug dazu bei, die nahe gelegenen arabischen Städte zu demoralisieren.The Rabin Memoirs, University of California Press, 1996 S .383: "Allon and I held a consultation." ([Jiggaʾel] Allon und ich hielten eine Beratung ab.) Am 10. Juli befahl John Baggot Glubb („Glubb Pasha“) den Truppen der Arabischen Legion „Vorkehrungen ....für einen Sitzkrieg (phony war) zu treffen“. Am nächsten Tag ergab sich Ramle sofort, aber die Einnahme von Lydda dauerte länger und führte zu einer unbekannten Zahl von Todesfällen. Der palästinensische Historiker Aref al-Aref schätzte, dass am 12. Juli 426 Palästinenser in Lydda ums Leben kamen, davon 176 in der Moschee und etwa 800 weitere Opfer bei den Kampfhandlungen insgesamt. Der israelische Historiker Benny Morris geht von bis zu 450 getöteten Palästinensern und 9–10 israelischen Soldaten aus.Zahl der Toten in Lod: Morris 2004, S. 426.:
11 Juli: Six dead and 21 wounded on the Israeli side, and "dozens of Arabs (perhaps as many as 200)". Morris 2004, S. 452, Fußnote 68: Third Battalion intelligence puts the figure at 40 Palestinians dead, but perhaps referring only to the numbers they had killed themselves. Morris 2004, S. 428:
12 Juli: Israeli troops were ordered to shoot at anyone seen on the streets: during that incident, 3–4 Israelis were killed and around a dozen wounded. On the Arab side, 250 dead and many wounded, according to the IDF.
Nachdem die Städte eingenommen waren, wurden innerhalb der IDF Vertreibungsbefehle für die Bevölkerungen von Lydda und Ramle ausgegeben; die Vertreibungsorder für Lydda unterzeichnete Jitzchak Rabin. Die Bewohner Ramles wurden mit Bussen abtransportiert, die Bewohner Lyddas dagegen gezwungen, in der Sommerhitze bis zur Frontlinie zu laufen. Einige der Flüchtlinge starben während des Marsches an Erschöpfung und Wassermangel, die Schätzungen reichen von einigen wenigen bis zu 500 Todesfällen.
Die Zahl der Flüchtlinge entspricht einem Zehntel aller Flüchtlinge während der so genannten „Nakba“.
Ilan Pappé und andere charakterisierten die Vorfälle als ethnische Säuberung.Ethnische Säuberung als Begriff bei Pappé 2006.
Zur Frage, ob eine ethnische Säuberung vorgelegen habe: Morris 2008, S. 408.: „Obwohl während kritischer Monate eine Atmosphäre ethnischer Säuberung vorherrschte, wie man das später genannt hätte, wurde die Vertreibung nie zu einer allgemeinen oder ausdrücklich erklärten Politik des Zionismus. Folglich war in manchen Teilen des Landes am Ende des Krieges eine beträchtliche arabische Bevölkerung zurückgeblieben, besonders in Galiläa und in den Städten im Herzen des israelischen Küstenstreifens, Haifa und Jaffa, obwohl ein großer Teil des Landes von Arabern „gesäubert“ worden war.“
"Although an atmosphere of what would later be called ethnic cleansing prevailed during critical months, transfer never became a general or declared Zionist policy. Thus, by war’s end, even though much of the country had been 'cleansed' of Arabs, other parts of the country—notably central Galilee—were left with substantial Muslim Arab populations, and towns in the heart of the Jewish coastal strip, Haifa and Jaffa, were left with an Arab minority."
Spangler 2015, S. 156.: „Während der Nakba, der Umsiedelung der Palästinenser im Jahre 1947 (sic!) war Rabin der zweitoberste Kommandeur in der Operation Dani, der ethnischen Säuberung der palästinensischen Städte Lydda und Ramle.“
"During the Nakba, the 1947 [sic] displacement of Palestinians, Rabin had been second in command over Operation Dani, the ethnic cleansing of the Palestinian towns of towns of Lydda and Ramle."
Schwartzwald 2012, S. 63.: „Die Fakten tragen diese Behauptung einer ethnischen Säuberung nicht. Sicher wurden einige Flüchtlinge zur Flucht gezwungen: 50.000 wurden aus den strategisch gelegenen Städten Lydda und Ramle vertrieben…Aber dies waren Ausnahmen, nicht die Regel, und es hatte nichts mit ethnischer Säuberung zu tun.“
"The facts do not bear out this contention [of ethnic cleansing]. To be sure, some refugees were forced to flee: fifty thousand were expelled from the strategically located towns of Lydda and Ramle … But these were the exceptions, not the rule, and ethnic cleansing had nothing to do with it."
Golani, Manna 2011, S. 107.: „Die Vertreibung von etwa 50.000 Palästinensern aus ihren Häusern … war eine der am deutlichsten sichtbaren Grausamkeiten als Folge der israelischen Politik ethnischer Säuberung.“
"The expulsion of some 50,000 Palestinians from their homes … was one of the most visible atrocities stemming from Israel’s policy of ethnic cleansing." Viele der 850.000 vertriebenen jüdischen Araber, von denen wohl 300.000 zwischen 1948 und 1951 mittellos nach Israel eingewandert waren, wurden in leeren Häusern der Flüchtlinge ansässig, einerseits aus Wohnungsnot und zugleich als Maßnahme, um die Rückforderung der Häuser durch die früheren Bewohner zu verhindern.Ein Zehntel des gesamten Exodus, vgl. Morris 1986, S. 82.
Zur Aussage, dass die meisten Immigranten in Lydda und Ramle aus Asien und Nord-Afrika stammten, vgl. Golan 2003.
Zur Aussage, dass die Flüchtlinge in leeren Häusern untergebracht wurden, damit diese nicht zurückgefordert werden konnten, vgl. Morris 2008, S. 308 und Yacobi 2009, S. 45. Für 58 % der Aufgenommenen, zu drei Vierteln jüdische Araber, großteils aus dem Irak und Jemen,NN, “Immigrants to Israel: 1948–1952 (July 1953)”, on: Jewish Virtual Library: Anything you need to know from Anti-Semitism to Zionism; abgerufen am 9. April 2023. gab es aber keinen Platz, sie lebten unter schwierigsten Bedingungen in Zelten der Übergangslager (Maʿabbarot).Schlomoh Swirski, Politics and Education in Israel: Comparisons with the United States, London: Routledge, 1999. S. 114. ISBN 978-1-135-58242-5.
Beide Städte verwandelten sich in der Folge in hauptsächlich von israelischen Juden bewohnte Gebiete des neuen Staates Israel, die seither in Israel und im deutschen Sprachraum meist als Lod und Ramla bezeichnet werden.Bevölkerungsangaben nach Morris 2004, S. 425. 434.
Er schreibt, vor der Invasion hätten Lydda und Ramle im Juli 1948 eine Bevölkerung von 50.000–70.000 Menschen gehabt, 20.000 davon seien Binnenflüchtlinge aus Jaffa und Umgebung gewesen (vgl. S. 425). Alle seien vertrieben worden, einige Alte oder Kranke ausgenommen, dazu einige Christen oder einige, die man zur Arbeit zurückgehalten habe. Anderen sei es gelungen, sich zurück zu schleichen, so dass bis Mitte Oktober 1948 etwa 2.000 Palästinenser in beiden Städten lebten (vgl. S. 434).
Zum Namenswechsel vgl. Yacobi 2009, S. 29. Yacobi schreibt, Lod sei der biblische Name gewesen.
Palästinenser nannten Lydda al-Ludd. Lydda war die gräzisierte Form in lateinischer Schreibung, vgl. Sharon 1983, S. 798.
Ramle kann auch Ramleh geschrieben werden; Israelis benutzen Ramla, dieser Name sollte nicht mit Ramallah verwechselt werden. Im Jahre 2018 waren knapp ein Viertel, oder etwa 18.500 Einwohner Ramlas arabische Israelis, in Lod waren es da knapp 20 % oder etwa 15.000 der Einwohner.
Vorgeschichte Palästinakrieg von 1948
Palästina stand zwischen 1917 und 1948 unter der Verwaltung des britischen Völkerbundsmandats für Palästina. Nach 30 Jahren des Streits zwischen arabischen und jüdischen Palästinensern beschlossen die Mitgliedsnationen der Vereinten Nationen am 29. November 1947, Palästina in einen jüdischen und arabischen Staat zu teilen. Lydda und Ramle wurden dem zukünftigen arabischen Staat zugeordnet.
Der Vorschlag wurde von der jüdischen Gemeinschaft angenommen, aber von den arabischen Führern abgelehnt, worauf ein Bürgerkrieg zwischen den beiden Gruppen ausbrach. Die britische Verwaltung brach zusammen, als sich der Bürgerkrieg ausweitete. Sie konnte sich nur um die Evakuierung ihrer Streitkräfte kümmern und die Blockade der Luftwege und Seewege aufrechterhalten. Nach viereinhalb Monaten hatten die jüdischen Milizen die arabischen besiegt und eroberten die gemischten Siedlungen des Landes, was die Nakba auslöste. Über 700.000 Palästinenser flüchteten oder wurden vertrieben.
Am 14. Mai 1948 erklärte Israel seine Unabhängigkeit in Tel Aviv, das die Briten bereits verlassen hatten; tags darauf endete das Mandat Großbritanniens. Am gleichen Tag ließen das Königreich Ägypten, das Königreich Irak, Libanon, Syrien und Transjordanien ihre Expeditionskräfte einmarschieren. Nach sechs Wochen konnte jedoch keine der militärischen Streitkräfte die Oberhand gewinnen.
Nach einem vierwöchigen Waffenstillstand, in dem die israelischen Streitkräfte verstärkt wurden, während die arabischen unter dem Embargo litten, wurden die Kämpfe wieder aufgenommen. Die Vorkommnisse in Lydda und Ramle fanden in diesem Zeitabschnitt statt.
Strategische Bedeutung von Lydda und Ramle mini|Lydda 1932 Lyddas () Geschichte reicht mindestens in die Zeit von 5600 bis 5250 v. Chr. zurück. Ramle (), drei Kilometer entfernt, wurde im 8. Jahrhundert nach Christus gegründet. Beide Städte waren in der Geschichte der Region strategisch wichtig, weil sie am Kreuzungspunkt der wichtigsten Straßen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung lagen. Palästinas wichtigster Knotenpunkt des Eisenbahnverkehrs (J&J-Linie, Ostbahn und Sinai-Bahn) und der wichtigste Flughafen, der heutige Flughafen Ben Gurion, lagen in und bei Lydda. Die 1936 zur Wasserversorgung Jerusalems erschlossene Hauptquelle des Yarkons befand sich in 15 Kilometern Entfernung am Fuß der Festung Antipatris bei Raʾs al-ʿAin.