Der Ausdruck Rosstriljane widrodschennja (, deutsch etwa erschossene oder hingerichtete Wiedergeburt oder erschossene Renaissance) bezeichnet historische Ereignisse, im Zuge derer in den 1930er-Jahren zahllose ukrainische Schriftsteller, Publizisten und Künstler, die in den 1920er-Jahren eine kulturelle Renaissance in der Ukrainischen Sowjetrepublik voranbrachten, durch die Stalinisten inhaftiert und hingerichtet wurden oder in Gulag-Lagern ums Leben kamen. mini|Die Familie Kruschelnyzkyj, Anfang der 1930er Jahre. Sitzend (von links nach rechts): Wolodymyr, Taras, Maria (Mutter), Larysa und Antin (Vater). Stehend: Ostap, Halyna (Iwans Frau), Iwan, Natalija (Bohdans Frau) und Bohdan. In den Jahren 1934–37 wurden Wolodymyr, Taras, Antin, Ostap, Ivan und Bohdan verfolgt und hingerichtet. Dieses Foto wurde zum Symbol für die Zerstörung der ukrainischen Intelligenz durch die sowjetischen Behörden.

Die 1920er Jahre Im Polnisch-Sowjetischen Krieg nach dem Ersten Weltkrieg wurde die von Polen annektierte Westukraine abgespalten und rasch polonisiert.

Die Literatur in der Zentral- und Ostukraine hingegen wurde von der Sowjetunion geprägt, ihren Chancen – beispielsweise durch die Alphabetisierungskampagnen – und Einschränkungen. Hier wurde seit 1923 die ukrainische Sprache im Rahmen der Korenisazija-Politik wieder gefördert (Ukrainisierung). Es entstand eine literarische Öffentlichkeit; viele Autoren orientierten sich an westeuropäischen Vorbildern, so etwa Dmytro Sahul am Symbolismus. Mykola Kulisch trat als Dramatiker hervor. Das expressionistische Theater Berezil wurde gegründet und galt als bestes Theater der Ukraine, Les Kurbas war hier Regisseur.

Literarische Organisationen mini|hochkant|Majk Johansen, 1937 hingerichtet Die Schriftsteller gruppierten sich meist in literarische Organisationen mit verschiedenen Stilen oder Positionen. Gegenstände der Diskussion waren der ukrainische Beitrag zur sowjetischen Literatur und die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft. Mykola Chwylowyj und seine Mitstreiter unterstützten eine Orientierung an der westeuropäischen Kultur anstatt der russischen und sie lehnten „rote Graphomanie“ ab, obwohl sie den Kommunismus nicht als politische Ideologie ablehnten. Chwylowyj wurde Mitbegründer und Leiter der literarischen Gruppe „WAPLITE“. Zuvor war er Mitglied von „Hart“, dann einer ihrer Kritiker und eine kurze Zeit war er auch bei „Pluh“. Seine Streitschriften provozierten von 1925 bis 1928 die bekannte „literarische Diskussion“ in der Ukraine. 1928 gründete er in Charkiw die Zeitschrift Literaturnyj Jarmarok.Artikel zu Khvylovy, Mykola in der Internet Encyclopedia of Ukraine (Canadian Institute of Ukrainian Studies/University of Toronto; englisch); abgerufen am 3. September 2016 (englisch)

Die wichtigsten literarischen Organisationen dieser Zeit waren: Hart (ukrainisch: Гарт, härten) 1923–25. WAPLITE (ВАПЛІТЕ, abgekürzt für Freie Akademie für Proletarische Literatur) gegründet 1926. MARS (МАРС, Werkstatt für revolutionäre Literatur) 1924–29. Aspanfut (Аспанфут), später Komunkult (Комункульт) eine Organisation der Futuristen. Neoklassizisten (Неокласики). Pluh (Плуг, Pflug).

Hinrichtungen mini|hochkant|Walerjan Pidmohylnyj wurde 1937 erschossen. Während des Großen Terrors wurden viele Künstler und Intellektuelle verhaftet und des ukrainischen Nationalismus sowie der Spionage oder terroristischer Aktivitäten angeklagt. Am 27. Oktober 1937 und am 3. November 1937 wurden viele von ihnen bei Massenhinrichtungen anlässlich des zwanzigsten Jahrestages der Oktoberrevolution in Kiew erschossen. Stalin hatte die Hinrichtung von 1111 Künstlern befohlen. Im karelischen Sandarmoch wurden am 3. November 290 Angehörige der ukrainischen Intelligenz erschossen. Die meisten haben nur symbolische Grabstätten.

Etwa 300 Schriftsteller fielen Stalins Verfolgungen zum Opfer. Der ukrainische Schriftstellerverband wurde zugunsten des gesamtsowjetischen liquidiert. Eine Reihe von Autoren aus der Ukraine gingen ins Exil.

Vertreter der Rosstriljane widrodschennja mini|hochkant|Ljudmyla Staryzka-Tschernjachiwska, 1941 Tod während der Deportation mini|hochkant|Denkmal für die erschossenen Ukrainer in Sandarmoch, Karelien Mychajlo Bojtschuk (, 1882–1937, Künstler und Maler; hingerichtet) Kost Burewij (, 1888–1934), Schriftsteller; hingerichtet) Mykola Chwylowyj (, 1893–1933; Selbstmord) Mychajlo Draj-Chmara (, 1889–1939, Poet, Übersetzer und Linguist; Tod im Gulag) Hryhorij Epik (, 1901–1937, Schriftsteller, Journalist und Übersetzer; hingerichtet) Pawlo Fylypowytsch (, 1891–1937, Schriftsteller, Literaturkritiker und Übersetzer; hingerichtet) Mychailo Jalowyj (, 1895–1937, Dichter, Dramatiker, Autor; hingerichtet) Majk Johansen (, 1895–1937, Dichter, Dramatiker, Kritiker, Linguist; hingerichtet) Hryhorij Kossynka (, 1899–1934, Publizist, Übersetzer und Schriftsteller; hingerichtet) Iwan Kruschelnyzkyj (, 1905–1934, Dichter, Dramatiker, Grafik und Literaturkritiker; Suizid nach verhängter Todesstrafe) Ahatanhel Krymskyj (Агатангел Юхимович Кримський, 1871–1942, krimtatarisch-ukrainischer Schriftsteller, Orientalist und Mitglied der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften, Tod im Gefängnis) Mykola Kulisch (, 1892–1937, Autor, Dramatiker, Pädagoge; hingerichtet) Oleksandr-Zenon Kurbas (, 1887–1937, Regisseur; hingerichtet) Sofija Nalepynska-Bojtschuk (, 1884–1937, Künstlerin; hingerichtet) Walerjan Pidmohylnyj (, 1901–1937, hingerichtet) Luciana Piontek (, (1899–1937) Autorin, Dichterin; hingerichtet) Jewhen Pluschnyk (, 1898–1936, Dichter; Tod im Gulag) Klym Polischtschuk (, 1891–1937, Dichter, Autor; hingerichtet) Walerjan Polischtschuk (, 1897–1937, Autor, Literaturkritiker -theoretiker; hingerichtet) Dmytro Sahul (, 1890–1944, Dichter; Tod im Gulag) Mychajlo Semenko (, 1892–1937, Schriftsteller; hingerichtet) Mykola Serow (, 1890–1937, Altphilologe, Übersetzer und Dichter; hingerichtet) Ljudmyla Staryzka-Tschernjachiwska (, 1868–1941, Autorin, Übersetzerin, Tod bei der Deportation) Oksana Steschenko (, 1875–1942, Autorin, Übersetzerin, Lehrerin, Tod im Gulag) Wolodymyr Swidsinskyj (, 1885–1941, Dichter, Übersetzer; ermordet) Weronika Tschernjachiwska (, 1900–1938, Dichterin, Übersetzerin; hingerichtet) Marko Woronyj (1904–1937, Dichter, Übersetzer; hingerichtet) Die drei ersten Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes waren: 1934–1934 Iwan Kulyk (, 1897–1937) 1934–1936 Anton Sentschenko (, 1898–1937) 1936–1937 Iwan Mykytenko (, 1897–1937) Erinnerung mini|Bikiwnja Nach der Unabhängigkeit der Ukraine und der Eröffnung von Archiven in der Nähe von Kiew und in anderen Regionen der Ukraine wurden Gräber von Repressionsopfern gefunden und 1994 die Gedenkstätte „Bykiwnische Gräber“ errichtet. (Ukrainisch «Биківнянські могили»)

Siehe auch Liste vom Sowjetregime verfolgter ukrainischer Künstler Erschießung belarussischer Kulturschaffender (1937)

Literatur Dimitrij Tschižewskij, Anna-Halja Horbatsch: Die ukrainische Literatur. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon. Bd. 20. München 1996, S. 393–399. Irene Rima Makaryk: Shakespeare in the undiscovered bourn. Les Kurbas, Ukrainian modernism, and early Soviet cultural politics. University of Toronto Press, Toronto Buffalo 2004, ISBN 0-8020-8849-X (engl.). Maxym Erіstavі: Russian Colonialism 101. ist publishing, Kyjiw 2023, ISBN 978-617-7948-35-2, S. 17 (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Großer Terror (Sowjetunion) Kategorie:Ukrainische Geschichte ! Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Russisch-ukrainische Beziehungen Kategorie:Sowjetbürger Kategorie:Kultur (Ukraine)