mini|Häufig anzutreffen und leicht erkennbar: die Gewöhnliche Gelbflechte (Xanthoria parietina) ist ein Anzeiger für StickstoffGelbflechte: Da draußen.vom 27. Januar 2021 Die Zeit, abgerufen am 7. Mai 2026 Die Flechtenkartierung ist ein bioindikatives Verfahren zur Ermittlung von Luftverunreinigungen. Dabei wird die Diversität epiphytischer Flechten kartiert.Willfried Nobel, Heike Beismann, Jürgen Franzaring, Reinhard Kostka-Rick, Gerhard Wagner, Walter Erhardt: Standardisierte biologische Messverfahren zur Ermittlung und Bewertung der Wirkung von Luftverunreinigungen auf Pflanzen (Bioindikation) in Deutschland. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 65, Nr. 11/12, 2005, , S. 478–484. Mithilfe der Flechtenkartierung werden Wirkungen von Luftverunreinigungen integral erfasst. Auch lokale Klimaveränderungen können so ermittelt werden.

In Deutschland wurde bereits in den 1980er Jahren mit der gezielten Kartierung von Flechten in ausgewählten Gebieten begonnen. Seit 1986 werden in Baden-Württemberg eine Reihe von Flechtenarten an 17 Waldstandorten systematisch untersucht und als regionale Indikatoren des Klimawandels genutzt.Umweltdaten Bericht 2024; Flechten zeigen es deutlich – das Klima ändert sich. vom 1. November 2024 Baden-Württemberg, abgerufen am 7. Mai 2026

Die Methode zur wissenschaftlichen Flechtenkartierung wurde 1995 standardisiert.

Hintergrund Im Gegensatz zu chemisch-physikalischen Messdaten zeigen die durch Biomonitoring gewonnenen Ergebnisse Wechselwirkungen verschiedener Einzelkomponenten an.VDI 3957 Blatt 1:2014-09 Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Luftverunreinigungen auf Pflanzen (Biomonitoring); Grundlagen und Zielsetzung (Biological measuring techniques for the determination and evaluation of effects of air pollutants on plants (biomonitoring); Fundamentals and aims). Beuth Verlag, Berlin, S. 3. Als Bioindikator werden bevorzugt solche Organismen herangezogen, die im Untersuchungsgebiet allgegenwärtig sind. Die häufig anzutreffenden Flechtenarten reagieren außerordentlich empfindlich auf Luftverunreinigungen, da sie Stoffe fast ausschließlich über die Luft und über Niederschläge aufnehmen. Dieser Einfluss von Luftschadstoffen auf die Verbreitung von Flechten wurde bereits 1866 durch William Nylander für Paris nachgewiesen. Im Gegensatz zu höheren Pflanzen besitzen Flechten keine Schutzschicht, sodass Luftschadstoffe weitgehend ungehindert in sie eindringen können und sind zudem nicht in der Lage, Schadstoffe aktiv auszuscheiden, so dass diese sich anreichern („Akkumulation“). Flechten nehmen zudem ganzjährig Schadstoffe auf, weil sie auch bei niedrigen Temperaturen stoffwechselaktiv sind. Da sie vergleichsweise schnell auf eine Veränderung der Luftgüte reagieren, siedeln sich Flechten auch in städtischen und industrielle Gebieten wieder an, sobald die Bedingungen es zulassen.

mini|Furchen-Schüsselflechte (Parmelia sulcata) auf einem Baumstamm Für das Verfahren der Flechtenexposition werden epiphytische Flechten auf Baumrinden berücksichtigt.VDI 3957 Blatt 13:2005-09 Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Luftverunreinigungen mit Flechten (Bioindikation); Kartierung der Diversität epiphytischer Flechten als Indikator für Luftgüte (Biological measurement procedures for determining and evaluating the effects of ambient air pollutants by means of lichens (bioindication); Mapping the diversity of epiphytic lichens as an indicator of air quality). Beuth Verlag, Berlin, S. 4.VDI 3799 Blatt 1:1995-01 Messen von Immissionswirkungen; Ermittlung und Beurteilung phytotoxischer Wirkungen von Immissionen mit Flechten; Flechtenkartierung zur Ermittlung des Luftgütewertes (LGW) (Measurement of immission effects; Measurement and evaluation of phytotoxic effects of ambient air pollutants (immissions) with lichens; Mapping of lichens for assessment of the air quality). Beuth Verlag, Berlin, S. 2. Dazu wird stets die gleiche Untersuchungsmethode angewendet, mit der Flechten, die auf Baumstämmen eine festgelegte Fläche besiedeln kartiert werden, damit die Ergebnisse miteinander verglichen werden können. Die Bäume befinden sich auf Teilflächen des zu untersuchenden Gebiets, den sogenannten Messflächen. Wird aufgrund einer vorliegenden Quelle eine bestimmte Schadstoffausbreitung erwartet, so sind die Messflächen so anzuordnen, wie es der zu erwartenden Schadstoffausbreitung entspricht. Die Größe der Messflächen liegt üblicherweise zwischen 0,25 km × 0,25 km und 4 km × 4 km. Die Anzahl der Bäume pro Messfläche bewegt sich zwischen 3 und 16. Die Bäume sollten freistehend sein und einen bestimmten Stammdurchmesser aufweisen. Die Verwendung einer einzigen Spezies Baum wird empfohlen, da Ergebnisse von sehr unterschiedlichen Baumarten nicht vergleichbar sind.

Die Aufnahme der Flechten erfolgt mit Gitterstreifen, die in alle vier Himmelsrichtungen angebracht werden sollten. Mithilfe des Gitterstreifens werden die Flechten quantitativ erfasst. Flechten, die auf der roten Liste stehen, dürfen nicht entfernt werden.VDI 3957 Blatt 13:2005-09 Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Luftverunreinigungen mit Flechten (Bioindikation); Kartierung der Diversität epiphytischer Flechten als Indikator für Luftgüte (Biological measurement procedures for determining and evaluating the effects of ambient air pollutants by means of lichens (bioindication); Mapping the diversity of epiphytic lichens as an indicator of air quality). Beuth Verlag, Berlin, S. 14.

Bei der Auswertung werden sowohl die Anzahl der Arten als auch der einzelnen Spezies berücksichtigt. Neben Erkenntnissen zu Klimaveränderungen, können durch Flechtenkartierung Aussagen zur Luftgüte und zum Einfluss eutrophierender Verbindungen getroffen werden.Ute Windisch, Artem Pungin, Thomas Meckel: Wirkungen von Verkehrsbelastungen auf die Flechtendiversität sowie den Stickstoff- und Chlorophyllgehalt von Parmelia sulcata in Hessen. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 76, Nr. 4, 2016, , S. 128–135. Bei der Auswertung sollte berücksichtigt werden, dass die Humidität Einfluss auf die Artenvielfalt epiphytischer Flechten haben kann, was zu einer Verfälschung des Messergebnisses führen kann.Jan-Peter Frahm, Norbert J. Stapper: Der Einfluss der Humidität eines Gebietes auf die Ermittlung der Luftgüte mit Flechten nach VDI 3957 Blatt 13. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 68, Nr. 6, 2008, , S. 251–256.

Das Fehlen von Flechtenarten an bestimmten Standorten bedeutet nicht, dass an diesen Orten eine schlechte Luftqualität vorliegt. Artenreichtum und stabile Lebensbedingungen für Flechten in einem Biotop werden aber als günstige Bedingung für das Überleben vieler Arten gewertet.

Flechtensterben infolge von Luftverschmutzung ist bereits seit dem 19. Jahrhundert bekannt.Ulrich Kirschbaum: Die neue Flechtenkartierungsrichtlinie VDI 3957 Blatt 13. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 65, Nr. 11/12, 2005, , S. 498–499. Die ersten Flechtenkartierungen erfolgten um das Jahr 1970 herum. Die Flechtenkartierung wurde 1995 mit der Richtlinie VDI 3799 Blatt 1 standardisiert. Diese VDI-Richtlinie wurde mittlerweile durch die Richtlinie VDI 3957 Blatt 13 ersetzt.Verein Deutscher Ingenieure: VDI-Richtlinie: VDI 3799 Blatt 1 Messen von Immissionswirkungen – Ermittlung und Beurteilung phytotoxischer Wirkungen von Immissionen mit Flechten – Flechtenkartierung zur Ermittlung des Luftgütewertes (LGW), aufgerufen am 25. März 2017 Der Ersatz war notwendig geworden, weil aufgrund der sich ändernden Luftqualität und des vermehrten Auftretens von Flechten, die eutrophierende Bedingungen anzeigen, eine neue Wichtung der einzelnen Flechtenarten stattfinden musste.

Wird in Gebieten, in denen Hypogymnia physodes natürlich vorkommt, die Methode der Flechtenexposition angewandt, so ist zusätzlich die Flechtenkartierung anzuwenden.VDI 3799 Blatt 2:1991-10 Messung von Immissions-Wirkungen; Ermittlung und Beurteilung phytotoxischer Wirkungen von Immissionen mit Flechten; Verfahren der standardisierten Flechtenexposition (Measurement of immission effects; measurement and evaluation of phytotoxic effects of ambient air pollutants (immissions) with lichens; method of standardized lichen exposure). Beuth Verlag, Berlin, S. 4.

Anzeige lokaler Klimaveränderungen Die Methode der Flechtenkartierung wird mittlerweile auch zur Ermittlung der Wirkung lokaler Klimaveränderungen angewandt. Änderungen im Flechtenbestand, die auf ein geändertes Klima zurückgeführt werden, werden seit ungefähr 1990 insbesondere in den gemäßigten Zonen beobachtet.Norbert J. Stapper, Isabelle Franzen-Reuter, Jan-Peter Frahm: Epiphytische Flechten als Wirkungsindikatoren für Klimaveränderungen im Raum Düsseldorf. In: Gefahrstoffe – Reinhalt. Luft. 71, Nr. 4, 2011, , S. 173–178.

Bei der Flechtenkartierung zur Ermittlung der Wirkung von lokalen Klimaveränderungen werden Untersuchungsgebiete mit epiphytischen Flechten, die als Klimawandelanzeiger erachtet werden, in Zeitabständen von einem Jahr bis zu zehn Jahren systematisch untersucht.VDI 3957 Blatt 20:2017-07 Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Luftverunreinigungen (Biomonitoring); Kartierung von Flechten zur Ermittlung der Wirkung von lokalen Klimaveränderungen (Biological measuring techniques for the determination and evaluation of effects of air pollutants (biomonitoring); Mapping of lichens to indicate local climate change). Beuth Verlag, Berlin, S. 5.

Literatur VDI 3957 Blatt 13:2005-09 Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Luftverunreinigungen mit Flechten (Bioindikation); Kartierung der Diversität epiphytischer Flechten als Indikator für Luftgüte (Biological measurement procedures for determining and evaluating the effects of ambient air pollutants by means of lichens (bioindication); Mapping the diversity of epiphytic lichens as an indicator of air quality). Beuth Verlag, Berlin. (Zusammenfassung und Inhaltsverzeichnis online)

Einzelnachweise

Kategorie:Umweltindikation Kategorie:Messtechnik Kategorie:Lichenologie