Von der Unschärfe eines sprachlichen Begriffs spricht man, wenn es schwierig ist, ihn eindeutig einer bestimmten lexikalischen oder grammatischen Kategorie zuzuordnen. In der Linguistik werden dafür im Allgemeinen die Begriffe „Vagheit“ oder (auch außerhalb des englischen Sprachraums) „Fuzziness“ gebraucht:

Danach ist ein Begriff „unscharf“ („vage“ oder „fuzzy“), wenn der Begriffsumfang (die Extension) ungenau ist; wenn es Objekte gibt, von denen nicht mit Bestimmtheit gesagt werden kann, ob sie zu der Menge von Objekten gehören, die mit diesem Begriff bezeichnet werden oder die mit dessen Prädikaten bezeichneten Eigenschaften aufweisen (Grenzfälle der Kategorisierung).

Darüber hinaus spricht man von „Unschärfe“ („Vagheit“ oder „Fuzziness“) oft auch, wenn ein Begriff oder ein Prädikat ein Phänomen bezeichnet, auf das die Sorites-Paradoxie zutrifft.

Zum Begriff „Begriff“ In der Linguistik/Psycholinguistik sowie in der Psychologie versteht man unter einem „Begriff“ oder „Konzept“ (engl. concept) eine gedankliche Zusammenfassung einzelner Entitäten (Objekte, Sachverhalte, Ereignisse oder Relationen), die gemeinsame Merkmale aufweisen („Klassifizierung“; vgl. auch Kategorisierung). Mit anderen Worten: Durch Klassifizierung (auch: Klassifikation) werden „gegebene Objekte hinsichtlich bestimmter Merkmale und Strukturen identifiziert und einer bestimmten Klasse oder Unterklasse zugeordnet“.Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch 2. S. 538; s. v. Klassifikation. So definiert auch Hadumod Bußmann einen „Begriff“ als ein „[d]urch Abstraktion [vielfältigster Erfahrungen] gewonnenes gedankliches Konzept, durch das Gegenstände oder Sachverhalte aufgrund bestimmter Eigenschaften und/oder Beziehungen klassifiziert werden“.Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft …, S. 128. Ein Begriff oder Konzept ist „demnach eine kognitive Einheit, die aus der Verarbeitung von Informationen resultiert.“Grimm und Engelkamp: Sprachpsychologie …, S. 190.

Unscharfer Umfang (Extension) von Begriffen Ein Begriff kann zunächst durch seinen Umfang (seine Extension) definiert werden, d. h. die Gesamtheit aller Objekte, die sämtliche Merkmale dieses Begriffs haben. Diese „Gesamtheit“ ist in vielen Fällen jedoch nicht eindeutig bestimmbar. So werden viele Begriffe wie „Mittelklassewagen“, „groß“, „blau“ oder „grob fahrlässig“ unscharf gebraucht. So mag etwa ein Auto eines bestimmten Typs gemeinhin als ein (Element der Klasse) „Kompaktwagen“ gelten, während es für viele Betrachter bereits ein Wagen der „Mittelklasse“ ist. In ähnlicher Weise kann ein Baby für die Eltern schon „groß“ sein, dennoch ist es klein im Vergleich mit einem Schulkind; auch kann eine Person eher groß für einen Betrachter und eher nicht groß für einen anderen Betrachter sein. Dies ist unabhängig davon, ob die Betrachter nur die ungefähre oder exakte Größe einer Person kennen.

Kommunikative Konflikte, die sich aus der Verwendung unscharfer Begriffe – z. B. „blau“ – ergeben, werden meist durch „Aushandeln“ bzw. nachträgliche (begriffliche) Klarstellung gelöst oder als Grenzfälle akzeptiert: A: Das blaue Auto gefällt mir. B: Welches blaue Auto? A: Na das da hinten, das dritte von rechts. B: Das ist doch grün. A: Na schön, das blaugrüne Auto da würde ich jedenfalls gerne haben, wenn ich es mir leisten könnte.

Ob ein bestimmtes Handeln „grob fahrlässig“ war oder nicht, kann dagegen oft nur durch ein gerichtliches Aushandeln zwischen Staatsanwalt, Verteidiger und Gutachter geklärt werden.

Es sind also nicht die „Phänomene“ (das Auto, das Baby, ein bestimmtes Handeln), die „unscharf“ oder „vage“ sind, sondern ihre Klassifizierung durch den Betrachter (als „Mittelklassewagen“, „blau“, „groß“ oder „grob fahrlässig“). Überspitzt ausgedrückt: „Vagheit ist keine Eigenschaft von Begriffen, sondern eine falsche Interpretation von nicht-vagen Phänomenen.“Mudersbach: „Begriffe …“, S. 117.

Unscharfe Abgrenzung von Begriffen Der unscharfe Umfang eines Begriffs kann auch als unscharfe Abgrenzung dieses Begriffs von anderen Begriffen beschrieben werden. Während zum Beispiel manche Gegenstände eindeutig als „Stuhl“ oder als „Sessel“ wahrgenommen bzw. bezeichnet werdenWie die Wikipedia-Einträge „Stuhl“ bzw. „Sessel“ zeigen, kann die Extension dieser Begriffe in verschiedenen Ländern (Deutschland, Österreich, Schweiz) allerdings durchaus unterschiedlich sein., erscheinen andere, z. B. ein Schaukel- oder ein Schreibtischstuhl, eher als „ein Mittelding“ zwischen einem Stuhl und einem Sessel. Die Kategorisierung eines solchen Gegenstandes ist nicht eindeutig (crisp), sondern „unscharf“ oder „verschwommen“ (fuzzy). In gleicher Weise sind auch grammatische Kategorien wie „Vergangenheit“, „abgeschlossene Handlung“ oder „Bezug zur Gegenwart“ nicht eindeutig definiert, also unscharf.Timm: „Die 'Fuzziness' der Sprache …“, S. 123 f.

Der Fachbegriff Fuzziness stammt ursprünglich aus der Mathematik bzw. der Kybernetik (Fuzzylogik) (Zadeh 1965). Wenn er nicht, wie in der Definition am Beginn dieses Artikels, gleichbedeutend mit Vagheit gebraucht wird, bezeichnet er explizit die „kontinuierliche“ oder „graduelle“ Klassenzugehörigkeit von Entitäten zu sprachlichen Begriffen, die mathematisch erfasst werden kann. Ein Rotkehlchen gehört demnach eher zur Klasse der „Vögel“ als ein Pinguin, der zwar viele Merkmale eines „Vogels“ aufweist, nicht jedoch das Merkmal „kann fliegen“, und dennoch biologisch ein „Vogel“ ist.

Psychologisch stellen sich diese Sachverhalte folgendermaßen dar: Alle Phänomene der Welt („Objekte“), die wir wahrnehmen, also Gegenstände, Vorgänge, Farben, Laute usw., werden nie als Objekte an sich wahrgenommen, sondern immer als Realisationen bestimmter, unserer Erfahrung entstammender Abstraktionen, die als Klassen von Objekten beschrieben werden können („Kategorisierung“). Damit ist auch die Bedeutung eines Ausdrucks wie Stuhl „nicht eine individuelle Vorstellung; sie ergibt sich aus der Ähnlichkeit der Einzelvorstellungen als soziales Phänomen …“.Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch 1, S. 137; s. v. „Bedeutung“. Ein konkretes Objekt als „Stuhl“ wahrzunehmen heißt also, es als Element der Klasse „Stühle“ zu erkennen. Dabei werden unbewusst Fragen wie die folgenden beantwortet: Welche Eigenschaften muss der Stuhl aufweisen, damit er als solcher erkannt und dementsprechend bezeichnet werden kann? Welche Funktion(en) muss er erfüllen? Wie eben und wie waagrecht muss die Sitzfläche sein? Wie viele Beine muss bzw. darf er haben und wie hoch müssen bzw. dürfen diese sein? Die entsprechenden Voraussetzungen für einen „Stuhl“ bzw. einen „Nicht-Stuhl“ sind offensichtlich konventionalisiert, sie entsprechen intuitiven Vorstellungen. Grenzfälle ordnen wir intuitiv entweder der einen oder der anderen Kategorie zu oder machen gerade diesen Grenzfall-Charakter zum Thema („Aushandeln“ von Bedeutungen wie in den obigen Beispielen des „blauen“ Autos bzw. der „groben Fahrlässigkeit“).

Muttersprachliche bzw. sonst wie kompetente Sprecher einer Sprache verfügen jedenfalls über sehr viel mehr und sehr viel detailliertere intuitive Kenntnisse des Wortschatzes oder der Grammatik (der Regularitäten) dieser Sprache, als sich in einer linguistischen Sprachbeschreibung festlegen lassen. In diesen Sprachkenntnissen verbinden sich ganz unbewusst die bisher gemachten Lebenserfahrungen mit den damit verknüpften sprachlichen Erfahrungen (vgl. Sprachgefühl).

Übrigens treffen auch außerhalb des Sprachgebrauchs Experten auf einem bestimmten Gebiet, z. B. ein Handwerker oder eine Hausfrau, die bei vielen ihrer Entscheidungen ihrer (erfahrungsgestützten) Intuition folgen, nicht immer scharfe Ja-Nein-Entscheidungen. Oft entscheiden sie, wie ein fuzzy-logisches Computerprogramm zur Steuerung eines technischen Geräts, auf der Grundlage von graduellen Ausprägungen bestimmter Kriterien (mehr Flüssigkeit, etwas Öl, eine Handvoll Mehl), handeln also intuitiv und sind damit in aller Regel auch erfolgreich.

Die Sorites-Paradoxie – Die Unschärfe des „Haufens“ An dieser Stelle sei noch ein Sonderfall von „Unschärfe“ angeführt: die Sorites-Paradoxie (Paradoxie des Haufens). Sie zeigt sich beim Versuch, etwas als „Haufen“ zu bestimmen.Sorites = „Häufelschluss“ zu sōròs „Haufen“: „Bezeichnung Ciceros für die auf Zeno zurückgehende Aporie: 'Bei welchem Wieviel beginnt der Haufen?'“ (nach: Duden. Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. 4., akt. Auflage, o. J. , S. 1263.) Entfernt man z. B. von einem Sandhaufen ein einzelnes Sandkorn, so bleibt immer noch ein Haufen; ebenso, wenn man ein weiteres Korn entfernt. Da es keine Abbruchsbedingung bzw. keinen Umschlagspunkt gibt, führt dies streng genommen dazu, dass ein einziges Sandkorn ebenfalls einen Haufen bildet. Gleiches gilt für ein „großes“ Objekt, das man Millimeter für Millimeter verkleinert. Die Ursache der Paradoxie des Haufens liegt darin, dass die Gestalt eines Haufens nicht durch die Anzahl seiner Elemente bestimmt und prinzipiell auch nicht bestimmbar ist. Andererseits sagt uns unsere Lebenserfahrung, zu der auch der Sprachgebrauch unserer Mitmenschen gehört, dass ein einziges Sandkorn und auch fünf oder zehn Sandkörner keinen „Sandhaufen“ bilden. Irgendwo beginnt aber sicher eine Grauzone, innerhalb derer wir von „Grenzfällen“ sprechen können. Logisch-definitorisch und damit eindeutig lässt sich die Sorites-Paradoxie jedenfalls nicht lösen.

Sprachliche Unschärfe in der Linguistik Für die Erklärung und Beschreibung von sprachlicher Unschärfe gibt es eine Reihe von Ansätzen. Die bisher einflussreichsten sind:

Prototypensemantik Die Prototypensemantik als Theorie der Wortbedeutung (lexikalische Semantik) stellt einen inzwischen generell akzeptierten Erklärungsansatz für bestimmte Vagheitsphänomene bereit: Begriffe oder begriffliche Kategorien werden nicht als Bedeutungsräume mit fest umrissenen Grenzen beschrieben, sondern als eine Art topologischer Raum mit einem Kern – z. B. dem „Küchenstuhl“, den wir als Prototypen eines „Stuhls“ ansehen können – und fließenden Übergängen zu einer Peripherie, zu der z. B. „Hochstuhl“, „Drehstuhl“ oder „Schaukelstuhl“ gehören.

Nach György Fuhrmann ist ein „Prototyp“ das maximal repräsentative Element einer bestimmten Kategorie.Fuhrmann: „m-Fuzziness ...“, S. 167 ff. So ist ein Küchenstuhl sicher ein maximal repräsentativer Vertreter der Kategorie „Stuhl“, während ein Hochstuhl zwar ebenfalls ein (peripherer) Repräsentant der Kategorie „Stuhl“ ist, aber keiner der (sehr viel kleineren) Kategorie „typischer Stuhl“. Ein „Hocker“ ist demgegenüber eigentlich kein Stuhl, aber „irgendwie“ ist er doch näher am Stuhl als z. B. ein „Fahrstuhl“. Dort, an der Peripherie, mag er für manche immer noch ein Element der (unscharfen) Kategorie „Stuhl“ sein, während ihn andere bereits außerhalb dieser Kategorie und damit als Element eines anderen „topologischen Raums“ sehen. Als Grenzfall kann der „Hocker“ jedenfalls Anlass zu Diskussionen über seine Klassenzugehörigkeit geben. Je ferner, also unähnlicher, ein Objekt dem Prototyp des Begriffs ist, umso unklarer oder umstrittener ist die Zuordnung dieses Objekts zum Begriff. „Generell erscheint uns das Zentrum einer Kategorie als fest etabliert und eindeutig. Die Grenzfälle von Kategorien sind nicht so eindeutig und klar, an den Rändern sind Kategorien tendenziell unscharf oder fuzzy und überschneiden sich mit angrenzenden Kategorien.“Pörings und Schmitz: Sprache und Sprachwissenschaft …, S. 19.

Die Vagheit von Wortbedeutungen wie groß, unreif, kühl oder jung lässt sich allerdings nicht mithilfe der Prototypensemantik erklären. Hierfür können einerseits Formalismen der Fuzzylogik herangezogen werden, während man seit den 1990er Jahren zunehmend auch auf kontextuelle Faktoren, d. h. die Kontextabhängigkeit von Begriffen, zurückgreift (s. unten).

Die Theorie der unscharfen Mengen („fuzzy sets“)