Gerhard Paul von Rad (* 21. Oktober 1901 in Nürnberg; † 31. Oktober 1971 in Heidelberg) war ein deutscher evangelischer Bibelwissenschaftler. Sein Fach war das Alte Testament. Nach seinem Studium in Erlangen und Tübingen wurde er 1929 bei Otto Procksch mit einer Arbeit über das Buch Deuteronomium promoviert. Er gehörte seit 1930 als Privatdozent in Leipzig zu den akademischen Schülern Albrecht Alts und übernahm die von diesem entwickelte territorialgeschichtliche Methode.

Im Jahr 1934 erhielt er einen Ruf an die Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Deutschen Christen Thüringer Richtung dominierten Fakultät und Landeskirche. Da diese alle jüdischen Traditionen aus dem Christentum entfernen wollten, wurde auch die hebräische Sprache und das im Original auf Hebräisch und Aramäisch geschriebene Alte Testament radikal entwertet. Dementsprechend stand von Rad mit seinen Lehrveranstaltungen in Jena zunehmend im Abseits. Von Rad war vor allem durch Vortragstätigkeit in der Bekennenden Kirche aktiv, der er formell aber erst seit 1939 angehörte. Vor dem Hintergrund des Kirchenkampfes stellte von Rad die theologische Bedeutung des Alten Testaments für die christliche Kirche heraus.

Nach kurzem Kampfeinsatz im Zweiten Weltkrieg und der Erfahrung amerikanischer Lagerhaft nahm von Rad 1945 einen Ruf an die Universität Göttingen an. Die von ihm angebotenen Vorlesungen und Seminare waren sehr stark besucht; noch mehr galt das für die Universität Heidelberg, wo er von 1949 bis zur Emeritierung 1967 lehrte. In Heidelberg verfasste von Rad seine Hauptwerke: Theologie des Alten Testaments (zwei Bände 1957 und 1960) und Weisheit in Israel (1970).

Leben Familiärer Hintergrund hochkant|mini|Nassauer Haus als Blickfang der Nürnberger Karolinenstraße (Photochromdruck, vor 1905) Gerhard von Rad stammte wie etwa der Kaufmann und Juwelier Christoph I. von Rad aus einem 1714 in den Reichsadel und 1767 ins Augsburger Patriziat aufgenommenen Geschlecht. Er verbrachte seine Kindheit in Nürnberg. Die Familie von Rad wohnte von 1902 bis 1910 in der Karolinenstr. 33, danach im Kirchenweg.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 69 Anm. 173. Sein Vater, der Mediziner Karl von Rad (1870–1949)Archivportal-D: Rad, Karl von * 7.9.1870 arbeitete am städtischen Klinikum und stieg als Leiter der Psychiatrisch-neurologischen Klinik bis zum Stadtobermedizinalrat und Sanitätsrat auf.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 66. Seine Mutter Else (geb. Spitta, * 1875) war die Tochter des Tübinger Philosophieprofessors Heinrich Spitta.

Gerhard und sein älterer Bruder Hans waren wegen der verwandtschaftlichen Beziehungen in den Ferien regelmäßig in Tübingen. Da die Großeltern Spitta dort in der gleichen Straße wohnten wie die Großeltern Bonhoeffer, kannten sich Gerhard von Rad und Dietrich Bonhoeffer aus Kindertagen; ein lockerer Kontakt bestand auch in den folgenden Jahrzehnten.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 68.

Ab 1911 besuchte Gerhard von Rad das humanistische Gymnasium in Nürnberg. Schwache Leistungen im Fach Mathematik machten 1913 den Wechsel zum Gymnasium Casimirianum Coburg notwendig.Rudolf Smend: Kritiker und Exegeten, Göttingen 2017, S. 797; Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 69. Konfirmiert wurde Gerhard von Rad 1915 in St. Sebald von Friedrich Rittelmeyer. Da die Eltern in Nürnberg bezüglich des Konfirmandenunterrichts Wahlfreiheit hatten, standen die von Rads offenbar dem Freien Protestantismus nahe, wie Rittelmeyer ihn vertrat. Gerhard von Rad behielt seinen Konfirmator in positiver Erinnerung.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 70–74. Seit seiner Jugend war Gerhard von Rad mit der deutschen Literatur, besonders dem Werk Goethes, sehr vertraut. hochkant|mini|Casimirianum in Coburg (1909) Die Schulzeit in Coburg war wegen des Ersten Weltkriegs mit Einschränkungen verbunden. Gerhard von Rad wohnte zunächst in einem Knabenpensionat. Weil er vom Leiter schikaniert wurde, nahmen die Eltern ihn dort heraus und brachten ihn in einer Privatpension unter. Er wollte Marineoffizier werden und wurde 1918 als Offiziersanwärter angenommen. Doch vor seinem Eintritt in die Marine war der Krieg beendet. In der Mathematik hatte er sich mittlerweile stabilisiert. Ein neuer Rektor des Casimirianum, der von der Fürstenschule Meißen kam, vermittelte dem Schulalltag starke Impulse: Betontes Deutschtum, an der Antike orientierte humanistische Bildung und eine durch militärisch organisierte Frühandachten vermittelte Kirchlichkeit prägten die letzten Schuljahre. Wanderungen, insbesondere Nachtwanderungen blieben Gerhard von Rad in Erinnerung, doch scheint er erst nach dem Abitur 1921 in Kontakt mit der Jugendbewegung gekommen zu sein.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 75–79.

Als Berufswunsch stand nun die Medizin im Vordergrund, aber sein Vater riet ihm davon ab.Rudolf Smend: Kritiker und Exegeten, Göttingen 2017, S. 798. Gerhard von Rad stieß bereits als Primaner im Zusammenhang mit Familienbesuchen zum Mittwochskreis des Nürnberger Pfarrers an St. Sebald, Wilhelm Stählin. Ebenso wie Wolfgang Trillhaas, der dem gleichen Kreis angehörte, fasste er unter Stählins Einfluss den Entschluss zum Theologiestudium. „Vom Elternhaus her war es nicht zu erwarten, geschweige denn erwünscht.“Hans Walter Wolf: Gespräch mit Gerhard von Rad, München 1971, S. 649. Dazu trugen lange Privatgespräche mit Stählin bei, aber auch die kursorische Lektüre von Karl Barths Römerbriefkommentar (1. Auflage); von Rad hat später als Kuriosum erzählt, dass er ausgerechnet durch Stählin auf Barth aufmerksam gemacht wurde.Rudolf Smend: Kritiker und Exegeten, Göttingen 2017, S. 798; Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 80–82.

Studium in Erlangen und Tübingen Zum Sommersemester 1921 immatrikulierte sich Gerhard von Rad für das Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Erlangen, zeitweise bewohnte er mit seinem Bruder Hans, der Medizin studierte, ein gemeinsames Studentenzimmer. Hans von Rad erkrankte an Tuberkulose und starb im September 1923. Gerhard von Rad, der in Erlangen Anschluss suchte, gehörte kurz der Burschenschaft der Bubenreuther an. Er fühlte sich aber bei dem dort gepflegten Bier-Comment nicht wohl. Vom Theologiestudium blieb hauptsächlich eine Johannesvorlesung des Extraordinarius für Reformierte Theologie E. F. K. Müller in Erinnerung. Ansonsten nutzte von Rad jede Gelegenheit zu Besuchen im nahen Nürnberg.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 83–88.

Nach zwei Erlanger Semestern wechselte Gerhard von Rad an die Universität Tübingen, die wegen Adolf Schlatter und Karl Heim für bayerische Theologiestudenten eine hohe Attraktivität hatte. Er schloss sich der Studentenverbindung Akademische Gesellschaft Stuttgardia an, wichtiger war für ihn aber ein Kreis der Jugendbewegung, wo er sich mit Max Rümelin und Albrecht Faber anfreundete.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 93. Wie es einer pietistischen Tübinger Tradition entsprach, hatte die regelmäßige Bibelbetrachtung für von Rad in dieser Lebensphase große Bedeutung. Nach vier Tübinger Semestern kehrte er zur Examensvorbereitung nach Erlangen zurück und zog wieder im Elternhaus ein. Sein in der Regelstudienzeit von acht Semestern absolviertes Theologiestudium bleibt blass.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 103.

Vikariat und Promotion Nachdem er das erste Examen der Bayerischen Landeskirche am 9. März 1925 abgelegt hatte, ging er als Präfekt an das neue evangelische Studienheim in Würzburg. Von Rad war in diesem landeskirchlichen Internat für eine Gruppe von Jungen zuständig, mit denen er Wanderungen unternahm und Fußball spielte, außerdem war er zu allabendlichen Andachten verpflichtet. Bereits zum 1. Januar 1926 wurde er Privatvikar in Lauf an der Pegnitz, d. h. der schwerkranke Ortspfarrer bezahlte ihn dafür, dass er an seiner Stelle die Amtsgeschäfte versah und erhielt sich dadurch selbst die kirchlichen Bezüge. Am 7. Februar wurde von Rad in St. Johannis (Schweinfurt) ordiniert. Nachdem der Laufener Pfarrer verstorben war und die Stelle neu ausgeschrieben wurde, folgten für den Vikar von Rad strapaziöse Vakanzvertretungen in Neu-Ulm und Traunstein.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 103–108.

Die Nürnberger Familien von Rad und von Löffelholz waren miteinander befreundet. Gerhard von Rad, der Geige spielte, lernte Luise von Löffelholz (1902–1995), die Tochter des Generalmajors Georg Freiherr Löffelholz von Kolberg, bei gemeinsamen Hausmusikabenden kennen. Die Verlobung fand bereits kurz nach dem ersten Examen statt. Da Kandidaten der Theologie erst nach dem zweiten Examen heiraten durften, stand eine etwa dreijährige Wartezeit an. Am 9. Dezember 1928 fand die Trauung in St. Sebald statt.Martin Hauger: Gerhard von Rads frühe Predigten, Leipzig 2013, S. 111 f.hochkant|mini|Otto Procksch (um 1925) Am 17. November 1926 beantragte von Rad beim Landeskirchenamt einen einjährigen Urlaub, der dann mehrfach verlängert wurde. Er wolle bei dem Alttestamentler Otto Procksch eine wissenschaftliche Arbeit schreiben und gegebenenfalls eine akademische Laufbahn einschlagen. Procksch war 1925 von Greifswald nach Erlangen gewechselt; Gerhard von Rad erhielt von ihm die Auflage, zunächst die orientalischen Sprachen zu lernen. So nahm von Rad Arabisch- und Aramäischunterricht. Rückblickend äußerte er zu seinem Promotionsvorhaben, die antisemitischen Aktivitäten des 1921 gegründeten Bunds für Deutsche Kirche hätten ihn herausgefordert, mehr Kompetenz in Bezug auf das von dieser Gruppierung abgelehnte Alte Testament zu erwerben.Rudolf Smend: Kritiker und Exegeten, Göttingen 2017, S. 799.

Procksch schlug ihm als Promotionsthema eine Arbeit über das Deuteronomium vor. Sie wurde 1929 unter dem Titel Das Gottesvolk im Deuteronomium veröffentlicht. Ein Jahr später folgte die von Procksch angeregte, aber in Leipzig fertiggestellte Habilitationsschrift Das Geschichtsbild des chronistischen Werkes.Rudolf Smend: Kritiker und Exegeten, Göttingen 2017, S. 799 f.

Privatdozent in Leipzig (1930–1934) hochkant|mini|Albrecht Alt (1925) Die Lehrstuhlinhaber Otto Procksch (Erlangen) und Albrecht Alt (Leipzig) waren seit langem miteinander befreundet. Procksch hielt Alts territorialgeschichtlichen Forschungen für wegweisend und empfahl Nachwuchswissenschaftlern deshalb, nach Leipzig zu gehen. So war von Rad seit dem Frühjahr 1928 auch in Alts Leipziger Veranstaltungen anzutreffen. Rückblickend erzählte von Rad, „wie ihn der freundliche, für ihn aber wenig ergiebige Otto Procksch zu dem fordernden und faszinierenden Albrecht Alt nach Leipzig vermittelt hatte.“Konrad von Rabenau: Als Student bei Gerhard von Rad in Jena 1943–1945, Münster 2004, S. 8.