Das Haus am Maiberg war eine Akademie für politische und soziale Bildung in Trägerschaft der Diözese Mainz. Das gleichnamige Tagungshaus liegt am Rande der Altstadt von Heppenheim. Seit dem 30. September 1955 werden die Räume im Haus am Maiberg für Bildungszwecke genutzt. Das Haus ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke (AKSB). Es wurde am 31. Dezember 2022 von seinem Träger, dem Bistum Mainz, geschlossen.
Die Einrichtung sollte dazu beitragen, dass sich Jugendliche und Erwachsene unabhängig von Weltanschauung, Religion oder politischer Haltung nach den Prämissen der außerschulischen politischen Bildung und der Katholischen Soziallehre sowie unter Wahrung der Menschenrechte weiterbilden können. Die Bildungsangebote sollten Möglichkeiten zur Vermittlung und Diskussion sozialer und politischer Themen, zur Förderung der Urteilsbildung und zur Anregung gesellschaftlicher Mitwirkung schaffen. Der Akademie waren die Arbeitsbereiche Erwachsenenbildung, Jugendbildung, internationale Jugendarbeit, die Regionalstelle Süd des Beratungsnetzwerks Hessen und das Modellprojekt Partizipation angesiedelt.
Zum Tagungsbetrieb zählten außerdem Fachkonferenzen zu bestimmten Fragestellungen der Politischen Bildung und der christlichen Sozialethik. Aus Konferenzen und Erfahrungen aus Projekten gingen verschiedene Publikationen hervor, in denen insbesondere politikdidaktische Erkenntnisse diskutiert wurden. Das Tagungshaus war zudem Austragungsort für Veranstaltungen externer Gruppen und Organisationen.
Geschichte Der Mainzer Bischof Albert Stohr (1935–1961) bat 1954 die United States Army Europe um Freigabe des Grundstücks am Rande der Altstadt von Heppenheim. Auf dem Grundstück befand sich die einstige Villa des Rollladenfabrikanten Oskar Widmer, die ab 1945 von der US-Armee genutzt wurde. Es sollte als Bildungsstätte für die kirchlich-ethische Erwachsenenbildung genutzt werden. Im ersten Prospekt des Hauses am Maiberg war zu lesen: . Der Pfarrer Wilhelm Holz leitete von September 1957 bis 1966 das Haus. Wilhelm Balke unterstützte ihn als Bildungsreferent ab 1959 und wurde ab 1966 Direktor des Hauses am Maiberg. Unter seiner Leitung öffnete sich das Haus für neue Zielgruppen aus der Region Bergstraße sowie für weitere Veranstaltungsformate. In den 60er Jahren wurde die Bildungsstätte um einen Anbau erweitert. Der Neubau schuf Raum für Schlaf- und Seminarräume, eine Küche mit Anbindung zum Speisesaal sowie eine Bibliothek. Die Baumaßnahmen endeten 1969 mit dem Neubau einer Kapelle. Ab 1990 war Heiner Ludwig Direktor des Hauses am Maiberg. Er etablierte mit anderen Sozialethikern das „Forum politische Ethik“ und verhalf den „Heppenheimer Soziallehretagen“ zu neuem Aufschwung („Heppenheimer Appell“ zur Deutschen Einheit von 1991). Zudem stieß er zahlreiche neue Kooperationspartnerschaften an. Heiner Ludwig rief 1991 Benedikt Widmaier als Jugendbildungsreferent in das Haus. Mit Weihbischof Wolfgang Rolly betrieb Heiner Ludwig die Pläne für die Sanierung und Modernisierung des Hauses von 1996 bis zur Fertigstellung 1998 konsequent weiter. Im März 1998 eröffnete Karl Lehmann das Haus als „Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz“. Dabei wurde Benedikt Widmaier durch Karl Lehmann zum ersten Direktor der Akademie ernannt. Im Zuge der Wiedereröffnung umriss Karl Lehmann in einem Kurzvortrag den kirchlichen Auftrag der Akademie. Darin betonte er, dass die Kirche politische und soziale Bildungsarbeit als einen genuinen Auftrag verstehe. So heißt es:
Das Bistum Mainz hat am 30. September 2020 bekannt gegeben, aus Kostengründen die Schließung zum 31. Dezember 2022 zu beabsichtigen. Die Absicht des Bistums zur Schließung des Hauses hat bundesweit für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt und die Geschichte, die Arbeit und die zentralen Personen des Hauses in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Zahlreiche Akteure in der Region Bergstraße sowie im Umfeld der politischen Bildung haben sich kritisch gegenüber den Plänen zur Schließung geäußert und sprechen sich für den Erhalt des Hauses aus.
Die Schließung wurde, wie angekündigt, zum 31. Dezember 2022 vollzogen.
Tagungshaus Das Tagungshaus stand für die Seminare der Akademie sowie des Demokratiezentrums und für die Belegung durch externe Gruppen und Organisationen zur Verfügung. Es wurde von Aleksandar Trobonjaca (Tagungshausleitung) und Sigrid Kottmann-Lennert (stellvertretende Tagungshausleitung) geleitet.
Ausstattung Es standen sieben Tagungsräume und Besprechungszimmer zur Verfügung, die je nach Raum Platz für 12 bis 50 Personen boten. Dazu zählte auch ein separater Computerraum. Die Tagungsräume waren mit analoger als auch digitaler Moderationstechnik ausgestattet. Zum Tagungsbetrieb zählten auch Übernachtungsmöglichkeiten. Es wurden voll ausgestattete Gästezimmer mit rund 70 Schlafplätzen in Einzel-, Doppel- sowie Mehrbettzimmern angeboten. Zudem war im Tagungshaus ein historisches Archiv, eine Bibliothek und mehrere Büroräume untergebracht. Im Erdgeschoss befanden sich Küche und Speisesaal mit Zugang zu Terrasse und Garten. Der Garten erstreckte sich von der Kapelle bis zur Hanglage. Dort war ein kleines Fußballfeld, eine Feuerstelle, ein Hochbeet und die Kapelle vorzufinden. Im Untergeschoss gab es mehrere Aufenthaltsräume.
Das Haus war mit Aufzügen barrierearm zugänglich und bot vier barrierefrei gestaltete Einzelzimmer für Übernachtungsgäste. Ein Tagungsraum war als barrierefrei ausgeschrieben. Zudem bestand auf Anfrage die Möglichkeit, Gäste und Gepäck mit einem Transporter zum Tagungshaus zu fahren.
Akademie für politische und soziale Bildung Die Akademie ist in den Bildungsbereich und das Demokratiezentrum untergliedert. In diesen Bereichen werden ein- oder mehrtägige Veranstaltungsformate sowohl vor Ort im Tagungshaus als auch online unter Einsatz digitaler Medien angeboten. Dazu zählen Vorträge, Diskussionsrunden, Ausstellungen, Bildungsurlaube, internationale Jugendbegegnungen, Seminare mit Schülerinnen- und Schülervertretungen, Bildungsreisen, interne und öffentliche Fortbildungen, Ausstellungen, Fachtagungen, Veranstaltungen zur Projektevaluation, Vernetzungstreffen und Jubiläumsfeiern.
Zielsetzung und Didaktik Die Bildungsarbeit der Akademie orientiert sich an den Traditionen der Katholischen Soziallehre, der Christlichen Sozialethik sowie der außerschulischen politischen Bildung. Im historischen Bewusstsein des Nationalsozialismus und des Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere aber in den 1960er Jahren wurde die Notwendigkeit der Demokratieförderung anerkannt. In diesem historischen Kontext entwickelte das Haus am Maiberg durch politische Bildung und Beratungsangebote gegen Rechtsextremismus ein Profil als Bildungsträger der Demokratieförderung.
Weiterhin sind einige Leitsätze des Beutelsbacher Konsens relevant. Darunter fällt das Verbot der Indoktrination. Dies werde durch das Bekenntnis erreicht, aktuelle Kontroversen reflektierend und kontrovers zur Diskussion zu stellen. Die politische Bildung solle weiterhin Partei für die Wahrung der Menschenrechte ergreifen und diese Haltung auch transparent machen. Zudem wird im Jahresprogramm 2020 zum Ausdruck gebracht, dass interkulturelles Lernen, Geschlechtergerechtigkeit sowie der Dialog zwischen Generationen aktuelle Leitsätze für die Bildungsarbeit seien. Aus den Leitsätzen folgt für das didaktische Prinzip, im ersten Schritt Erkenntnisse und Diskussionen über soziale und politische Themen zu ermöglichen, dadurch Angebote zur Urteilsbildung zu schaffen und Ressourcen zur Partizipation an Politik und Gesellschaft zu entwickeln. Dabei ist im Sinne der Demokratiearbeit wichtig, die Teilnehmenden zur Wahrnehmung sowohl eigener als auch gemeinwohlorientierter Interessen anzuregen, Konflikte und Dilemmata wahrzunehmen und demokratische Lösungen und Entscheidungen zu finden.
Die Zielgruppe sind Jugendliche und Erwachsene. Das Motto „Offen für Dialog“ und das Logo entstanden im Rahmen einer Image-Kampagne im Jahr 1993. Mit dem Motto soll ausgedrückt werden, dass die Arbeit der Akademie Menschen erreichen will.
Demokratiezentrum Südhessen Das Demokratiezentrum Südhessen ist neben dem Demokratiezentrum in Marburg und der Regionalstelle in Kassel eines der insgesamt drei Demokratiezentren in Hessen. Mit zwei Arbeitsbereichen gehört das Demokratiezentrum Südhessen zur Akademie für politische und soziale Bildung. Zu diesen Arbeitsbereichen zählen Beratungs- und Bildungsangebote zum Umgang mit Rechtsextremismus, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Ungleichwertigkeitsideologien. Die Angebote zeigen sowohl Möglichkeiten zur Intervention als auch zur Prävention von Rechtsextremismus mit dem Ziel der Demokratieförderung auf. Dabei ist die Referentin Susanne Kolb mit Aufgaben im Bereich der Prävention beauftragt. Seit 2006 ist die Akademie mit 41 weiteren Einrichtungen Mitglied des Beratungsnetzwerks Hessen. Seitdem tritt das Demokratiezentrum Südhessen als Regionalstelle Süd des Beratungsnetzwerks Hessen auf. Das Beratungsnetzwerk Hessen wird durch die Philipps-Universität Marburg wissenschaftlich begleitet und koordiniert.
Die Beratungsarbeit der Regionalstelle Süd wird gefördert durch das Landesprogramm „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ des Hessischen Ministeriums des Innern und für Sport sowie durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“, getragen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Bildungsarbeit Zur Bildungsarbeit der Akademie für politische und soziale Bildung gehören die Arbeitsbereiche Erwachsenenbildung, Jugendbildung und internationale Jugendbildung sowie das Modellprojekt Partizipation. In der Regel finden die Veranstaltungen entweder im Tagungshaus oder – bei Exkursionen – vor Ort statt. Seit Anfang 2020 wurden vermehrt ergänzende Online-Formate etabliert.
Internationale Jugendarbeit Im Bereich der internationalen Jugendarbeit kooperiert die Akademie für politische und soziale Bildung des Hauses am Maiberg mit 14 internationalen Partnereinrichtungen. Unter der Leitung durch die Politikwissenschaftlerin Michaela Jacobs (Referentin für internationale Jugendarbeit) veranstaltet die Akademie regelmäßig internationale Jugendbegegnungen sowie seit Jahr die Europäischen Jugendwochen und beherbergt den Europäischen Freiwilligendienst. Mit dem Arbeitsbereich der internationalen Jugendbildung ist das Haus am Maiberg zudem ein Gründungsmitglied des coNEcT-Netzwerks (Cooperation Network in non-formal Education and Citizenship Training). Seit 2011 trägt das Haus am Maiberg dazu bei, Leitlinien, Strukturen und Methoden der non-formalen politischen Bildung und der bürgerschaftlichen Beteiligung transnational zu verhandeln und weiterzuentwickeln. Konkret richtet das Haus am Maiberg zusammen mit dem Netzwerk Studienreisen zu Partnereinrichtungen, internationale Jugendbegegnungen und fachliche Fortbildungen aus.
Politische Jugendbildung Der Arbeitsbereich der politischen Jugendbildung wird durch Hanne Kleinemas (interkulturelle Kommunikation und Europastudien) als Referentin geleitet. Die eingesetzten pädagogischen und politikdidaktischen Methoden im Arbeitsbereich der politischen Jugendbildung orientieren sich an der Lebenswelt der Jugendlichen. Die Angebote reichen von thematischen Workshops über Planspiele oder das Theater der Unterdrückten bis hin zu interaktiven Online Seminaren.