Ulrich Müther (* 21. Juli 1934 in Binz; † 21. August 2007 ebenda) war ein deutscher Bauingenieur und Bauunternehmer. Er entwarf und baute etwa 74 Schalenbauwerke (doppelt gekrümmte Beton-Schalentragwerke) und wurde dadurch zu einem bedeutenden Repräsentanten der architektonischen Moderne. Einige Bauwerke Müthers werden der organischen Architektur zugeordnetPressemappe: Architektur-Ikonen von Ulrich Müther auf Rügen. (PDF; 727 kB) In: Wüstenrot Stiftung / Artefakt Kulturkonzepte, 25. April 2018. Tanja Seeböck: „Diese Leichtigkeit und die utopische, organische Formensprache konnten bei den Kleinarchitekturen wesentlich freier realisiert werden als bei Müthers Großbauten, die immer auf einen konkreten Funktionsbedarf zugeschnitten waren …“ (S. 12).Anne-Dorothée Herbort: Hauchdünn. In: archithese, 13. April 2017. wie die Gaststätte Ahornblatt in Berlin,Der Berliner Landesdenkmalpfleger Jörg Haspel bewertete das Ahornblatt als einen wichtigen „Vertreter des ›Organischen Bauens‹“. In: Jörg Haspel: Auf den Flügeln des Fortschritts? Eine Betonschale in Berlin. In: SenStadtUmTech (Hrsg.): Großstadtdenkmalpflege. Erfahrungen und Perspektiven. Jahrbuch 1996. (= Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin, Heft 12.) Landesdenkmalamt Berlin. Schelzky & Jeep, Berlin 1996, S. 66–67, , Inhaltsverzeichnis. das Restaurant Seerose in Potsdam und die Konzertmuschel Kurmuschel in Sassnitz.
Biografie mini|Gedenktafel, Strandpromenade 8, in Binz Ulrich Müther wurde als älterer von zwei Söhnen des Architekten Willy Müther geboren,Klaus Stiglat: Ulrich Müther. In: Bauingenieure und ihr Werk. Ernst & Sohn, Berlin 2004, ISBN 3-433-01665-8, S. 258–262. der seit 1922. In: Pommerland Agentur, Juni 2007, mit Bilderstrecke. das Baugeschäft Willy Müther führte.N.N.: smow Blog Designkalender: 21. Juli 1934 – Happy Birthday Ulrich Müther! In: smow.de, 21. Juli 2015, mit Bilderstrecke. Sein Vater starb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an dessen Folgen, so dass dessen Frau Elisabeth das Baugeschäft weiterführte.
Ausbildung Müther absolvierte nach der Volksschule eine Lehre als Zimmermann und arbeitete ein Jahr als Geselle. Einem Unternehmersohn war es in der DDR nur als Arbeiter möglich gewesen, einen Studienplatz zu erhalten. Erst danach konnte er von 1951 bis 1954 Konstruktiven Ingenieurbau an der Ingenieurschule für Bauwesen Neustrelitz studieren, das er als jüngster Absolvent beendete. Eine erste Anstellung erhielt Müther von 1954 bis 1958 als Mitarbeiter im Entwurfsbüro für Industriebau in Berlin, das dem Ministerium für Aufbau der DDR unterstand. Dort war er an der Projektierung von Kraftwerksbauten beteiligt und vor allem mit der Planung von Kühltürmen beschäftigt.Jan Lubitz: Ulrich Müther 1934–2007. In: architekten-portrait.de, März 2015. Währenddessen absolvierte er ab 1956 bis 1963 ein Fernstudium an der Technischen Universität Dresden.
Sein Studienfreund und Architekt Ingo Schönrock (1933–2009) schlug ihm nach dem Besuch eines Vortrages bei dem Pionier des Betonschalenbaus, Félix Candela, vor, dass Müther seine Diplomarbeit der Hyperbolischen Paraboloidschale widme. Müther war davon fasziniert, später nannte er diese kurz „Hyparschalen“. Diese bestanden aus einem Netz von Stahlträgern, das aus Geraden zweifach gekrümmte Flächen erzeugt. Damit kann eine Hyparschale auch mit geraden Brettern eingeschalt werden.Jürgen Joedicke: Schalenbau. Konstruktion und Gestaltung. [Shell architecture], Reinhold, Stuttgart 1963, S. 27.
Bei seinem ersten Bauprojekt handelte es sich zunächst um die Terrassenüberdachung, schließlich um den 200 m² großen Mehrzwecksaal des Ferienheimes Haus der StahlwerkerFoto: Hyparschalendach über dem Gesellschaftsraum im Ferienheim „Haus der Stahlwerker“ in Binz, 1964. In: Ulrich Müthers Schalenbauten im Bauwesen der DDR, hrsg. vom Deutschland Archiv, 29. November 2012, aufgerufen am 25. Juni 2022. in Binz für die Arbeiter des VEB Stahl- und Walzwerks Riesa (nach der Wende abgerissen, heute Hotel Vier Jahreszeiten). Der Betreuer seiner Diplomarbeit an der TU Dresden, Hermann Rühle, vermittelte ihn an Reinhold Rabich am Lehrstuhl für Stahlbetonbau in Berlin. Rabich beschäftigte sich mit der Membrantheorie für einschalige hyperbolische Rotationsformen, die noch heute bei Kühltürmen zur Anwendung kommen. Rühle beschaffte ihm darüber hinaus ausländische Fachliteratur.
Unternehmensleiter 1958 übernahm er die technische Leitung des familieneigenen Bauunternehmens. Das Familienunternehmen war bereits 1953 im Rahmen der Aktion Rose durch die sozialistische Staatsmacht enteignet, nach dem 17. Juni 1953 aber zunächst wieder zurückgegeben worden. 1960 erhielt das Unternehmen die Rechtsform einer Produktionsgenossenschaft des Handwerks, 1972 wurde es verstaatlicht zum VEB Spezialbetonbau Rügen. Müthers Spezialisierung auf den Schalenbau mit dem Betonspritzverfahren konnte verhindern, dass sein Unternehmen 1972 in ein Baukombinat eingegliedert wurde.Karl Drebenstedt: Biografie Ulrich Müther. In: TU Cottbus, aufgerufen am 24. Juni 2022. 1990 wurde der volkseigene Betrieb an Müther rückübertragen.. In: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), 21. Juli 2014. Im Jahr 1999 musste das Unternehmen Müther GmbH Konkurs anmelden. Dessen ungeachtet war Müther ein vielgefragter Teilnehmer an KongressenSeeböck, Schwünge in Beton, 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 396. und FachtagungenUta von Debschitz: Architektur: Ulrich Müthers Ostseeperlen. In: Spiegel online, 17. September 2003. sowie Anbieter von Workshops.. In: architekten24.de, 2004.
Sowohl in der DDR als auch nach der Wiedervereinigung war Müther ein Einzelgänger unter den Bauingenieuren, er selbst nannte sich selbstironisch und zurückhaltend einen „Landbaumeister von Rügen“. Sein lebenslanger Lehrmeister blieb für ihn Félix Candela (1910–1997).Ausstellungsankündigung: . In: Architekturforum Zürich, März 2009, (PDF-Datei, 168 kB, 3 S.). Müthers Firmen-Signet besteht aus zwei aneinandergefügten und steil aufragenden Hyparschalen,Tanja Seeböck: Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Helms, Schwerin 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 177. die dem Längsschnitt der Kirche San José Obrero in Monterrey (Mexiko) von Félix Candela und Enrique de la Mora (1960) entsprechen.N.N.: Felix Candela und Enrique de la Mora y Palomar. Kirche San José Obrero in Monterrey, Mexiko. Gebaut 1959–60. In: Bauen + Wohnen, 1961, Jg. 15, Heft 11: Schalenbau, S. 417–419, doi:10.5169/seals-330901, mit Fotos und Längsschnitten.
Familie mini|hochkant|Grabstein Müthers auf dem ev. Friedhof in Binz mit dem Signet des VEB Spezialbetonbau Rügen. 1995 gründete Müther die Christian-Müther-Stiftung „Segeln mit asthmakranken Kindern“. Er benannte sie nach seinem einzigen Sohn und Augenarzt Christian, der am 20. November 1989 an den Folgen eines Asthma-Anfalls starb. Asthmakranke Kinder konnten unter ärztlicher Aufsicht an einem dreitägigen Segeltörn teilnehmen. Ursprünglich gehörte das Segelboot Wernher von Braun. Müther holte es mit seinem Sohn Christian aus dem Schlick und restaurierte es.Kai Michel: . In: Brand eins, 2003, Heft 9. Im Juli 2014 wurde die 25. Christian-Müther-Gedächtnisfahrt unternommen, die bis dahin 5000 Kindern ermöglicht werden konnte. 2018 beteiligten sich an dem Segeltörn insgesamt fünfzehn Boote aufgrund der Unterstützung von zahlreichen Spendern und Ehrenamtlichen.Otto Mathias: Segeltörn für 150 asthmakranke Kinder. 15 Boote stachen zur 29. Christian-Müther-Gedächtnisfahrt in See. In: Ostsee-Zeitung, 13. Juli 2018. Im Sommer 2019 wurde der 30. und zugleich letzte dreitägige Segeltörn für 60 bis 70 asthma- und bronchialerkrankte Kinder organisiert, der Stiftungsvorstand zieht sich aus Altersgründen von seiner Tätigkeit zurück. Andere Wasseraktivitäten mit asthmakranken Kindern werde es weiterhin geben.Maria Baumgärtel: Lebenswerk von Ulrich Müther. Christian-Müther-Stiftung: Ein Segeltörn mit berührendem Hintergrund. In: Ostsee-Zeitung, 16. Juli 2019.
Ulrich Müther war mit Astrid von Zydowitz verheiratet.Holger Vonberg: . In: wirsindinsel.de, 16. Juli 2014.
Ehrungen Im Ostseebad Binz wurde am 3. Oktober 2015 ein Platz an der Strandpromenade nach Müther benannt.Maik Trettin: . In: Ostsee-Zeitung, 4. Oktober 2015.
Anlässlich der 700-Jahr-Feier von Binz im Jahr 2018 wurde Müther mit einer Themenwoche vom 17. bis 21. September 2018 geehrt. Exkursionen, kostenfreie Vorträge und eine Ausstellung erinnerten an den Binzer Müther.Pressemitteilung: . In: Ostseebad Binz, Juni 2018. Im Herbst 2019 folgte eine zweite Themenwoche.Gerit Herold: Müther-Ausstellung fasziniert Besucher. In: Ostsee-Zeitung, 26. Oktober 2018. Vom 21. bis 27. September 2019 wurden erneut Führungen, Filme und eine Ausstellung zu Müther angeboten.Pressemitteilung: Die Leichtigkeit in Beton: Hypar, Kunst und mehr am Meer. In: Kurverwaltung Ostseebad Binz, 18. September 2019.Pressemitteilung: . In: Ostseebad Binz, August 2019. Aus Anlass von Müthers 90. Geburtstagsjahr fand vom 30. September bis zum 6. Oktober 2024 wieder eine Themenwoche auf Rügen statt.
Am 18. Oktober 2018 erhielt der Teepott in Rostock-Warnemünde eine Ehrung von der Bundesingenieurkammer als „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“.Johanna Hegermann, Axel Büssem: Teepott wird historisches Wahrzeichen. In: Ostsee-Zeitung, 18. Oktober 2018. Seit 2007 zeichnet die Bundesingenieurkammer historisch bedeutende Ingenieurbauwerke aus, bisher wurden damit 22 deutsche Bauwerke gewürdigt.Warnemünder „Teepott“ als Wahrzeichen geehrt. In: ndr.de, 18. Oktober 2018.
Der ehemalige Messepavillon in Rostock-Schutow erhielt im August 2023 den Publikumspreis der Ingenieurkammer Mecklenburg-VorpommernAxel Seitz: Müther-Bau in Schutow bekommt Ingenieurpreis. In: NDR 1 Radio MV, 14. August 2023, aufgerufen am 22. September 2024. für die energetische Sanierung und den denkmalgerechten Umbau durch Bauingenieur Carsten Großmann.Müther-Messepavillon Schutow wird Publikumsliebling beim Ingenieurpreis 2023. In: Ingenieurkammer Mecklenburg-Vorpommern, 14. August 2023, aufgerufen am 22. September 2024. Nach dem vorherigen Autohaus hat der neue Eigentümer Holger Junge in der rund 700 m² großen Doppelhalle ein Ladengeschäft für Angelzubehör eröffnet.Grauer Himmel, gute Laune – Besichtigung Müther-Messepavillon Rostock-Schutow. In: Ingenieurkammer Mecklenburg-Vorpommern, 13. Juni 2024 [lt. Quelltext], aufgerufen am 22. September 2024, mit Bilderstrecke. Mit einer Erdwärme-Anlage kann bis zu 80 % der Heizung im Winter und der Kühlung im Sommer erzeugt werden.Dörte Rahming: Bauten von Ulrich Müther. Ein Preis für die Mutter aller Teepötte. In: Nordkurier, 16. Juli 2024, aufgerufen am 18. Oktober 2024.
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