Als Gründungsveranstaltung der künstlichen Intelligenz als akademischem Fachgebiet gilt die Dartmouth Conference im Sommer 1956 am Dartmouth College in Hanover (New Hampshire), ein sechswöchiger Workshop mit dem Titel Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence, organisiert von John McCarthy im Rahmen eines von der Rockefeller-Stiftung geförderten Forschungsprojekts. Im Antrag dazu erschien erstmals der Begriff „artificial intelligence“.John McCarthy, Marvin L. Minsky, Nathaniel Rochester, Claude E. Shannon: A Proposal for the Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence. In: AI Magazine. Band 27, Nr. 4, 1955, S. 12–14 (doi:10.1609/aimag.v27i4.1904, PDF) – Reprint. Neben McCarthy selbst nahmen daran unter anderen Marvin Minsky, Nathaniel Rochester und Claude Elwood Shannon teil.
Vorgeschichte Die Idee, dass sich die menschliche Intelligenz oder auch ganz allgemein die Vorgänge des menschlichen Denkens möglicherweise automatisieren oder mechanisieren lassen, dass der Mensch eine Maschine konstruieren und bauen könnte, die auf irgendeine Art und Weise intelligentes Verhalten zeigt, ist allerdings schon sehr viel älter. Als früheste Quelle wird zumeist auf Julien Offray de La Mettrie und sein 1748 veröffentlichtes Werk L’Homme Machine verwiesen. Auch die Idee des Laplaceschen Dämons, benannt nach dem französischen Mathematiker, Physiker und Astronomen Pierre-Simon Laplace kann insofern zu den theoretischen Vorläufern der künstlichen Intelligenz gezählt werden, als diesem Entwurf die Modellvorstellung zugrunde liegt, dass das gesamte Universum nach den Regeln einer mechanischen Maschine – gewissermaßen wie ein Uhrwerk – abläuft, und diese Vorstellung dann natürlich auch den Menschen und seinen Geist, seine Intelligenz, mit einschließt.
Historische Automaten und Roboter
In der Geschichte finden sich an etlichen Stellen Berichte von mechanischen und elektrischen Automaten für bestimmte Tätigkeiten, die in einem mehr oder weniger menschenähnlichen Gehäuse eingebaut waren und damit – bis zu einem gewissen Grad – die Illusion eines künstlichen Menschen vermitteln sollten. Teilweise handelte es sich hierbei auch um Jahrmarkts-Attraktionen bis hin zu Figuren wie C-3PO aus Star Wars.
Homunculi, Golem und andere künstliche Menschen Neben diesen Automaten, die zumindest von ihren Konstrukteuren und Erbauern in aller Regel tatsächlich als Maschinen mit begrenzten mechanischen Fähigkeiten verstanden wurden, gab es auch theoretische oder literarische Entwürfe von künstlich erzeugten Lebewesen, die in ihren Fähigkeiten und auch in ihrem Aussehen dem Menschen ähnlich sein sollten. Eine allgemeine Vorstellung von einem Homunculus wurde schon in der Antike beschrieben, ein Plan für die angebliche Herstellung eines Homunkulus findet sich in der Schrift De natura rerum (1538), die allgemein Paracelsus zugeschrieben wird. Weitere Beispiele sind hier die jüdische Legende vom Golem in ihren verschiedenen Varianten oder Mary Shelleys Roman Frankenstein.
Theoretische Grundlagen: Konzepte zur Formalisierung des Denkens Künstliche Intelligenz basiert auf der Annahme, dass der Prozess des menschlichen Denkens formalisiert werden kann. Das Studium des mechanischen – oder formalen – Denkens hat eine lange Geschichte. Die chinesischen, indischen und antiken griechischen Philosophen entwickelten im ersten Jahrtausend v. Chr. strukturierte Methoden der formalen Deduktion. Ihre Ideen wurden im Laufe der Jahrhunderte weiterentwickelt von Philosophen wie Aristoteles, der eine formale Analyse des Syllogismus lieferte, und Euklid, dessen Elemente ein Modell des formalen Schließens waren. Muhammad al-Chwarizmi, der dem Algorithmus seinen Namen gab, entwickelte die Algebra, europäische Philosophen der Scholastik wie Wilhelm von Ockham und Johannes Duns Scotus trugen zum Verständnis von Logik, Deduktion und Induktion bei.Berlinski, David (2000), The Advent of the Algorithm, Harcourt Books, ISBN 978-0-15-601391-8, OCLC 46890682.
Der mallorquinische Philosoph Ramon Llull (1232–1315) entwickelte in seinem Werk Ars generalis ultima (etwa 1305 vollendet, aber erst nach 1500 gedruckt) die Große Kunst („Ars magna“), durch mechanisches Kombinieren von Begriffen mittels einer von ihm erdachten „logischen Maschine“ zu Erkenntnissen zu gelangen. Llulls Werk hatte großen Einfluss auf Gottfried Wilhelm Leibniz, der seine Ideen weiterentwickelte.Anthony Bonner (Hrsg.), Doctor Illuminatus – A Ramon Llull Reader, Princeton University 1985, S. 57–71
hochkant|mini|Gottfried Wilhelm Leibniz, der annahm, dass sich menschliches Denken auf mechanisches Rechnen zurückführen lässt
Im 17. Jahrhundert versuchten mehrere Philosophen, das rationale Denken so systematisch zu gestalten wie Algebra oder Geometrie. René Descartes entwickelte eine Universalmathematik, die Mathesis universalis, in der die deduktive Methode der Logik als universelles Erkenntnismittel diente. Thomas Hobbes schrieb in seinem Leviathan: „Denn die Vernunft ist in diesem Sinne nichts anderes als die Berechnung (d. h. Addieren und Subtrahieren) der Folgerungen aus allgemeinen Namen, die zur Kennzeichnung und Bezeichnung unserer Gedanken vereinbart wurden.“ () Gottfried Wilhelm Leibniz erdachte eine Universalsprache des Denkens, die characteristica universalis, mit der er das Denken auf das Rechnen zurückführen wollte. Wenn Philosophen dann über ein Problem uneins wären, könnten sie sagen: „Lasst uns rechnen“. Sie würden es in die Universalsprache übersetzen und einer von Leibniz gedachten Maschine, dem Calculus ratiocinator, zum Ausrechnen übergeben.
All diesen Philosophen ist gemeinsam, dass sie Denken als eine Form der Symbolmanipulation zu begreifen suchten. Damit waren sie Vorläufer einer Hypothese über die Leistungsfähigkeit formaler Systeme oder physischer Symbolsysteme, die zum Leitbild der KI-Forschung wurde:
Im 20. Jahrhundert brachte das Studium der mathematischen Logik den entscheidenden Durchbruch, der künstliche Intelligenz plausibel erscheinen ließ. Die Grundlagen waren durch George Booles Werk The Laws of ThoughtGeorge Boole: An Investigation of The Laws of Thought, On Which Are Founded the Mathematical Theories of Logic and Probabilities. Walton and Maberly u. a., London u. a. 1854, (Digitalisat; Reprint: Dover, New York NY 1958) und Gottlob Freges Begriffsschrift geschaffen worden. Aufbauend auf Freges System legten Bertrand Russell und Alfred North Whitehead 1913 in den Principia Mathematica eine formale Behandlung der Grundlagen der Mathematik vor. Davon inspiriert forderte David Hilbert mit seinem Programm die Mathematiker der 1920er und 30er Jahre zur Untersuchung der grundlegenden Frage auf: „Kann das gesamte mathematische Denken formalisiert werden?“ Die unerwartete Antwort lieferte Kurt Gödel 1931 mit seinem Unvollständigkeitsbeweis, der zeigte, dass es Grenzen für die Formalisierung der Mathematik gibt. Andererseits zeigten Mathematiker in den 1930er Jahren, dass innerhalb dieser Grenzen jede Form des mathematischen Denkens formalisiert werden kann: Die Church-Turing-These besagt, dass ein mechanisches Gerät, das 0 und 1 manipulieren kann, jeden denkbaren Prozess der mathematischen Deduktion nachbilden kann – eine wichtige Grundlage für die KI. Die Schlüsselerkenntnis war die Turing-Maschine, ein einfaches theoretisches Konstrukt, das das Wesen der abstrakten Symbolmanipulation erfasste. Dazu äquivalente Formalismen lieferten Stephen Cole Kleenes berechenbare Funktionen und Alonzo Churchs Lambda-Kalkül (eine Vorlage für die in der KI wichtige Programmiersprache Lisp).
Diskussion der Möglichkeit künstlicher Intelligenz Seit den Anfängen der wissenschaftlichen und philosophischen Erörterung der künstlichen Intelligenz wird über die Möglichkeit vor allem von „starker“ künstlicher Intelligenz debattiert. Dabei wurde sogar hinterfragt, ob künstliche Systeme, die dem Menschen gleichen oder in einem noch zu bestimmenden Sinne ähnlich sind, überhaupt widerspruchsfrei vorstellbar sind.
Hubert Dreyfus’ Buch Die Grenzen künstlicher IntelligenzHubert L. Dreyfus: Die Grenzen künstlicher Intelligenz. Was Computer nicht können. Athenäum, Königstein 1985 [engl. Original: What Computers Can’t Do: The Limits of Artificial Intelligence. 1972] stammt bereits aus dem Jahr 1972. Mit seinem Bruder Stuart E. Dreyfus beschrieb er die „Grenzen der Denkmaschine“ 1986.Hubert L. Dreyfus, Stuart E. Dreyfus: Künstliche Intelligenz: Von den Grenzen der Denkmaschine und dem Wert der Intuition. Rowohlt rororo, Reinbek 1986 (englisch Original: Mind Over Machine: The Power of Human Intuition and Expertise in the Era of the Computer. Free Press, New York 1986)
Auf der anderen Seite verweist Karl Popper (1977) auf eine These von Alan Turing, der einmal gesagt habe, , relativiert diese Aussage aber gleich wieder, indem er empfiehlt: Und im Übrigen verweist er darauf, dass schon für die menschliche Intelligenz bisher niemand eine von allen einschlägigen Fachleuten akzeptierte Definition der Intelligenz hat formulieren können, und dass demzufolge auch kein allgemein akzeptiertes Verfahren existiert, mit dem man das Vorhandensein bzw. den Ausprägungsgrad von „Intelligenz“ beim Menschen – und dann möglicherweise auch bei einem künstlichen System – würde objektiv überprüfen bzw. messen können.
Die Diskussion, ob es so etwas wie eine künstliche Intelligenz, die der menschlichen Intelligenz ebenbürtig ist, oder sogar überlegen, überhaupt geben kann, ist allerdings durch eine grundlegende Asymmetrie gekennzeichnet: Autoren wie die Brüder Dreyfus vertreten die These, dass es künstliche Intelligenz dem strengen Sinne der starken KI nicht geben kann, d. h. sie vertreten im formallogischen Sinne eine Allaussage (mit negativem Vorzeichen) und die Argumente und Überlegungen, die sie für diese ihre These anführen, können an vielen Stellen angegriffen, bestritten oder möglicherweise sogar widerlegt werden. Alan Turing behauptet demgegenüber lediglich, dass – unter bestimmten Bedingungen bzw. Voraussetzungen – etwas möglich sei und überlässt es anderen, diese Voraussetzungen zunächst erst einmal zu erfüllen. Solange dies aber noch nicht geschehen ist, kann Turings Behauptung nicht überprüft, demzufolge aber auch nicht falsifiziert werden, und ist insofern streng genommen nach dem von Popper formulierten Kriterium für Wissenschaftlichkeit keine wissenschaftliche Aussage.
Für eine Entscheidung, ob ein technisches System über eine dem Menschen ähnliche Intelligenz verfügt, wird oft auf einen Vorschlag von Alan Turing verwiesen, der unter dem Namen Turing-Test bekannt geworden ist. Alan Turing selbst hat allerdings nur die allgemeine Idee skizziert, die einem solchen Test zugrunde liegen könnte: wenn ein Mensch in einer Interaktion mit zwei „Partnern“, von denen einer ein anderer Mensch und der andere eben ein künstliches, technisches System ist, nicht (mehr) herausfinden bzw. unterscheiden könne, welcher der Partner der Mensch und welcher der Computer ist, so könnte man dem technischen System nicht mehr die Eigenschaft absprechen, ebenfalls intelligent zu sein. (Genauere Einzelheiten hierzu ließ Turing zunächst offen; im Übrigen ist natürlich klar, dass die Interaktion in einer solchen Testsituation so zu gestalten ist, z. B. in Form eines Telefongesprächs oder eines schriftlichen Frage-und-Antwort-Spiels, dass keine sachfremden Informationen die Beurteilung verfälschen können.)
Allerdings gab es, als Alan Turing diesen Vorschlag machte, ca. 1950, das Fachgebiet der künstlichen Intelligenz noch gar nicht, und dementsprechend auch noch nicht die Unterscheidung von starker und schwacher KI und schon gar nicht den Streit, ob es eine starke KI im engeren Sinne überhaupt geben könne. Natürlich gab es im späteren Verlauf verschiedene Versuche, Turings Idee zu konkretisieren und praktisch durchzuführen, die aber alle wegen Mängeln in der Konzeptualisierung – und auch in der praktischen Durchführung – kritisiert bzw. nicht anerkannt wurden.