Das Umspannwerk Kelsterbach (auch Umspannanlage Kelsterbach oder Station Kelsterbach genannt) ist eine Umspann- und Schaltanlage im deutschen Bundesland Hessen. Sie umfasst die Spannungsebenen 380 und 110 kV und ist damit Bestandteil des deutschen Höchstspannungsnetzes. Betrieben wird sie vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion und dem Verteilnetzbetreiber Syna GmbH, Tochter der Süwag Energie. Die Anlage dient, neben ihrer Funktion als Kuppelstelle beider Netzbetreiber, auch der Versorgung von Anlagen des nahegelegenen Flughafens Frankfurt. Aufgrund der beengten Platzverhältnisse handelt es sich in Teilen um eine Gasisolierte Schaltanlage mit reiner Erdkabeleinspeisung. Eine Besonderheit ist die zur Anlage führende gasisolierte 380-kV-Kabelleitung.
Die erste am Standort gebaute Umspannanlage wurde 1926 durch das RWE in Betrieb genommen und diente der Anbindung der Main-Kraftwerke ans Verbundsystem der Nord-Süd-Leitung. Im Laufe der Zeit entwickelte sie sich zur zentralen Stromdrehscheibe im Rhein-Main-Gebiet und verfügte über Verbindungen mit dem Bayernwerk, der HEAG und den Kraftwerken Mainz-Wiesbaden. Im Zuge dessen konnte 1928 erstmals ein Verbundbetrieb zwischen süddeutscher Wasserkraft und rheinischer Kohlekraft aufgebaut werden. Daneben diente sie als wichtiger Netzknoten für das 220-kV-Leitungsnetz des RWE.
Wegen ihrer Lage auf dem Gelände der neuen Landebahn Nordwest musste die alte Anlage stillgelegt werden und wurde in den Jahren 2007 bis 2009 durch eine kompakte 380-/110-kV-Schaltanlage ersetzt. Zusammen mit dem Neubau wurde auch das Höchstspannungsnetz im Rhein-Main-Gebiet in großen Teilen umstrukturiert und der Ausbau der 380-kV-Ebene vorangetrieben.
Lage Das Umspannwerk befindet sich auf dem Stadtgebiet von Kelsterbach im hessischen Kreis Groß-Gerau. Das Stadtzentrum von Frankfurt am Main liegt etwa 13 km nordöstlich, Wiesbaden 21 km nordwestlich, Mainz 19 km südwestlich und Darmstadt 21 km südöstlich. Unmittelbar an die Anlage grenzt die 2011 in Betrieb genommene Landebahn Nordwest des Frankfurter Flughafens, deren Umzäunung auch gleichzeitig die südliche Abgrenzung der Anlagenfläche darstellt. Der Anlagenstandort selbst befindet sich in einem teilweise gerodeten Waldgebiet mit dem nordwestlich benachbarten Staudenweiher. Die umliegende Landschaft ist von trockenen und sandigen Böden und entsprechender Vegetation in Form von Magerrasen und Kiefern geprägt. Eine Zuwegung besteht über die Kelsterbacher Straße „Am Südpark“.
Aufgrund der Höhenbeschränkungen infolge der Lage unmittelbar an einer Landebahn sind alle zulaufenden 380- und 110-kV-Leitungen als Erdkabel verlegt. Die Kabelübergabestation für die beiden zugeführten 380-kV-Stromkreise befindet sich etwa 900 m nordwestlich der Anlage. Weitere Erdkabeleinspeisungen bestehen benachbart zur Kabelübergabestation, an der BAB 3 südlich der Landebahn und nordöstlich des Umspannwerks selbst.
Seit dem Jahr 2023 befindet sich auf Kelsterbacher Stadtgebiet eine zweite 380-/110-kV-Anlage, bei der es sich ebenfalls um eine gasisolierte Innenraumanlage handelt. Diese ist allerdings Teil des Leitungsbauprojekts „Kriftel – Farbwerke Höchst Süd“ und trägt die Bezeichnung Umspannwerk Schwanheim, hängt mit dem Umspannwerk Kelsterbach daher nicht direkt zusammen.
Altes Umspannwerk (1926–2007) mini|links|Blick auf das alte Umspannwerk vor dem Bau der Landebahn Nordwest (2006) Die Errichtung des Umspannwerks stand im Zusammenhang mit dem Verbundnetzprojekt des RWE, die rheinischen Kohlekraftwerke mit süddeutschen Kraftwerken und Pumpspeicherwerken in den Alpen und im Südschwarzwald zu verbinden. Seit 1923 befand sich das RWE im Besitz der Aktienmehrheit der einstigen Muttergesellschaft Elektrizitäts-AG vormals W. Lahmeyer & Co. und damit seiner zahlreichen Tochterunternehmen. Eines von diesen waren 1910 gegründeten die Main-Kraftwerke, die seit 1911 ein Kraftwerk im Höchst am Main betrieben. Anfang der 1920er Jahre wurde von hier aus bereits ein großer Teil des preußischen Regierungsbezirks Wiesbaden mit elektrischer Energie versorgt. Nachdem sich ab 1924 die Tochtergesellschaft Großkraftwerk Württemberg AG am Ausbau der Wasserkraft in Vorarlberg beteiligte, wurde der Bau der 220-kV-Verbundleitung noch im selben Jahr aufgenommen.
Zur Einbindung des Netzes der Main-Kraftwerke an das Verbundsystem des RWE entstand ab 1924 das Umspannwerk in Kelsterbach. Zeitgleich schlossen die Main-Kraftwerke einen Stromlieferungsvertrag über den Bezug von 10.000 kW elektrischer Energie mit dem Bayernwerk ab. Im Zuge dessen bauten sie eine Leitung vom Kraftwerk Höchst über das künftige Umspannwerk Kelsterbach zum Kraftwerk Dettingen mit einer Stichleitung zum Umspannwerk der HEAG in Darmstadt, die auch als Reserveverbindung diente. Ende 1925 vermeldete der RWE-Geschäftsbericht 1925/26 den Baufortschritt der Leitung zwischen Neuenahr und Kelsterbach: „Am Schluß dieses Geschäftsjahres standen die Masten für diese Leitung bis zum Main und es war mit der Beseilung mit einem Hohlseil von 42 mm Durchmesser in drei Teilabschnitten begonnen“. Bis zum Umspannwerk Mannheim-Rheinau wurde die Leitung durch das RWE selbst errichtet und zusammen mit den Umspannwerken 1926 fertiggestellt.
Verzögert wurde der Bau durch die Weigerung des preußischen Staates, Grundstücke für den Bau der Leitung südlich des Mains zu enteignen. Grund hierfür war die Befürchtung, die Stadt Frankfurt am Main könnte einen Stromlieferungsvertrag mit dem RWE über einen Bezug elektrischer Energie aus ihrem Verbundsystem abschließen, anstatt wie ursprünglich vorgesehen mit der staatlichen Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG.Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des okonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre, in: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998, Freiberg 1999, S. 82. Daher schloss das RWE Verträge mit dem hessischen Staat und der HEAG, durch dessen Versorgungsgebiet die Leitung im Anschluss weiter nach Süden führen sollte, ab und ermöglichte so den Weiterbau.Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk AG: Bericht über das Geschäftsjahr 1925/26
Wie die anderen 220-kV-Umspannwerke wurde Kelsterbach nach einem einheitlichen Schaltungsschema, das das RWE entwarf, ausgeführt. Die nötigen Großkomponenten lieferten die Siemens-Schuckertwerke.T. Horstmann, K. Kleinekorte: Strom für Europa – 75 Jahre RWE-Hauptschaltleitung Brauweiler 1928–2003. Klartext-Verlag, Essen 2003, ISBN 978-3-89861-255-5, S. 35ff. Für die Umspannung von 110 auf 220 kV (anfangs noch teilweise 50-kV-Betrieb) wurden zwei 60.000-kVA-Transformatoren installiert. Der Flächenverbrauch der Freiluftanlage betrug etwa 10 Hektar. Mit der testweisen Inbetriebnahme des ersten Leitungsabschnitts von Neuenahr bis Rheinau wurde 1926 über das Umspannwerk Kelsterbach erstmals ein Verbundbetrieb zwischen rheinischer Kohle- und bayerischer Wasserkraft hergestellt.Norbert Gilson: Der Irrtum als Basis des Erfolgs. Das RWE und die Durchsetzung des okonomischen Kalküls der Verbundwirtschaft bis in die 1930er Jahre. In: Helmut Maier (Hrsg.): Elektrizitätswirtschaft zwischen Umwelt, Technik und Politik: Aspekte aus 100 Jahren RWE-Geschichte 1898–1998. Freiberg 1999, S. 78. Die Umstellung auf 220 kV folgte mit Inbetriebnahme der Hauptschaltleitung und Umspannanlage Brauweiler am 12. Oktober 1929, die vollständige Inbetriebnahme bis Bludenz am 17. April 1930.
Spätere Ereignisse Der Streit um die Liefergebiete von RWE und dem preußischen Staat, der seine Energieversorger 1927 in der Preußischen Elektrizitäts AG (PREAG) zusammenfasste, wurde im Frühsommer 1927 mit dem Ersten Elektrofrieden beigelegt. Dabei wurden die Liefergebiete von RWE und PREAG voneinander abgegrenzt. Weitere Demarkationsverträge mit anderen Energieversorgungsunternehmen folgten. Dies hatte zur Folge, dass das RWE über das Umspannwerk Kelsterbach und die Main-Kraftwerke das seit der Eingemeindung von Höchst und umliegenden Gemeinden 1928 zu Frankfurt gehörendes Gebiet versorgten, der größte Teil des Frankfurter Stadtgebiets aber zum Konzessionsgebiet der PREAG gehörte. Ein Energieaustausch zwischen RWE und PREAG war anfangs über Kelsterbach und Dettingen möglich, später entstand von Kelsterbach eine Doppelleitung zum Umspannwerk Oberursel, das seit 1926 aufgrund eines Liefervertrags mit dem Überlandwerk Oberhessen über 4.000 kW elektrischer Leistung aus dem Kraftwerk Wölfersheim mit dem 110-kV-System der PREAG verbunden war.Main-Kraftwerke AG: Geschäftsbericht der Main-Kraftwerke Aktiengesellschaft zu Höchst a. Main für das Jahr 1925,. Höchst am Main, 1925Main-Kraftwerke AG: Auftrag und Verpflichtung: 1910–1985 75 Jahre regionale Energieversorgung zwischen Main-Rhein-Lahn. Frankfurt am Main, 1985, S. 64
In den 1930er Jahren baute das RWE eine zweite Nord-Süd-Verbindung, die vom Koepchenwerk über das Umspannwerke Kelsterbach nach Hoheneck und später bis nach Tiengen führte. Eine weitere 220-kV-Leitung, die allerdings nie mit dieser Spannung betrieben wurde, entstand 1942 zur Versorgung der als kriegswichtig erachteten Firma Opel in Rüsselsheim mit Verbindung zum Netz der Kraftwerke Mainz-Wiesbaden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bayern infolge von Demontagen an der mitteldeutschen Verbundleitung (Reichssammelschiene) durch die sowjetische Militäradministration vom gesamtdeutschen 220-kV-Verbundnetz abgeschnitten.M. Pohl: Das Bayernwerk 1921 bis 1996. R. Piper GmbH & Co. KG, München 1996, S. 300f Daher errichtete das Bayernwerk in Kooperation mit der PREAG eine Verbindung von Ludersheim nach Aschaffenburg, von wo aus sich zwei Teilstücke nach Borken und Kelsterbach fortführten. Infolge von Materialmangel der Nachkriegszeit zog sich die Fertigstellung dieser Leitung um einige Jahre. Am 12. Dezember 1949 wurde die Leitung mit einem Stromkreis Ludersheim–Kelsterbach durch die Vorstände des RWE, der PREAG und des Bayernwerks feierlich in Betrieb genommen.Arthur Schnug, Lutz Fleischer: Bausteine für Stromeuropa. 50 Jahre Deutsche Verbundgesellschaft, S. 223
mini|Umverlegte Leitungstrassen westlich der Startbahn West im Jahr 2008, kurz vor Abbau der westlichsten Leitung Schon 1939 forderte die Luftwaffe die Umverlegung der von Kelsterbach nach Süden führenden Freileitungen, um den Flugbetrieb auf dem 1936 als „Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main“ errichteten Frankfurter Flughafens nicht zu beeinträchtigen. Unter dem Kommando der US-amerikanischen Militärregierung, die den Flughafen im März 1945 einnahm, wurden Start- und Landebahn auf 1.800 m Länge nach Westen hin ausgebaut, da das Gelände im Osten unmittelbar an die Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt grenzte. Aufgrund von Materialmangel konnte die Umverlegung der Leitungen wieder nicht durchgeführt werden. Beim Bau der von Aschaffenburg kommenden Leitung kam es erstmals zur Umverlegung einer bestehenden Freileitung aus dem Trassenband heraus. Hierfür baute man 5 km weiter westlich eine neue 220-kV-Leitung, die anschließend entlang der vorbereiteten Trasse für die Reichsautobahn Frankfurt–Nürnberg (heutige BAB 3) wieder nach Osten zum Umspannwerk führt. Auf diese Trasse verlegte man die Kreise der westlichsten Leitung der bisherigen Trasse.Luftbilder von 1953, Geoportal Hessen Die neue Leitung wurde gleichzeitig auf die frei gewordene 220-kV-Leitung der bisherigen Trasse gelegt. Die Wiedererlangung der Lufthoheit durch die Bundesrepublik Deutschland führte zu einer Zunahme des zivilen Flugverkehrs. Schließlich führte das RWE 1956 die notwendige Verlegung aller restlichen Leitungen aus dem Trassenband heraus nach Westen durch. Entlang der neuen westlichen Trasse wurde eine 190 m breite Schneise gerodet und die drei Freileitungen parallel zur vierten verlegt. Mit dem Bau der Startbahn West in den 1980er Jahren mussten die Leitungen ein zweites Mal verlegt werden, diesmal nach Süden.