mini|hochkant|August Kind um 1885 August Kind (* 27. August 1824 in Wiehl, Bergisches Land; † 30. Dezember 1904 in Berlin) war ein deutscher Architekt und Baubeamter. Er war als Chef der Bauverwaltung der Reichspost unter Leitung von Heinrich von Stephan zwischen 1875 und 1889 an fast allen Postbauten im Deutschen Reich beteiligt.

Leben Herkunft August Kind war der Sohn des ersten Hauptlehrers in Wiehl. Sein Vater Johann Wilhelm Kind (1792–1840) war zunächst Küster und Organist, bevor er eine Anstellung als Lehrer bekam. Er war mit der Tochter des örtlichen Pastors, Johanna Charlotte Schnabel (1793–1871), verheiratet. Insgesamt sechs Kinder des Paares starben bei oder kurz nach der Geburt.

Neben August Kind verblieb nur seine 1822 geborene Schwester Emilie, die einen Lehrer in der Nachbarschaft heiratete. Die Geschwister wurden zunächst beim Vater privat und dann in der Ortsschule unterrichtet. Nach dem frühen Tod des Vaters 1840 wurde der Druck für den Jugendlichen größer, schnell eine eigene berufliche Grundlage zu finden. Das Abitur legte er vermutlich in Gummersbach um 1842/43 ab und wählte als Berufsziel die Architektur.

Ausbildung Danach begann er die obligate Lehre als Feldmesser, die er mit einer entsprechenden Prüfung in Arnsberg beendete. Als Geometer fand er im September 1846 seine erste Anstellung bei der Köln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft, wo er im Eisenbahnbüro Beschäftigung bei der Streckenplanung fand.Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Minden v. 18. September 1846, S. 227. Insbesondere betätigte er sich auch am Bahnhof Porta Westfalica (1847–1953).

Dann folgte die „Erledigung seiner bautechnischen Studien“ an der Berliner Bauakademie. Dort legte er 1849 nach zweijährigem Studium die Bauführer-Prüfung ab und begann ein Referendariat. Als junger Bauführer konnte er in der Kreisverwaltung zu Waldbröl im heimatlichen Bergischen Land unter der Leitung des dortigen Kreisbaumeisters Binger erste praktische Erfahrungen beim Straßenbau sammeln.

In dieser Zeit wurde August Kind ordentliches Mitglied des Naturhistorischen Vereins der preußischen Rheinlande und Westfalens.Correspondenzblatt des naturhistorischen Vereins der Preußischen Rheinlande und Westphalens, Band 9, Bonn 1852, S. 639. (Die Aufnahme lag vor „dem 15. Mai 1852“.) Einer der Schwerpunkte der Vereinsarbeit war die Erforschung der geologischen Verhältnisse in der Region, was mit dem sich hier rasant entwickelnden Bergbau zusammenhing. Konkret nahm Kind Vermessungen im Gebiet der Sieg vor. Er lieferte damit Korrekturen für die „Allgemeine Uebersicht der hypsometrischen Verhältnisse im Regierungs-Bezirk Düsseldorf in orographischer und hydrographischer Anordnung“, die Teil der „Höhenmessungen der Rheinprovinz“ des bekannten Geologen Heinrich von Dechen waren.

Außerdem betätigte er sich im Straßenbau zwischen Waldbröl und Gummersbach sowie im Wasserbau am Rhein.Diese Informationen zu den frühen Beschäftigungen gehen aus dem überlieferten Abschieds-Gedicht seiner Amtskollegen aus Berlin von 1889 hervor. Vgl. Broschüre vom 12. Oktober 1889, gedruckt zu Berlin im Privatbesitz (Bild unten).

Zu Ostern 1851 nahm er den zweiten Teil seiner Studien an der Berliner Bauakademie auf. Dort studierte er unter den zwei bedeutenden Lehrern Karl Bötticher und Wilhelm Stier Bautechnik und Baukunst. Stier lehrte, dass „nicht einseitige Abgeschlossenheit, sondern offenes Auge für alle echten Kunstwerke aller Zeiten den wahren Künstler“ zeige.H. Ende: Zur Erinnerung an Richard Lucae. In: Deutsche Bauzeitung, 12. Jahrgang 1878, Nr. 12 (vom 9. Februar 1878), S. 53. Damit wird deutlich, dass Architektur als Einheit von Technik und Ästhetik verstanden und gelehrt wurde. 1853 legte August Kind die Baumeister-Prüfung für Wasser-, Wege- und Eisenbahnbau (heute für Tief- und Ingenieurbau) ab. Mit dieser Prüfung hatte er die Voraussetzung für ein Assessorat als Einstieg in die höhere Bauverwaltungslaufbahn, konnte aber auch als Privatbaumeister arbeiten.

Baumeister zu Wesel Zunächst arbeitete August Kind als Privatbaumeister in der Stadt Wesel.Uwe Kieling: Berlin. Bauten und Baumeister von der Gotik bis 1945. Berlin 2003, S. 294.Verzeichnis derjenigen Baumeister des Preußischen Staats, welche nicht im Staatsdienste als Beamte angestellt sind. In: Beilage zur Zeitschrift für Bauwesen, 4. Jahrgang 1854, Heft 8–10, S. 1 f. Möglicherweise ging er nach Wesel, weil seine künftige Ehefrau dort geboren war. Seine Arbeiten in und um Wesel konzentrierten sich auf den Eisenbahnbau, der in der gesamten Region florierte.„1853-1856 Tätigkeit bei Eisenbahnbauten“ laut Datensatz zu August Kind in der Datenbank Architekten und Künstler mit direktem Bezug zu Conrad Wilhelm Hase (1818–1902).

Kreisbaumeister zu Essen Im Jahre 1856 wurde August Kind 32-jährig zum Kreisbaumeister in Essen berufen.Bund Deutscher Architekten, Kreisgruppe Essen (Hrsg.): Essen. Architekturführer. Essen 1983.ruhr-bauten.de Damit wurde er zum Chef der Bauverwaltung des gerade neu gegründeten Landkreises Essen.Zeitschrift für Bauwesen, 7. Jahrgang 1857, Heft 1/2, Sp. 6. Er hatte damit die Verantwortung für das gesamte öffentliche Bauwesen – Straßen-, Eisenbahn- und Wasserbau – in seinem Kreisgebiet.

Die Berufung zum Kreisbaumeister in Essen 1856 gab ihm auch die finanzielle Sicherheit eine Familie zu gründen. Am 3. September 1856 heiratete August Kind als aufstrebender Baubeamter die Tochter des Rechnungsrats Alexander von Borkowsky aus Wesel. Diese Familie entstammt altem polnisch-masurischem Uradel, der nach der Einverleibung Polens Ende des 18. Jahrhunderts in den preußischen Militär- bzw. Staatsdienst übertrat. Kinds junge Ehefrau Caroline Friederike Henriette von Borkowsky wurde 1836 in Wesel geboren. Seine Schwiegermutter war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns aus Dorsten, der sich in Wesel angesiedelt hatte.

1856 wurde August Kind dann gemeinsam mit Maximilian Nohl aus Iserlohn, den er vermutlich vom Studium in Berlin kannte und mit dem er bald zusammenarbeiten sollte, externes Mitglied des Architekten-Vereins zu Berlin, der zu dieser Zeit der bedeutendste Fachverein für Bauleute in Preußen war.Zeitschrift für Bauwesen, 8. Jahrgang 1858, Heft 3, Sp. 495. (Aufnahme von „A. Kind aus Wiehl“)

Um diese Zeit wird August Kind auch als Freimaurer – wie wohl viele im Bauwesen Beschäftigte – in der Loge „Alfred zur Linde“ in Essen ausgewiesen. Auch sein Schwiegervater Alexander von Borkowsky und dessen Schwiegervater, Theodor Timmermann, waren Freimaurer, beide in der Loge „Zum goldenen Schwert“ zu Wesel, in die zunächst auch August Kind 1854 eintrat.Otto Biégon von Czudnochchowski: Handbuch für Freimaurer. Über den Ursprung und die Geschichte des Ordens. Neuwied 1860, S. 201 und S. 214. In Essen waren mit ihm in der Loge als spätere Freunde der Kaufmann Heinrich Fischer und der Techniker Richard Eichhoff (Cousin von Alfred Krupp). Neben dem Neubau eines Wohnhauses für Heinrich Fischer betätigte sich August Kind auch bei der Ausgestaltung des Logen-Gebäudes in Essen.Vgl. Die Bauhütte, Nr. 18 vom 28. April 1860, S. 142.

Bereits 1858 rundete August Kind mit der Baumeisterprüfung für den allgemeinen „Landbau“, also den heutigen Hochbau, an der Berliner Bauakademie seine Ausbildung ab, womit er die volle Verwendungsbreite in der preußischen Bauverwaltung erwarb. Er war nunmehr zuständig rund um Essen für sämtliche Landbauten, die Wasserbauten sowie die Untersuchungen der gewerblichen Anlagen, die Projektierung, Veranschlagung und Leitung der in diesem Geschäftsbezirke vorkommenden Chaussee-Neubauten, die Unterhaltung der Staatsstraßen zusammen etwa 13 Meilen und eine Meile Bezirksstraße (zusammen etwa 25 km). Dazu kam noch die Beaufsichtigung der noch zu bauenden Communal-, Prämien- und Aktien-Straßen. Schließlich war der Kreisbaumeister Kind zugleich Organ der Königlichen Regierung in allen ihm von Oberaufsichtswegen zu erteilenden Aufträgen, so wie endlich Mitglied der Prüfungs-Commission für Bauhandwerker in Essen.

In der Dekade zwischen 1858 und 1868 war August Kind an den verschiedensten Baumaßnahmen vor allem in Borbeck, Oberhausen und Essen persönlich oder aufsichtlich beteiligt. Daneben beteiligte er sich auch am Austausch mit der Fachkollegenschaft. So nahm er Anfang September 1862 an der XIII. Versammlung der Architekten und Ingenieure Deutschlands in Hannover teilDie Versammlung der Architekten und Ingenieure, abgehalten vom 3. bis 6. September 1862 zu Hannover.Hannover 1863, S. 184., die sich allen aktuellen Fragen des Bauwesens widmete.

Bürgermeisterei Borbeck Vor den Toren von Essen lag die Bürgermeisterei Borbeck, bestehend aus den Ortschaften Borbeck, Bedingrade, Bochold, Dellwig, Frintrop, Gerschede und Schönebeck. Diese Gemeinde war um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch Bergbau und Eisenverarbeitung eine der am schnellsten wachsenden Gemeinden Preußens. Damit ging auch ein umfangreiches Baugeschehen einher. Mit August Kind war in Borbeck insbesondere das Baugeschehen der katholischen St.-Dionysius-Gemeinde verbunden.Andreas Koerner: Kind, August (1824–1904), Kreisbaumeister. In: Borbecker Beiträge, 2/1995, S. 44–53.

Pfarrhaus der St.-Dionysius-Gemeinde Anfang 1858 legte er auftragsgemäß die Planung und den Kostenvoranschlag für den Neubau des Pfarrhauses vor. Mit dieser Baumaßnahme sollte Baufreiheit für die neue Pfarrkirche geschaffen werden, die im Ortszentrum von Borbeck neu errichtet werden sollte. 1860 begannen die Baumaßnahmen, die Voranschläge wurden noch einmal überarbeitet, und im Oktober 1862 konnte Kreisbaumeister Kind gegenüber der Gemeinde mit einem leichten Plus abrechnen.

Schulhaus der St.-Dionysius-Gemeinde Aufgrund des starken Anstiegs der Bevölkerung wurden auch allerorten mehr Schulräumlichkeiten benötigt. Insofern musste auch in Borbeck das Schulgebäude neu erbaut werden. 1859 erhielt Kind den Auftrag, und ein Jahr später wurden seine Entwürfe dem Bürgermeister vorgelegt, um einen kommunalen Zuschuss zu erhalten. Nach Zustimmung der Gemeinde Borbeck und der Ausschreibung durch den Kreisbaumeister wurde das Schulhaus 1862 durch örtliche Bauunternehmer errichtet.

Pfarrkirche St. Dionysius 1860 hatte der Regierungs- und Baurat Krüger von der Bezirksregierung Düsseldorf den Baumeister Maximilian Nohl beauftragt, zum Neubau der katholischen Kirche in Borbeck die nötigen Zeichnungen, Berechnungen und Voranschläge zu erstellen.Norbert Aleweld: Der Baumeister Maximilian Nohl 1830–1863. Bonn 1980, S. 26. Der Kirchenneubau in Borbeck war zwingende Notwendigkeit, denn zwischen 1830 und 1860 hatte sich die Einwohnerzahl in Borbeck von 2.500 auf nunmehr etwa 18.000 erhöht. Borbeck hatte mehr Einwohner als das benachbarte Essen. Auf Grundlage des existierenden Entwurfs von Vincenz Statz aus dem Jahre 1854 sollte Nohl eine endgültige Fassung erarbeiten. Dennoch kam Nohl nicht mehr zum Zuge, da er das Projekt zunächst unterbrechen musste. Wegen unterschiedlicher Auffassungen zu Baurat Krüger, der eher sparsam bauen wollte, entwickelte sich das Bauprojekt Borbeck zu einem konfliktreichen Prozess. Schließlich wurde Nohl aus dem Borbecker Projekt entlassen. Baurat Krüger beauftragte den Baumeister Clemens Guinbert, unter der Aufsicht von August Kind das Bauprojekt auszuführen. Unter August Kind wurden einige Kosteneinsparungen in die Planung aufgenommen. Der Grundstein wurde 1862 gelegt und Ende 1863 erfolgte die Segnung und im Sommer darauf die FertigstellungLudwig Theben, Theo Kellersohn: Pfarrkirche St. Dionysius, Essen-Borbeck. In: Heinz Dohmen (Hrsg.): Abbild des Himmels. Tausend Jahre Kirchenbau im Bistum Essen. Hoppe und Werry, Mülheim an der Ruhr 1977, S. 88–90, hier S. 89.Chr. Beckmann: Katholisches Vereinswesen im Ruhrgebiet. Das Beispiel Essen-Borbeck 1900-1933. Dissertation, Münster 1990, S. 81..

Umbau der Sakristei St. Dionysius