Nahtod-Studien sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld der Medizin, Psychologie, Psychiatrie, Soziologie, Philosophie und Theologie, in dem die Physiologie, Phänomenologie und die Nachwirkungen von Nahtoderfahrungen (NTE) untersucht werden. Das Feld war ursprünglich mit einer eigenen Gruppe von nordamerikanischen Forschern verbunden, die auf der anfänglichen Arbeit von Raymond Moody fußten und später die Internationale Vereinigung für Near-death Studies (IANDS) sowie das Journal of Near-Death Studies gegründet haben. Seit jener Zeit um die Mitte der 70er Jahre hat sich das Forschungsgebiet erweitert und umfasst nunmehr Beiträge einer breiten Palette von Forschern und Kommentatoren weltweit.

Nahtoderfahrung Die Nahtoderfahrung ist eine Erfahrung, über die von Menschen berichtet wird, die in die Nähe des Sterbens in einer medizinischen oder nicht-medizinischen Situation gekommen sind. Der Aspekt des Traumas und der physischen Krise wird ebenfalls als Indikator für das Phänomen angesehen.MS Sommers: The near-death experience following multiple trauma. In: Crit Care Nurse. April 1994, Band 14, Nr. 2, S. 62–66. Es wird geschätztLinda J. Griffith: Near-Death Experiences and Psychotherapy. In: Psychiatry. (Edgmont) Band 6, Nr. 10, Oktober 2009, S. 35–42.B. Greyson: Varieties of near-death experience. In: Psychiatry. Band 56, Nr. 4, November 1993, S. 390–399., dass Nahtoderfahrungen von fünf Prozent der erwachsenen amerikanischen Bevölkerung berichtet werden. IANDS zufolgeNear-death experiences: Key Facts. Informational Brochure published by the International Association for Near-death Studies. Durham NC. Updated 7.24.07 deuten Umfragen (in USA, Australien und Deutschland) darauf hin, dass 4 bis 15 % der Bevölkerung NDEs hatten. Forscher untersuchen die Rolle der physiologischen, psychologischen und transzendenten Faktoren, die mit dem NDE assoziiert sind.S. Parnia, D. G. Waller, R. Yeates, P. Fenwick: A qualitative and quantitative study of the incidence, features and aetiology of near death experiences in cardiac arrest survivors. In: Resuscitation. Band 48, Nr. 2, Februar 2001, S. 149–156, PMID 11426476. Diese Dimensionen sind auch die Basis für die drei großen Erklärungsmodelle für die NDE.

Einige allgemeine Merkmale eines NDE enthalten subjektive Eindrücke: außerhalb des physischen Körpers zu schweben; Visionen von verstorbenen Verwandten und religiösen Persönlichkeiten; Transzendenz von Ego und räumlich-zeitlichen Grenzen.Bruce Greyson: Near-Death Experiences in a Psychiatric Outpatient Clinic Population. In: Psychiatric Services. Band 54, Nr. 12, Dezember 2003.P. van Lommel, R. van Wees, V. Meyers, I. Elfferich: Near-Death Experience in Survivors of Cardiac Arrest: A prospective Study in the Netherlands. In: The Lancet, 15. Dezember 2001, 358(9298), S. 2039–2045. PMID 11755611 NDE-Forscher haben auch festgestellt, dass die NDE nicht allein eine westliche Erfahrung ist. Sie stellten fest, dass mehrere Elemente und Merkmale des NDE in allen Kulturen ähnlich zu sein scheinenJames Mauro: Bright lights, big mystery. In: Psychology Today, Juli 1992.Susan J. Blackmore: Near-death experiences. In: Journal Of The Royal Society of Medicine, Volume 89, Februar 1996Lee Graves: Altered States. Scientists analyze the near-death experience. In: The University of Virginia Magazine, Sommer 2007 FeatureEnrico Facco, Christian Agrillo: Near-death experiences between science and prejudice. In: Frontiers in Human Neuroscience, 2012; 6, S. 209., dass aber die Details der Erfahrungen (Gestalten, Wesen, Landschaften) und ihre Interpretation zwischen den Kulturen variierenJohn Belanti, Mahendra Perera, Karuppiah Jagadheesan: Phenomenology of Near-death Experiences: A Cross-cultural Perspective In: Transcultural Psychiatry, 2008 45, S. 121. und von den vorherrschenden kulturellen Modellen wesentlich beeinflusst werden.G Athappilly, B. Greyson, I. Stevenson: Do Prevailing Societal Models Influence Reports of Near-Death Experiences? A Comparison of Accounts Reported Before and After 1975. In: The Journal of Nervous and Mental Disease, Volume 194, Number 3, March 2006.

Elemente der NDE Nach dem NDE-MaßstabBruce Greyson: The near-death experience scale. Construction, reliability, and validity. In: Journal of Nervous and Mental Disease. Band 271, Nr. 6, Juni 1983, S. 369–375. kann eine Nah-Todeserfahrung einige oder mehrere der folgenden 16 Elemente enthalten:

Die Zeit beschleunigt oder verlangsamt sich. Gedanken-Prozesse beschleunigen sich. Das Wiedererleben von Situationen aus der Vergangenheit. Plötzliche Einsichten oder plötzliches Verständnis. Ein Gefühl von Frieden oder Wohlbefinden. Ein Gefühl von Glück oder Freude. Ein Gefühl der Harmonie oder des Einsseins mit dem Universum. Begegnung mit einem strahlenden Licht. Die Sinne fühlen sich lebendiger an. Ein Bewusstsein dafür, dass Dinge sich anderswo weiterentwickeln (wie durch außersinnliche Wahrnehmung) (ESP). Zukünftige Ereignisse erleben. Ein Gefühl, vom Körper getrennt zu sein. Erleben einer anderen, außerirdischen Welt. Begegnung mit einem mystischen Wesen oder einer mystischen Präsenz oder Hören einer nicht identifizierbaren Stimme. Sehen von Verstorbenen oder von religiösen Wesen. Erreichen einer Grenze oder eines Punkts, von dem es keine Rückkehr gibt.

Eine Studie, veröffentlicht in The Lancet von van Lommel und Kollegen, listet zehn Elemente der NDE auf:

Das Bewusstsein, tot zu sein. Positive Gefühle. Außerkörperliche Erfahrung. Sich durch einen Tunnel bewegen. Kommunikation mit einem Licht. Wahrnehmung besonderer Farben. Beobachtung einer Himmelslandschaft. Zusammentreffen mit verstorbenen Personen. Lebensrückblick. Vorhandensein einer Grenze.

Diese Auflistungen verkennen oder vertuschen aber, dass bis zu 20 % der NTE durch negative Inhalte charakterisiert sind.Vgl. z. B. Barbara Rommer: Blessing in Disguise. Another Side of the Near-Death-Experience, St. Paul 2000 (deutsch: Der verkleidete Segen. Erschreckende Nahtoderfahrungen und ihre Verwandlung, Goch 2004); Nancy Evans Bush: Dancing Past the Dark, Selbstverlag 2012 (deutsch: Wenn das Dunkel vorbei, will ich tanzen vor Freude. Erschreckende und nicht-positiv erlebte Nahtoderfahrungen, Goch 2017).

Nachwirkungen Eine NDE ist oft mit NachwirkungenBruce Greyson: The near-death experience as a focus of clinical attention. In: Journal of Nervous and Mental Disease, May;185(5):327-34, 1997B. Greyson: Dissociation in people who have near-death experiences: out of their bodies or out of their minds? In: The Lancet, 5. Februar 2000, 355(9202), S. 460–463C. Paul Yang, David Lukoff, Francis Lu: Working with Spiritual Issues. In: Psychiatric Annals, March 2006, 36, S. 3.Pamela Weintraub: Seeing the Light. In: Psychology Today, September/Oktober 2014 oder lebensverändernden Auswirkungen verbunden.S Parnia, P. Fenwick: Near death experiences in cardiac arrest: visions of a dying brain or visions of a new science of consciousness. In: Resuscitation. 2002 Jan;52(1), S. 5–11 Die Auswirkungen betreffen eine Reihe von Wert-, Haltungs- und Glaubensänderungen und eine neue Sicht auf Leben und Tod, menschliche Beziehungen und Spiritualität. NDEs können radikale Persönlichkeitsänderungen zur Folge haben. Viele der Effekte gelten als positiv oder günstig. Van Lommel und Kollegen führten eine Nachfolgeuntersuchung nach NDEs durch und fanden einen lang anhaltenden Transformationseffekt nach einer solchen Erfahrung.

Allerdings sind nicht alle Nachwirkungen positiv. Die Literatur beschreibt Situationen, in denen Veränderungen in Einstellungen und Verhaltensweisen zu Beunruhigungen, zu psycho-sozialen oder psycho-spirituellen Problemen führen können.RM. Orne: The meaning of survival: the early aftermath of a near-death experience. In: Research in Nursing & Health, 1995 Jun, 18(3), S. 239–247, PMID 7754094 Oft haben die Probleme mit der Anpassung an die neue Situation nach einer Nahtoderfahrung oder mit deren Integration in das Alltagsleben zu tun. Eine andere Kategorie, so genannte beunruhigende oder unangenehme Nahtoderfahrungen, wurde von Greyson und Bush untersucht.B. Greyson, NE. Bush: Distressing near-death experiences. In: Psychiatry, 1992 Feb, 55(1), S. 95–110.

Erklärungsmodelle Erklärende Modelle für die Phänomenologie und die Elemente von NDEs können in einige wenige Kategorien unterteilt werden: psychologische, physiologische und transzendente.J Owens, E W Cook, I. Stevenson: Features of „near-death experience“ in relation to whether or not patients were near death. In: The Lancet, Volume 336, Issue 8724, 10. November 1990, S. 1175–1177.Christopher C. French: Near-death experiences in cardiac arrest survivors. In: S. Laureys (Hrsg.): Progress in Brain Research, Vol. 150, 2005Z Klemenc-Ketis, J Kersnik, S. Grmec: The effect of carbon dioxide on near-death experiences in out-of-hospital cardiac arrest survivors: a prospective observational study. In: Crit Care, 2010, 14(2), S. R56. Agrillo,Christian Agrillo: Near-Death Experience: Out-of-Body and Out-of-Brain? In: Review of General Psychology, 2011, Vol. 15, No. 1, 1–10. der einen knapperen Überblick einführt, stellt fest, dass die Literatur über zwei theoretische Rahmenbedingungen berichtet: (1) eine „biologische / psychologische“ Interpretation (In-Brain Theorien / die Erklärung wird im Gehirn gesucht) oder (2) eine „Überlebens“-Interpretation (Out-of-Brain Theorien / die Erklärung bezieht auch ein mögliches Überleben der Seele, ihre Trennung vom Körper, ein). Die Forschung über NDEs enthält oft Variablen aus allen drei Modellen. In einer 1990 erschienenen Studie präsentierten Owens, Cook und Stevenson Ergebnisse, die alle drei Interpretationen unterstützten.

Jedes Modell enthält eine Anzahl von Variablen, die häufig von Kommentatoren erwähnt oder zusammengefasst werden:

In psychologischen Theorien wurde vorgeschlagen, dass die NDE eine Folge von geistigen und emotionalen Reaktionen auf die wahrgenommene Bedrohung durch das Sterben oder auf die Erwartung des Sterbens sein kann. Andere psychologische Variablen, die von Forschern betrachtet werden, sind: Einbildung, Depersonalisierung, Dissoziation, Phantasie, und die Erinnerung an die Geburt.

In physiologischen Theorien neigen Forscher dazu, sich auf somatische, biologische oder pharmakologische Erklärungen für die NDE zu konzentrieren, oft mit einem Schwerpunkt auf der Physiologie des Gehirns. Variablen, die von Forschern in Erwägung gezogen werden, umfassen: Anoxie, Hypoxie,S Parnia, K Spearpoint, PB Fenwick: Near death experiences, cognitive function and psychological outcomes of surviving cardiac arrest. In: Resuscitation, 2007 Aug, 74(2), S. 215–221. Hyperkapnie, Endorphine, Serotonin oder verschiedene Neurotransmitter, Temporallappenfunktionsstörungen oder -anfälle,W. B. Britton, R. R. Bootzin: Near-death experiences and the temporal lobe. In: Psychol. Sci., 15, 2004, S. 254–258 der NMDA-Rezeptor, Aktivierung des limbischen Systems, Drogen, Netzhaut-Ischämie und Prozesse, die mit dem REM-Schlaf (rapid eye movement sleep) oder Phänomenen verbunden sind, die an der Grenze zwischen Schlaf und Wachsein entstehen.Jacqueline Ruttimann: Are near-death experiences a dream? In: Nature magazine, 10. April 2006Daniel Williams: At the Hour Of Our Death. In: TIME Magazine, 31. August 2007

In einem dritten Modell, das manchmal „transzendente Erklärung“ genannt wird, wird eine Reihe von Kategorien betrachtet, die normalerweise nicht in den Bereich physiologischer oder psychologischer Erklärungen fallen. In diesem erklärenden Modell wird erwogen, ob NTEs mit der Existenz eines Lebens nach dem Tod in Zusammenhang stehen könnten, mit einem veränderten Bewusstseinszustand oder mystischen Erlebnissen. Auch das Konzept einer Trennung von Geist und Körper wird in Betracht gezogen.