In diesem Artikel wird die Entwicklung der Musik mit solistischem Violoncello chronologisch beleuchtet. Grundsätzlich zu unterscheiden ist die solistische Violoncello-Musik, in der das Cello als Solist von einem oder mehreren Instrumenten (bis hin zum vollen Orchester) begleitet wird, von der Literatur für Violoncello allein, die für ein einzelnes Cello ohne jede Begleitung geschrieben ist.
17. und 18. Jahrhundert Die Anfänge in Italien Die ersten Werke, welche das Violoncello als Soloinstrument verwenden, sind die Sonate a due e a tre con la parte di violoncello a beneplacito op. 4 von Giulio Cesare Arresti. Am Ende des 17. Jahrhunderts folgen eine Reihe von Solostücken. Häufig sind diese Kompositionen noch nicht für unsere heutige Stimmung (C,G,d,a) geschrieben und somit heute nicht ohne weiteres auf jedem Violoncello spielbar.
Zu den ersten Komponisten, die für das Violoncello schrieben, zählen die selbst als Cellisten in Bologna tätigen Giovanni Battista degli Antonii (1687), Domenico Gabrielli (1689), Domenico Galli (1691), Giuseppe Maria Jacchini (1692) und Antonio Maria Bononcini (1693). Schon diese frühen Kompositionen waren spieltechnisch anspruchsvoll und stellten an den Musiker hohe Anforderungen. Von diesen Werken sind die zwei Sonaten Gabriellis (1689) und diejenigen von Jacchini und Bononcini die frühesten mit Generalbass begleiteten Werke für das Violoncello.Marc Vanscheeuwijck: The Cappella musicale of San Petronio in Bologna under Giovanni Paolo Colonna (1674-95): history, organization, repertoire Verlag Brepols, 2003 Herausgeber: Institut historique belge de Rome, ISBN 90-74461-52-2Marc Vanscheeuwijck: Ricercate sopra il violoncello… Vorwort zur Neuausgabe, Arnaldo Forni Editore, Bologna 2007, ISBN 978-88-271-3008-7Marc Vanscheeuwijck: Ricercari per violoncello solo… Vorwort zur Neuausgabe, Arnaldo Forni Editore, Bologna 2004, ISBN 978-88-271-2890-9Stephen Bonta: From Violone to Violoncello: A Question of Strings? Journal of the American Musical Instrument Society 3 (1977), S. 13 ff. Der vermutlich produktivste Komponist für das Instrument aller Zeiten war Ermenegildo del Cinque (1701–1773), der über 100 Sonaten für zwei Celli sowie achtzehn Trios für drei Celli hinterließ, und dennoch auch unter Cellisten bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist.
Verbreitung und Entwicklung Die stetige Entwicklung des Violoncellospiels mit seiner anfangs fast ausschließlichen Zentrierung auf Italien ließ ab Ende des 17. Jahrhunderts eine große Anzahl von Solowerken mit Generalbass entstehen. Die meisten Sonaten wurden, wie schon in Bologna, von Violoncellisten selbst geschrieben. Das Niveau der Sonaten ist sehr unterschiedlich. Es reicht von der barocken „Dutzendware“ bis hin zu virtuosen Kompositionen mit ausgefeilten melodischen und rhythmischen Strukturen, wobei auch die aus der Oper gewonnene Affektsprache mit Einzug hält.
Zu neuen spieltechnischen Mitteln, die im Laufe des 18. Jahrhunderts zum Standard wurden, gehören u. a. Daumenaufsatz (erstmals 1741 von Michel Corrette erwähnt), Skalengänge, Arpeggien und Doppelgriffe, wie auch seltener Flageolett-Töne und saitenüberspringende Figuren. Diese technischen Neuheiten lassen sich bisweilen auch bei den Werken von Antonio Vivaldi (1678–1741) erkennen. Von dem Italiener liegen uns heute zehn Violoncello-Sonaten und eine Reihe von Violoncellokonzerten vor. Auch Alessandro Scarlatti (1660–1725) sind drei Sonaten für Violoncello zu verdanken.
Außerhalb Italiens In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist im nicht-italienischen Raum als erstes Georg Philipp Telemann (1681–1767) zu nennen. Dieser schrieb eine virtuose und facettenreiche Sonate in D-Dur. Dem beginnenden Violoncellospieler sind durch die zahlreichen leicht zu spielenden Duette und Sonaten auch Joseph Bodin de Boismortier und Willem de Fesch aus dieser Zeit bekannt.
mini|links|hochkant|Bachs Suiten sind eine Herausforderung für jeden Violoncellisten Der große Bekanntheitsgrad der Sechs Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach (1685–1750) ist auf die Wiederentdeckung und die erste bedeutende Interpretation durch Pablo Casals am Anfang des 20. Jahrhunderts zurückzuführen. Diese anmutigen und ausgewogenen Kompositionen sind von hochentwickelter kompositorischer und satztechnischer Fertigkeit (echte und latente Mehrstimmigkeit). Originale Handschrift und Entstehungsdatum sind bis heute unbekannt, das Werk überlebte jedoch durch vielerlei Abschriften wie der von Anna Magdalena Bach. Die Sechs Suiten gehören heute zu den bekanntesten virtuosen Kompositionen für Violoncello und werden auch dementsprechend häufig gespielt.
Entwicklung des Violoncellokonzertes Zu den ersten Komponisten, welche konzertartige Stücke für das Violoncello schrieben, gehört Antonio Vivaldi, der nicht nur die Entwicklung der Violoncellokonzerte, sondern auch allgemein die des Instrumentalkonzerts sehr stark beeinflusste. Von ihm sind 27 Violoncellokonzerte, welche meist aus den 1720er Jahren stammen, erhalten. Weitgehend von Vivaldi eingeführt und als gängige Methode weiterentwickelte Kennzeichen der Konzerte sind die Dreisätzigkeit (schnell-langsam-schnell) und die Ritornellform – jene hauptsächlich für den ersten, aber auch den dritten Satz. Eine ähnliche Rolle nehmen die 28 Violoncellokonzerte von Giovanni Benedetto Platti ein, welche ebenfalls Mitte der 1720er Jahre entstanden.
Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts mini|hochkant|Haydns Violoncellokonzerte gehören heute zum Standardrepertoire Unter den in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstandenen Sonaten mit Generalbass sind als erstes die Werke von Luigi Boccherini (1743–1805) hervorzuheben. Die über 40 Sonaten waren hauptsächlich für seine eigenen Konzertabende bestimmt. Dies trifft auch für die meisten anderen Komponisten aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu, so dass sie häufig keinen größeren und längerfristigen Bekanntheitsgrad erreichen konnten. Jedoch fallen in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts auch die Violoncellokonzerte von Joseph Haydn (etwa Nr. 1 C-Dur, Nr. 2 D-Dur, Nr. 3 C-Dur (gilt als verlorengegangen), Nr. 4 D-Dur, Nr. 5 C-Dur, Konzert in g-Moll (verlorengegangen)).
Unter den Violoncellokonzerten italienischer Musiker aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts (u. a. Giovanni Battista Cirri, Luigi Borghi, Domenico Lanzetti) nehmen die von Luigi Boccherini wegen ihres melodischen Glanzes und ihrer spieltechnischen Brillanz eine besondere Stellung ein. Sie verlangen dem Spieler eine große Sicherheiten in den in hohen Lagen virtuos zu spielenden, langen Passagen ab. Insgesamt sind von Boccherini zwölf Violoncellokonzerte bekannt. In der Form dreisätzig, variieren die Konzerte von einem durch barocke Elemente geprägten Stil bis hin zur Wiener Klassik, bleiben jedoch in der Harmonik deutlich einfacher. In der Besetzung reichen Boccherinis Werke von reinen Streicherkonzerten bis zu Streicher- und Bläserbesetzungen.
Violoncelloliteratur in Frankreich und Großbritannien Zur französischen Violoncelloliteratur des späten 18. Jahrhunderts gehört neben Kompositionen von Martin Berteau, Jean-Balthasar Tricklir, Jean-Baptiste Janson, Jean-Louis Duport das A-Dur-Konzert von Jean-Pierre Duport. Bekannt sind auch einige der sieben Violoncellokonzerte von Jean-Baptiste Bréval, der neben einfachen Stücken auch oft Werke mit einigen technischen Schwierigkeiten schuf.
Unter den britischen Komponisten in der letzten Hälfte des 18. sowie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind Joseph Reinagle, John Garth und Robert Lindley zu nennen.
19. Jahrhundert Erste klassische Sonaten Der Sonatentypus für ein Melodieinstrument und Klavier, welchen wir heute als „klassisch“ zu bezeichnen pflegen, wurde erst ab 1775 nach der Zeit des Generalbasses ausgeprägt. Diese neue Form wurde vor allem von Ludwig van Beethoven begonnen. Nach dem Vorbild seiner Sonaten für Klavier und Violoncello, welche eine bedeutende Gestaltungsform darstellten, schufen Komponisten im 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über 150 Sonaten.
Zum festen Bestandteil der Violoncelloliteratur gehört in jedem Fall auch die durch ihre eingängigen Themen gekennzeichnete Sonate in a-Moll von Franz Schubert, welche ursprünglich für Arpeggione geschrieben wurde. Da diesem Instrument (bauähnlich der Gitarre, Spielweise etwa gleich dem Violoncello) nur eine kurze Existenz beschieden war, nahmen sich später einige Bratschisten und Violoncellisten ihrer an und bewahrten sie so vor dem Untergang. Dabei zeigte sich allerdings, dass auf dem Violoncello die spieltechnischen Anforderungen enorm hoch sind.
Von großer Beliebtheit sind auch die beiden Sonaten für Violoncello und Klavier (e-Moll op. 38, F-Dur op. 99) von Johannes Brahms.
1er Concerto pour Violoncelle von Saint-Saëns mini|hochkant|Camille Saint-Saëns (1835–1921) schuf mit dem 1er Concerto pour Violoncelle ein bedeutendes Werk Zwei Violoncellosonaten schrieb auch Camille Saint-Saëns (1835–1921). Von größerer Bekanntheit ist aber sicherlich sein 1er Concerto pour Violoncelle op. 33 in a-Moll. Das Konzert ist ein ganz klassisches, dreisätziges Werk (Allegro non troppo – Allegretto con moto – Un peu moins vite), welches 1872 entstand. Auf den ersten Blick scheint dieses Konzert einsätzig durchkomponiert zu sein, obwohl es sich in der inneren Struktur dann dreisätzig zeigt. Nach einer doppelten Exposition folgt ein ganz klassischer menuettartiger Mittelteil. Mit zwei neuen Themen geht es dann fließend in das Finale. Das kurze, scheinbar einfache Anfangsthema durchzieht aber, meistens nur mit den ersten sechs Tönen, das ganze, etwa zwanzigminütige Konzert und macht daraus ein geschlossenes Werk. Nach einem kurzen Tuttischlag des Orchesters setzt das Solovioloncello mit seinen herabstürzenden Triolen schwungvoll ein. Das Allegro non troppo wird dann immer wieder von diesem Anfangsthema durchsetzt. Das kurze Thema erhält seinen Charakter durch die sehr schnellen und oft wiederholten abwärtsgerichteten Triolenläufe. In einem markanten „Poco animato“ beginnt ein schwungvoller Aufgang, der sich in einem Rallentando fängt und nun dem Orchester die Führung überlässt. In verschiedenen Versionen wiederholt sich noch einmal das Thema. In einem energischen, chromatischen Aufgang sammelt sich alles zu einem absoluten Höhepunkt, besinnt sich aber kurz davor und schwenkt um in gefühlvolle Melancholie. Nach einem starken Crescendo und einem kurzen Accelerando beginnt ein zweistimmiges „Animato“. Ähnlich einer Kadenz mündet das Ganze in einem „Allegro molto“. Obwohl nach der Zeit der Klassik geschrieben, spiegelt dieses Stück noch den vollen Glanz dieser Periode wider.
In seiner formalen Gestaltung ähnlich einfallsreich ist das nicht ganz so bekannte zweite Violoncellokonzert Saint-Saëns’ (2e Concerto pour Violoncelle op. 119 in d-Moll), das sich aus zwei Sätzen zusammensetzt.
Schwierigkeiten bei der Etablierung des Violoncellokonzertes Es gelang nur wenigen Violoncellokonzerten außerhalb der Virtuosenliteratur, ähnlich wie das Konzert von Saint-Saëns einen unangefochtenen Platz in der Violoncelloliteratur einzunehmen. Zu der geringen Zahl erfolgreicher Violoncellokomponisten zählen noch Robert Schumann, Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Antonín Dvořák und mit Abstrichen Édouard Lalo, Eugen d’Albert sowie Max Bruch. Daran sieht man auch, dass eine Mehrzahl der bedeutenden Komponisten des 19. Jahrhunderts sich nicht dem Violoncello als konzertantem Instrument zugewandt haben. Eine klare Erklärung dafür gibt es nicht. Sicherlich könnte es aber damit zusammenhängen, dass das Violoncello auch nach der Mitte des Jahrhunderts weit weniger im Vordergrund des allgemeinen musikalischen Interesses stand, als etwa das Klavier oder die Violine.
mini|hochkant|Johannes Brahms verfasste das Doppelkonzert für Violine und Violoncello