mini|Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld (um 1905) Die Harden-Eulenburg-Affäre, oder kurz Eulenburg-Affäre, war ein Skandal um eine Reihe von Kriegsgerichts- und fünf regulärer Gerichtsverfahren wegen Homosexualität und die gegen diese Vorwürfe geführten Verleumdungsklagen in den Jahren 1907 bis 1909. Ausgelöst durch erste Texte des konservativen Journalisten Maximilian Harden 1906, fand sie erst 1909 ihr Ende. Betroffen waren prominente Mitglieder des Freundeskreises und der politischen Umgebung von Kaiser Wilhelm II. Die Affäre wurde zum größten Skandal des Deutschen Kaiserreiches und erregte weltweit Aufsehen.

Harden inszenierte den Skandal gegen Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld bewusst, um den Kaiser außenpolitisch unter Druck zu setzen. Er instrumentalisierte dazu enge Vertraute des Kaisers aus dem homoerotischen Liebenberger Kreis, die er als „homoerotische Tafelrunde politischer Weichlinge“ darstellte, die Wilhelm II. seit zwei Jahrzehnten vom „männlichen“ Kurs Bismarcks abbringen und stattdessen zu einer dauerhaften Friedenspolitik gegenüber Großbritannien und Frankreich bewegen wollten. Dadurch drohe womöglich ein Verzicht auf deutsche Kolonien oder das annektierte Reichsland Elsaß-Lothringen.

Der Skandal trug, zugleich mit der Daily-Telegraph-Affäre, zu einer Krise im Regierungslager bei. Sie endete 1909 mit dem Rücktritt des Reichskanzlers Bernhard von Bülow, der ebenfalls in die Affäre hineingezogen worden war.

Vorgeschichte Eulenburg, Kopf des Liebenberger Kreises um den Kaiser, soll laut Wilhelms Biograph John Röhl diesen einst zu Bismarcks Sturz und zur Errichtung seines Persönlichen Regiments (1890–1909) bewogen haben. Mit der Ernennung von Eulenburgs Protegé, dem Grafen und späteren Fürsten Bernhard von Bülow, zum Reichskanzler im Oktober 1900 erreichte Eulenburgs Einfluss seinen Höhepunkt. Obwohl Bülow bis Juli 1909 im Amt blieb, nahm der Einfluss Eulenburgs seit der Jahrhundertwende wieder ab. 1902 gab er seinen Botschafterposten in Wien auf und zog sich ganz auf sein Schloss Liebenberg zurück. Wilhelm II. besuchte ihn zwar hin und wieder, doch war für Eingeweihte erkennbar, dass Eulenburg seine große Zeit hinter sich hatte.

mini|hochkant|Maximilian Harden Der Historiker Volker Ullrich urteilt: „In den Augen der kritischen Öffentlichkeit galt Eulenburg indes immer noch als Haupt einer Nebenregierung, einer »Kamarilla«, die einen verderblichen Einfluss auf den Kaiser und die Reichspolitik ausübe … Im Herbst 1906, als der Bismarck-Verehrer Maximilian Harden seinen Feldzug gegen Eulenburg und dessen Freundeskreis eröffnete, hatte die Missstimmung über die Zustände an der Führungsspitze des Reiches einen Höhepunkt erreicht. ‚Wir entsinnen uns kaum einer Zeit, in der eine derartige Unzufriedenheit geherrscht und so offen zum Ausdruck gebracht worden wäre, wie es jetzt der Fall ist‘, stellten die Hamburger Nachrichten fest, das alte Hausblatt der Bismarcks. Nahrung erhielt die Unzufriedenheit durch ein Buch, das damals für Furore sorgte: ‚Unser Kaiser und sein Volk! Deutsche Sorgen. Von einem Schwarzseher‘. Der anonyme Verfasser kam zum Ergebnis, dass Wilhelm von Schranzen umgeben sei und längst den Kontakt zu seinem Volk verloren habe. Daraus leitete er die Forderung ab: »Die Chinesische Mauer der Hofkamarilla muß fallen!«“Volker Ullrich: Liebchen und der Harfner. In: Die Zeit, Nr. 45/2006, S. 92; Essay.

Eulenburg wurde von konservativen politischen Kreisen verdächtigt, auf einen Ausgleich mit Großbritannien und Frankreich hinzuwirken, um einen dauerhaften Frieden zu erreichen, und zu diesem Zweck den Kaiser zu veranlassen, bewaffneten Konflikten auszuweichen und sogar über die Rückgabe des annektierten Reichslandes Elsaß-Lothringen zu diskutieren. Maximilian Harden, einer der außenpolitischen Hardliner unter den deutschen Publizisten, hatte bereits 1905 einen Präventivkrieg gegen Frankreich befürwortet. Zu diesem kam es jedoch nicht, was er der „Liebenberger Kamarilla“ zuschrieb.

Artikel in Hardens Zeitschrift Am 17. November 1906 veröffentlichte Harden seinen ersten Artikel mit dem Titel „Praeludium“, in dem er Andeutungen bezüglich der sexuellen Beziehung zwischen Eulenburg und dem Kaiser und den angeblich von Eulenburg aufgebauten Liebenberger Kreis für Einflussnahme auf den Kaiser und somit für die außenpolitischen Misserfolge Deutschlands verantwortlich machte.

Diese noch andeutenden Bemerkungen scheuchten die Betroffenen auf, und sie verhandelten daraufhin über den Hamburger Theaterintendanten Alfred von Berger als Mittelsmann mit Harden über seine Forderungen zur Vermeidung weiterer Veröffentlichungen. Unter der Zusicherung der Einstellung weiterer Artikel durch Harden verließ Eulenburg Deutschland im Dezember 1906 in die Schweiz. Harden drohte noch am 8. Dezember 1906: „Wird’s nötig, dann werde ich lauter reden“. Er werde sich „aber freuen, wenn das Grüppchen, dem ich jedes Privatvergnügen gönne, das politische Geschäft aufgibt und mir (und anderen) leidige Pflichterfüllung erspart.“ Doch schon im Januar 1907 kehrte der Fürst nach Deutschland zurück, um vom Kaiser den Schwarzen Adlerorden entgegenzunehmen. Da Harden den Eindruck gewann, dass sich Eulenburg auch in die Frankreichpolitik einmischte, nahm er seine Kampagne wieder auf. Am 6. April 1907 veröffentlichte er in der Zukunft einen weiteren Leitartikel mit der Überschrift „Wilhelm der Friedliche“.Maximilian Harden: Wilhelm der Friedliche. In: Die Zukunft. Band 59, 6. April 1907, S. 1 ff. (). In diesem Artikel vertrat er die Ansicht, dass die Reichsleitung unter anderem die Linie ihrer Politik nicht durchsetzen könne, weil die Repräsentanten des Landes – darunter vor allem Wilhelm II. – den anderen Ländern zu oft und zu heftig versichert hätten, nur friedliche Absichten zu haben, etwa in der Marokkokrise 1905/06.

Seine publizistischen Attacken verschärfte Harden deutlich, als kurz nach dem Scheitern der Algeciras-Konferenz – die die politische Isolation des Deutschen Reiches in der Marokkokrise manifestierte – Wilhelm II. bei einer privaten Tafelgesellschaft auf Eulenburgs Schloss Liebenberg mit dem Ersten Sekretär der französischen Botschaft in Berlin, Comte Raymond Lecomte, zusammentraf und eine gewisse Sympathie für diesen empfand. Am 13. April 1907 schrieb Harden hämisch: „Die träumten nicht von Weltbränden; haben’s schon warm genug“. Zwei Wochen später wurde er noch deutlicher und schrieb mit Blick auf Eulenburg von einer »nicht gesunden vita sexualis«.Wolfgang Wippermann: Skandal im Jagdschloss Grunewald. Männlichkeit und Ehre im deutschen Kaiserreich. Primus-Verlag, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-89678-810-8.

mini|hochkant=1.2|„Das neue Wappen des Königreichs Preußen – Projekt Liebenberg“ (Karikatur von Albert Weisberger in der Jugend vom 28. Oktober 1907) Erst am 3. Mai 1907 erfuhr Kaiser Wilhelm II. durch den Kronprinzen von den Vorwürfen, die man zuvor ihm zu berichten nicht gewagt hatte. Seine Forderung nach der Suspendierung der Betroffenen und einer gerichtlichen Klärung der Vorwürfe löste eine breite Berichterstattung der Presse und damit den Skandal aus. Vor allem mit seiner Forderung an Eulenburg, gegen Harden gerichtlich vorzugehen oder aber »unter Vermeidung jeden Aufsehens sich in das Ausland (zu) begeben«, goss er noch Öl ins Feuer.

Eulenburg beklagte des Kaisers Aufforderung als „abscheuliche Roheit“, doch statt Anklage gegen Harden zu erheben, erstattete er bei der Staatsanwaltschaft in Prenzlau Anzeige gegen sich selbst. Da der dortige die Untersuchung leitende Staatsanwalt mit Eulenburg befreundet war, blieb das Verfahren eine Farce und endete nach zwei Monaten mit der Feststellung der völligen „Unschuld“ des Fürsten.

Am 17. November 1907 warf Harden in einem weiteren Artikel dem Liebenberger Kreis vor, aufgrund persönlicher Verbindungen maßgeblich die deutsche Politik zu beeinflussen und für eine Reihe von Fehlschlägen der deutschen Außenpolitik verantwortlich zu sein. Für Insiderkreise deutlich erkennbar, spielte Harden auf die homoerotischen Beziehungen an, die Mitglieder des Liebenberger Kreises unterhielten. Besonders deutlich waren diese Anspielungen auf Kuno von Moltke bezogen. Harden warf Eulenburg unter anderem vor, ein „ungesunder Spätromantiker“ zu sein, der spiritistische Neigungen habe.

Hinter diesen an Eulenburg gerichteten Vorwürfen steckte letztendlich die zur damaligen Zeit verbreitete Ansicht, dass zur Homosexualität neigende Männer verweichlichte Persönlichkeiten hätten, die zu einem entschlossenen Machtgebrauch nicht imstande seien. In den einflussreichen aristokratischen Kreisen am Hofe Berlins wurden die Andeutungen sehr wohl verstanden und erregten große Aufmerksamkeit.

Bernhard von Bülow, zu dem Zeitpunkt Reichskanzler und mit Eulenburg seit vielen Jahren befreundet, versuchte zunächst, eine Ausweitung des Skandals zu verhindern, und setzte darauf, dass die Erregung über die Enthüllungen Hardens abflauen würde. Ihm war dabei bewusst, dass ein Vorwurf der Homosexualität gegenüber engen Freunden des Kaisers dessen eigene Stellung diskreditieren und ihm das sowieso schon schwierige Regierungsgeschäft weiter erschweren würde.

Vorwürfe der Homosexualität mini|„Die Affäre Eulenburg“, zeitgenössische Karikatur von Carl Josef Pollak Am 27. April 1907 bezichtigte Harden Eulenburg öffentlich der Homosexualität: Er erklärte, dass die früher veröffentlichte Karikatur des Harfenspielers auf Eulenburg und dessen „Schätzchen“ Kuno von Moltke anspiele (den Harden mit seinem Spitznamen „Tütü“ nannte). Es wurden auch bei der Staatsanwaltschaft angezeigt: Georg von Hülsen, Intendant des Königlichen Theaters; von Stückradt, ein Adjutant des Kronprinzen; Fürst Bernhard von Bülow.

Wilhelm II. war bereits über die Verfahren gegen Major Johannes Graf zu Lynar und Generalleutnant Graf Wilhelm von Hohenau, den Kommandeur der 1. Garde-Kavallerie-Brigade – beide Verwandte des Kaisers – aufgebracht und verlangte eine Liste seiner Vertrauten, die man der Homosexualität bezichtigte. Diese Liste war eine stark gekürzte Version jener, die der Polizeidirektor Leopold von Meerscheidt-Hüllessem angefertigt hatte, um den Kaiser von der Unsinnigkeit des Paragraphen 175 StGB zu überzeugen. Wilhelm II. verlangte von den dort aufgeführten Militärs (Johannes Graf zu Lynar, Hohenau und Moltke), um den Abschied aus der Armee zu bitten, und vom ebenfalls auf der Liste stehenden Eulenburg, sich zu erklären.

Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld platzierte in Hardens Zeitschrift Zukunft vom Juni 1907 seinen Artikel Der Normale und die Homosexuellen, in dem er nachdrücklich für die Abschaffung des § 175 plädierte. Man solle an die Persönlichkeiten als Ganzes denken, ihre seelische Richtung, nicht an Sexualakte. Er wies auf die soziale Ungerechtigkeit von Verfolgung und Diskriminierung hin und beklagte den Verlust an kreativen Potenzen für die Gesellschaft. Hirschfeld war Vorsitzender des Wissenschaftlich-humanitären Komitees, das er mit anderen am 15. Mai 1897 gegründet hatte, vier Tage vor Oscar Wildes Haftentlassung aus dem Zuchthaus. Es entstand eine breite öffentliche Debatte.Hermann Michaelis: Die Homosexualität in Sitte und Recht. H. Dames, Berlin 1907, . Reprint: Forgotten Books, [o. O.] 2022, ISBN 978-0-282-28010-9.