Grundschuldidaktik ist die auf das Unterrichten und Erziehen, auf das Lehren und Lernen in den ersten vier Jahren der Institution Schule ausgerichtete Technik, Kunst und Wissenschaft.

Begriff mini|Klassenzimmer einer Grundschule 2013 (Neumarkt in der Oberpfalz) mini|hochkant|Schulanfänger mit Schultüte

Unter einer Grundschule (englisch Elementary oder Primary School, italienisch scuola primaria, früher scuola elementare) versteht man im deutschsprachigen Raum eine allgemeinbildende verpflichtende „Primarschule“, die von allen etwa sechs- bis zehnjährigen Kindern in den unteren Schulklassen eins bis vier ihrer Schullaufbahn besucht werden muss. Grundschuldidaktik ist eine Wortbildung aus den Begriffen „Grundschule“ und . Sie bedeutet „Technik“, „Kunst“, „Wissenschaft“ des Lehrens und Lernens im Aufgabenfeld der vierjährigen Eingangsphase der Lerninstitution Schule.

Allgemeine Sinngebung der Grundschuldidaktik Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca kritisierte in einem Brief an den fünf Jahre jüngeren Equesten (Ritter) Lucilius Iunior die Pervertierung des Bildungsauftrags an den Philosophenschulen seiner Zeit mit den Worten Non vitae, sed scholae discimus („Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“).epistulae morales ad Lucilium 106, 11–12, ca. 62 n. Chr. Er legte damit seinem Briefpartner in den Mund, dass es eigentlich genau umgekehrt sein müsse, nämlich Non scholae, sed vitae discimus („Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“), dass schulisches Lernen also kein Selbstzweck sein, keine leere „Schulweisheit“ produzieren dürfe, sondern Lebensbezug haben und auf die Erfordernisse des Erwachsenseins vorbereiten müsse. Diese Erkenntnis findet sich heute in den richtungweisenden Didaktischen Prinzipien „Lebensnähe“ und „Aktualität“ wieder, die auch für die heutige Grundschuldidaktik Geltung haben.

Die Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) fixiert im Vorwort zu ihren „Empfehlungen“ an die Curriculumplaner der deutschen Bundesländer den Status der Grundschulen im Bildungsgeschehen und formuliert den Auftrag, den die Grundschuldidaktik zu leisten hat:

„Die Grundschule schließt an den vorausgehenden Lern- und Entwicklungsprozess im Elternhaus und der frühkindlichen Bildung und Erziehung in Kindertageseinrichtungen oder in der Kindertagespflege an. Sie ermöglicht den Erwerb grundlegender Kompetenzen, auf denen der Unterricht der weiterführenden Schulen verlässlich aufbauen kann.“Kultusministerkonferenz (KMK): Empfehlungen zur Arbeit in der Grundschule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 02.07.1970 i. d. F. vom 11.06.2015), Vorwort.

Der Bildungsplan von Baden-Württemberg aus dem Jahre 2016 schließt sich dieser Vorgabe an und formuliert konkreter:

„Die Grundschule ist die gemeinsame Grundstufe des Schulwesens. Sie vermittelt Grundkenntnisse und Grundfertigkeiten. Ihr besonderer Auftrag ist gekennzeichnet durch die allmähliche Hinführung der Schülerinnen und Schüler von den spielerischen Formen zu den schulischen Formen des Lernens und Arbeitens.“Ministerium f. Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.): Bildungsplan für die Grundschule. Stuttgart 2016.

Grundschuldidaktik und Schuldidaktik Schuldidaktik ist der Oberbegriff für die einzelnen Didaktikformen und speziellen Unterrichtsweisen, die auf die verschiedenartigen Schularten ausgerichtet sind. Sie gliedert sich etwa in „Grundschuldidaktik“, „Sonderschuldidaktik“, „Gymnasialdidaktik“ oder „Berufsschuldidaktik“. Zielsetzungen, Inhalte und Aufgaben, Methoden, Organisationsformen und Evaluationsinstrumente unterscheiden sich erheblich, ob die Lehr- und Lernprozesse in einer Grundschule, in einer Hauptschule, in einer Realschule, in einem Gymnasium, in einer Wirtschaftsschule oder in einer Offizierschule stattfinden, ob beispielsweise mehr das Vermitteln von speziellem Fachwissen oder auch Erziehungs- und Bildungsaufgaben anstehen. Sie unterscheiden sich in der sach- und adressatengerechten Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen, bei denen didaktisch kompetente Personen als Lehrende und Schüler als Lernende miteinander verbunden sind. Ein kompetenter Gymnasiallehrer ist aufgrund der andersartigen Bildungsansprüche und Lehrweise nicht automatisch auch ein guter Grundschullehrer und umgekehrt. Bildungsziele und Arbeitsweisen unterscheiden sich beträchtlich. Schuldidaktiker haben allgemein die Aufgabe, eine für ihre spezielle Klientel angemessene Lehrweise zu finden und zu praktizieren. Sie haben aber auch den Auftrag, die Schüler beim Lernen zu begleiten und zu beraten. Sie sollen zudem das Lernen lehren mit dem Ziel, die Heranwachsenden zunehmend aus der Abhängigkeit von der Lehrkraft zu lösen und zu einem lebenslangen selbstständigen Lernen zu führen. Stufen- und Schulartenlehrer bedürfen, ähnlich wie die angehenden Ärzte in den einzelnen Sparten der Medizinerausbildung, einer speziellen Befähigung über die Lehrerbildung. Sie ist in den Curricula der Hochschulen in den unterschiedlichen Studiengängen entsprechend vorstrukturiert.Astrid Kaiser, Silke Pfeiffer: Grundschulpädagogik in Modulen. Schneider Verlag, Baltmannsweiler 2007.

In der allgemeinbildenden Grundschule sollen grundlegende Lern- und Arbeitsweisen, sollen elementare Umgangsformen wie das Miteinander-Verkehren in der Partnerschaft, in Kleingruppen und im Klassenverband, sollen erste Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Konstruieren, Sich-Bewegen, sollen ästhetische, lebenskundliche, religiöse Themen erarbeitet werden, die das Fundament der weiterführenden Schulbildung sein sollen.Christa Schenk: Lesen und Schreiben – lernen und lehren. Schneider, Baltmannsweiler 2016. Der Grundschulunterricht ist kindgemäß weitestgehend vorfachlich ganzheitlich strukturiert, weil das Grundschulkind noch nicht in abstrakten Fächerkategorien denkt und denken soll, sondern an Lebensfragen interessiert ist. Es ist ein „Erlebnislernen“, das nicht einseitig kopfzentriert, sondern mehrdimensional auf ein Lernen mit allen Sinnen angelegt ist.Siegbert Warwitz, Anita Rudolf: Das Prinzip des mehrdimensionalen Lehrens und Lernens. In: Dies.: Projektunterricht. Didaktische Grundlagen und Modelle. Verlag Hofmann, Schorndorf 1977, S. 15–22.

Im Unterschied zur Grundschuldidaktik können und müssen in den weiterbildenden Schulen von ihrem Bildungsanspruch her höhere Ansprüche an das Auffassungsvermögen, an die abstrakte Denkleistung, an die Eigenmotivation, an die Lerngeschwindigkeit, an die Methoden und Arbeitsformen sowie an strengere Prüfverfahren des Lernfortschritts gestellt werden. Der in der Grundschule noch vorherrschende Spielcharakter verändert sich zunehmend in Richtung zielgerichteten selbstständigen Arbeitens im Rahmen der anspruchsvollen spezialisierten Fachdidaktiken.

Grundschuldidaktik und Allgemeine Didaktik Die Grundschuldidaktik ist eine stufen- und schulartbezogene Unterrichtslehre. Sie arbeitet unter den Vorgaben der „Allgemeinen Didaktik“. Als „Wissenschaft vom Lehren und Lernen“ legt die Allgemeine Didaktik allgemeingültige Grundsätze und Regeln fest, die für jedes wissenschaftsbasierte Lehren und Lernen und sämtliche Fachwissenschaften Geltung haben. Es handelt sich nicht um inhaltliche, gar ideologische, sondern um formale Vorgaben wissenschaftsgerechten Unterrichtens, wie etwa die Prinzipien „Altersgerechtigkeit“, „Lebensnähe“, „Ganzheitlichkeit“, „Anschaulichkeit“, „Vorbildwirkung“, „Progression“, „Differenzierung und Strukturierung“, „Wiederholung und Variation“, „Selbsttätigkeit“, „Sicherheit“, „Systematik und Konsequenz“, „Aktualität“, „Individuation und Sozialisation“.Siegbert A. Warwitz: Didaktische Prinzipien, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln, Verlag Schneider, 6. Auflage, Baltmannsweiler 2009, S. 69–72.Edmund Kösel: Didaktische Prinzipien und Postulate, In: Die Modellierung von Lernwelten, Bd. I. Die Theorie der Subjektiven Didaktik, 4. Auflage, Balingen 2002. Die Allgemeine Didaktik liefert das Basiswissen, das Lehrer aller Schularten benötigen, um auf wissenschaftlichem Niveau erziehen und bilden zu können. Die Grundschuldidaktik entwickelt daraus eine spezielle Didaktik für die Anfangsjahre jeder Schulkarriere. Allgemeine Didaktik wie Grundschuldidaktik sind dabei keine „Abbilddidaktiken“, die Fachwissen und Fachkönnen bildgleich an die Lernenden weitergeben. Sie agieren vielmehr im Konzert des sogenannten Didaktischen Dreiecks, in dessen Verbund die Fachwissenschaften nur ein Bezugspunkt sind und die Bedürfnisse der Schüler, die Ausrichtung der Lehrkraft sowie die Erziehungsansprüche der Gesellschaft weitere Komponenten darstellen. Didaktik vermittelt keine bloße Adaption von Wissensstoffen, sondern eine kritische Auseinandersetzung und eine persönlichkeitskonforme Aneignung, die nicht erzwungen werden kann. Die Grundschuldidaktik folgt dabei dem von der Allgemeinen Didaktik vorgegebenen Strukturschema:

Lernvoraussetzungen erheben Vor der Lehr- und Lernplanung mit den Schulanfängern gilt es, eine empirische Bestandsaufnahme des bereits vorhandenen Wissens- und Könnensstandes vorzunehmen, der aus dem Elternhaus bzw. der Vorschuleinrichtung mitgebracht wird. Daran werden die angestrebten Bildungsprozesse angeknüpft, und auf seiner Grundlage ergeben sich dann die realitätsgerechten Zielsetzungen für die einzelnen Kinder. Grundschuldidaktik orientiert und organisiert sich im Rahmen des didaktischen Dreiecks in erster Linie „vom Kinde aus“. Hierzu sind seitens der Lehrkraft fundierte experimentalpsychologische, aber auch lern-, entwicklungs- und sozialpsychologische Vorkenntnisse notwendig.Ulrike Graf u. a.: Diagnostik und Förderung im Elementarbereich und Grundschulunterricht, Schneider, Baltmannsweiler 2008.

Zielvorgaben erstellen Die Grundschule ist eine staatliche Einrichtung mit dem Anspruch professionellen Lehrens und systematischen Lernens. Die zu erreichenden Lernziele sind zwar in den jeweiligen Grundschullehrplänen vorgegeben, lassen sich aber nicht immer unreflektiert übernehmen, da sie der Realität vor Ort oft nicht standhalten, die Kinder somit unter-, aber auch überfordern können. Die Lehrkraft ist daher gehalten, entsprechend dem erhobenen Sachstand die angemessenen Ziele für die ihr anvertrauten Kinder zu formulieren. Die Grundschuldidaktik ist darauf angelegt, in das effektive Lernen einzuführen. Sie hat die Kinder bei der Kindergartenpädagogik abzuholen und schrittweise auf die Fächerorientierung der weiterbildenden Schulen vorzubereiten. Grundschuldidaktik betreibt daher weder eine selbstgenügsame Spielbeschäftigung noch eine fachdidaktische Ausbildung, hat aber bereits ein zielorientiertes Lernen zu vermitteln. So gibt die Kultusministerkonferenz der Länder den Grundschulen vor:

„Spielendes Lernen und lernendes Spielen ist Bestandteil des Anfangsunterrichts und wird von Beginn an zu einem zielorientierten Lernverhalten geführt.“Kultusministerkonferenz (KMK): Empfehlungen zur Arbeit in der Grundschule (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 02.07.1970 i. d. F. vom 11.06.2015), Kap. 2.5

Inhalte auswählen Die Lernstoffe der Grundschule sind dem Lernbedarf und den Interessen der Kinder entsprechend vielfältig. Die Lehrpläne verordnen daher keine festen Lerninhalte, sondern belassen es bei Beispielen und Vorschlägen, sodass der einzelnen Lehrkraft ein großer Spielraum bleibt für die konkrete Auswahl. Sie entwickeln sich aus den Sachnotwendigkeiten des Lernfortschritts und der Interessenbildung von Kindern, Lehrern und Eltern im Laufe der Lernprozesse.

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