mini|Karl Blossfeldt (1895) mini|Berliner Gedenktafel am Haus, Stephanstraße 6, in Berlin-Steglitz

Karl Blossfeldt (* 13. Juni 1865 in Schielo; † 9. Dezember 1932 in Berlin) war ein deutscher Bildhauer und Fotograf, der besonders durch streng-formale Pflanzenfotografien bekannt wurde. Er gilt fotokünstlerisch als Vertreter der Neuen Sachlichkeit.

Leben Karl Blossfeldt, ein Sohn des Eigentümers August Blossfeldt zu Schielo, begann 1881 eine Lehre als Bildhauer und Modelleur in der Kunstgießerei Carlswerk in Mägdesprung im Harz und verwendete bereits damals Blätter als Vorlage für Verzierungen. Dort erwies er sich schon bald als begabter Modelleur, der seine Anregungen bei der Umsetzung floraler Ornamentik für die Gestaltung von schmiedeeisernen Zäunen und Toren aus der direkten Auseinandersetzung mit dem Naturvorbild zog.

Als Neunzehnjähriger begann er mit Hilfe eines Stipendiums ein zeichnerisches Grundstudium an der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums (1884–1889). Seine Leidenschaft gehörte jedoch weiterhin der Fotografie. Deshalb schloss er sich von 1890 bis 1896 der Mitarbeit am Projekt des Zeichenlehrers Moritz Meurer zur Herstellung von Unterrichtsmaterialien für ornamentale Gestaltung im Auftrag des Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung an. Mit einer Gruppe von Studenten reiste er nach Rom und von dort aus durch ganz Italien, nach Griechenland und nach Nordafrika, um eine botanische Mustersammlung anzulegen. Dies stellte den Beginn der systematischen Fotoarbeit an Pflanzen dar. In der Folgezeit erschienen erste Veröffentlichungen in den Publikationen Meurers. Meurer gab Blossfeldt wichtige Impulse. Dieser wollte in seinem Zeichenunterricht weg vom Schematismus des Kopierens historischer Ornamentik. Im Studium von Naturformen als einer Rückkehr zu den Quellen ornamentaler Gestaltfindung in Kunst und Architektur sah er die Möglichkeit einer Erneuerung kunstgewerblichen Arbeitens.

Im Jahr 1898 kehrte Blossfeldt nach Berlin zurück und begann mit seiner Lehrtätigkeit an der Königlichen Kunstschule zu Berlin und erhielt an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin ab 1899 durch die Unterstützung Meurers eine Dozentenstelle im neu eingerichtete Fach „Modellieren nach lebenden Pflanzen“. Erst zu diesem Zeitpunkt begann der systematische Einsatz der Fotografie zu Unterrichtszwecken, um für die Studenten Vorlagen zum Modellieren zu schaffen. Das Pflanzenmaterial bezog Blossfeldt in Berlin nicht vom Floristen, sondern sammelte es selbst an „proletarischen Orten“ wie Feldwegen und Bahndämmen; teilweise erhielt er es auch aus dem Botanischen Garten.

Erst 1921 wurde Blossfeldt zum ordentlichen Professor an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums ernannt, die 1924 mit der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste fusionierte, um von nun an unter dem Namen „Vereinigte Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst“ zu firmieren.

Seine außerordentliche Bekanntheit verdankt Karl Blossfeldt vor allem dem Berliner Kunsthändler und Galeristen Karl Nierendorf, der von der besonderen Ästhetik der hochdetaillierten Pflanzenfotografien tief beeindruckt war und eine erste Ausstellung von Blossfeldts Werk außerhalb des Schulbetriebs organisierte. 1926 stellte er die Fotografien zusammen mit Skulpturen aus Papua-Neuguinea und Gemälden von Richard Janthur unter dem Titel „Exoten, Kakteen und Janthur“ in seiner Berliner Galerie aus. Unter den Rezensenten fand sich Walter Benjamin. Auf Nierendorf ist auch zurückzuführen, dass Blossfeldts erstes Buch „Urformen der Kunst“ 1928 im Ernst Wasmuth Verlag erschien, es machte Karl Blossfeldt fast über Nacht berühmt. Nach seiner Emeritierung, kurz vor seinem Ableben am 9. Dezember 1932, konnte Blossfeldt noch der Bildband „Wundergarten der Natur“ veröffentlichen. Der Band „Wunder in der Natur. Bild-Dokumente schöner Pflanzenformen“ erschien 1942 posthum in Leipzig.

Am 17. September 2020 wurde an seinem ehemaligen Wohnort, Berlin-Steglitz, Stephanstraße 6, eine Berliner Gedenktafel enthüllt.

Werk

Künstlerisches Anliegen Blossfeldt sah seine Fotografien als Unterrichtsmaterial und nicht als eigenständige künstlerische Leistung. Er meinte, dass die „Photographie bestes Hilfsmittel für Herausarbeitung von Pflanzendetails“ sei und verwendete die Fotografie aufgrund praktischer Vorteile. Damit machte er einen Kompromiss zwischen Originalpräparat und Zeichnung als Vorlage und Unterrichtsmaterial für Zeichenunterricht. Die Fotografien wurden an die Wand projiziert und dienten als Vorlage für Zeichenübungen. Voraussetzung dafür war eine klare, konturenscharfe Abbildung.

Des Weiteren veranschaulichte Blossfeldt Formen und Strukturen der Natur und wirkte so auf die ornamentale Gestaltung von Produkten hin.

Blossfeldt selbst war eher Enthusiast für Pflanzen als professioneller Fotograf. Mit seinen genauen Studien entdeckte er graphische Details und ging botanisch-wissenschaftlich vor, indem er seine Fotografien mit lateinischen Namen beschriftete. Damit knüpfte er an die Tradition der Herbarien an.

In dem Vorwort zu seinem Buch Wundergarten der Natur schreibt er: Die „Bilddokumente“ sprechen für sich. „Meine Pflanzenurkunden sollen dazu beitragen, die Verbindung mit der Natur wieder herzustellen. Sie sollten den Sinn für die Natur wieder wecken, auf den überreichen Formenschatz in der Natur hinzuweisen und zu eigener Beobachtung unserer heimischen Pflanzenwelt anregen.“

Er bewertet darin die Pflanze als künstlerisch-architektonischen Aufbau, welche neben zweckdienlichen auch künstlerische Formen schafft. Die Natur ist damit als „Lehrmeisterin“ für Kunst und Technik anzusehen.

Technik Bild

Letztlich wurden die Pflanzen in bis zu 12–45-facher Vergrößerung abgebildet. Das Negativ wurde im Maßstab 1:1 aufgenommen, davon wurden dann Ausschnittsvergrößerungen angefertigt. Daher mussten die Pflanzen sehr ruhig liegen, Blossfeldt hat oft Glasscheiben als Halterung oder als Unterlage benutzt, damit der Untergrund sich unscharf abbildete. Getrocknete Pflanzen hat er aufrecht in Knetmasse gesteckt oder sie sogar aufgehängt. Die durch die Glasplatte entstandene Spiegelung im Bild wurde vor der Veröffentlichung retuschiert. Dabei sind auch „fehlerhafte“ Aufnahmen entstanden, aber auch diese wurden von ihm gesammelt. Das Bild wurde auf Silbergelatinepapier vergrößert, meist im Format 30 × 24 cm, aber auch 24 × 60 cm. Oder er stellte für seinen Kunstunterricht Diapositive 9 × 12 cm her, die er mit Hilfe eines Projektors auf einer entsprechenden Projektionsfläche in großem Format vorführen konnte.

Kamera Blossfeldt verwendete eine (vermutlich selbstgebaute) Plattenkamera.

Negativ Das Negativ hatte ein Format von 6×9, 9×12, 13×18, selten auch 9×18. Die Glasplatten waren meist mit orthochromatischer Emulsion, selten mit panchromatischer Emulsion beschichtet. Daher wurden die Pflanzen konturenscharf abgebildet.

Motiv Perspektive: Aufsicht, direkte Seitenansicht Hintergrund: neutral: einfarbig (schwarz/grau/weiß) Belichtung: diffuses Streiflicht/weiches Tageslicht, wodurch das Bild dunkel wirkt Detailansicht hohe Schärfentiefe

Rezeption „Neues von Blumen“ – so betitelte Walter Benjamin seine vielzitierte Rezension von Karl Blossfeldts Bildband „Urformen der Kunst“. Blossfeldt habe mit seinem Buch „in jener großen Überprüfung des Wahrnehmungsinventars, die unser Weltbild noch unabsehbar verändern wird, das Seine geleistet. Er hat bewiesen, wie recht der Pionier des neuen Lichtbilds, Moholy-Nagy hat, wenn er sagt: „Die Grenzen der Photographie sind nicht abzusehen. Hier ist alles noch so neu, dass selbst das Suchen schon zu schöpferischen Resultaten führt. Die Technik ist der selbstverständliche Wegbereiter dazu. Nicht der Schrift- sondern der Photographieunkundige wird der Analphabet der Zukunft sein.“ Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“Walter Benjamin, Neues von Blumen, in: ders., Gesammelte Schriften, Band 3, Kritiken und Rezensionen 1928, Frankfurt am Main 1972, S. 151.

Dass Blossfeldt nicht zuletzt durch diese Zeilen Ende der 1920er-Jahre die „Weihe zum neusachlichen Künstler“ erhielt und neben Albert Renger-Patzsch bis heute als wichtigster Vertreter der Neuen Sachlichkeit gehandelt wird, ist hinlänglich bekannt, ebenso, dass er mit seinen ursprünglich ausschließlich zu Lehrzwecken im kunstgewerblichen Unterricht angefertigten Fotografien zum „Avantgardisten wider Willen“ gemacht wurde.Überschrift einer Ausstellungsrezension im Bonner Generalanzeiger, 16. März 1994. Zur Rezeptionsgeschichte vgl. vor allem: Gert Mattenklott: Karl Blossfeldt 1865–1932. Das fotografische Werk in einem Band, München 1981 sowie Ulrike Meyer-Stump: Natur im Raster: Blossfeldt-Rezeption heute, in: Konstruktionen von Natur. Von Blossfeldt zur Virtualität, hrsg. von der Akademie der Künste Berlin, Amsterdam/Dresden 2001, S. 35–46.

Als Mitte der 1970er-Jahre eine vor allem Ann und Jürgen Wilde sowie Klaus Honnef zu verdankende Blossfeldt-Renaissance einsetzte, seine Fotografien zunehmend in Ausstellungen wie der documenta 6 (1977) präsentiert wurden, die Arbeitsabzüge aus der Universität der Künste in Berlin aber noch nicht bekannt waren, konzentrierte man sich für Ausstellungszwecke auf Reproduktionen der Buchmotive oder auf diese gewissermaßen kopierende Modern Prints zugehöriger Negative. Schließlich kamen ergänzend auch Neuabzüge von Negativen aus dem Nachlass mit bislang unpublizierten Motiven hinzu, die auch in Form von Editionen in Umlauf gebracht wurden.Beispielsweise: Karl Blossfeldt, 12 Fotografien, Einführung Volker Kahmen, Portfolio mit 12 Originalfotografien in einer einmaligen Auflage von 50 nummerierten Exemplaren, Vergrößerungen auf Agfa Portriga Rapid 111 in einer Höhe von 26 cm, aufgezogen auf Büttenkarton hochfein 680g/qm, Format 32,5 × 43 cm, Kassette angefertigt von Peter Swoboda, Köln, Köln: Galerie Wilde, Mai 1975. Edition von 50 Exemplaren in Leinen-Kassette. Durch das Fehlen zeitgenössischer oder gar im Sinne des Kunsthandels durch ihren Urheber autorisierter, originaler Abzüge konnten als Referenz für die Wahl von Bildausschnitt, Helligkeit, Kontrast, Farbtemperatur bis hin zu notwendigen Retuschen wiederum nur die Buchpublikationen nachempfunden werden – wohl wissend, dass deren Ästhetik mehr auf den Galeristen Karl Nierendorf denn auf Blossfeldt selbst zurückzuführen ist.

Wohl um diesem Dilemma ein Stück weit zu entgehen, entschieden sich Andreas Hüneke und Gehrhardt Ihrke 1990 dafür, ein von ihnen nach umfangreichen Recherchen in den 1980er-Jahren in Privatbesitz in Blossfeldts Geburtsort Schielo aufgefundenes Konvolut von Negativen in ihrem Bildband „Fotografien zwischen Natur und Kunst“ unbeschnitten zu publizieren – sofern die Motive noch nicht veröffentlicht waren –, tatsächlich entfielen allerdings die auf den Negativen „sichtbaren Hilfsmittel zur Befestigung der Pflanzen“ – Wäscheklammern, Knetmasse oder Draht – durch Beschnitt, sodass entsprechend auch hier interpretatorische Eingriffe vorgenommen wurden. Ohne es zu wissen, entsprachen die Herausgeber damit am ehesten der Bildwirkung der damals noch nicht publizierten, zu Arbeitscollagen zusammengestellten Kontakte Blossfeldts, die dieser auf ähnliche Weise freigestellt hatte. Ein Teil dieser neu entdeckten Motive wurde später auch als eine Art Vorspann in das „Complete Published Work“ aufgenommen, dort allerdings absichtsvoll, eine noch größere Differenz zu den zeitgenössischen Bildbänden inszenierend, teilweise unbeschnitten als Reproduktion der gesamten Glasplatte samt Plattenrand.