mini|hochkant=1.2|Reede vor Iquique (vor 1900)

Salpeterfahrt bezeichnet den Transport von Salpeter (Chilesalpeter) auf dem Seeweg und wird vor allem für die Segelschifffahrten zwischen Europa und Chile vom 19. bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts verwendet. Salpeter war in dieser Zeit ein wertvoller Rohstoff für die Herstellung von Dünger und Sprengstoff.

Hintergrund Deutschlands entstehende Agrarindustrie wurde zum wichtigsten Abnehmer von Chilesalpeter in Europa. Davon profitierte vor allem der Hamburger Hafen, innerhalb von 40 Jahren steigerte sich die Einfuhr von Salpeter um das knapp 40fache auf 509.800 Tonnen im Jahr 1905.

Die Bedeutung der Salpeterfahrt ging Anfang des 20. Jahrhunderts mit Beginn der industriellen Produktion von Ammoniak nach dem Haber-Bosch-Verfahren zurück. Ammoniak dient auch als Ausgangsstoff für Düngemittel und Salpeter.

Abbau und Gewinnung von Salpeter Beginn und Entwicklung der Salpetergewinnung 1810 hatte der industrielle Abbau von Salpeter in der Atacamawüste (auf dem Territorium von Peru und Bolivien) begonnen. In den folgenden Jahren führte Peru mit einem Anteil von 50 % die Ausbeutung des Salpeters in der Region an, gefolgt von Investoren aus Chile, England und Deutschland. Weiterhin waren einige italienische, spanische, bolivianische und französische Unternehmen an der Salpetergewinnung beteiligt.Kurze Geschichte des Salzes, OSCAR BERMUDEZ M. Ediciones Pampa Nude, 1987. mini|Ehemalige Gebiete Perus und Boliviens, die als Folge des Salpeterkrieges an Chile fielen.

1840 betrug die Salpeterproduktion noch 73.000 Tonnen, 1874 waren es 500.000 Tonnen.Adolf Beer: Allgemeine Geschichte des Welthandels, Verlag Wilhelm Braumüller, Wien, 1884, S. 201. Mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie in der Region La Noria im Jahr 1879 nahm die Salpeterproduktion weiterhin zu und betrug 1880 1 Mio. Tonnen.John Lawrence Rector, Frank W Thackeray, John E Findling: The History of Chile, Chronicles the history of Chile, from prehistoric times through its time as a Spanish colony to today, Greenwood Press, 2003.

Das gegenüber britischen Investoren hoch verschuldete Peru versuchte 1875 aus seiner Schuldenfalle herauszukommen, indem es private Investoren, insbesondere britische, enteignete. Dies führte 1879 zum Salpeterkrieg, in dem es um die Vorherrschaft der Ausbeutung der Salpetervorkommen in Peru und Bolivien ging, Chile besaß auf seinem Territorium zu diesem Zeitpunkt noch keines dieser Vorkommen. Nach dem früheren US-Außenminister James G. Blaine: „Es ist ein englischer Krieg gegen Peru mit Chile als Instrument.“J. B. Foster, B. Clark: Ecological Imperialism: The curse of capitalism. 1884 wurde der Krieg mit dem Vertrag von Valparaíso beendet, wonach Chile die Küstenregion um Antofagasta erhielt, was Bolivien neben dem Verlust einer Provinz auch den Zugang zum Pazifik kostete.

Nach dem Krieg dominierte England bis 1890 mit etwa 60 % die Nitratindustrie. In den folgenden Jahren verschoben sich die Anteile zu Gunsten der chilenischen und deutschen Investitionen. Die Exporte von Chilesalpeter im Jahr 1912 verteilten sich wie folgt: Deutschland 37,9 %, USA 23,6 %, England 5,7 % und auf weitere europäische Länder 31,6 %.Firearms History, Technology & Development, 3. Juni 2016. Der Anteil der Gewinne aus der Salpeterindustrie am gesamten chilenischen Nationaleinkommen lag in den Jahren von 1893 bis 1917 (bis auf das Jahr 1896) bei über 50 %, in den Jahren 1894 und 1898 bei knapp 68 %.Exportación de Salitre y su Porcentaje de Contribución a las Rentas Ordinarias de Chile. 1880–1929 (Salpeterexport und prozentualer Anteil am chilenischen Nationaleinkommen zwischen 1880 und 1929). Als die Deutschen während des Ersten Weltkrieges vom Salpeter-Seetransport aus Chile abgeschnitten waren, dominierten die USA und England den chilenischen Salpetermarkt.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden über einhundert Salpeterminen überwiegend von englischen und deutschen Unternehmen gegründet. Die Oficinas, wie der gesamte Ort des Salpeterabbaus genannt wurde, bestanden neben dem Werk aus Wohnsiedlungen; Pulperias, Einkaufsläden, die von der Firmenleitung betrieben wurden, Bäckereien; Metzgereien, Krankenhäusern, Schulen, Sportstätten und Theatern. Der Lohn der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Oficinas lag leicht über dem Lohnniveau der Bauern und anderen Tagelöhnern in Chile. Er wurde ihnen jedoch nur in Geldmarken ausgezahlt, die nur in den Geschäften der Oficinas eingelöst werden konnten, wo die Waren teurer waren als in Läden in den benachbarten Städten. mini|Graffiti, es zeigt marschierende Salpeterarbeiter im Streik; rechts die Schule Santa María de Iquique, in der am 21. Dezember 1907 das Massaker stattfand.

Die Arbeitsbedingungen für die rund 70.000 überwiegend indigenen Wanderarbeiter waren katastrophal. Die Knochenarbeit, das Einatmen des giftigen Salpeterstaubs bei Sprengungen und die extremen Temperaturschwankungen in der Wüste schlugen sich auf die Gesundheit nieder. Kinderarbeit ab dem achten Lebensjahr war üblich. Gegen die schlechten Arbeitsbedingungen wehrten sich die Arbeiter in den Jahren 1901 bis 1907 immer wieder erfolglos. 1907 kam es zu einem Aufstand von Salpeterarbeitern. Sie wurden nach Iquique einbestellt und wollten dort ihren Forderungen nach Gehaltserhöhung, menschenwürdiger Behandlung und Gewährung einer Mittagspause Nachdruck verleihen. In der Schule Santa Maria wurden sie von Heerestruppen und Marineeinheiten niedergemetzelt (Massaker von Iquique). Die etwa 3.600 Toten wurden verscharrt oder ins Meer geworfen.Massaker von Iquique / Aufstand von Santa Maria

Erst 1920 wurden die Arbeitsbedingungen der Arbeiter durch die Einführung des Achtstunden-Arbeitstages und das Verbot der Kinderarbeit verbessert. 1924 verpflichtete der chilenische Staat die Minenbesitzer, den Lohn der Arbeiter in der offiziellen Landeswährung auszuzahlen.Slomanstieg, Straßennamen und Orte in Hamburg, koloniale Stadtgeschichte - 67 Biographien von A bis Z (Slomanstieg Veddel, seit 1929; benannt nach Robert M. Sloman, der Jüngere (1812–1900), Reeder, Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft).Jasmin Alley: Die PEKING und der Chilesalpeterabbau in der Wüste, Stiftung Historische Museen Hamburg.

Deutsche Unternehmen bei der Salpetergewinnung Zu den deutschen Unternehmen zählten auch die Hamburger Firmen Fölsch & Martin, Sloman und Gildemeister, die um die Jahrhundertwende ein Viertel des gesamten Salpeteraufkommens produzierten. Hamburg wurde zum wichtigsten Umschlagplatz dieses Rohstoffes, der sich im Jahr 1905 auf 509.800 Tonnen Salpeter belief.Robert Krieg: Weißes Gold – Eine dokumentarische Filmreise, Köln, Juni 1999.

Johann Gildemeister (1823–1898), der 1848 nach Südamerika ausgewandert war, war einer der ersten Deutschen, der in das Salpetergeschäft eingestiegen war. Mit seiner Firma in Iquique zum Salpeterhandel stieg er in wenigen Jahren zu einem bedeutenden Hersteller und Exporteur von Salpeter auf.Johann Matthias Gildemeister, Deutsche Biographie. mini|Oficina Paposo, etwa 2 km nordwestlich von der Werkssiedlung La Noria gelegen.

Hermann Conrad Fölsch (1845–1920), der 1866 im Alter von 21 Jahren aus Hamburg nach Chile ausgewandert war, gründete mit seinem Freund Frederico Martin die Firma Fölsch & Martin, mit dem Hauptsitz in Taltal. 1872 eröffneten sie in der Atacama-Wüste bei Iquique das Werk Oficina Paposo, nahe der Wohnsiedlung La Noria, wo sich bereits zahlreiche Salpeterwerke befanden. Bis 1881 expandierte das Unternehmen mit sieben weiteren Werken, zu denen die Oficinas Chile und Alemania gehörten, welche zu den größten Nitratanlagen in Chile zählten.Oficinas Chile und Alemania mit Karte der Standorte der beiden Werke.Robert Krieg: Oro blanco – La historia. Über 3000 Menschen waren für das Unternehmen in den Werken tätig. Für die Verschiffung des erzeugten Salpeters gründeten sie die Reederei H. Fölsch & Co., deren Flotte zwölf Segelschiffe umfasste. Zu den Frachtseglern gehörten die „Glücksstadt“ und das stählerne Vollschiff „Wellgunde“, deren Kapitän Lorenzen war.

Henry Brarens Sloman (1848–1931) kam 1869 nach Abschluss seiner Schlosserlehre nach Chile und trat in das Unternehmen seines Schwagers Fölsch ein und stieg dort zum Geschäftsführer auf. 1892 machte sich Sloman mit seinem ersten Werk, der Oficina Bueana Esperanza im Hinterland der Hafenstadt Tocopilla selbständig. Mit vier weiteren Oficinas, Salitrera Grutas, Rica Aventura, Prosperidat Grutas und Empresa baute er sein Imperium aus, mit dem er zu Reichtum kam. mini|Friedhof bei der Oficina Rica Aventura mini|Sloman-Staudamm am Río Loa

In den fünf Sloman-Werken waren ca. 6.000 Arbeiter tätig sowie 140 bis 150 Angestellte, die zu etwa drei Vierteln aus Deutschen bestanden. Mit den Familien der Beschäftigten lebten insgesamt ca. 10.000 Personen am Ort der Werke, für deren Versorgung eine eigene Infrastruktur aus Unterkünften, Lebensmittel-, Trinkwasser- und Stromversorgung, Geschäften, Waschanstalten, Ärzten, Apotheken, Krankenstationen, Kirche und Friedhof erforderlich war.

Für die Versorgung der Werke mit dem notwendigen Wasser und Strom errichtete das Unternehmen zwischen 1904 und 1911 einen 35 Meter hohen und 100 Meter breiten Staudamm, der einen etwa 2 km langen Stausee im Salzwasser-Fluss Río Loa bildete, 16 km südlich der Oasensiedlung Quillagua. Drei Voith-Heidenheim-Turbinen, die an 35-kWh-Generatoren von Siemens Schuckert gekuppelt waren und fünf Dieselgeneratoren erzeugten für die Werke und Siedlungen Strom. 1965 wurde der Betrieb des Kraftwerkes eingestellt. 1980 wurde der Sloman-Damm und 1991 das Kraftwerk zum historischen Denkmal in Chile erklärt.Tranque Sloman / Sloman-Staudamm, Consejo de Monumentos Nacionales de Chile.

1898 ging Sloman nach Hamburg zurück und galt als einer der reichsten Hamburger. 1922 bis 1924 ließ er vom Architekten Fritz Höger ein riesiges Kontorhaus, das Chilehaus bauen, dessen Name an seine 32-jährige Tätigkeit in Chile erinnern soll.

Die deutschen Unternehmer brauchten in Chile keine Einkommensteuern zu zahlen. Hamburg erließ 1900 ein besonderes Gesetz, das vermögende Rückwanderer von der Einkommensteuer befreite. In Hamburger Kaufmannskreisen wurde es auch als „Lex Sloman“ bezeichnet.

Der Seetransport Umrundung Kap Hoorns mini|Chile - Küstenstädte mini|Kap Hoorn, Le-Maire-Straße und Drake Passage

Der südamerikanische Salpeter war vor allem für den Export bestimmt. Um von Europa aus die chilenischen Häfen zu erreichen, mussten die Schiffe Kap Hoorn von Ost nach West gegen die vorherrschenden Westwinde umrunden. Der Kurs führte durch die Roaring Forties (dt.: Brüllende Vierziger, Region zwischen dem 40. und dem 50. Breitengrad) sowie die Furious Fifties (dt. Rasende Fünfziger, Region zwischen dem 50. und dem 60. Breitengrad) auf der Südhalbkugel, die ihre Namen von den häufigen Weststürmen in diesen Breiten tragen (vergl. Herausforderung Kap Hoorn). Der Begriff „Salpeterfahrt“ ist daher auch mit der Härte und Gefährlichkeit dieser Fahrten verbunden. Der Seedienst war hart, Prügelstrafen üblich. In chilenischen Häfen desertierten viele Matrosen, so dass Häfen und angrenzende Salpeterwüsten mit ihnen überlaufen waren. Von einem 90-Prozent-Anteil deutscher Seeleute berichtete der Reiseschriftsteller Kurt Faber.

Sturm und Eisberge waren eine ständige Bedrohung der Segler. Nach Beobachtungen von Bord der Preußen im Jahr 1904 bauten sich am Kap Hoorn 6 Meter hohe Wellen bei Windstärken 8 bis 9 auf. Im Südsommermonat Dezember 1892 bildete sich um Kap Hoorn aus tausenden von Eisbergen ein so dichtes Packeis, dass ein Durchkommen der Schiffe unmöglich war. In dieser Jahreszeit waren am Kap deutlich mehr Eisberge anzutreffen als in den drei Südwintermonaten zusammen. Bei schlechter Sicht kündigen sich Eisberge durch die schnell abfallenden Temperaturen der Luft und des Wassers an.