Generation Snowflake (Generation Schneeflocke) ist ein US-amerikanisches politisches Schlagwort bzw. eine polemische Bezeichnung für die Generation Y. In Deutschland wird sie teilweise auch für die Generation Z verwendet. Der Begriff gilt als abwertend bis beleidigend. Den so Bezeichneten wird unterstellt, extrem sensibel, emotional hochverletzlich und wenig resilient zu sein sowie sich für einen hohen Lebensstil anspruchsberechtigt zu sehen. Es wird ihnen unterstellt, dass sie bei der leisesten Kritik wie Schneeflocken schmelzen.
Auch im Vereinigten Königreich wurde der Begriff im Zusammenhang mit der Brexit-Diskussion populär und wird meist abwertend benutzt.I. O. Alyeksyeyeva: Defining snowflake in British post-Brexit and US post-election public discourse. In: Science and Education a New Dimension. Philology, V(39), Issue 143, 2017, S. 7–10. Im November 2016 wurde er von Collins English Dictionary als eines der zehn Wörter des Jahres ausgewählt.Rebecca Nicholson: „Poor little snowflake“ – the defining insult of 2016. In: The Guardian, 28. November 2016. Collins definiert die Generation wie folgt: The generation of people who became adults in the 2010s, viewed as being less resilient and more prone to taking offence than previous generations. Siehe auch Jacob Stolworthy: Collins Dictionary’s 10 words of the year, from ‘Brexit’and ‘snowflake generation’ to ‘JOMO’ auf independent.co.uk.
Neuerdings werden auch die Post-Millennials, die Angehörigen der Generation Z oder Zoomer, mit den Snowflakes gleichgesetzt, so von dem Generationenforscher Rüdiger Maas.Maas, 2021. Zugleich wird betont, dass es erhebliche Unterschiede in Bezug auf das zahlenmäßige Gewicht und das Verhalten dieser Generation zwischen den westlichen Industrieländern und dem Globalen Süden gibt. Während sie hier eine oft umworbene Minderheit bildet, stellt sie dort eine sehr große Bevölkerungsgruppe dar, die vehement und teils aufopferungsvoll um ihre Rechte kämpft.Die Zoomer zeigen ihre Kraft. NZZ am Sonntag, 18. August 2024.
Veränderung der Verwendung des Begriffs „Snowflake“ Seit dem späten 18. Jahrhundert war Snowflake oder auch Snowball ein Spottname für Afroamerikaner mit weißen Haaren.Maciej Widawski: African American Slang: A Linguistic Description. Cambridge Universita Press, 2015, S. 254. Im Missouri der 1860er Jahre wurde der Begriff in Kontroversen über die Abschaffung der Sklaverei gebraucht. Er bezeichnete Befürworter der Sklaverei, die der rassistischen Ideologie folgten, wonach weißen Menschen ein größerer Wert als andersfarbigen Menschen beizumessen ist. Diese Begriffsverwendung blieb jedoch regional begrenzt. Später bezog sich der abwertende Slang-Begriff Snowflake (jeder Schneekristall ist einzigartig) auf weiße Jugendliche, die sich einzigartig wähnten und einen Sinn für ihren vermeintlich herausgehobenen Status entwickelten, ohne dass diese Einzigartigkeit irgendwie begründbar gewesen wäre. Die Journalistin Jessica M. Goldstein fand für die 1970er Jahre jedoch auch Belege für die Verwendung des Begriffs als Bezeichnung für People of Colour, die sich wie Weiße benehmen.Jessica Goldstein: The surprising history of ‘snowflake’ as a political insult. On the history and the future of this election season’s iciest insult. 19. Januar 2017 (nicht mehr abrufbar)
mini|hochkant=1.05|Der Begriff „Schneeflocke“ spielt auf eine vermeintliche Einzigartigkeit an. 1986 benutzte David Bertelson den Begriff in seiner Analyse des Einflusses der Individualisierung der US-Gesellschaft auf die Geschlechterrollen zur Charakterisierung des Phänomens der „Hypomaskulinität“, also eines schwach ausgeprägten männlichen Habitus, der sich den traditionellen Rollenerwartungen entzieht.David Bertelson: Snowflakes and snowdrifts: Individualism and sexuality in America. Lanham MD 1986. Als Kehrseite dieser Krise herkömmlicher Rollen- und Identitätsmodelle betrachtet er die oft brutale Hypermaskulinität des amerikanischen Südens, des Militärs oder der Polizei, eine Ausdrucksform der Männlichkeit, die auf jüngere arme und ungebildete Männer anziehend wirke, aber auch als Übersteigerungsform der Schwulenkultur zu finden sei.
„Generation Snowflake“ In jüngerer Zeit wurde die Metapher der Schneeflocke abwertend für die „jungen Erwachsenen der 2010er Jahre“ gebraucht, die als leicht verletzlich und wenig resilient wahrgenommen werden, andererseits spielt die Metapher auf die dieser Generation unterstellte Selbstwahrnehmung der Einzigartigkeit und Besonderheit an.Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017 (nicht mehr abrufbar). Der pejorative Gebrauch der Schneeflocken-Metapher, der sich insbesondere auf akademisch ausgebildete Angehörige der Millennial-Generation bezieht, wird oft dem Kultbuch Fight Club (1996) von Chuck Palahniuk zugeschrieben, in der ein Mitglied einer konsumkritischen Gruppe den anderen Mitgliedern vorhält, sie seien keine schönen und einzigartigen Schneeflocken, sondern bestünden aus derselben organischen Materie wie alle anderen und würden auf demselben Komposthaufen landen (we are all part of the same compost pile).No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club' www.merriam-webster: Words we're watching, Abruf am 12. März 2017. In der Verfilmung des Buchs durch David Fincher 1999 spricht Brad Pitt diese Worte.Uwe Schmitt: Die verhätschelten „Schneeflocken“ und ihre Feinde, www.welt.de, 3. Dezember 2016.
2016 benutzte die linkslibertäre britische Publizistin und Politikerin Claire Fox vermutlich erstmals den Begriff Generation Snowflake in einem Buch, das von Konflikten an der Yale University handelt.Claire Fox: I find this offensive! Biteback Publishing, 2016.
Die Attribute, mit denen die Snowflakes belegt werden, sind meist abwertend. Oft werden die Snowflakes in Verbindung gebracht mit den Reizworten liberal, political correctness, safe space und identity politics; sie leben angeblich in einer Blase der Selbstgerechtigkeit, sind leicht verletzbar, und sie wollen das Recht auf freie Rede begrenzen. Kritisiert werden sie auch wegen ihrer vermeintlichen Fragilität und Schwäche.
Gelegentlich werden Post-Millennials, die Angehörigen der Generation Z oder Zoomer insgesamt, mit den Snowflakes gleichgesetzt, so von dem Generationenforscher Rüdiger Maas.Maas, 2021. Zugleich wird betont, dass es erhebliche Unterschiede in Bezug auf das zahlenmäßige Gewicht und das Verhalten dieser Generation zwischen den westlichen Industrieländern und dem Globalen Süden gibt. Während sie hier eine oft umworbene Minderheit bildet, stellt sie dort eine sehr große Bevölkerungsgruppe dar, die vehement und teils aufopferungsvoll um ihre Rechte kämpft.Die Zoomer zeigen ihre Kraft. NZZ am Sonntag, 18. August 2024.
Verwendung als Kampfbegriff Im englischen Sprachraum entwickelte sich der Slangbegriff der Generation Snowflake zu einem politischen Kampfbegriff. Er wird von politischen Rechten für Personen der Millennials-Generation benutzt, die als over-entitled gesehen werden, d. h. einen Anspruch auf einen Lebensstil erheben würden, den sie sich nicht selbst bereit wären zu erarbeiten, und würden linke Parteien wählen, da sie nicht mit den harten Realitäten des Lebens zurechtkämen.
In Großbritannien wurden die Brexit-Gegner von einer UKIP-Abgeordneten als Snowflakes bezeichnet.Uwe Schmitt: Die verhätschelten Schneeflocken und ihre Feinde. In: www.welt.de, 3. Dezember 2016. Das Urban Dictionary für englischen Slang spiegelt den vorherrschenden diskriminierenden Sprachgebrauch, in dem die Snowflakes als insane, fragile und infantile bezeichnet werden.Generation Snowflake auf urbandictionary.com, 2016. Der Journalist Andrew Hunter Murray spricht in diesem Zusammenhang von einem neuen kulturellen Kalten Krieg zwischen den Verteidigern der Snowflakes, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, sich angegriffen zu fühlen, und ihren Kritikern, die bis zu zwei Dritteln der britischen Bevölkerung ausmachen.A. H. Murray: Generation Snowflake? In: RSA Journal, Royal Society of Arts, 2018–19, Nr. 4.
Im US-Wahlkampf wurde der Kampfbegriff Snowflake in der Politik genutzt. An Weihnachten 2019 schalteten Angehörige der Wahlkampagne von Donald Trump die (inzwischen abgeschaltete) Website snowflakevictory.com, um den Trump-Anhängern Argumente gegen die „Liberalen“ zu liefern, insbesondere für weihnachtliche Diskussionen mit ihren Angehörigen.Evan Semones: Trump campaign encourages supporters to confront their ‘snowflake’ relatives in politico.com, 24. Dezember 2019. Der metaphorische Bezug auf das Weihnachtswetter (Schneeflocken sind weich und nass) wurde von anderen, u. a. auch von britischen Medien übernommen.Sophie Gallagher: What does the term snowflake mean and why is it used? in theindependent.co.uk, 6. Oktober 2020.
Die Spezialistin für linguistische Anthropologie Janet McIntosh weist auf die analoge Funktion und die Verwendungsgeschichte des Begriffs Crybaby (deutsch etwa „Heulsuse“, „Schreikind“) hin, den Trump-Anhänger im Wahlkampf zur Diskreditierung liberaler Oppositioneller nutzten. Dieser entstamme dem Sprachgebrauch des militärischen Drills der US-Kadettenanstalten zur Diskreditierung Schwächerer. Der Begriff wurde anschließend auch von Gegnern Trumps benutzt, die ihn wegen seines von Narzissmus und Infantilismus geprägten Verhaltens angesichts der Wahlniederlage kritisierten,Janet McIntosh: Crybabies and Snowflakes, in: Janet McIntosh, Norma Mendoza-Denton (Hrsg.): Language in the Trump Era, Cambridge UP, 2020, S. 74–88. so z. B. von der früher den Republikanern nahestehenden Juristin und Journalistin Ana Navarro.
Einordnung und Deutung Der Wirtschaftswissenschaftler Keir Milburn sieht den Begriff Generation Snowflake als eine Strategie der politisch Rechten, um von sozioökonomischen Ungleichheiten entlang der Generationen abzulenken. Die Millennials-Generation sei wie kaum eine Generation zuvor mit ökonomischen Herausforderungen konfrontiert, so mit sinkenden Löhnen, steigenden Preisen für Wohnraum und in einigen Ländern hohen Schulden durch Studiengebühren. Politisch Rechte würden versuchen, diese ökonomische Schieflage dadurch zu verschleiern, indem man die Ansprüche der jüngeren Generation kritisiert und sie als ungerechtfertigt darstellt. Andere Beobachter weisen darauf hin, dass die Colleges selbst zu dem kritisierten Verhalten beitragen: Sie stellten bei ihrer Werbung um Studienbewerber das Kriterium der (positiven) „Erfahrung“ (experience), also des Wohlgefühls, in den Vordergrund der Entscheidung für eine bestimmte Einrichtung. Diese erfolge immer stärker unter dem Gesichtspunkt, unangenehme Erfahrungen wie das gemeinsame Wohnen und Essen in der Cafeteria oder die Nutzung gemeinsamer Badezimmer zu vermeiden und so allen Konflikten aus dem Wege zu gehen, wie Studien über die Zulassungspraxis zeigen.Jeffrey J. Selingo: Helicopter Parents Are Not the Only Problem. Colleges Coddle Studients, Too. In: Washington Post, 21. Oktober 2015.
Dem britischen Lexikographen und Slangforscher Jonathon Green zufolge gibt es weitere negative Konnotationen des Begriffs Snowflake wie Schwäche und Selbsttäuschung, psychische Fragilität und überzogene Wahrnehmung der eigenen Bedeutung. Die Weigerung, Meinungen zu akzeptieren, die nicht Spiegelbild der eigenen sind, gelte allgemein als narzisstisch. Die Verwandlung eines spöttischen Slangbegriffs in einen aggressiven Kampfbegriff der gegen Migration und Feminismus agitierenden Alt-Right-Bewegung (Alternative Rechte) und konservativer Journalisten wie Tomi Lahren spiegele die tiefe Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft.Dana Schwartz: Why Trump Supporters Love Calling People "Snowflakes" auf gq.com, 1. Februar 2017. Zu seiner raschen Verbreitung trügen die sozialen Medien bei.Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult auf www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017 (Version auf Archive.org, weil der ursprüngliche Artikel nicht mehr erreichbar ist).