Das Hexameron von Rosenhain ist der Titel einer Erzählungen-Sammlung von Christoph Martin Wieland. Der nach dem Vorbild von Giovanni Boccaccios Decamerone, des Heptameron der Margarete von Navarra sowie von Goethes Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten an sechs Abenden der Rosenhainer Gesellschaft vorgetragene Zyklus besteht aus drei Märchen, einer Novelle und zwei Anekdoten. Gemeinsames Thema ist die wahre und falsche Freundschaft und Liebe. Alle Geschichten, die von dem für Wieland typischen auktorialen und sanft ironischen Erzählstil geprägt sind, entstanden zwischen Januar 1802 und Januar 1803 und wurden 1803/04 in drei Taschenbüchern und 1805 in Buchform veröffentlicht.
Inhalt Vorbericht eines Ungenannten Im Vorwort behauptet der Erzähler in einer Herausgeberfiktion, das mit „Rosalinde“ unterschriebene Manuskript mit sechs Geschichten und den Gesprächen der Gesellschaft (Rahmenhandlung) zugeschickt bekommen zu haben, offenbar um es zu veröffentlichen. Es schildert eine „auserlesene Gesellschaft liebenswürdiger und gebildeter Personen beiderlei Geschlechts“, die für mehrere Wochen auf dem Landsitz Rosenhain der Familie von P. zu Gast ist. Um sich die Zeit zu vertreiben, trifft man sich abends, erzählt sich Geschichten und diskutiert sie.
Die Anwesenden einigen sich nach kontroverser literaturästhetischer Diskussion über das „Wunderbare“ und das „Natürliche“ darauf, auf „sentimentale Alltagsgeschichten und idealische Familienszenen“ mit „Engel-Menschen“ zu verzichtenChristoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 244., worin lauter „in Personen verwandelte Tugenden und Laster, lauter Menschen aus der Unschuldswelt, lauter Ideale von Güte, Edelmut, Selbstverleugnung und grenzenloser Wohltätigkeit, aufgeführt werden“.Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 242. Während sich in diesem Punkt die „Freunde des Natürlichen“ durchsetzen, müssen sie, mit Verweis auf die „neueste[-] Philosophie“, „die Liebe zum Wunderbaren“ akzeptieren und, wenn auch nicht „das gesamte Feen- und Genien-Unwesen […], womit [sie] seit Jahren bis zur Überladung bedient worden sind“, so zumindest Märchen mit „Schutzgeister[n]“ zulassen.Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 244.
Narcissus und Narcissa Ein Jüngling und ein Mädchen, Dagobert und Heliane, beide gleichermaßen vom reichen Elternhaus durch allen Luxus und von der Gesellschaft durch Bewunderung verwöhnt und selbstverliebt, werden durch ihre Schutzgeister Mahadufa und Zelolovon ihren schlechten Eigenschaften kuriert.
Dazu veranlassen die Geister den Jüngling, in das Heimatland des Mädchens, das sagenhafte Trabezunt, zu reisen, sodass sich die beiden kennenlernen und ineinander verlieben. Dies geschieht auch, aber zunächst sträuben sich beide dagegen, ihre Gefühle zuzulassen und zu bekennen, und warten stolz auf die Unterwerfung des anderen. Darauf nehmen die Schutzgeister einen zweiten Anlauf, treten als Parsen-Geschwisterpaar Sophranor und Euphrasia auf und belehren die beiden darüber, „dass wahre Liebenswürdigkeit auf wahres Verdienst gegründet, ihrer Natur nach bescheiden und anspruchslos ist“Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 270. und dass man „bescheidener [und] gemäßigter“ bei den „Forderungen an Andere“ sein sollte.
Daphnidion. Ein milesisches Märchen Der Jüngling Phöbidas aus Thessalien trifft bei der Vogeljagd auf die wunderschöne Nymphe Daphnidion, die jedoch vor ihm flieht. Er verfolgt sie bis in eine Grotte, in der sie sich versteckt und mit Hilfe ihres Zauberringes unsichtbar macht. Statt ihrer findet Phöbidas die Priesterin Dämonassa. Diese erzählt ihm, Daphnidion sei ihre Nichte und stehe unter ihrem Schutz. Er bittet inständig darum, Daphnidion noch einmal treffen zu können. Dämonassa bietet ihm an, er könne sie entweder sehen, oder mit ihr reden, oder sie berühren, sie aber nicht mit mehreren Sinnen wahrnehmen. Er wählt die Berührung, als er sie jedoch bei der Hüfte greifen will, verschwindet sie und er muss die Höhle verlassen.
Er wendet sich an den Zauberer Hippalektor. Dieser rät ihm zu einer Entführung: Bei einem Fest erscheint Phöbidas in der Gestalt eines jungen Mädchens und reiht sich in den Tanz ein. Dabei versucht er Daphnidion den Zauberring zu entwenden. Dämonassa hat jedoch den Betrug geahnt und erstens der Nichte einen zweiten Ring gegeben, der die Kraft hat, jedes Zaubergebilde in seine natürliche Gestalt zurückzuversetzen, und zweitens die Gestalten der Nichte und der kräftigen Bauerntochter Mykale vertauscht. Als Phöbidas versucht, dem starken Mädchen den Ring vom Finger zu ziehen, kommt es zum Kampf und beide verwandeln sich in ihre echten Gestalten zurück. Phöbidas wird zum Gespött der Festgäste und Dämonassa untersagt ihm das Betreten ihres Dianen geheiligten Bodens. Denn sie bezweifelt, dass Phöbidas aus der „schmachvolle[n] Vereitelung seines Anschlags“ eine Lehre zieht. Das Ereignis wird von den Frauen der Gegend jährlich mit dem Verbrennen eines mit Stroh ausgestopften Popanz gefeiert.
Die Entzauberung Die 16-jährige Rosalie von Eschenbach hat ihre Eltern schon früh verloren und wird von einer bejahrten und begüterten Tante aufgenommen, zu deren Erbin bestimmt und „mit allen Vorteilen und Nachteilen einer ländlichen Erziehung fern von der Hauptstadt auf einer alten Ritterburg in einer wildanmutigen romantischen Gegend erzogen“.Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 292. Wegen ihrer Liebenswürdigkeit und ihres Reichtums hat sie viele Verehrer, darunter den Ritter Alberich, einen Frauenhelden, der glaubt, er habe bei dem unerfahrenen Mädchen leichtes Spiel. Zudem ist der schüchterne Hulderich in sie verliebt, der Sohn eines Pächters, der auf den Ländereien von Rosalies Tante lebt.
Rosalie lebt im Unterschied zu ihren Bewunderern in einer Scheinwelt. Sie liest von Kindheit an Ritter- und Feengeschichten und schöpft daraus „eine Art von idealistischer Welt- und Menschenkenntnis“. Eines Tages spricht sie den Wunsch aus, selbst einmal das Land der Feen zu betreten. Eine Fee erfüllt ihr diesen Wunsch. Sie kommt in ein paradiesisches Land, in dem auch die Personen ihrer Realität auftreten. Sie wird von Alberich umschmeichelt, für den sie inzwischen Gefühle entwickelt hat. Hier greift die Fee wieder in das Geschehen ein: Sie verzaubert Rosalie, sodass ihr Gesicht mit Blatter-Narben übersät ist. Am selben Tag verliert ihre Tante durch den Bankrott eines Handelshauses einen großen Teil ihres Vermögens. Alberich bewirbt sich nun nicht mehr um Rosalie, da sie nun weder schön noch reich ist, an Hulderichs Liebe zu ihr ändert sich jedoch nichts.
In der Nacht bricht ein Feuer auf der Burg aus, Alberich flieht, und Hulderich rettet Rosalies Tante unter Einsatz seines eigenen Lebens. Das Mädchen erkennt nun, dass es sich von Alberich blenden ließ und dass Hulderich viel mutiger und treuer ist. Aufgrund seiner Schüchternheit nahm sie ihn nur bisher nicht wahr, zudem ist er nicht „von Geburt“, also von Adel. Die Fee erscheint nun bei Rosalie, ihrer Tante, Hulderich und seinem Vater und klärt sie über die Zusammenhänge auf. Sie stellt den alten Zustand wieder her und löst auch den für eine gesellschaftsfähige Heirat hinderlichen Standesunterschied auf: Wenn auch die Feen normalerweise keine Freundinnen von „Missheuraten“ sind und dafür sorgen, „dass die Königstöchter, die sich in Hirtenknaben […] verlieben am Ende ihresgleichen […] finden“, macht sie hier eine Ausnahme von der Regel und urkundet für Hulderich einen Uradel aus der Linie des Vercingetorix. Nachdem sie auch dieses Problem gelöst hat, appelliert sie an die beiden: „Die Sorge einander glücklich zu machen und es selbst dadurch zu sein, wird nun künftig euer eigen Werk bleiben. […] tut nun das Eurige!“Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 306.
Die Novelle ohne Titel Don Lope Moscoso, der letzte Spross der alten mit der Zeit verarmten Grafenfamilie Altavira, lebt mit seiner Frau Dona Pelaja und ihren Zwillingskindern Manuel und Galora in einer einsturzgefährdeten Provinzburg fern der Hauptstadt. Durch einen in Romanen und Komödien häufigen Glücksfall, wie der Erzähler ironisch einfügt, kehrt der in den Kolonien reich gewordene Onkel Jago in die Heimat zurück und setzt seinen Großneffen Manuel zu seinem Erben ein. Sollte dieser aber ohne eigene Nachkommen sterben, bekommt ein entfernter Verwandter namens Don Antonio das Erbe, um es in der männlichen Namenslinie zu erhalten.
Dieser Fall tritt bald nach dem Tod Jagos ein. Manuel stirbt nach einer Pockenerkrankung. Um das Anrecht auf das Erbe zu behalten, behaupten die Eltern aber, seine Schwester Galora sei gestorben, und ziehen fortan Galora als Jungen auf. In den Augen der Öffentlichkeit entwickelt sich das kräftige Mädchen scheinbar zu einem angesehenen jungen Mann.
Nach dem Tod der Eltern holt Galora, um sich in der Gesellschaft korrekt zu verhalten, einen „Mann von Erziehung, Lebensart und Weltkenntnis“ als Mentor zu sich, und gerät ausgerechnet an Don Antonio, der als abgedankter Offizier eine Dienststelle sucht. Weil ihm seine bescheidenen Verhältnisse und ein Dienstverhältnis bei den Verwandten peinlich sind, nimmt er den Namen Alonso Noya an. Galora findet bei ihren Spazierritten, der Jagd usw. an ihrem „Schatten“ zunehmend Gefallen, verliebt sich in den schönen Mann und macht ihn zu ihrem Günstling.
Antonio gefällt auch Galoras junger Cousine Rosa, die als arme Waise in ihre Familie aufgenommen wurde und der wegen der fehlenden Mitgift ein Nonnenschicksal droht. Sie macht sich, um dem zu entgehen, zunächst Hoffnungen, die Frau ihres Cousins zu werden, beobachtet dann aber misstrauisch dessen merkwürdige Nähe zu seinem Mentor und erkennt, dass der Graf eine Frau ist. Für Antonio ist die doppelte Umwerbung zwar schmeichelhaft, allerdings rechnet er mit einer Verbindung des Grafen und seiner Cousine und hält sich Rosa gegenüber zurück. Galora wird durch ihre Liebe ihre Verstellung zunehmend verhasst. Sie merkt aber, dass Antonio nicht sie, sondern insgeheim Rosa liebt, und gibt ihre Hoffnungen auf.
Um das für sie grausame Spiel zu beenden, tritt sie nachts, nun zum ersten Mal in Frauenkleidern, in Antonios Zimmer und gesteht ihm alles: Ihre Eltern hätten sie, „aus einem fatalen Irrtum, zu einem unnatürlichen Wesen um[geschaffen]“. Die Natur habe sich durch ihn „auf eine grausame Art an dem törichten Geschöpf, das ihr Trotz geboten hatte“, gerächt. Jetzt sei ihr das Leben und „die unwürdige Rolle, die [sie] gespielt habe, unerträglich“.Christoph Martin Wieland: Das Hexameron von Rosenhain. Herausgegeben von C. M. Wieland. In: Erzählende Prosa und andere Schriften (Hrsg.: Friedrich Beißner). Winkler Verlag München, 1965, S. 320 ff. Sie will auf ihren Besitz verzichten und sich in ein Kloster zurückziehen. Darauf gesteht auch Antonio seine Identität ein. In seiner ersten Reaktion schlägt er ihr die Teilung des Vermögens und eine Ehe vor. Doch Galora bleibt bei ihrem Entschluss, sie sei „für alle zarten weiblichen Verhältnisse und Gefühle unwiederbringlich verloren“. Am nächsten Tag verlässt sie den Hof, geht in ein Kloster und überlässt Antonio Dona Rosa.