Peter Ugelheimer, auch Ugelnheimer (* ca. 1442/1446 in Frankfurt am Main; † vor dem 10. Januar 1488 in Mailand) war ein venezianisch-deutscher Kaufmann, Buchhändler und Bibliophiler. Er ist auch bekannt als der Gastgeber der deutschen Pilgergruppe um Bernhard von Breydenbach, Erhard Reuwich und den Grafen Johann zu Solms auf dem Weg nach Palästina. mini|Das Wappen Peter Ugelheimers in Petrus de Abano: Expositio problematum Aristotelis cum textu. Venedig 1482 (Den Haag, Koninklijke Bibliotheek, 169 D 2, Fol. IV)

Leben Die Familie Ugel(n)heimer stammt ursprünglich aus der Pfalz, der Name leitet sich von der damaligen Schreibweise von Iggelheim, ab. Peters Großvater Hans kam aus Worms nach Frankfurt.Richard Froning (Bearb.): Frankfurter Chroniken und annalistische Aufzeichnungen des Mittelalters (= Quellen zur Frankfurter Geschichte 1). Frankfurt a. M. 1884, S. 440 (). Dessen 1463 verstorbener Sohn Peter Ugelnheimer d. Ä., der Vater Peters d. J., hat sicher bereits für die Blum-Gesellschaft Handel mit Venedig getrieben; sein gleichnamiger Sohn dürfte ihm schon in jungen Jahren darin gefolgt sein. Alexander Dietz kannte noch eine Quelle, nach der der jüngere Peter 1468 Teilhaber der Blumgesellschaft wurde.Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte. 4 Bände. Frankfurt a. M. 1910–1924, Band 1, S. 235, 263–267. Schon 1469 hat er ein Exemplar der von Johannes von Speyer in Venedig gedruckten Plinius-Ausgabe erworben und im norditalienischen Renaissance-Stil ausmalen lassen.Lilian Armstrong: Il Maestro di Pico: Un miniatore veneziano del tardo Quattrocento. In: Saggi e memorie di storia dell’arte 17 (1990), S. 7–39, hier S. 20 Anm. 53 (Nr. 1) (auch Wiederabdr. mit ergänzenden Anhängen in: dies.: Studies on Renaissance Miniaturists in Venice. London 2003, Band 1, S. 233–338). Vielleicht war er Faktor für die Gesellschaft, jedenfalls Beauftragter der Blum-Gesellschaft.

Spätestens 1476/77 hat er sich als Partner des herausragenden französischen Druckers Nicolas Jenson und des Frankfurter Kaufmanns Johann Rauchfass (gest. 1478) in Venedig selbstständig gemacht.Von 1475 gingen noch aus: Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte. Band 1. Frankfurt am Main 1910, S. 265. Philippe Braunstein: Les Allemands à Venise (1380–1520). Rom 2016, S. 608–609, 733 ff., 894–906. Mit Jenson, der in Mainz das Drucken gelernt haben dürfte, verband ihn eine tiefe Freundschaft. 1480 war Peter maßgeblich an der Gründung der Buchdruckgesellschaft „Johannes de Colonia, Nicolas Jenson et socii“ beteiligt.Gustav Ludwig: Contratti fra lo stampador Zuan de Colonia ed i suori socii e inventario di una parte del loro magazzino. In: Miscellanea di storia veneta ser. 2, 8 (1902), S. 45–88; Angela Nuovo: The Book Trade in the Italian Renaissance. Leiden 2013 (Paperback 2016), S. 28–31. Noch vor Ende 1480, nach dem Tod Jensons und dem Weggang von Johann von Köln, scheint er die Verantwortung für die Drucklegungen der Gesellschaft bis ca. 1483 übernommen zu haben.

Parallel dazu baute Ugelheimer ein erstaunliches Handelsnetz für das erst vor kurzem eingeführte gedruckte Buch in Mittel- und Oberitalien auf. Niederlassungen und Vertragsbuchhandlungen in Pisa, Perugia, Siena, Florenz, Mailand, Bergamo und Mantua sind bekannt.Angela Nuovo: The Book Trade in the Italian Renaissance. Leiden 2013 (Paperback 2016), S. 31–33, 41. Gleichzeitig verkaufte Ugelheimer im deutschsprachigen Raum über Buchführer und auf der Frankfurter Messe.Michael Rothmann: Die Frankfurter Messen im Mittelalter (= Frankfurter historische Abhandlungen 40), Diss. Frankfurt a. M. 1995, Stuttgart 1998, S. 422; eine Buchführeranzeige aus dem Umkreis Ugelheimers ediert von Bernd Breitenbruch: Ein Fragment einer bisher unbekannten Buchhändleranzeige. In: Gutenberg-Jahrbuch 62, 1987, S. 138–145 ().

In Venedig wohnte Ugelheimer ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr im Fondaco dei Tedeschi, sondern mit seiner Frau Margarete, geb. Molle, in einem offenbar stattlichen Haus in der Gemeinde San Paternian, das auch als Warenlager diente. Dort logierten die Pilger um Bernhard von Breydenbach 1483 für 22 Tage.Bernhard von Breydenbach: Peregrinatio in terram sanctam. Frühneuhochdeutscher Text und Übersetzung = Eine Pilgerreise ins Heilige Land, hrsg. von Isolde Mozer, Berlin/New York 2010, S. 54–55, 64–65, 82–83. Breydenbach empfahl das Haus Ugelheimers später in seiner Reiseinstruktion als ideale Unterkunft in Venedig.Reinhold Röhricht/Heinrich Meisner (Hrsg. u. Komm.): Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Lande. Berlin 1880, S. 127 (). 1488 ist seine Witwe aber in einem Haus in San Bartolomeo belegt.

1484 gab Ugelheimer sein Buchhandelsimperium weitgehend auf. Entgegen der älteren Ansicht scheint er aber nie geplant zu haben, Venedig endgültig zu verlassen. Im Sommer 1486 verkündete er für den Frankfurter Rat den deutschen Kaufleuten in Venedig die Verschiebung des Messetermins.Michael Rothmann: Die Frankfurter Messen im Mittelalter. Stuttgart 1998, S. 11. Am 16. Dezember 1487 setzte Ugelheimer in Mailand sein vor Ort erhaltenes Testament auf.Emilio Motta: Pamfilo Castaldi, Antonio Planella, Pietro Ugleimer ed il vescovo d’Aleria. Nuovi documenti per la Storia della Tipografia in Italia tratti dagli Archivi Milanesi. In: Rivista Storica Italiana 1 (1884), S. 252–272, bes. 260–263, Edition des Testaments S. 269–271. Begraben werden wollte er in der neuerrichteten Dominikanerkirche Santa Maria delle Grazie in Mailand oder vielleicht auch im zugehörigen Kreuzgang; sein Grab ist nicht erhalten.

Peters Witwe Margarete trieb mit Unterstützung der venezianischen Verwaltung die Außenstände ihres Mannes in Mailand ein, während sie in Frankfurt den noch bestehenden Immobilienbesitz der Eheleute verkaufte. In Venedig agierte sie als Fernhändlerin und De-Facto-Verlegerin; unter anderem ließ sie 1499 von Aldus Manutius die Edition der Briefe der Katharina von Siena drucken.Guido Beltramini/Davide Gasparotto/Giulio Manieri Elia (Ausstellung): Aldo Manuzio. Il rinascimento di Venezia (Ausst.-Kat. Venedig, Accademia 2016). Venedig 2016, Kat. Nr. 85 (Chiara Ponchia). Zum Druck: ISTC ic00281000; GW 6222; Zum digitalisierten Exemplar

Das Wappen der Familie ist in Silber ein blauer Balken mit goldener Fessel.

Leistungen

Ugelheimer kann als einer der Pioniere des Handels mit gedruckten Büchern gelten. Er dürfte durch die Finanzierung wichtiger Drucker einen bedeutenden Beitrag zur langen Zeit beherrschenden Stellung Venedigs im italienischen Buch- und Verlagswesen beigetragen haben. Seine Sammlung illuminierter Inkunabeln und Handschriften gehört zu den prachtvollsten Privatbibliotheken der Renaissance.Giordana Mariani Canova: La miniatura veneta del rinascimento. 1450–1500 (= Profili e saggi di arte veneta 7). Venedig 1969, S. 56–64; Jonathan James G. Alexander (Hrsg.): The Painted Page. Italian Renaissance book illumination 1450–1550 (Ausst.-Kat. London, Royal Academy of Arts 1994–1995; New York, Pierpont Morgan Library 1995). München 1994, S. 43–44 u. Kat. Nr. 96–101 (Lilian Armstrong); Jonathan James G. Alexander: The Painted Book in Renaissance Italy. 1450–1600. New Haven 2016, S. 183–188. Alle seine Bücher sind grundsätzlich auf Pergament gedruckt oder geschrieben, das damals bereits weitgehend vom Papier verdrängt worden war und nur noch für Luxusexemplare verwendet wurde. Die in drei Werkgruppen zu unterscheidenden Einbände seiner Bücher zählen zu den innovativsten und aufwendigsten der italienischen Frührenaissance.Anthony R. A. Hobson: Humanists and Bookbinders. The Origins and Diffusion of the Humanistic Bookbinding 1459–1559, with a census of historiated plaquette and medallion bindings of the Renaissance. Cambridge 1989, S. 38–41, 50–54, 91. Anscheinend hat nach seinem Tod die Mainzer Dombibliothek einige der wertvollsten Bände erworben.Theodor Gottlieb: Venezianer Einbände des XV. Jahrhunderts nach persischen Mustern. In: Kunst und Kunsthandwerk 16 (1913) 3, S. 153–176, hier 165–167.

Trivia Peters Bruder Johann ist der erste nachweisbare Student der Universität Mainz. Laut einer 1481 ausgestellten Studienbescheinigung (heute im Institut für Stadtgeschichte in Frankfurt am Main) hat er sich im Gründungsjahr 1477 beim Rektor Jakob Welder für ein zweijähriges (Zusatz-)Studium eingeschrieben.Josef Benzing, bearb. v. Alois Gerlich: Verzeichnis der Professoren der Alten Universität Mainz. Mainz 1986, S. 53. Peter Ugelheimer taucht in einem von Goethes Schwager Christian Vulpius gefälschten Pilgerbericht als Gastgeber der Pilger in Venedig auf.Christian August Vulpius: Hans Raininger aus Buchhorn, und seine Bedefahrt: nach gleichzeitigen Nachrichten. In: Curiositäten der physisch-literarisch-artistisch-historischen Vor- und Mitwelt. Zur angenehmen Unterhaltung für gebildete Leser 6 (1818), S. 323–334, hier 332–333 (Digitalisat). Der englische Zeitungsmagnat Henry Yates Thompson stellte die Frage in den Raum, ob der zweibändige Aristoteles-Druck aus dem Besitz Ugelheimers, der später in die Pierpont Morgan Library in New York gelangt ist, "das schönste Buch der Welt" sei.H. Yates Thompson: The most magnificient book in the world? In: Burlington Magazine 9 (1906) 37, S. 16–17 (). Allerdings befand sich der Morgan Aristoteles damals im Besitz von Yates Thompson selbst. Die resolute Bibliothekarin John Pierpont Morgans, Belle da Costa Greene, war allerdings wenig begeistert, als Morgan 1919 die Bände für 6000 Pfund erwarb.Anthony R. A. Hobson: Große Bibliotheken der Alten und der Neuen Welt. München 1970, S. 294. Heute gehört der "Morgan Aristotle" zu den Glanzstücken der Bibliothek.

Literatur Emilio Motta: Pamfilo Castaldi, Antonio Planella, Pietro Ugleimer ed il vescovo d’Aleria. Nuovi documenti per la Storia della Tipografia in Italia tratti dagli Archivi Milanesi. In: Rivista Storica Italiana 1 (1884), S. 252–272. Bartolomeo Cecchetti: Stampatori, libri stampati nel secolo XV. Il testamento di Nicolò Jenson e di altri tipografi in Venezia. In: Archivio Veneto 33 (1887), S. 457–467 (). Demetrio Marzi: I tipografi tedeschi in Italia durante il secolo XV. In: Otto Hartwig (Hrsg.): Festschrift zum fünfhundertjährigen Geburtstage von Johann Gutenberg. Leipzig 1900 (23. Beiheft zum Centralblatt für Bibliothekswesen) (), S. 407–453. Gustav Ludwig: Antonello da Messina und deutsche und niederländische Künstler in Venedig. In: Jahrbuch der königlich preußischen Kunstsammlungen. Beiheft zum dreiundzwanzigsten Band (1902), S. 43–65 (). Gustav Ludwig: Contratti fra lo stampador Zuan de Colonia ed i suori socii e inventario di una parte del loro magazzino. In: Miscellanea di storia veneta ser. 2, 8, 1902, S. 45–88. Alexander Dietz: Frankfurter Handelsgeschichte. 4 Bände. Frankfurt a. M. 1910–1925 (Digitalisate). Theodor Gottlieb: Venezianer Einbände des XV. Jahrhunderts nach persischen Mustern. In: Kunst und Kunsthandwerk 16 (1913) 3, S. 153–176 (Digitalisat). Konrad Haebler: Die deutschen Buchdrucker des XV. Jahrhunderts im Auslande. München 1924. Victor Scholderer: Printing at Venice to the end of 1481. In: The Library. Fourth Ser. 5 (1924) 2, S. 129–152 (Wiederabdr. in: ders.: Fifty essays in fifteenth- and sixteenths-century bibliography, hrsg. v. Dennis E. Rhodes, Amsterdam 1966, S. 74–89) doi:10.1093/library/s4-V.2.129. Friedrich Uhlhorn: Zur Geschichte der Breidenbachschen Pilgerfahrt. In: Gutenberg-Jahrbuch 9 (1934), S. 107–111 (Digizeitschriften). Tammaro De Marinis: La legatura artistica in Italia nei secoli XV e XVI. 3 Bände. Florenz 1960. Giuseppe Fumagalli: Lexicon typographicum Italiae. Dictionnaire géographique d’Italie pour servir à l’histoire de l’imprimerie dans ce pays. Erg. Neudr. (Erstdr. Florenz 1905), Florenz 1966. Giordana Mariani Canova: La miniatura veneta del rinascimento. 1450–1500 (= Profili e saggi di arte veneta 7). Venedig 1969. Leonardas V. Gerulaitis: Printing and Publishing in Fifteenth-Century Venice. Chicago 1976.