Ernst Magnus Weidemann (* 17. Dezember 1880 in Hamburg; † 9. Oktober 1967 in Keitum) war ein deutscher Pfarrer, Maler, Grafiker, Fotograf und Autor. Er war Mitbegründer der Freikörperkultur in der Lebensreform.

Leben Hamburg Magnus Weidemann wurde als Sohn des ordentlichen Lehrers, an der Höheren Bürgerschule Kleiner Schäferkamp,Eintrag H. Weidemann (Lehrer) im Hamburger Adressbuch 1880 Magnus Johann Heinrich Weidemann und dessen Frau Auguste Claudine Maria, geb. Langbehn,Das Ehepaar im Ortsfamilienbuch Wedel in Hamburg geboren. Sein jüngerer Bruder Karl August Heinrich kam vier Jahre später zur Welt.Ausschnitt aus der Dissertation Karl August Heinrich Weidemann (dort wird als Beruf des Vaters Lehrer an einer Oberrealschule angegeben, die aber aus der Höheren Bürgerschule hervorging). Durch das Beobachten seines zeichnerisch begabten, neun Jahre älteren Bruders Theodor, wuchs das Interesse, selbst zu zeichnen und zu malen heran. Als dieser früh verstarb, bekam er dessen Mal- und Zeichengeräte sowie ein englischsprachiges Buch über Aquarellmalerei. Spätestens im Jahr 1894 wohnte die Familie in der Bismarckstraße 2 im Generalsviertel.Eintrag im Hamburger Adressbuch 1895 (die Jahre vorher kein Eintrag). Bis zum Jahr 1901 noch im Adressbuch verzeichnet. Magnus Weidemann besuchte das Wilhelm-Gymnasium, wo er zu Ostern 1899 das Reifezeugnis erhielt.Verzeichnis sämtlicher Abiturienten des Wilhelm-Gymnasiums von 1881 bis 1931. In: Lehrerkollegium des Wilhelm-Gymnasiums (Hrsg.): Festschrift zum 50jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums zu Hamburg. Christians, Hamburg 1931, PPN 301222665, S. 161–187. (Abiturienten-Nr. 277, Festschrift Online)

Sein Lehrer Richard Linde,Ausschnitt aus Lindes Biografie in Hamburgische Biografie – Personenlexikon, Band 2, von Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke, Wallstein Verlag, 2001, S. 256 (Leseprobe bei Google Books) der mit dem Kunsthallendirektor Alfred Lichtwark befreundet war, wurde auf sein Talent aufmerksam und vermittelte ihm einen Sondereinlass in die Hamburger Kunsthalle, die er fast jeden Sonntag besuchte. Dort begeisterte er sich unter anderem für Werke von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge, Anselm Feuerbach, Max Klinger, Arnold Böcklin, Valentin Ruths, Giovanni Segantini und vor allem Eugen Bracht, sowie für Werke von französischen und deutschen Impressionisten, die Lichtwark ankaufte und ausstellte. Als es Lichtwark erschwert wurde, Hamburger Impressionisten in der Kunsthalle auszustellen, führte das im Jahr 1897 zur Gründung des Hamburgischen Künstlerklubs. Ab 1898 malte Weidemann hauptsächlich kleine Aquarelle, die schon das Charakteristikum seines malerischen Gesamtwerks trugen, offenbart durch das besondere Einfühlungsvermögen in die oft zarte oder herbe Schönheit der Natur.

Studium mini|hochkant|Turm der St.-Clemens-Kirche in Nebel auf Amrum, den Magnus Weidemann 1908 entwarf Die Ferien verbrachten die aus Ostholstein stammenden Eltern mit den Kindern immer in Glücksburg. Den Wünschen seiner Eltern entsprechend, entschied Magnus Weidemann sich für ein Theologiestudium, statt auf eine Kunstakademie zu gehen, malte aber parallel zum Studium weiter. Von 1900 bis 1901 studierte er an der Eberhard Karls Universität in Tübingen Evangelische Theologie.Namensliste der Tübinger Studierenden In dieser Zeit siedelte auch seine Familie gänzlich nach Glücksburg über. Er setzte danach sein Theologiestudium an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald fort, wo er Rügen und Hiddensee kennenlernte. Er war Mitglied der Studentenverbindungen des Wingolfsbundes Tübinger Wingolf, Kieler Wingolf und Greifswalder Wingolf.Studentenfoto von Magnus Weidemann mit draufgeschriebenen Wingolf-Zirkeln Neben vielen Studien, Zeichnungen und Aquarellen entstanden in der Zeit auch die ersten Exlibris. 1903 entwarf er das erste für sich selbst, im Jahr 1905 folgten weitere für die Privatschule von Franziska Kraus in der Waitzstraße 2 in Kiel, die 1908 als Höhere Mädchenschule anerkannt wurde, und für die Kieler Buchhandlung Lipsius & Tischer.Artikel von Manfred Wedemeyer: Schleswig-Holsteinische Exlibris von Magnus Weidemann in Die Heimat, Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg, Nr. 3/4, 1991, S. 118–119 (Digitalisat) Sein ersehntes erstes Aktmodell wurde seine Cousine, die auch seine erste Ehefrau wurde. Eine Kunstakademie zu besuchen, scheiterte nach dem Theologiestudium an dem Veto seines Schwiegervaters.

Amrum Im Jahr 1908 reiste er allein nach Amrum, wo er in Nebel in der St.-Clemens-Kirche für ein Jahr seine erste Pfarrstelle antrat. Als für die alte Kirche ein Turm gebaut werden sollte, konnte er den Kirchenvorstand von einem neogotischen Entwurf abbringen und überzeugte ihn zu der Annahme seines eigenen Entwurfes, der in seiner Schlichtheit der Friesenlandschaft besser entsprach. Neben dem Entwurf, Zeichnungen und die ersten größeren Ölgemälde entstanden auch Motive, die auf Postkarten gedruckt erschienen. Bei einem Ausflug nach Hörnum kam er zum ersten Mal mit Sylt in Berührung.

Kiebitzreihe Nach einer kurzen Pfarrvertretung in der Marktkirche in Blankenese, mit zahlreichen Elbstudien, bezog er das kleine Pfarrhaus der Kapelle in Kiebitzreihe, zu Kapelle mit Pastorat in Kiebitzreihe einem Dorf im Königsmoor bei Elmshorn, um seine neue Pfarrstelle anzutreten, die er, mit einer Unterbrechung von zwei Jahren, bis 1920 beibehielt. Im August 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, was ihn tief erschütterte. Er meldete sich freiwillig als Sanitäter beim Roten Kreuz und kam nach Frankreich. In seiner freien Zeit fertigte er mit französischen Farbstiften hauptsächlich in der Gegend um Chauny, Laon und La Fère Zeichnungen von Gebäuden, Menschen und der Landschaft. Zu der Zeit war seine Frau, die Krankenschwester beim Roten Kreuz geworden war, in Kiel und Warschau eingesetzt, sein Vater starb in Glücksburg und ein Bruder von ihm fiel in Flandern. Nach zwei Jahren wurde er für sein heimisches Pfarramt reklamiert und er kehrte 1916 zurück nach Kiebitzreihe.S. 180 in Wattenmeer und Nordsee in der Kunst – Darstellungen von Nolde bis Beckmann von Nina Hinrichs, unten, Fußnote 6 Die kinderlose Ehe wurde in beiderseitigem Einverständnis getrennt. Das leere Pfarrhaus wurde sofort einem Atelier entsprechend eingerichtet. Er begann ein Werkverzeichnis und stellte eine Haushälterin ein. Diese brachte ein Pflegekind mit ins Haus, die zwölfjährige Ina, die mit ihrer Feinsinnigkeit und ihrem Kunstverständnis Weidemann begeisterte. Er malte sie mindestens einmal in Öl, 1918. In diesem Jahr nahm er auch an einem Radierkursus in der Kunstgewerbeschule in Hamburg teil.Artikel von Manfred Wedemeyer: Schleswig-Holsteinische Exlibris von Magnus Weidemann in Die Heimat, Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg, Nr. 3/4, 1991, S. 120 (Digitalisat) 1919 lernte er die Tänzerin Molli Mollenhauer kennen, die eines seiner Modelle wurde und 1920 seine Frau. Er geriet 1919 in Kontakt mit der Jugendbewegung, an deren Jahrestagungen er mit seiner Frau im Kronacher Bund teilnahm. Schon vorher hatte er, von Ferdinand Avenarius Zeitschrift Der Kunstwart und dem Jugendstil beeinflusst, die lebensreformerischen Strömungen bejaht und unterstützt. Der autodidaktische Künstler gab seinen Pfarrberuf auf und verkaufte 1920 sämtliche Gemälde an einen Kopenhagener Mäzen, sodass er sich im nahen Siethwende in Sommerland nach eigenen Entwürfen ein Haus bauen konnte, den Sonnenhof.

Sonnenhof Der Sonnenhof bekam ein hohes Atelier und einen abgeschirmten Garten, in dem in den folgenden Jahren viele Aktaufnahmen entstanden. Durch Einladungen der Jugendbewegung reiste er unter anderem in den Harz, an die Weser, nach Sachsen, Schlesien und in die Schweiz. Der Einfluss von Jugendstil und Symbolismus ist in den zahlreichen Exlibris und Radierungen dieser Zeit deutlich erkennbar, der Einfluss von Fidus, der später ein langjähriger Freund wurde, ist wiederum in der grafischen Gestaltung erkennbar. Der Sonnenhof war bis 1925 Sitz des Verlages und der Redaktion der FKK-Zeitschrift Die Freude, deren erster Redakteur er 1923 war. Für die Zeitschrift entstanden fast 50 schriftliche Beiträge von ihm sowie 87 Bildreproduktionen und Aufnahmen aus seiner Hand. Das Haus war Treffpunkt vieler Angehöriger der Jugendbewegung, insbesondere des Geestländer Tanzkreises, dem seine Frau angehörte. Von dem Museumsdirektor Otto Lehmann nahm er 1925 den Auftrag an, für die geologische Abteilung des Altonaer Museums Wandgemälde anzufertigen. Nach Studien auf Fahrten mit Otto Lehmann und dem Geologen Karl Gripp entstanden fünf Großgemälde schleswig-holsteinischer Landschaftsformen, die Dünen und Watt auf Sylt, das Rote Kliff, das Morsum-Kliff, Binnendünen am Rande der Kremper Marsch und das Tunneltal bei Ratzeburg.

Sylt Die Jugendbewegung zog Magnus Weidemann auch nach Sylt, wo er ab 1921 jeden Sommer eine Zeit lang in Klappholttal verbrachte, wo unter Leitung von Knud Ahlborn und Ferdinand Goebel das Freideutsche Lager aufblühte. 1925 erwarb er Goebels uthlandfriesisches Kapitänshaus aus dem Jahre 1776 in Keitum und verlegte seinen Wohnsitz nach Sylt, wo er am 1. Januar 1926 eintraf. Das Haus wurde ausgebaut, und nachdem seine Frau nach Köln zog, um sich als Tanzlehrerin ausbilden zu lassen, übernahm die Hauswirtschaft Anna Beusen, auch Antje, aus Flensburg, die 1932 seine dritte Frau wurde. 1932 erfolgte eine Schwedenreise. 1935 schuf er Wandbilder für das Brandschutz-Museum in Kiel. 1937 ließ er sich von seinem Freund, dem Architekten Fritz Höger, einen stilgerechten Anbau für sein Haus entwerfen, der im selben Jahr entstand.Werkverzeichnis Fritz Höger, Werk 314, 1937, Ferienhaus Keitum/Sylt Anbau, auf medieninformatik.deAusschnitt aus der Seite 193 in Fritz Höger (1877–1949) – Moderne Monumente, Band 1, von Claudia Turtenwald, Dölling und Galitz Verlag, 2003 Weidemann hegte eine Freundschaft mit dem Kieler Maler Heinrich Blunck (1891–1963). In den Jahren 1940 bis 1942 erfolgten Reisen nach Bayern, Berlin und Ostpreußen. In dieser Zeit war die Landschaftsmalerei auf Sylt verboten. Am 5. Mai 1943 schrieb Weidemann an den Maler Ingwer Paulsen, der aus Altersgründen aus dem Wehrdienst entlassen wurde und an einen malerischen Neuanfang auf Sylt dachte:Ulrich Schulte-Wülwer: Kieler Künstler – Band 3: In der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus 1918–1945. Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte herausgegeben von Jürgen Jensen, Band 88, Boyens, Heide 2019, ISBN 978-3-8042-1493-4, S. 282, 284 (Fußnote 83)

Auf Wunsch des Sylter Archivs in Westerland fertigte Magnus Weidemann 1952 unfarbige Tuschezeichnungen seiner Sylt-Motive an. Fünfundachtzigjährig reiste er mit seiner Frau nach Paris. Auch im Krankenbett arbeitete er täglich und diktierte seiner Frau die letzten Schriften. Er starb am 9. Oktober 1967 in Keitum und wurde an der Friedhofsmauer der Keitumer Kirche St. Severin begraben.

Magnus Weidemann war Mitglied im Reichsverband bildender Künstler Deutschlands, in der Schleswig-Holsteinischen Kunstgenossenschaft und im Kronacher Bund sowie Ehrenmitglied im Deutschen Verband für Freikörperkultur (DFK)Nachweis der Mitgliedschaft in der DFK und im Verein Naturschutz Insel Sylt.