Die SchulerzählungWidmann (2021) spricht von der „erzählenden Schulliteratur“ und von „literarischen Schultexten“, Whittaker (2013) schreibt „Schulliteratur“, Mix (1995) „Schulgeschichten“. „Schulerzählung“ schließt diese Begriffe, die zu Verwechslungen Anlass gaben (Schulliteratur = in der Schule gelesene Literatur; Schulgeschichten = Historische Entwicklung realer Schulen), ein und erweitert sie um Angebote elektronischer Medien. Vgl. auch die Einleitung zu Helmes/Rinke (2016) sowie benachbarte Begriffe wie Adoleszenzroman, Bildungsroman, Erziehungsroman. ist ein international vertretenes, kulturspezifisch ausdifferenziertes Genre der erzählenden Literatur und des Films, im weiteren Sinne auch von Drama und Hörspiel.Vgl. unter „Literatur“ bspw. Ansgar Nünning (1997) und Manfred Schmeling, Kerst Walstra (1997). In diesem Genre ist die Schule Thema und Haupt- oder Nebenschauplatz. Die an ihr beteiligten Akteure, also insbesondere die Lehrkräfte und Schüler, sind die Hauptfiguren; Nebenfiguren stellen insbesondere Eltern und Vertreter von Schulbehörden dar.

Adressaten von Schulerzählungen können sowohl Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche sein, manche richten sich als All-age-LiteraturVgl. unter „Literatur“ Maria Bertling (2016). an alle Altersgruppen. Die Adressierung ist häufig daran zu erkennen, ob vorwiegend aus der Schüler- oder Lehrerperspektive erzählt wird. Eine Sonderform der Schulerzählung, die von der Grundschule bis zum Gymnasium alle gängigen Schulformen thematisieren kann, ist der Internatsroman.

Neben der so bestimmten Schulerzählung als Genre gibt es eine Fülle von literarischen, filmischen oder sonstigen medialen Werken (bspw. Kabarett), in denen Schule und deren Akteure eine prominente Rolle spielen (vgl. Liste der Schulerzählungen in Literatur und Medien), sei es als Episode, als Nebenschauplatz oder als thematische Facette. Prominente literarische Beispiele sind hier bspw. Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser (1785 f.), Theodor Fontanes Mathilde Möhring (1896), Ludwig Thomas Lausbubengeschichten (1905), Ernst Glaesers Jahrgang 1902 (1928), Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues (1928) oder Martin Walsers Ein fliehendes Pferd (1978). Diese zahlreichen Werke gilt es zu beachten, wenn sich das Interesse auf künstlerische Entwürfe der Bildungseinrichtung Schule richtet.Vgl. dazu näher die unter „Literatur“ angegebenen Studien.

Periodisierung und Gruppierung

Es bieten sich unterschiedliche Modelle der Periodisierung und Gruppierung an. Denkbar ist bspw. eine Periodisierung in Analogie zu literarischen Epochen und eine Gruppierung nach Schulformen, Geschlecht, thematischem Fokus, Kulturen, Ethnien oder nach Medien und Gattungen.Für Fragen der Periodisierung nach literarischen Epochen oder nach politisch-gesellschaftlichen Parametern vgl. bspw. Rainer Rosenberg: Epochengliederung. In: Deutsche Vierteljahresschrift 61, 1987, S. 216–235; Michael Titzmann: Probleme des Epochenbegriffs in der Literaturgeschichtsschreibung. In: Karl Richter, Jörg Schönert (Hrsg.): Klassik und Moderne. Stuttgart 1982, S. 98–131. ISBN 978-3-476-00534-2; Helmut Kreuzer: Zur Periodisierung der modernen Literatur. In: Helmut Kreuzer: Veränderungen des Literaturbegriffs. Fünf Beiträge zu aktuellen Problemen der Literaturwissenschaft. Göttingen 1975, S. 41–63. ISBN 978-3-525-33362-4.

Die nachfolgende Einteilung verzichtet auf eine explizite Gruppierung. Hinsichtlich der Periodisierung zieht sie Verbindungslinien zwischen der Entwicklung der Schulerzählung als solcher (bspw. Lehrer- und Schülerfiguren betreffend)Vgl. bspw. unter „Literatur“ Helmes/Rinke: Einleitung. In: Dies.: Gescheit, gescheiter, gescheitert?, S. 7–12, sowie Mikota: Lehrer als Täter – Schüler als Opfer, oder doch umgekehrt? Schule in der Gegenwartsliteratur. und weitreichenden politisch-gesellschaftlichen Einschnitten. Als solche werden, eingedenk weiterer möglicher Untergliederungen wie 1933 oder 1945 als Eckdaten des Dritten Reichs, aus deutscher Sicht die in der (Literatur-) und (Kultur-)Geschichte zur Periodisierung häufig herangezogenen Jahre 1848/49 (Märzrevolution), 1918/19 (Ende des Deutschen Kaiserreichs), 1967/68 (68er-Bewegung) und 1989/90 (Deutsche Wiedervereinigung) erachtet.

Schulerzählungen bis 1848

Als erster Internatsroman der Weltliteratur und zudem als erster an Kinder gerichteter Roman gilt The Governess, or The Little Female Academy von Sarah Fielding, veröffentlicht 1749 (dt. 1761). Zur Etablierung des Genres in der Weltliteratur trug der 1857 (dt. 1867) publizierte Roman Tom Brown's School Days von Thomas Hughes bei. Im deutschsprachigen Raum traten in der zweiten Hälfte des 18. und im frühen 19. Jahrhundert Jakob Michael Reinhold Lenz mit Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung (1774), Johann Gottlieb Schummel mit Spitzbart, eine komisch-tragische Geschichte für unser pädagogisches Jahrhundert (1779) sowie Jeremias Gotthelf mit Leiden und Freuden eines Schulmeisters (1838) hervor.

Schulerzählungen bis 1918

Im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte Emmy von Rhoden mit ihrem Internatsroman Der Trotzkopf (1883; Untertitel: Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen) großen und nachhaltigen Erfolg. Viel Anklag beim weiblichen Publikum fand auch Else Ury mit ihrer Nesthäkchen-Serie, in der vor allem Band 2, Nesthäkchens erstes Schuljahr (1915), eine Schulerzählung ist. Beim männlichen Publikum wurden männerbündische Texte wie Von Jungen, die werden. Neue Geschichten vom Dr. Fuchs (1909) und Die Kriegsprima und andere Geschichten vom Dr. Fuchs (1915) von Fritz Pistorius favorisiert, die zur mentalen Militarisierung der Jugend beitrugen und Kriegsbegeisterung wecken sollten.

Koedukation ist in den frühen Schulerzählungen kein Thema. Es wird von reinen Jungen- oder Mädchenklassen erzählt. Die Lehrerinnen in den Schul- und Internatsromanen für Mädchen sind teils streng und unnachgiebig, teils aber auch verständnisvoll und sozialintegrativ gezeichnet. Anders verhält es sich in den seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend Verbreitung findenden Schulerzählungen für einen erwachsenen Leserkreis. Dazu zählen Werke wie Das Leid eines Knaben (Conrad Ferdinand Meyer, 1988), Der erste Schultag (Arno Holz und Johannes Schlaf, 1889), Der Vorzugsschüler (Marie von Ebner-Eschenbach, 1898), Freund Hein. Eine Lebensgeschichte (Emil Strauß, 1902), Die Turnstunde (Rainer Maria Rilke, 1902), Unterm Rad (Hermann Hesse, 1906), Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Robert Musil, 1906) oder Der Vorzugsschüler (Joseph Roth, 1916). Einige dieser Geschichten enden für die im Mittelpunkt stehenden Schüler sogar tödlich. Sie zerbrechen am autoritären, bürokratisch orientierten, allein an fachlichen Standards ausgerichteten Handeln ihrer Lehrer und am Überehrgeiz ihrer Eltern. Mit seinem herausragenden gesellschaftskritischen Roman Professor Unrat (1904), 1930 von Josef von Sternberg unter dem Titel Der blaue Engel als individuelle Tragödie eines alternden Kauzes weltberühmt verfilmt, fügte Heinrich Mann dem Genre eine neue Facette hinzu, indem er den nur mit seiner Amtsautorität ausgestatteten, persönlich aber schwachen und haltlosen Gymnasiallehrer Raat – ein satirisch gezeichneter Repräsentant des Wilhelminismus – an seiner Leidenschaft für eine Tänzerin sozial zugrunde gehen ließ.

Schulerzählungen 1918 bis 1968

Die Schulerzählungen, die nach dem Ersten Weltkrieg publiziert wurden, weisen polyvalente Lehrerfiguren auf. Neben dem autoritären gibt es den sozialintegrativen Typus. Auch gebrochene, an der Schulsituation leidende Lehrer kommen bereits vor. Beispielhaft für einen solchen Charakter steht der Lehrer Josef Blau aus dem Roman Die Klasse (1927) von Hermann Ungar. Er leidet unter Wahnzuständen, da er sich mit seiner Klasse in einem ständigen Kampf wähnt, und muss sich beurlauben und von einem stärkeren, „gesünderen“ Kollegen vertreten lassen. Friedrich Torberg erzählt in seinem Jahrzehnte später (1981) von Wolfgang Glück auch verfilmten Roman Der Schüler Gerber (Originaltitel: Der Schüler Gerber hat absolviert; 1930) die Geschichte eines Lehrer-Schüler-Machtkampfs, der für den Schüler Kurt Gerber tödlich endet. Sein Gegenspieler, der Mathematiklehrer Artur Kupfer, genannt „Gott Kupfer“, trägt sadistische, aber auch ambivalente Züge, da er dazu beiträgt, dass Gerber die Matura (das Abitur) besteht. In diesem Zusammenhang ist auch Christa Winsloes Theaterstück Gestern und heute (Uraufführung 1930 unter dem Titel Ritter Nérestan) zu nennen. Das Stück wurde bereits 1931 von Leontine Sagan und Carl Froelich unter dem Titel Mädchen in Uniform verfilmt und spätestens durch das gleichnamige filmische Remake (1958) durch Géza von Radványi mit Romy Schneider, Lili Palmer, Sabine Sinjen und Therese Giehse in Hauptrollen berühmt. Hier geht es einerseits um die erotisch grundierte Liebe zwischen einer jungen Internatsschülerin und einer ihrer Lehrerinnen, andererseits aber auch um eine Abrechnung mit den Erziehungsvorstellungen im Deutschen Kaiserreich insbesondere für Mädchen. Hervorzuheben ist zudem Franz Werfels Roman Der Abituriententag. Die Geschichte einer Jugendschuld (1928), der Anfang des 20. Jahrhunderts und zur Mitte der 1920er Jahre spielt und der neben Lehrerfiguren vor allem vom Wilhelminismus geprägte Schülerfiguren kritisch beleuchtet.

In seinem Kinder- bzw. Jugendbuch-Klassiker Das fliegende Klassenzimmer (1933; s. u.) lässt Erich Kästner in Gestalt des Internatslehrers Dr. Johann Bökh (genannt „Justus“, der Gerechte) einen uneingeschränkt väterlich-fürsorglichen Lehrer auftreten. An Kinder und Jugendliche richtet sich auch Wilhelm Speyer mit seinem Roman Der Kampf der Tertia (1927), der von Solidarität und von der Verpflichtung erzählt, sich für den Schutz der Schwachen einzusetzen. Magda Trott entwirft in den 1930er Jahren in ihren Pucki-Bänden zusehends ein erzkonservatives Frauenbild, das schon in Bänden wie Puckis erstes Schuljahr (1935) und Pucki kommt in die höhere Schule (1936) aufscheint. Eine Sonderrolle nimmt das Bilderbuch Die Häschenschule (1924) von Albert Sixtus und Fritz Koch-Gotha ein, das sich noch heute größter Beliebtheit erfreut.

Für die Zeit von 1933 bis 1945 sind neben Ödön von Horvaths Jugend ohne Gott (1937), einer schonungslosen Kritik an der durch den Nationalsozialismus verdorbenen Jugend, vor allem der Roman Die Feuerzangenbowle (1933) von Heinrich Spoerl sowie die bis heute äußerst populäre Verfilmung gleichen Titels (1944) unter der Regie von Helmut Weiss bemerkenswert. Seine Wirkung bezieht der eng an den Roman angelehnte Film, für den eine frühere Verfilmung durch Robert Adolf Stemmle (1934) und eine spätere Verfilmung durch Helmut Käutner (1970) keine Konkurrenz darstellen, vor allem aus dem Charisma seines Hauptdarstellers Heinz Rühmann, aus der Skurrilität brillant dargestellter Lehrerfiguren (Erich Ponto, Paul Henckels), ganz allgemein aus der Verklärung des Schullebens, das in eine nur mittelbar zu erschließende „gute“ Vergangenheit (Deutsches Kaiserreich) zurückverlegt ist, sowie aus der stimmungsvollen Musik von Werner Bochmann.

In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg spielt das Thema Schule in an Erwachsene gerichteter deutschsprachiger Literatur keine prominente Rolle. Einschlägiger ist es hingegen im Bereich Kinder- und Jugendliteratur bspw. mit Oliver Hassencamps Die Jungens von Burg Schreckenstein (1959) und insbesondere mit Anna Maria Jokls Roman Die Perlmutterfarbe. Eine Kindererzählung für fast alle Leute (1948) vertreten. Die Perlmutterfarbe, 2008 von Marcus H. Rosenmüller unter gleichnamigem Titel verfilmt, erzählt anhand einer Schulgeschichte vom Aufkommen des Nationalsozialismus Anfang der 1930er Jahre.