Die Geschichte der Sportdidaktik beinhaltet die Wandlungen und Entwicklungen der Sinngebungen, Zielsetzungen, Vermittlungstechniken und Kontrollmechanismen im Bereich der körperlichen Erziehung seit der ersten systematischen Befassung mit dem speziellen Aufgabenfeld der Körperertüchtigung in der griechischen Antike. Sie stellt sich gleichzeitig als eine Geschichte der Selbstfindung des Faches dar, wie sie sich etwa in dem historischen Ringen um die zutreffende Namensgebung des Erziehungsfeldes offenbart.

Griechische Antike Die Geschichte der Sportdidaktik hat begrifflich ihren Ursprung in der griechischen Antike. Ausgehend von dem Grundbegriff didáskein = ‚lehren‘ entstand im antiken Griechenland ein reiches Wortfeld, das bereits eine intensivere systematische Beschäftigung mit dem Problembereich des Lehrens und Lernens kennzeichnet. Es entwickelten sich Begriffe wie „didáskalos“ für „Lehrer“, „didaskaleion“ für „Schule“, „didaskalía“ für „Unterricht“, „didaskálion“ für das „Gelernte“ oder „didaktikós“ für die „belehrende Tätigkeit“.Adolf Kaegi: Benselers griechisch-deutsches Schulwörterbuch. 12. Auflage. Verlag Teubner, Leipzig/Berlin 1904, S. 200. Aus diesem Wortfeld bildete sich das heute als „Didaktik“ bekannte Kompositum (didaktikè téchnē) mit der Bedeutung „Technik“, „Kunst“, „Wissenschaft“ des Lehrens und Lernens und seit den 1960er-Jahren auch das Aufgabenfeld „Didaktik der Leibesübungen“ und das Kompositum „Sportdidaktik“ heraus.

Speziell zuständiger Experte für die Ausrichtung der körperlichen Bildung war in der klassischen Zeit der „Gymnastikós“, der Sportlehrer, der nach den Lehren der gymnastischen Kunst, der „gymnastikè téchne“, im „gymnásion“, der „Sportstätte“, nach bestimmten Regeln zu unterrichten hatte.Vgl. Kaegi 1904, S. 167. Ein elementarer Lehr- und Lerngegenstand war das sogenannte „Pentathlon“, ein aus Weitsprung, Kurzstreckenlauf, Diskuswurf, Speerwurf und Ringkampf bestehender Fünfkampf, der ein breites physisches Fähigkeitsspektrum repräsentieren sollte. Der systematischen Körperbildung der Jugend, die nach dem antiken Geschichtsschreiber Flavius Philostratos (Gymnastik, Kapitel 14) mit hygienischen und diätetischen Lehren verbunden war, wurde neben der geistigen Orientierung in den Philosophenschulen ein hoher Rang zugemessen.Kai Brodersen (Hrsg.): Philostratos: Sport in der Antike (Peri Gymnastikes / Über das Training). Marix, Wiesbaden 2015.

In der frühen Zeit war die im Dienste eines ganzheitlichen Bildungsauftrags agierende Didaktik nach einem Leitsatz Homers auf das Höchstleistungsprinzip ausgerichtet. Es wurde zur Erziehungsrichtlinie der aristokratischen Oberschicht und hatte sich vor allem in Form von soldatischen Qualitäten in den Kriegen zu bewähren: Mit den Worten :: „Immer der erste sein und alle andern übertreffen.“Ilias 6.208 und 11.784 in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß schickt König Hippolochos in der Ilias seinen Sohn Glaukos in den Trojanischen Krieg. Als oberste didaktische Maxime war dieses Prinzip auch noch in der klassisch-demokratischen Zeit von Bedeutung, als die Anstrengungen in den langen Trainingsphasen auf die alle vier Jahre anstehenden Olympischen Spiele mit ihren attraktiven Prämien für die Sieger ausgerichtet war. Es ging weiterhin um das gegenseitige Übertreffen der Athleten und um den Ruhm für sich und die Polis. Seit dem Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt spricht man entsprechend vom sogenannten agonalen Prinzip der Epoche.

Doch schon in der klassischen Zeit lassen sich zwischen den sportdidaktischen Vorstellungen der einzelnen Stadtstaaten Unterschiede ausmachen: So standen beispielsweise in der Kriegergesellschaft Spartas die „Kriegskunst“ und eine entsprechende Fokussierung der gymnastischen Ausbildung auf die Entwicklung der Grundeigenschaften Kraft und Ausdauer sowie eine Ertüchtigung in Waffentechnik mit Waffenläufen und der Handhabung von Kriegsgerät im Vordergrund. Die antiken Geschichtsschreiber Pausanias (VIII, 26) und Lukian von Samosata (Anacharsis Kap. 38) erwähnen das sogenannte „Platanistas“, ein Rauf- und Kriegsspiel um den Besitz einer kleinen Flussinsel. Im Unterschied dazu favorisierte die unter dem Einfluss der Philosophenschulen stehende Erziehung Athens eine Menschenbildung im Sinne des Ideals der Kalokagathia. Der Begriff „Schön-Gutheit“ bezeichnet die körperliche, moralische und geistige Vollkommenheit. Sie wurde als ganzheitliches Bildungsideal vor allem durch den Philosophen und Erzieher Sokrates propagiert, didaktisch aufbereitet und in den Dialogen Platons anschaulich bis in unsere Zeit überliefert.Julius Bohus: Sportgeschichte. Gesellschaft und Sport von Mykene bis heute. München 1986. In seiner „Politeia“ hat Platon seine Idealvorstellung des gebildeten Menschen im Sinne der Kalokagathia folgendermaßen formuliert: „Wer geistige Bildung und körperliche Leistungsfähigkeit aufs Schönste verbindet und sie im rechten Maße der Seele dienstbar macht, der ist nach unserer Ansicht der vollendet gebildete und harmonisch gefügte Mensch“,zit. n. Bruno Saurbier: Geschichte der Leibesübungen. 10. Auflage. Verlag Limpert, Frankfurt 1978, S. 9.

Römische Antike Die Menschenbildung in der römischen Antike bewegt sich aufgrund der von der begüterten Oberschicht zur Erziehung ihrer Nachkommenschaft gern eingesetzten griechischen Lehrer noch lange in der Tradition des griechischen Bildungswesens und deren Didaktik.K. Huber: Theorie der gymnischen Erziehung bei den Römern. Langensalza 1934. Auch im römischen Bildungswesen nehmen neben der disziplinierten militärischen Ausbildung auf dem Marsfeld vor den Toren Roms und der sachgerechten Entwicklung entsprechender Kompetenzen in körperlicher Fitness und Waffentechnik, den sogenannten „exercitia“, Vorstellungen von einem ganzheitlich zu bildendem Menschentum einen breiten Raum ein: Im Zusammenhang mit der Geburt eines Kindes ist von dem römischen Satiriker Juvenal ein meist verkürzt zitierter Satz überliefert, der die Verbindung von körperlicher und geistiger Gesundheit anspricht, die nicht als Gegebenheit, sondern als Wunschvorstellung zu verstehen sei, und für deren Realisierung es zu beten gelte: […] orandum est, ut sit mens sana in corpore sano. (Man sollte darum beten, dass sich ein gesunder Geist mit einem gesunden Körper verbinden möge)(Satire 10, 356). In dem lateinischen „ut sit“ verbirgt der Satiriker damit das Interpretationspotenzial, dass diese gewünschte Verbindung auch als didaktische Aufgabe zu verstehen sei.

Mittelalter Das frühe Mittelalter kennzeichnet in den Bildungsvorstellungen ein Auseinanderklaffen von mönchischer Gelehrsamkeit, wie sie sich in den „Artes liberales“ (den sieben freien Künsten) darstellt, und den ritterlichen Idealen einer auf Kampf, Waffentechnik und körperliche Fähigkeiten ausgerichteten Oberschicht. Dem standesbewussten verächtlichen Herabblicken des Ritters auf die „Bücherbildung“ der Gelehrten verleiht der Dichter Hartmann von Aue (um 1186) in seinem Versroman „Gregorius“ Ausdruck: „Wer in der Schule ist geblieben – solang dass er darin vertrieben – der Reitkunst fremd das zwölfte Jahr, – der müsse wahrlich immerdar – dann leben wie die Pfaffen.“ (Gregorius V. 1377) Über eine intensive Ausbildung durch spezialisierte Lehrmeister, über ein regelmäßiges Training und die Beweisführung der ritterlichen Kompetenzen in Turnieren, Fehden und Kriegen bemüht sich die Ritterschaft, sich als oberster Stand in der Ständeordnung zu behaupten und seine Überlegenheit zu rechtfertigen. Die Leibestüchtigkeit im Reiten, Fechten, Armbrustschießen, Turnieren und weiteren körperlichen Fähigkeiten wie Wettlaufen, Grabenspringen, Speerwerfen oder Steinstoßen schafft auch eine Rangordnung unter den Rittern selbst und ein entsprechendes gesellschaftliches Ansehen.Saurbier S. 62f. So berichtet der Dichter Eilhart von Oberge in seinem Versroman „Tristrant“, dass der sagenhafte König Marke aufgrund seiner überragenden Leistungen bei einem Kampfspiel auf Tristan aufmerksam wird und ihn an seinen Hof holt. Die „Ritterspiegel“ (Le livre de Chevalerie) des Ritters Geoffroy de Charny (1300–1356) bzw. des Johannes Rothe (um 1410) listen im Kontrast zu den sieben scholastischen Künsten sieben „Behendigkeiten“ auf, die der hochmittelalterliche Ritter kunstgerecht beherrschen sollte: Reiten, Schwimmen, Schießen, Klettern, Turnieren und Tjostieren, Ringen und Fechten sowie Hofieren.Johannes Rothe: Der Ritterspiegel. hrsg. v. Christoph Huber und Pamela Kalnig, Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2009. Sie wurden teilweise bereits in speziellen Lehrbüchern didaktisch aufbereitet. Es entstanden Reitlehren, Fechtbücher, Turnierlehren und im Jahre 1538 das erste Schwimmlehrbuch des Universitätslehrers Nikolaus Wynmann mit dem Titel „Columbetes sive de arte natandi“, das sich bereits mit der Technik des Brustschwimmens befasst.

Frühe Neuzeit Die Zeit des Humanismus zeigt unter der Dominanz klösterlich-mönchischer Erziehung hinsichtlich der Bewertung von Spiel und Leibesertüchtigung noch ein zwiespältiges Bild: Einerseits stießen die Gelehrten beim Studium der Antike bewundernd auch auf die griechische „Gymnastik“ mit ihrer hohen Wertschätzung des ausgewogenen körperlich-geistigen Bildungsideals der Kalokagathia, was etwa in dem Gespräch des Magisters Joachim Camerarius („dialogus de gymnasiis“) aus dem Jahr 1544 erkennbar wird. Der Arzt François Rabelais (1483–1553) entwirft in seinem satirischen Roman „Gargantua und Pantagruel“ das Bild einer umfassenden spielereichen körperlich-geistigen Erziehung. Hieronymus Mercurialis verfasste 1573 in Venedig die lobende Schrift „De arte gymnastica“. Und die Reformatoren Martin Luther (in seinen „Tischreden“) und der Schweizer Zwingli (in seinem „Lehrbüchlein“, Basel 1523) befürworteten volkstümliche Übungen wie Laufen, Springen, Steinwerfen, Ringen und Fechten als „vernünftige Unterhaltung und Erholung“. Andererseits setzte sich in der nachlutherischen Zeit, etwa in der „Gothaischen Schulordnung“ von 1654, eine körperfeindliche Verbotsmentalität durch, die in „Schneeballen“, Eislaufen, Schwimmen und „heftigen Spielen“ ein anstößiges Verhalten sah.W. Körbs: Vom Sinn der Leibesübungen zur Zeit der italienischen Renaissance. Weidmann, Berlin 1938.

Mit der Publikation der Didactica magna des Philosophen und Pädagogen Johann Amos Comenius wurde der griechisch-antike Begriff Didaktik im Jahre 1657 wiederentdeckt und in das Bildungswesen neu eingeführt.Johann Amos Comenius: Große Didaktik: Die vollständige Kunst, alle Menschen alles zu lehren. 10. Auflage. hrsg. v. Andreas Flitner. Klett-Cotta, 2008. (Original 1657) Das Erziehungsrepertoire von Comenius beinhaltete auch bereits körperliche Übungen und Bewegungsspiele. Seine allumfassende, bereits systematisch angelegte Didaktik stellte er unter das Leitwort „alle alles allumfassend lehren“ („omnes omnia omnino excoli“)(Didactica magna, Kap 11, Sp. 49). Seine didaktischen Prinzipien wie Anschaulichkeit, Handlungsorientierung oder Strukturenbildung beim Unterrichten haben bis heute in allen Fachdidaktiken Gültigkeit. Sein Hauptwerk, die Pampaedia (= „Allerziehung“). zeigt auch bereits seine pädagogische Ausrichtung, die nicht auf eine Spartenausbildung im Sinne einer Fächeraufgliederung, sondern auf die Bildung des Menschen in seiner Ganzheit abzielt.