Achim Duchow (* 7. Oktober 1948 in Otterndorf; † 16. September 1993 in Düsseldorf) war ein deutscher Maler, Bildhauer und Fotograf. Duchow schuf ein vielfältiges Werk, das Zeichnung, Malerei, Collage, Skulptur und Fotografie umfasst. Er beschäftigt sich darin kritisch mit der Kunstgeschichte, dem Künstlerkult, dem Zeitgeist seiner Generation, internationalen Subkulturen und den populären Medien.

Leben und Werk Frühe Jahre, Schule, Ausbildung (1948–1971) Achim Duchow wird 1948 in Otterndorf in Niedersachsen geboren. 1951 zieht er mit seiner Familie nach Düsseldorf, wo er auf dem Leibniz-Gymnasium von dem Künstler Heinz Mack im Fach Kunst unterrichtet wird. Durch Mack kommt Duchow mit der Düsseldorfer Kunstszene in Kontakt. Im Jahr 1962 wechselt er auf die private Paul-Gerhardt-Schule, wo er mit der mittleren Reife seine schulische Laufbahn abschließt. 1965 bis 1968 absolviert er eine Ausbildung zum Schaufenstergestalter. Darauf folgen 1968–1969 eine Volontärzeit als Reprofotograf und 1969–1970 eine weitere als S/W-Foto-Laborant. 1971 wird Achim Duchow an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg angenommen und studiert im Folgenden bei den Professoren Sigmar Polke, KP Brehmer und Ulrich Rückriem. Achim Duchow arbeitet zunächst an großformatigen Arbeiten auf Papier, psychedelischen Projektionen und Kurzfilmen.

Gaspelshof, Original + Fälschung (1971–1973), Exkurs: Autorschaft Achim Duchow unternimmt Reisen in die Niederlande, nach Spanien, Andorra und England. Ein fester Anlaufpunkt wird ab 1972 der Gaspelshof. Der ehemalige Bauernhof in Willich wird von Duchows Freund und Professor Sigmar Polke und dessen Partnerin Mariette Althaus angemietet und ist Treffpunkt von Polkes Freundeskreis, der sich aus Künstlern, Intellektuellen und Freigeistern zusammensetzt. Gemeinsam feiern sie, experimentieren mit bewusstseinserweiternden Substanzen und erproben alternative Lebensformen. Im Mittelpunkt des Zusammenseins steht jedoch die künstlerische Produktion. Neben individuellen und originären Werken einzelner Künstler entsteht im Gaspelshof eine Vielzahl von Gemeinschaftsprojekten – einige Gemälde, Fotografien und Videos entstehen in kollektiver Autorschaft und sind kaum noch einzelnen Künstlern zuzuschreiben.

Achim Duchow befasst sich ab 1972 intensiv mit der zeitgenössischen Presselandschaft. Er liest linke Magazine, die seiner alternativen Lebensweise entsprechen, und befasst sich gleichzeitig kritisch mit der Boulevardpresse. Hinzu kommt Duchows Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kunst und ihren ikonischen Werken und Künstlern. Ausdruck von Duchows umfangreicher kritischen Beschäftigung mit den zeitgenössischen Medien und der Kunstgeschichte ist die Ausstellung „Original + Fälschung“, die er zusammen mit Sigmar Polke erarbeitet. Grundlage der Ausstellung ist der in den Medien populär gewordene Diebstahl eines Rembrandt-Gemäldes im Jahr zuvor. Mit 24 Hauptbildern, 14 Kommentarbildern und einer Raumausstattung aus Neonröhren und Schminkspiegeln gestalten die beiden Künstler ein Gesamtkunstwerk. Dazu erscheinen ein Katalog und die Künstlerpublikation „Franz Liszt kommt gern zu mir zum Fernsehen...“, die die Ausstellung thematisch ergänzt und erweitert. Themen der Ausstellung und der Publikationen waren sowohl die Rolle des Künstlergenies und des Originalkunstwerkes, als auch Nachahmung, Fälschung, Zerstörung und Diebstahl von Kunst und deren Rezeption in den populären Medien. Duchow und Polke greifen damit spielerisch den Diskurs zu Originalität, Reproduktion und Fälschung auf, der seit einigen Jahrzehnten geführt und rezipiert wurde. Er schlug sich prominent in Walter Benjamins Abhandlung zur Aura und in Roland Barthes’ Theorie zum Tod des Autors nieder, wurde aber auch von vielen anderen Philosophen (z. B. Guy Debord und Jean Baudrillard) und Künstlern (vgl. z. B. Appropriation Art) bearbeitet. „Original + Fälschung“ wird zunächst 1973 im Westfälischen Kunstverein in Münster gezeigt. Ein Jahr später ist die Ausstellung im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Im dort herausgegebenen Katalog zur Ausstellung schildert Dierk Stemmler die besondere Zusammenarbeit der Künstler bei der Vorbereitung der Ausstellung: „Es ist eine Teamarbeit von mehreren Beteiligten, insbesondere ist die intensive und umfangreiche Mitarbeit von Achim Duchow, bei den Bildern ebenso wie in der 'Franz-Liszt'-Publikation, hervorzuheben. Es geht aber Polke – typisch für seine Konzeption überhaupt – nicht darum, Hände und Ideen zu trennen, sondern er hat das Teamwork ausdrücklich als Prinzip eingesetzt. Daraus ist ein einzigartiges, nonstilistisches, in vieler Hinsicht offenes Gesamtkunstwerk entstanden – sofern dieser kunstgeschichtliche Begriff hier angebracht ist. (Wenn von nun an nur Polkes Name genannt wird, geschieht es aus Gründen der Vereinfachung.)“ Die erwähnte Vereinfachung wurde auch in vielen anderen Publikationen vorgenommen und führte dazu, dass viele Werke aus der Gaspelshof-Zeit ausschließlich Polke zugeschrieben wurden. So finden sich beispielsweise im Katalog zur Ausstellung „Alibis: Sigmar Polke. Retrospektive“ aus dem Jahr 2015 bei gemeinschaftlich auf dem Gaspelshof gestalteten Werken keine Hinweise auf die beteiligten Künstler. Inzwischen erfahren diese mehr Aufmerksamkeit: So beleuchtet etwa die Ausstellung „Singular/Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena, 1969–1980.“ in der Kunsthalle Düsseldorf (2017) die Möglichkeiten gemeinschaftlichen künstlerischen Arbeitens von in Düsseldorf ansässigen Künstlern in den 1970er Jahren. Neben der Zusammenarbeit, welche auch als „bewusste Multiplikation von Autorschaft“ beschrieben wird, befasst sich die Ausstellung mit den damals impulsgebenden Themen Kolonialgeschichte, Ökonomie und Gender.

Duchow nimmt 1971 bis 1973 außerdem an verschiedenen nationalen und internationalen Ausstellungen teil und bereist weiterhin verschiedene Länder, unter anderem Spanien und die Schweiz.

Mu Nieltnam Netorruprup, 13. Biennale von Sao Paulo (1973–1975) In der Kunsthalle zu Kiel und dem Schleswig-Holsteinischen Kunstverein zeigen Achim Duchow, Sigmar Polke, Astrid Heibach, Memphis Schulze und andere Künstler unter dem Titel „Mu Nieltnam Netorruprup“ eigenständige und gemeinschaftlich erarbeitete Kunstwerke. Der Titel, der von hinten gelesen „Purpurroten Mantlein um“ lautet, kann als Anspielung auf das Kinderlied Ein Männlein steht im Walde von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verstanden werden. Die erste Strophe des Liedes verweist auf einen Fliegenpilz. Der Bezug wird durch das Ausstellungsplakat, das unter anderem einen großen Fliegenpilz abbildet, bekräftigt. Die ungewöhnlichen Inszenierungen des Fliegenpilzes innerhalb der Arbeiten verweisen auf dessen halluzinogene Wirkung und stehen in Bezug zu den Drogenexperimenten der alternativen Gaspelshof-Gemeinschaft.

Polke, Blinky Palermo und Georg Baselitz werden 1975 zur 13. Biennale von São Paulo eingeladen. Duchow begleitet Polke als dessen Assistent und bringt zudem eigene Arbeiten mit nach Brasilien. Anlässlich der Biennale publizieren Duchow, Polke, Astrid Heibach und Katharina Steffen eine 28-seitige Künstlerzeitung mit dem Titel „Day by day... they take some brain away“. Sie verhandelt in Form von poppigen Collagen Themen wie Sexualität, politische Revolution und die Sensationslust der bürgerlichen Presse.

Wir Kleinbürger, Viele Grüße aus Südamerika (1976–1977) 1976 gründet Achim Duchow den Verlag „Zum richtigen Kurs“ (ZRK-Verlag). Hier erschienen Künstlerbücher zu seiner eigenen Arbeit und über Werke befreundeter Künstler wie Georg Herold, Angelika Oehms und Michael Deistler.

Im selben Jahr nimmt Duchow mit Polke, Steffen und Heibach an der Ausstellung „Wir Kleinbürger – Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ in der Berner Galerie Toni Gerber teil. Der Titel greift Hans Magnus Enzensbergers vieldiskutierten Essay „Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums. Eine soziologische Grille.“ auf. Enzensberger widmet sich darin in ironischer Bewunderung dem Kleinbürgertum, dessen Errungenschaften und Verbreitungsgrad. Ebenso ironisch thematisiert auch die Ausstellung das deutsche Kleinbürgertum. Die Zeitgenossenschaft, die der Untertitel hervorhebt, spiegelt sich wiederum in der Verarbeitung, teilweise auch der Persiflage, von aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen, wie dem Hippietum, dem Proto-Punk, der Frauenbewegung, dem Terrorismus und den Massenmedien. Die Ausstellung besteht aus einem Kodak-Carousel-Diaprojektor mit 81 Dias sowie zehn großformatigen Gouachen. Eine klare Zuordnung der Autorschaft der einzelnen Werke ist nicht möglich und war von den Künstlern auch nicht intendiert. Der Katalog zur Ausstellung „Sigmar Polke & Co. Wir Kleinbürger! Zeitgenossen und Zeitgenossinnen“ (2010) kommentiert dies wie folgt: „Zu entdecken war und ist ein Polke im Plural. […] In der oftmals vielhändigen Arbeitsweise dieser Zeit finden sich dementsprechend Spuren, Eingriffe, Ideen und Bildmaterial von Achim Duchow, Astrid Heibach, Katharina Sieverding und Klaus Mettig oder Memphis Schulze, Katharina Steffen, Mariette Althaus, Stephan Runge, Mike Hentz, Udo Kier, Martin Kippenberger, Andreas Züst und vielen anderen.“ An die Eindrücke der Brasilienreise anlässlich der Biennale von São Paulo anknüpfend, präsentiert die Bonner Galerie Erhard Klein Arbeiten Duchows unter dem Titel „Viele Grüße aus Südamerika! Euer Martin“. Hinter dem hier vermeintlich freundlich grüßenden Martin verbirgt sich der Reichsleiter und engste Vertraute von Adolf Hitler, Martin Bormann. Gerüchten zufolge flüchtete dieser nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Südamerika. Mit Bildern, Zeichnungen, Foto-Alben und Dokumenten konstruiert Duchow Bormanns vermeintlichen Fluchtweg. So setzt er sich als kritischer Beobachter des aktuellen Zeitgeschehens sowohl mit dem Faschismus in Südamerika als auch mit dem Nationalsozialismus auseinander.

1977 beendet Achim Duchow offiziell sein Studium an der HfbK Hamburg. In Ausstellungen zeigt er in diesem Jahr hauptsächlich Fotografien und Projektionen. Er beteiligt sich auch an Martin Kippenbergers Projekt „Chimäre“ in dessen Wohnung in Hamburg. Im Rahmen des Projektes führt Kippenberger den Begriff des Ready-mades weiter, indem er Liegengebliebenes aus den Schubladen seiner Freunde zu Ausstellungsstücken erhebt.

Erste Japanreise (1978–1980) Mitte der 70er-Jahre löst sich die Gruppe in und um den Gaspelshof auf und die enge Zusammenarbeit der Künstler endet. Zwischen 1977 und 1978 beenden auch Sigmar Polke und Achim Duchow ihr gemeinsames Wirken und Duchow tritt dank eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) im Dezember 1978 seine erste, zunächst einjährige Japanreise an. 1979 erhält er das japanische Staatsstipendium Monbukagakusho Scholarship, mit dem er seinen Aufenthalt um ein weiteres Jahr verlängert. Während seines Aufenthalts in Japan taucht Duchow tief in die Kultur des asiatischen Landes ein und nutzt seine alternative Lebensweise als Künstler, um Zugang zu Randgruppen und Subkulturen zu erlangen. Er trifft Mitglieder der mafia-ähnlichen, kriminellen Organisation Yakuza, lernt gewaltbereite Biker-Gruppen der Bosozoku kennen, gestaltet Platten- und Magazin-Cover in der Punk- und Rockszene und hilft bei der Gestaltung des Punk-Nachtclubs Concrete Club und des Osaka No. 1 Festivals im Palms Club in Osaka.

In Japan widmet sich Achim Duchow hauptsächlich der Fotografie. Seine Erfahrungen und Erlebnisse hält er in schnappschussartigen, beobachtenden, beinahe dokumentarischen Fotografien fest, welche in Ästhetik und Thematik stark an die Serie „Wir Kleinbürger“ aus dem Jahr 1976 erinnern. Die Aufnahmen beweisen Duchows Gespür für den Zeitgeist seiner Generation, für das Alltägliche und das Sonderbare, für Identität und Entfremdung, für Popkultur und Subkultur. Viele der gesammelten Eindrücke begleiten und beeinflussen Duchows Schaffen noch lange nach seinem Aufenthalt in Japan.

Rückkehr nach Düsseldorf, MedienMafia (1981–1984)