mini|Willi Eugster, 2012 Willi Eugster (* 30. April 1948 in Herrliberg) ist ein Schweizer Pädagoge und Psychologe. Er war von 1985 bis 2013 Rektor der Kantonsschule Trogen (KST) und hat deren Entwicklung sowie auch die ostschweizerische Bildungslandschaft durch seine pädagogischen Innovationen mitgeprägt. Sein Wirken in dieser Zeit zeigt ein exemplarisches Abbild des gymnasialen Alltags in der Schweiz.
Kindheit und Jugend Willi Eugster wurde am 30. April 1948 in Herrliberg im Kanton Zürich als erster von fünf Buben geboren. Ein Jahr nach seiner Geburt zog die Familie ins Elternhaus des Grossvaters im Weiler Bühlen der Gemeinde Heiden. Sein Vater Willy Fritz Eugster und seine Mutter Anna bewirtschafteten dort einen kleinen Bauernhof von sechs Hektaren Land. So wuchs Willi Eugster in einfachen Verhältnissen auf und musste dabei wie alle Geschwister schon früh im Stall und auf dem Feld mitarbeiten. In Heiden selbst besuchte er auch die Primar- und Sekundarschule. Obwohl der Vater in seinem erstgeborenen Sohn gerne den Nachfolger des elterlichen Betriebes gesehen hätte, war für den Bauernbub schon früh klar, dass er nicht Landwirt werden wollte, stattdessen zog es ihn zum Lehrerberuf.
Ausbildung mini|Lehrerseminar Kreuzlingen, 1950 Nach der obligatorischen Schulausbildung trat Willi Eugster 1964 in das Lehrerseminar in Kreuzlingen ein (heute Pädagogische Maturitätsschule Kreuzlingen). Ende der 1960er-Jahre bekämpften die politischen Behörden den Lehrpersonenmangel unter anderem, indem sie die in Ausbildung stehenden Junglehrer für ein Praktikumsjahr anstellten. So kam es, dass dem 19-jährigen Eugster 1967 die einjährige Praktikumsstelle im ländlichen Hundwil als Primarlehrer zugewiesen wurde. Er unterrichtete daraufhin im Schulhaus «Mühle» Schüler der 1. bis 4. Primarklasse. Dass die Mehrheit der Kinder in Bauernfamilien aufwuchs, war für den jungen Praktikanten von grossem Nutzen, da ihm dieses Umfeld aus seiner Kindheit bestens vertraut war. 1969 erlangte Eugster das Lehrerpatent und trat seine erste Arbeitsstelle im appenzell-ausserrhodischen Stein an. In den folgenden drei Jahren unterrichtete er dabei die 1. bis 3. Klasse: Am Morgen erteilte er seine Lektionen einer Gruppe von Kindern im Schulhaus «Langenegg» und am Nachmittag im Schulhaus «Berg»; zusammen waren dies beinahe siebzig Schüler.
Um ein noch besseres Verständnis für Kinder und tiefere Einblicke in Lernprozesse zu bekommen, schrieb sich Eugster im Frühjahr 1972 an der Universität Zürich für das Studium der Psychologie, Pädagogik und Sonderpädagogik ein; einer Leidenschaft folgend belegte er während der Studienjahre auch philosophische Vorlesungen. Die theoretische Ausbildung war dabei immer auch mit praktischer Erfahrung angereichert. So übernahm er während des Studiums diverse Stellvertretungen an Primarschulen in Winterthur, wo er unter anderem auch Erkenntnisse mit Schülern einer «Sonderklasse» und deren unangepasstem Verhalten und emotionsgesteuerten Aktionen und Reaktionen sammeln konnte. Jahre später notierte Eugster dazu: «Manchmal denke ich, dass mich diese 16 Kinder mehr gelehrt haben als sämtliche Professoren an der Universität.»Willi Eugster: Schlusswort von Dr. W. Eugster. In: KVT-Mitteilungen, Nr. 65, Eigenverlag, Trogen 1986, S. 64–65. In diese Zeit fielen auch die ersten Erfahrungen im Unterrichten an der Sekundarstufe II durch einen Lehrauftrag für Pädagogik am Kindergärtnerinnenseminar in St. Gallen. Die Ausbildung ergänzte 1975 ein Praktikum beim «Schulpsychologischen Dienst» des Kantons St. Gallen, indem Eugster die Stellvertretung des Schulpsychologen der Region Toggenburg übernahm. Im Februar 1977 schloss er das Studium zum Lizenziat, unter anderem bei Detlev von Uslar, in Angewandter Psychologie, Theoretischer Psychologie, Pädagogischer Psychologie und Sonderpädagogik ab. 1984 promovierte Willi Eugster bei Konrad Widmer, Universität Zürich, in Pädagogischer Psychologie; die eingereichte Dissertation trug den Titel Eignung und Motivation für den Lehrerberuf. Eine empirische Untersuchung über Persönlichkeitsmerkmale von Lehramtskandidaten.
Berufliche Tätigkeit Kantonsschule Wattwil mini|Kantonsschule Wattwil 1977 beauftragte der Rektor der Kantonsschule Wattwil Willi Eugster mit einem Lehrauftrag für Psychologie, Pädagogik und Philosophie. Ein Jahr später erfolgte bereits die Wahl zum Hauptlehrer, und 1982 wurde ihm durch den Kanton St. Gallen der Titel Professor zuerkannt. Zu den methodischen Innovationen, welche Eugster in Wattwil initiierte, gehörte die Einführung des Blockunterrichts im Fach Pädagogik: Die Wochenstunden wurden neu zu Halbtagen zusammengefügt, wodurch für projektartiges Lernen und Arbeiten bessere Bedingungen als im herkömmlichen Lektionenrhythmus entstanden. Eine weitere Erneuerung führte er in der seminaristischen Ausbildung ein: Im Kanton St. Gallen setzte damals der von Methodiklehrpersonen begleitete Praxisunterricht erst im vierten von fünf Ausbildungsjahren ein. Eugster ermöglichte Studenten im Rahmen des Psychologieunterrichts schon im dritten Ausbildungsjahr konkrete Arbeit mit den Schulkindern: Dafür ausgewählte Praktikumslehrpersonen arrangierten in ihren Primarschulklassen kleine Unterrichtsübungen, welche den Lehramtskandidaten zu Beobachtungen und Erfahrungen mit den Kindern verhalfen. Die für die Seminaristen oft etwas ferne Theorie konnte somit durch erfahrene Lehrpersonen mit praktischen Beispielen bereichert werden.
Kantonsschule Trogen Auf Beginn des Schuljahres 1985 wurde Willi Eugster von der Kantonsschule Trogen (KST) als neuer Rektor berufen und leitete daraufhin die Institution für die folgenden 28 Jahre bis 2013. In dieser zweitlängsten Rektorats-Amtsdauer der Schulgeschichte reformierte Eugster etliche Bereiche wie Schulführung, Schulqualität, Evaluation oder Führungsberatung. Dabei leistete er teilweise auch Pionierarbeit in der Schul- und Unterrichtsentwicklung oder im Bereich des Informatikunterrichts. Im Zentrum von Eugsters Schulführung standen neben den Schülern auch sämtliche Mitarbeitende. Für ihn als Schulleiter bestanden diese nicht allein aus Lehrpersonen, sondern aus allen Angestellten (Hausdienst, Mensapersonal, Verwaltung etc.), welche ernst genommen werden sollten und deshalb zum Beispiel auch in internen Weiterbildungen neu integriert wurden. Als Eugster 1985 die KST-Leitung übernahm, hatte die Schule 418 Schüler, 54 Lehrpersonen (Hauptlehrer/Teilpensen) und 15 Verwaltungsangestellte (Voll- und Teilzeit); 2013 waren es bereits 679 Schüler und 117 Lehrpersonen und 36 Verwaltungsmitarbeiter.
mini|hochkant=1.8|Willi Eugster (mit gestreiftem Hemd und Brille), umringt von der Lehrerschaft der Kantonsschule Trogen, 1994 Bei seinem Amtsantritt verkündete Eugster: «Schule bedeutet Leben. Leben ist Veränderung. Eine Schule, die lebt, muss sich wandeln. Diesem Leitgedanken folgend habe ich meinen Auftrag, die Kantonsschule zu leiten, übernommen.»Willi Eugster: Gedanken zur gymnasialen Bildung. In: KVT-Mitteilungen, Nr. 65. Eigenverlag, Trogen 1986, S. 77. Teile dieser Veränderungen formulierte er auch im ersten Jahresbericht: «Auf der Schulleitungsebene müssen nebst organisatorischen Fragen vermehrt pädagogische Probleme angesprochen werden. […] Innerhalb der Schule werden Lehrer verschiedener Fachrichtungen ermuntert, sich zu fächerübergreifenden Unterrichtsprojekten zusammenzuschliessen. […] Einen besonderen erzieherischen Wert dürfen wir ausserschulischen Aktivitäten wie Sport, Theater, Musik, Ausstellungen und Schulfeste zuschreiben. Dasselbe gilt für Schulverlegungen, Konzentrations- und Sportwochen, welche die Kontakte der Schüler untereinander und zwischen Lehrern und Schülern verstärken. […] Der Schüler ist ein ernst zu nehmender Gesprächspartner. Dementsprechend muss dieser in ihn betreffende Planungsfragen einbezogen werden. […] Das Elternhaus ist im Sinne des Lernumfeldes in die Unterrichtsplanung einzubeziehen. […] Zudem müssten Modelle eines Unterrichts erarbeitet werden, in welchen es möglich ist, dass Schüler den personalen Lernvoraussetzungen entsprechend angesprochen und zu aktiver Teilnahme und Mitgestaltung angeregt werden können. […] Der Lehrer muss einmal neben fachlichem Wissen grosse menschliche Kompetenzen mitbringen. Dazu gehören Selbstachtung, die Fähigkeit ehrlich und echt zu sein, Kritik ertragen, den Schülern zuhören und in den Unterricht einbeziehen wollen.»Willi Eugster: Gedanken zur gymnasialen Bildung. In: KVT-Mitteilungen, Nr. 65. Eigenverlag, Trogen 1986, S. 83–86.
Im Jahre 2006 zog Eugster eine Bilanz über die bisherige Entwicklung: «Veränderungen erfolgten auch in den Organisationsformen sowie in der Lehr- und Lerntätigkeit. Hier sind die dreimal jährlich stattfindenden Themenwochen, das Lernatelier für die Oberstufe, verschiedene Formen der Begabtenförderung (Freifachkurse mit Zertifizierung, Sportschule, Studienwochen), E-Learning, Projektunterricht, Maturaarbeiten, Gross- und Kleingruppenunterricht, unbetreutes Lernen und insgesamt eine stark zunehmende Heterogenität bei den Lernenden, welche nach weiteren Individualisierungsformen ruft, zu erwähnen. Sämtliche ehemaligen Abteilungen wurden einschneidenden Strukturreformen unterzogen und ebenso wurden neue geschaffen: Maturitätsreform 1994, Einführung der Berufsmaturität und Umbenennung der damaligen Handelsmittelschule in Berufsfachschule Wirtschaft, Einführung der kooperativen Oberstufe sowie Neuaufbau einer Fachmittelschule mit Fachmaturität.»Willi Eugster: Raumbedürfnisse der Kantonsschule. Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden, D.027-43-1-09. Und über die Zukunft des Unterrichtes notierte er: «Die Tendenz zur Individualisierung des Lernens wird zunehmen. Immer häufiger wird sich die Schule mit den Lernvoraussetzungen und nicht nur mit dem Lernen selber auseinandersetzen müssen. Das Ablenkungs- und Zerstreuungspotential nimmt gewaltig zu. […] Die Betreuungsintensität wird gesamthaft nicht abnehmen, sondern im Gegenteil zunehmen. Die Klassenverbände werden aber immer mehr an Bedeutung verlieren.»
Schul- und Unterrichtsentwicklung mini|Rektorat der KST, ehemaliges Knabenkonvikt Für Eugster wurde «Schulklima» zum Leitbegriff seiner Führungstätigkeit: «Mein Anliegen als Schulleiter galt vor allen dem Atmosphärischen. […] Wenn das Klima stimmt, dann fühlt sich der Mensch wohl, und wenn er sich wohl fühlt, dann steht ihm nichts im Wege, um aktiv zu sein.»Schulklima, warum gerade «Schulklima»? In: KVT-Mitteilungen, Nr. 71. Eigenverlag, Trogen 1992, S. 21–27. Zur Verbesserung des Schulklimas setzte Eugster mehrere Hauptinstrumente ein: Supervision und gegenseitiger Unterrichtsbesuch, Gesprächsgruppen zu aktuellen Problemen, Klassengespräche zwischen Schülern und Lehrern, Konfliktgespräche unter Beizug einer vermittelnden Person und die Möglichkeit, genügend Zeit für Aussprachen im Konvent und schulinterne Fortbildung für Lehrpersonen. Um den Aspekt der verbindenden Weiterbildung zu forcieren, gründete er 1987 mit vier weiteren Rektorenkollegen eine Arbeitsgruppe der «Weiterbildungszentrale für Mittelschullehrerinnen und -lehrer» (WBZ), welche bis 2002 tätig war. 1988 organisierte er, für ein staatliches Gymnasium unüblich, mit den Angestellten der Kantonsschule Trogen die erste mehrtägige und obligatorische Weiterbildung in allgemeiner Didaktik in Sigriswil. In diversen Publikationen berichtete Eugster über die Schulentwicklungsarbeit, wie zum Beispiel in Beiträge zur Lehrerbildung (1/92), Schulleitung und Schulentwicklung (1992) oder Kollegiale Lehrkunstwerkstatt (2010). Eine weitere Pioniertat im Rahmen der Schulentwicklung war die Einführung des Leistungsdialogs (1997) im Sinne eines individuellen Entwicklungsinstruments oder die Einführung des Globalbudgets im Jahre 2000, welches die vollständige finanzielle Autonomie der KST ermöglichte. Dies waren erste Schritte zur Führung der Schule im Sinne von New Public Management, woraus sich nach und nach ein umfassendes Qualitätsmanagement-System entwickelte.
Schulleiterausbildung