Der Korfu-Zwischenfall war eine diplomatische und kriegerische Auseinandersetzung um die griechische Insel Korfu zwischen dem Königreich Griechenland und dem Königreich Italien im Jahre 1923. Der faschistische Ministerpräsident Italiens, Benito Mussolini, nahm die Ermordung des italienischen Generals Tellini, der zur Schlichtung von Grenzkonflikten eingesetzt worden war, zum Anlass, Korfu zu besetzen. Nachdem der Völkerbund die Angelegenheit nicht zu lösen bereit war, kam die Pariser Botschafterkonferenz den Forderungen Mussolinis überwiegend nach. Als Griechenland diese erfüllte, verließen die Italiener Korfu nach mehrtägiger Besetzung wieder.

Ausgangslage mini|links|Der griechische Staat 1832–1947

Ausbreitung und Konflikte mit den Nachbarstaaten

Nach dem griechischen Unabhängigkeitskrieg von 1821–1829 wurde 1832 das griechische Königreich international anerkannt. Am 21. Mai 1864 trat die Republik der Ionischen Inseln mit Korfu dem griechischen Staat bei. Griechenland wuchs 1881 um Thessalien und 1908 um Kreta. Während der beiden Balkankriege in den Jahren 1912 und 1913 sicherte sich Griechenland Kreta endgültig, erweiterte sein Territorium um Teile Makedoniens und des Epirus. Griechenland hatte damit eine territoriale Größe erreicht, die der heutigen stark entspricht.

Im Ersten Weltkrieg blieb Griechenland lange neutral, trat erst 1917 auf Seiten der Entente in den Krieg ein. In Griechenland entwickelte sich die Megali Idea unter Venizelos: Getragen von dem Wunsch, mehrheitlich von Griechen besiedelte Gebiete dem Staatsgebiet anzuschließen, kämpfte das junge Königreich gegen das durch den Ersten Weltkrieg geschwächte Osmanische Reich im Griechisch-Türkischen Krieg von 1919 bis 1922, auch um die hinzugewonnenen Gebiete des Vertrages von Sèvres zu verteidigen und zu erweitern. Griechenland verlor den Griechisch-Türkischen Krieg, die griechische Bevölkerung wurde in der Kleinasiatischen Katastrophe aus Kleinasien vertrieben. Griechenland nahm einen Großteil dieser Flüchtlinge auf und büßte gleichzeitig politische Stabilität ein, es gab mehrere militärische Umsturzversuche. Nach politischem Druck Italiens musste Griechenland die schon lange besetzte Insel Sason (heute: Sazan) in der Straße von Otranto an Italien abtreten.

Im Vertrag von Lausanne wurde am 24. Juli 1923 ein großer Bevölkerungsaustausch vereinbart, wonach Griechen die Türkei und Türken Griechenland verlassen mussten. Griechenland war durch die vielen Kriege und die Niederlage mit der Türkei geschwächt, während es gleichzeitig hunderttausende griechische Flüchtlinge aufnehmen musste.

Derweil war 1922 Mussolini Regierungschef des Königreichs Italiens geworden mit dem Drang, seinen Staat zu erweitern.

Grenzstreitigkeiten im Nordwesten

Im Westen versuchte Griechenland nach dem ersten Balkankrieg den Nordepirus anzuschließen. Darüber kam es mit dem neu gegründeten Fürstentum Albanien zu Grenzstreitigkeiten. Beide Staaten brachten ihren Konflikt vor die Pariser Botschafterkonferenz, welche eine Kommission aus britischen, französischen und italienischen Offiziellen bildete, um die Grenzen mit Genehmigung des Völkerbundes festzusetzen und den Disput beizulegen.

Der italienische General Enrico Tellini wurde Kommissionsvorsitzender. Bereits zu Beginn der Verhandlungen gestaltete sich das Verhältnis zwischen Griechenland und der Kommission als schwierig. Schließlich warf die griechische Delegation Tellini öffentlich vor, sich zugunsten der albanischen Ansprüche einzusetzen.

Ermordung Tellinis

Am 27. August 1923 wurden Tellini, zwei seiner Berater, ihr Dolmetscher und ihr Fahrer Opfer eines Hinterhalts, bei dem sie von unerkannten Tätern am Grenzübergang von Kakavia auf griechischem Gebiet, etwa 60 Kilometer nordwestlich von Ioannina, ermordet wurden. Die fünf Opfer waren Enrico Tellini, Major Luigi Corti, Lieutenant Mario Bonacini, der albanische Dolmetscher Thanassi Gheziri und der Fahrer Farnetti Remizio. Keines der Opfer wurde bestohlen. Das Attentat ereignete sich nahe der umstrittenen Grenze und hätte von beiden Streitparteien ausgeführt werden können.

Nach Berichten italienischer Zeitungen und der offiziellen Erklärung der albanischen Regierung war die Attacke von Griechen ausgeführt worden, während andere Quellen, darunter die griechische Regierung mit ihren Vertretern und dem rumänischen Konsul in Ioannina albanische Banditen verantwortlich machten.Albania's Captives. Pyrrhus J. Ruches. Argonaut, 1965 p. 120 „He had no trouble recognizing three of them. They were Major Lepenica, Nevruz Belo and Xhellaledin Aqif Feta, alias Daut Hohxa.“ Reginald Leeper, britischer Botschafter in Athen, schrieb 1945 in einem Brief an das britische Außenministerium, dass die Griechen die Çamen als Täter beschuldigen könnten.

Italienische und griechische Reaktionen Mit Bekanntwerden des Attentats brachen in Italien anti-griechische Demonstrationen aus. “Anti-Greek demonstrations continue in the Italian towns, notably in Trieste, where Nationalists and Fascists burned the Greek flag in the public square, and threw it into the sea. In Milan there were noisy scenes in front of the Greek Consulate, and demonstrators carried off a shield which bore a replica of the Greek arms.” Sämtliche griechische Zeitungen verurteilten das Attentat und bezeugten Italien Wohlbekunden. Sie äußerten den Wunsch, das griechische Kabinett möge Italien befriedigen, ohne die eigene nationale Würde zu verletzen.

Am 29. August 1923 reagierte Italien, indem es Griechenland ein Ultimatum mit sieben Forderungen schickte: Eine offizielle, vollständige Entschuldigung bei der italienischen Delegation in Athen. Eine Trauerfeier in der katholischen Kathedrale in Athen bei Anwesenheit der gesamten griechischen Regierung. Militärische Ehren für die Toten. Volle Ehre der griechischen Flotte gegenüber der italienischen, die nach Piräus geschickt würde. Todesstrafe für die Schuldigen. Eine Reparationszahlung in Höhe von 50 Millionen Lire innerhalb von fünf Tagen nach Erhalt des Ultimatums. Eine genaue Untersuchung der Vorfälle unter Beteiligung des italienischen Militärattachés. Ferner verlangte Italien, Griechenland müsse auf das Ultimatum binnen 24 Stunden antworten.

Griechenland reagierte am folgenden Tage und akzeptierte vier der Forderungen mit Modifikationen: Der Kommandant von Piräus würde dem italienischen Minister das Bedauern der griechischen Regierung ausdrücken. Eine Trauerfeier würde in Gegenwart von Regierungsmitgliedern abgehalten. Am selben Tage würde eine Abordnung der Wache die italienische Flagge bei der italienischen Delegation salutieren. Das Militär würde den körperlichen Überreste der Opfer Ehre bezeugen, wenn diese auf ein italienisches Kriegsschiff überführt würden. Die weiteren Forderungen wurden mit dem Hinweis abgelehnt, sie verletzten die Souveränität und Würde Griechenlands. Außerdem erklärte die griechische Regierung ihre volle Kooperationsbereitschaft dahingehend, als Akt der Gerechtigkeit den Familien der Opfer eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Die Beteiligung des italienischen Militärattachés an der Untersuchung wurde abgelehnt, jedoch würde dessen Unterstützung durch Informationen zur Fahndung der Täter akzeptiert. (englisch).

Mussolini und das italienische Kabinett waren mit der griechischen Antwort unzufrieden und erklärten sie für inakzeptabel. Die italienische Presse, darunter die Zeitungen der Opposition, unterstützten Mussolinis Forderungen und insistierten, Griechenland müsse sich anstandslos fügen. Mussolinis Entscheidung wurde in ganz Italien mit Begeisterung aufgenommen.

Bombardierung und Besetzung Korfus Am 31. August 1923 bombardierte ein Geschwader der italienischen Marine die griechische Insel Korfu und landete nach unterschiedlichen Quellen 5.000, 8.000 oder 10.000 Soldaten. Flugzeuge unterstützten die Angriffsbewegungen. Die Italiener konzentrierten ihr Feuer auf die alte Festung in der Stadt Korfu, welche schon lange demilitarisiert war und als Obdach für griechische Flüchtlinge aus Kleinasien diente, und die Schule der Stadtpolizei in der neuen Festung, die ebenfalls als Flüchtlingsunterkunft diente. Das Bombardement dauerte 15 oder 30 Minuten. Infolgedessen wurden 16 Zivilisten getötet, 30 verwundet und zwei amputiert; nach anderer Quelle 20 getötet und 32 verwundet. Unter den Opfern befanden sich keine Soldaten, alle waren Flüchtlinge oder Waisenkinder. Die Mehrheit der Getöteten waren Kinder. Der Kommissar von Save the Children beschrieb die Bombardierung als unmenschlich und abscheulich, nicht zu rechtfertigen und unnötig.

Korfus Präfekt Petros Evripaios sowie griechische Offiziere und Offizielle wurden von den Italienern festgenommen und an Bord eines italienischen Kriegsschiffs arrestiert. Die griechische Garnison von 150 Mann kapitulierte nicht, zog sich jedoch ins Inselinnere zurück.

Nach der Landung befürchteten italienische Offiziere, britische Staatsbürger könnten getötet oder verwundet worden sein und waren erleichtert, als sie erfuhren, dass keine Briten unter den Opfern waren. Die Residenz des für die Ausbildung an der Polizeischule verantwortlichen britischen Offiziers, der gerade im Urlaub war, wurde von italienischen Soldaten geplündert.

Reaktionen auf die Bombardierung und Besetzung Korfus Die griechische Regierung verhängte das Kriegsrecht in Griechenland. Die griechische Flotte wurde angewiesen, sich zum Golf von Volos zurückzuziehen, um eine Konfrontation mit der italienischen Flotte zu vermeiden. In der griechisch-orthodoxen Athener Kathedrale wurde eine Trauerfeier für die Opfer der Bombardierung abgehalten, während die Glocken aller Kirchen ununterbrochen läuteten. Nach dem Gottesdienst brachen Demonstrationen gegen Italien aus. Alle Vergnügungsstätten wurden als Zeichen der Trauer für die Opfer des Bombardements geschlossen.

Auf Protest des italienischen Ministers suspendierte die griechische Regierung die Zeitung Eleftheros Typos für einen Tag, nachdem diese die Italiener als charakterisiert hatte, und entließ den Zensor, weil er den Beitrag hatte durchgehen lassen. Zudem stellte die griechische Regierung eine Abordnung von 30 Mann als Wache für die italienische Delegation in Athen zur Verfügung. Unterdessen verurteilten griechische Zeitungen einheitlich die Handlungen Italiens.

Italien schloss die Straße von Korfu und die Straße von Otranto für griechische Schiffe. Italienische Reedereien wurden angewiesen, Griechenland zu boykottieren, während griechische Reeder, die in italienischem Auftrag unterwegs waren, suspendiert wurden. Griechische Häfen blieben weiterhin für italienische Schiffe offen. In Italiens Häfen wurden griechische Schiffe festgesetzt, und eines wurde in der Straße von Korfu von einem U-Boot festgehalten. Doch schon am 2. September ordnete das italienische Marineministerium an, die griechischen Schiffe in den italienischen Häfen wieder freizugeben.

Erneut brachen in Italien anti-griechische Demonstrationen aus. Die italienische Regierung wies ihre Reservisten in London an, sich in Bereitschaft zu halten. Viktor Emanuel III., König von Italien, kehrte unverzüglich von seiner Sommerresidenz nach Rom zurück. Der italienische Militärattaché, der mit der Untersuchung der Ermordung Tellinis beauftragt worden war, wurde zurückgerufen und griechische Journalisten wurden aus Italien verwiesen.

Albanien verstärkte die griechisch-albanische Grenze und verbot deren Überquerung.

Serbische Zeitungen erklärten, Serbien werde Griechenland unterstützen, während Elemente in der Türkei Atatürk empfahlen, die Gelegenheit zu einem Überfall auf Westthrakien zu nutzen.

Der Vorsitzende der Organisation Near East Relief sagte, er halte die Bombardierung für völlig überflüssig und ungerechtfertigt. Italien wandte sich an die US-amerikanische Gesandtschaft, um gegen diese Aussage Protest einzulegen.

Der Vorsitzende der Kommission für deportierte Frauen und Kinder beim Völkerbund, der Augenzeuge der Bombardierung war, kommentierte:

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