mini|alt=Porträt von George Wheler in einem Stich von William Bromley (1769–1842) nach unbekannter Vorlage|Sir George Wheler, Stich von William Bromley (1769–1842) Sir George Wheler (geboren am 20. Januar 1651 in Breda; gestorben am 15. Januar 1724 in Durham) war ein englischer Botaniker und Forschungsreisender sowie Geistlicher der Church of England.
George Wheler brach 1673 sein Studium am Lincoln College in Oxford ab und begab sich auf seine Grand Tour. Im Jahr 1675 lernte er während der Tour Jacob Spon kennen, mit dem zusammen er in den Jahren 1675/76 die erste von rein archäologischen Interessen geleitete Reise der Neuzeit nach Griechenland unternahm. Während dieser Reise widmete er sich jedoch nicht nur den Altertümern, sondern ausführlich der Pflanzenwelt und brachte einige bislang unbekannte Pflanzen mit nach England.
Zurück in England, heiratete er und trat in den Dienst der Kirche, zuletzt von 1709 bis zu seinem Tod als Pastor in Houghton-le-Spring im County Durham, weit im Nordosten Englands. Den Mietern seiner Besitzungen im Londoner Stadtteil Spitalfields errichtete er 1693 eine Kirche, in Houghton-le-Spring gründete er eine Armenschule für Mädchen. Außer seinem Reisebericht veröffentlichte er Werke christlich bestimmten Inhalts, unter anderem ein unter dem Einfluss Mary Astells entstandenes Buch, in dem er sich dem Thema der protestantischen Klöster zuwandte.
Bereits zur Zeit seiner Ordination um 1683 schenkte er seine von der Reise mitgebrachten Antiquitäten und Inschriften der Universität Oxford. Die ebenfalls während der Reise erworbenen Handschriften und Münzen sowie seine Pflanzensammlung vermachte er testamentarisch verschiedenen Institutionen. Das Lincoln College erhielt auf diesem Weg die Handschriftensammlung, die mit dem sogenannten Lincoln College Typikon die besonders kostbare, aus dem frühen 14. Jahrhundert stammende Gründungsurkunde des Bebaia-Elpis-Klosters von Konstantinopel umfasste.
Sein Reisebericht A Journey into Greece aus dem Jahr 1682 vermittelt – ebenso wie der bereits 1678 publizierte Bericht Spons – noch heute wichtige Kenntnisse und Details zu den griechischen Altertümern. Das Werk, mit dem er in den gelehrten Kreisen ganz Europas bekannt wurde, war lange Zeit umstritten. Man warf George Wheler vor, letztlich nur bei Jacob Spon abgeschrieben zu haben. Doch wurde früh die ihm eigene Beobachtungsgabe anerkannt, so dass seinem Werk bisweilen der Vorrang gegenüber dem Spons eingeräumt wurde. Die jüngere Forschung wendet sich George Wheler vor allem als frühem Reisenden zu und beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen und persönlichen Bedingungen, unter denen er seine Reise durchgeführt hatte.
Leben Lebensdaten Die Lebensdaten werden in Publikationen, die sich mit George Wheler befassen, in drei Varianten angegeben: 1650–1723,So in der neueren Literatur beispielsweise: Ulrike Steiner: Die Anfänge der Archäologie in Folio und Oktav (= Stendaler Winckelmann-Forschungen. Band 5). Rutzen, Ruhpolding 2005, ISBN 3-938646-02-0, S. 260; Annamarie Felsch-Klotz: Frühe Reisende in Phokis und Lokris. Berichte aus Zentralgriechenland vom 12. bis 19. Jahrhundert. Göttinger Universitätsverlag, Göttingen 2009, ISBN 978-3-941875-00-5, S. 36; Martin Kreeb: Frühe Forschungen an attischen Stätten. Die Reisenden und ihr Beitrag. In: Hans Lohmann, Torsten Mattern (Hrsg.): Attika: Archäologie einer „zentralen“ Kulturlandschaft (= Philippika. Band 37). Harrassowitz, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-447-06223-7, S. 246–262, hier: S. 250. 1650–1724So in der neueren Literatur beispielsweise: Sandra Raphael: The Reverend Sir George Wheler, 1650–1724. In: Roland Étienne, Jean-Claude Mossière (Hrsg.): Jacob Spon. Un humaniste lyonnais du XVIIe siècle (= Publications de la bibliothèque Salomon-Reinach. Band 6). Boccard, Paris 1993, ISBN 2-9505633-1-7, S. 257–267; Ray Desmond: Dictionary of British and Irish Botanists and Horticulturists. Including Plant Collectors, Flower Painters, and Garden Designers. Taylor & Francis und The Natural History Museum, London 1994, ISBN 0-85066-843-3, S. 733; John Harvey: Coronary Flowers and Their ‘Arabick’ Background. In: Gül A. Russell (Hrsg.): The ‘Arabick’ Interest of the Natural Philosophers in Seventeenth-Century England. Brill, Leiden u. a. 1994, ISBN 90-04-09888-7, S. 301; Ina E. Minner: Ewig ein Fremder im fremden Lande – Ludwig Ross (1806–1859) und Griechenland. Biographie. Bibliopolis, Möhnesee-Wamel 2006, ISBN 3-933925-82-7. oder 1651–1724So in der neueren Literatur beispielsweise: Ekaterini Kepetzis: Persönliches Erleben und neue Lesbarkeiten. Athenreisen in den 1670er Jahren In: Dietrich Boschung, Erich Kleinschmidt (Hrsg.): Lesbarkeiten: Antikerezeption zwischen Barock und Aufklärung. Königshausen & Neumann, Würzburg 2010, ISBN 978-3-8260-4296-6, S. 11–36, hier: S. 17; Palmira Brummett: Mapping the Ottomans. Cambridge University Press, New York 2015, ISBN 978-1-107-09077-4, S. 309.. Grundlage für diese unterschiedlichen Angaben ist der Umstand, dass George Wheler sowohl in einem Januar geboren wurde als auch starb. Somit fallen seine Lebensdaten in den Zeitraum, der die entscheidende Differenz zwischen englischen Datumsangaben nach „altem“ und „neuem Stil“ umfasst. Bis zum Chesterfield’s Act vom Jahr 1750 und der folgenden Einführung des Gregorianischen Kalenders 1752 galt in England der Julianische Kalender und das bürgerliche Jahr begann am 25. März, dem Lady Day. In vielen europäischen, vor allem den katholischen Staaten begann das Kalenderjahr jedoch seit der Einführung des Gregorianischen Kalenders im späten 16. Jahrhundert am 1. Januar, die entsprechende Jahreszählung galt als „neuer Stil“, um sie vom „alten Stil“ abgrenzen zu können. Bereits unter Elisabeth I. ging man daher in England dazu über, für Grenzfälle beide Jahresangaben anzuführen, zum Beispiel durch Darstellung beider Jahre als Bruch.Zu Old Style und New Style Dates sowie der Kalenderreform in England siehe Christopher Robert Cheney, Michael Jones: A Handbook of Dates for Students of British History (= Royal Historical Society: Guides and Handbooks. Band 4). Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-77095-5, S. 17–20 (PDF).
George Wheler wurde nach eigenen Angaben am 20. Januar 1650 „alten Stils“ geboren,Autobiographische Angabe, abgedruckt bei Edward G. Wheler: Notes of the Life of Sir George Wheler, Knight. In: The Genealogist. Neue Serie, Band 2, 1885, S. 204 (Digitalisat): was dem 20. Januar 1651 „neuen Stils“ entspricht. Sein Todesdatum wird auf seinem Epitaph wie folgt angegeben: („gestorben 18 Tage vor den Kalenden des Februar [= 15. Januar] 1723 oder 1724, im 74. Lebensjahr“).Christopher Hunter: Durham Cathedral as it was before the Dissolution of the Monastry. 2. Auflage. Richardson, Durham 1742, S. 164 f. (Google Books); Patrick Sanderson: The Antiquities of the Abbey or Cathedral Church of Durham. White and Saint, Newcastle upon Tyne 1767, S. 134–136 (Google Books); William Hutchinson: The History and Antiquities of the County Palatine, of Durham. Band 2. Hodgson, Newcastle 1787, S. 177 f. Anm. || (Digitalisat). Das Todesjahr wird sowohl nach altem als auch nach neuem Stil mitgeteilt und fällt folglich in das Jahr 1724 unserer Zeitrechnung. Demnach beziehen sich die Angaben 1650–1723 auf die seit dem späten 18. Jahrhundert tradierten Lebensdaten nach altem Stil,So etwa William Hutchinson: The History and Antiquities of the County Palatine, of Durham. Band 2. Hodgson, Newcastle 1787, S. 177 (Digitalisat), und in der überarbeiteten Neuauflage durch Robert Surtees: The History and Antiquities of the County Palatine of Durham. 1816. Nachdruck: Hills, Sunderland 1908, S. 180 (Digitalisat); . während die von Robert W. Ramsey stammenden Jahreszahlen 1650–1724 beide Stile mischt.Robert W. Ramsey: Sir George Wheler and his Travels in Greece, 1650–1724. In: Essays by Divers Hands. Being the Transactions of the Royal Society of Literature. Neue Serie, Band 29, 1942, S. 1–38. Bei den von Nigel Guy Wilson eingeführten Jahresangaben 1651–1724 nach moderner Zeitrechnung wird auf eine proleptische Umrechnung mit Anpassung auch der Kalendertage an den Gregorianischen Kalender verzichtet.Nigel Guy Wilson: Wheler, Sir George (1651–1724). In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004.
Kindheit und Studium George Wheler war der Sohn von Charles Wheler und dessen Frau Anne, der Tochter von John Hutchin of Egerton. Charles Wheler war Colonel der Life Guards und Anhänger der Royalisten im Englischen Bürgerkrieg. Die aus Tottenham, Middlesex, stammende Familie teilte zur Zeit von Georges Geburt das Exil des späteren Königs von England, Charles II. George Wheler wurde daher im niederländischen Breda geboren. Im Jahr 1652 konnte die Familie nach England zurückkehren und ließ sich in Charing, Kent, nieder. Wheler besuchte zunächst die Schulen in Ashford und Wye. Anschließend erhielt er Privatunterricht.Edward G. Wheler: Notes of the Life of Sir George Wheler, Knight. In: The Genealogist. Neue Serie, Band 2, 1885, S. 205. Er war von schwächlicher Konstitution und mied sportliche Aktivitäten, entwickelte aber früh ein lebenslanges Interesse am Gärtnern, an Pflanzen und Blumen. Er begeisterte sich für Mechaniken, war ein geübter Bastler und baute, nachdem er das Cembalospielen erlernt hatte, ein eigenes Instrument.Edward G. Wheler: Notes of the Life of Sir George Wheler, Knight. In: The Genealogist. Neue Serie, Band 2, 1885, S. 208; Nigel Guy Wilson: Wheler, Sir George (1651–1724). In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004.
mini|alt=Stich des Botanischen Gartens in Oxford aus dem Jahr 1675; dargestellt ist der quadratische Grundriss mit Beeteinteilung und Ansichten der Torbauten|Botanischer Garten in Oxford, 1675 Ein Erbe aus dem Nachlass von Sir William Wheler of Westminster, ein Onkel väterlicherseits von George Wheler, ermöglichte den Besuch des Lincoln College der Universität Oxford, an dem er sich am 31. Januar 1668 auf Empfehlung von Job Hood, dem Sohn des College-Rektors, immatrikulierte.Edward G. Wheler: Notes of the Life of Sir George Wheler, Knight. In: The Genealogist. Neue Serie, Band 2, 1885, S. 208 f.; Nigel Guy Wilson: Wheler, Sir George (1651–1724). In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004; gibt als Jahr der Immatrikulation nach altem Stil 1667 an. In Oxford zeigte er eine schwärmerische Neigung zu heraldischen Themen und Waffen, pflegte seine Leidenschaft für Pflanzen und besuchte regelmäßig den botanischen Garten, damals noch ein Physic garden, einen Apothekergarten. Er las viel, beschäftigte sich auch mit modernen Autoren, etwa mit René Descartes.Edward G. Wheler: Notes of the Life of Sir George Wheler, Knight. In: The Genealogist. Neue Serie, Band 2, 1885, S. 210 f.; Nigel Guy Wilson: Wheler, Sir George (1651–1724). In: Oxford Dictionary of National Biography. Oxford University Press, Oxford 2004.