mini|Chemiepark Bitterfeld-Wolfen Areal A mini|Chemiepark Bitterfeld-Wolfen, Gemeinschaftsklärwerk mini|Das 2016/2017 renovierte Verwaltungsgebäude des Chemiepark Bitterfeld-Wolfen Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen in der Stadt Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt) ist der älteste Chemiepark Deutschlands und einer der größten in Europa. Nach der politischen Wende in der DDR wurden das ehemalige Kombinat VEB Chemiekombinat Bitterfeld (CKB) und das Fotochemische Kombinat (FCK) mit Sitz in Wolfen aufgelöst und die Stammbetriebe in Bitterfeld und Wolfen in Aktiengesellschaften umgewandelt. In Bitterfeld entstand die Chemie AG Bitterfeld und in Wolfen die Filmfabrik Wolfen AG. In Zusammenarbeit mit der Treuhandanstalt, dem alleinigen Gesellschafter, wurden die Produktionsanlagen und Werkstätten auf Sanierungsfähigkeit geprüft und geeignete für eine Privatisierung vorbereitet. Es kam zu Ausgründungen und Neuansiedlungen (Bayer, Heraeus, Aussimont, Sidra-Wasserchemie, ORWO Net, Folienwerk Wolfen, Organica Feinchemie u. a.). Wegen der Vielzahl unterschiedlicher Eigentümer wurde erstmals das Modell eines Chemieparks (Chemiepark-Modell) entwickelt.

Der Chemiepark Bitterfeld-Wolfen hat eine Gesamtfläche von ca. 1.200 ha. Im Chemiepark mit seinen fünf offen zugänglichen Arealen (A bis E) sind mehr als 300 Firmen angesiedelt, die ca. 12.000 Mitarbeiter beschäftigen. Unternehmen von verschiedenen Kontinenten (Europa, USA, Asien) haben im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen investiert. Etwa 12 % der vorbereiteten Flächen gelten als frei und stehen Investoren zur Verfügung.

Die im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen hergestellten Hauptprodukte sind: Chlor, Natronlauge, Wasserstoff, Salzsäure, Phosphorsäure, Eisen-III-Chlorid, Farbstoffe, Feinchemikalien und Spezialchemikalien, Ionenaustauscher, Lackharze, Methylcellulose, hochreines Quarzglas, Katalysatoren, Pharmaka, polykristallines Silizium, Spezialfolien und fotografische Schwarzweißfilme.

Darüber hinaus sind Firmen aus den Bereichen Maschinenbau, Recycling und Verwertung von Reststoffen im Chemiepark tätig.

Bedeutende wissenschaftliche und technische Erfindungen und Entwicklungen, die bis 1990 in den Bitterfelder und Wolfener Großbetrieben entstanden sind, wirken noch heute in den Betrieben des Chemieparks nach.

Geschichte

Historische Voraussetzungen

Im Raum Bitterfeld gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine Verarbeitungsindustrie für die in Tagebauen abgebaute Braunkohle und den darüberliegenden Ton. Allerdings hatte sich der Absatz der Bitterfelder Braunkohle erheblich verringert, da zunehmend Kohle mit höherem Brennwert aus Schlesien nach Mitteldeutschland kam. So reifte um 1890 in Bitterfeld der Gedanke, ein Industriegebiet westlich der Stadt, in der Nähe der Kohlegruben, zu erschließen.

Im Bitterfelder Raum lagen günstige Standortbedingungen für chemische Fabriken vor. Es gab billige Braunkohle zur Stromerzeugung, Bauland war reichlich vorhanden, Arbeitskräfte zu geringem Lohn standen zur Verfügung, Wasser aus der Mulde gab es reichlich und in der Nähe, in der preußischen Provinz Sachsen und in Thüringen, brauchten die als Rohstoffe benötigten Natrium-, Kalium- und Magnesiumsalze nur in den vorhandenen Schächten abgebaut und per Eisenbahn nach Bitterfeld transportiert zu werden. Es gab bereits zwei Bahnverbindungen, eine von Leipzig nach Dessau und eine von Halle nach Wittenberg, die sich in Bitterfeld kreuzten. 1897 kam eine dritte Strecke von Bitterfeld nach Stumsdorf hinzu, um einen besseren Zugang zu den Salzlagerstätten im Raum Halle-Staßfurt zu ermöglichen. Auch kreuzten sich in Bitterfeld die Poststraßen von Leipzig nach Magdeburg, von Halle nach Berlin und die von Köthen nach Düben.

Gründung des Chemiestandortes Bitterfeld-Wolfen

mini|Wohn- und Arbeitsstätte von Walther Rathenau von 1893 bis 1907 mini|Elektrochemische Werke GmbH (ECW) Werk Nord 1910 mini|Das von den ECW gepachtete Elektrolysewerk Bitterfeld Nord (Werk II) der CFGE mit Luftschiffwerft und Ballonaufstiegsplatz 1911 mini|Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG (CFGE), Aluminiumwerk I gebaut 1915 mini|Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG (CFGE), Blick in eine Elektrolysehalle mini|Kraftwerk Süd mit Luftansaugturm, 1916 mini|Kraftwerk Süd im Jahr 1918 mini|Kraftwerkssiedlung und Kraftwerk Süd der IG Farbenindustrie AG Bitterfeld um 1930 mini|Verwaltungsgebäude der IG Farbenindustrie AG Bitterfeld um 1940 mini|Das 1938 eingeweihte Metall-Labor, einst das größte Leichtmetall-Forschungszentrum der Welt 220x220px|mini|alt=|Für die Forschung im Metall-Labor wird 1942 ein Elektronenmikroskop aufgestellt mini|Die 1943 aufgestellte 30.000-Tonnen-Schloemann-Schmiedepresse war zur Herstellung von Schmiedeteilen für die Ju 288 vorgesehen|alternativtext=|220x220px mini|Die drei Agfa-Betriebe als Synthesebild 1898 auf einem Etikett: links Farbstoffbetrieb Treptow, Mitte Zwischenproduktefabrik Rummelsburg, rechts Farbenfabrik Greppin mini|Agfa-Farbenfabrik Wolfen in Greppin 1920 220x220px|mini|verweis=Special:FilePath/W92_Aktenübergabe_EWB_17.5.1945.jpg|Auswahl von den Amerikanern 1945 beschlagnahmte Akten mini|Agfa-Farbenfabrik in Greppin 1950 mini|Farbenfabrik Wolfen 1980, im Vordergrund die PC-Anlage Werk Nord mini|Drehrohröfen der Gipsschwefelsäureanlage in der Farbenfabrik Wolfen mini|Agfa-Filmfabrik Wolfen 1917 mini|Verpackung von Kinefilm 1926 220x220px|mini|alt=|Agfa-Filmfabrik Wolfen 1929 220x220px|mini|alt=|Anzeige vom Februar 1937 zum Agfacolor-Neu-Kleinbild Diafilm mini|Agfacolor Neu Kleinbild und Rollfilm 1937 mini|Die 1942 in der Ufa-Filmstadt Potsdam-Babelsberg enthüllte Bronze-Ehrentafel „Die Erfinder des Agfacolor-Verfahrens“. Die Tafel ist verschollen mini|Holzplatz der Agfa-Filmfabrik Wolfen, Holz der Grundstoff für die Zellstoffproduktion mini|Abtransport von demontierten Maschinen nach Schostka in der Ukraine – Demontagezug auf dem Wolfener Bahnhof 1946 220x220px|mini|verweis=Special:FilePath/W93_Übergabeprotokoll_eines_Teiles_der_Kriegsbeute_aus_der_Filmfabrik_Wolfen_an_die_Amerikaner.jpg|Übergabeprotokoll eines Teiles der Kriegsbeute aus der Filmfabrik 1945 an die Amerikaner 220x220px|mini|alt=|ORWO-Filmfabrik Wolfen 1975 220x220px|mini|alt=|Fotografische Erzeugnisse der ORWO-Filmfabrik Wolfen 1980 220x220px|mini|alt=|In der Filmfabrik Wolfen wurden seit 1943 Magnetbänder für die Tonaufzeichnung hergestellt 220x220px|mini|alt=|1967/68 nahm die Filmfabrik Wolfen die Fertigung einer Dialysiermembran für Dialysegeräte mit Schlauchprinzip auf mini|Filmfabrik Wolfen 1992, im Vordergrund die Forschungsgebäude 406 und 407, im Hintergrund die Begießerei VII 220x220px|mini|alt=|Der letzte ORWOCOLOR-Film verlässt 1994 die Produktionsanlagen mini|Der Wasserturm der Filmfabrik Wolfen 2014 mini|Blick vom N-Zellstoff-Betrieb auf den S-Zellstoff-Betrieb mit dem Hochhaus Geb. 621 mini|Rückbau des Faser-Hochhauses Geb. 621 im Jahr 1994

Die „Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft“ (AEG) gründet 1893 die Elektrochemischen Werke GmbH (ECW) Berlin, die im selben Jahr ein Werk zur Alkali-Elektrolyse im Industriegebiet Bitterfeld-Nord errichten.

Im selben Jahr erwirbt auch die Chemische Fabrik Elektron AG (CFE), Frankfurt am Main Grundstücke auf der Industriefläche in Bitterfeld-Süd und baut eine Niederlassung auf. Beide Firmen nehmen 1894 nach weniger als einem Jahr Bauzeit ihre Fabriken zur Chloralkali-Elektrolyse in Betrieb. Zur Vermeidung von Konkurrenz schließen beide Unternehmen (ECW und CFE) einen Vertrag zur gegenseitigen Wahrung der Produktionsgeheimnisse und gegen die „Abwerbung“ von Arbeitskräften.

1894 gründet die „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ (Agfa) aus Berlin in Greppin bei Bitterfeld die Agfa Anilinfabrik zur Produktion von Farbstoffzwischenprodukten und Farbstoffen (die spätere Farbenfabrik Wolfen).

1895 nimmt Walther Rathenau (1867–1922) in den ECW Bitterfeld Elektrolyse-Versuche auf, um Magnesium aus Carnallit zu gewinnen. 1896 beginnt er mit der Versuchsproduktion von Magnesium.

1898 übernimmt die CFE pachtweise die Elektrolyse-Anlagen der ECW in Bitterfeld-Nord. Die CFE modernisiert die Elektrolyse-Zellen der ECW und stellt nunmehr Magnesium als Reduktionsmittel für die Metallurgie der Schwermetalle und als Pulver für pyrotechnische Zwecke her.

1899 siedelt sich in Zscherndorf bei Bitterfeld die Kommanditgesellschaft „Salzbergwerk Neu-Staßfurt und Teilnehmer“ an, um wässrige Salzlösungen elektrolytisch zu zerlegen. Ebenso siedelt sich 1904 die Chemische Fabrik Herz in Zscherndorf an. Sie ist die erste chemische Fabrik, die das in der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron AG (CFGE) anfallende Chlor verarbeitet.

1909 wird der „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ (Agfa) in Berlin die Erlaubnis erteilt, in Wolfen/Greppin, nördlich von Bitterfeld, eine Fabrik zur Herstellung von Filmen für die sich stürmisch entwickelnde Kinoindustrie zu errichten.

Mit der Ansiedlung der vorgenannten Firmen wird Bitterfeld das Zentrum der chemischen Industrie in Mitteldeutschland.

Elektrochemische Werke GmbH (ECW) 1893–1921

Die von der AEG gegründete ECW erwirbt 1893 im Industriegebiet Bitterfeld Nord ein Grundstück zur Errichtung einer Fabrik zur elektrolytischen Herstellung von Ätznatron (Ätzkali) und Chlorkalk (chlorsaurem Kali) und schließt einen Vertrag zur Belieferung mit Braunkohle aus der Grube „Hermine“ ab. Mit dem Aufbau der Firma in Bitterfeld wird Walther Rathenau (1867–1922), der Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau, betraut.

Für die ECW baut die AEG die erste große elektrische „Zentralstation“ (das erste Kraftwerk) zur Stromversorgung der im Dezember 1894 in Betrieb genommenen 300 Rathenau-Elektrolyse-Zellen auf.

1895 nimmt die ECW die Produktion von Kalziumkarbid im großtechnischen Maßstab auf. Ebenso errichten die ECW eine „Überlandzentrale“ zur Stromversorgung der Stadt Bitterfeld. Nach erfolgreichen Versuchen von W. Rathenau beginnt die ECW 1896 mit der Versuchsproduktion von Magnesium (2 bis 3 kg Magnesium pro Tag).

1897 beginnen die ECW mit dem Bau einer Oxalsäure-Fabrik. Neben Oxalsäure als Zwischenprodukt für Farbstoffe wird in der Fabrik aus Kalilauge und Kohle auch Pottasche hergestellt. In den Folgejahren wird die Produktion von oxalsauren Salzen aufgenommen.

Mit der Gründung der Elektrizitäts-Liefergesellschaft 1898 durch die ECW wird die Stromversorgung der Orte Bitterfeld, Wolfen und Jeßnitz sichergestellt.

Nach wirtschaftlichen Schwierigkeiten übernimmt 1898 die CFE pachtweise die Elektrolyse-Fabrik der ECW, modernisiert die Elektrolyse-Zellen und produziert 10 bis 20 kg Magnesium pro Tag. Die Oxalsäure-Fabrik bleibt im Bestand der ECW.

1909 gelingt in den ECW die erste Herstellung synthetischer Edelsteine nach dem Verneuil-Verfahren. Außerdem wird die Produktion von Ferro-Wolfram und Ferro-Vanadium (Metalllegierungen mit Eisen) aufgenommen. Der Ausbau des Werkes geht 1911 mit der Errichtung des Cerzündmetall-Betriebes und einer Chlorverflüssigungs-Anlage weiter.

1921 kauft die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG (CFGE) die Elektrochemischen Werke GmbH in Bitterfeld und Rheinfelden, einschließlich der 1898 gepachteten Betriebsteile, auf.

Chemische Fabrik Griesheim-Elektron AG (CFGE) 1892–1925

1892 nahm die „Chemische Fabrik Elektron AG“, Frankfurt am Main (CFE) in Griesheim die erste industrielle Chloralkali-Elektrolyse in Betrieb. Ein zweites Werk wird 1893 auf der Industriefläche Süd in Bitterfeld gebaut und geht im Oktober 1894 in Betrieb.

Die „Chemische Fabrik Griesheim am Main“ (CFG) und die „Chemische Fabrik Elektron AG“ (CFE) vereinigten sich 1898 zu der „Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron A.G.“ (CFGE). Sie übernimmt pachtweise alle Aktivitäten (außer die Oxalsäure-Produktion) der Elektrochemischen Werke (ECW) in Bitterfeld und Rheinfelden und führt die Produktion von Magnesium nach dem Rathenau-Verfahren fort.