Die für Deutschland veröffentlichte Kriminalstatistik von 2021 beinhaltet 2.419 Fälle (von insgesamt 30.970) sexueller Übergriffe auf Jungen oder Männer (Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung), wovon 599 der Taten Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und sexueller Übergriff in besonders schwerem Maße darstellten. Die tatsächliche Zahl dürfte, aufgrund der hohen Dunkelziffer, jedoch deutlich höher liegen. Zahlreiche Opfer fürchten Stigmatisierung und versuchen daher die Vorfälle zu verdrängen.Jana Hausschild: Sexueller Missbrauch. Warum männliche Opfer oft schweigen. In: Der Spiegel. 10. Mai 2018. (spiegel.de, aufgerufen am 2. Februar 2022) In Deutschland sind etwa ein Drittel der minderjährigen Opfer von Vergewaltigungen oder sexueller Nötigung männlich.Zahlen zu sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, aufgerufen am 20. Oktober 2025
Männliche Opfer werden überwiegend bereits als Kind oder Heranwachsender Opfer von sexuellem Missbrauch. Eine 2021 veröffentlichte empirische Studie geht von einem Verhältnis von 90 Prozent Minderjährigen gegenüber 10 Prozent volljährigen männlichen Missbrauchsopfern aus.Ali M. AL-Asadi: Comparison Between Male and Female Survivors of Sexual Abuse and Assault in Relation to Age at Admission to Therapy, Age of Onset, and Age at Last Sexual Assault: Retrospective Observational Study. In: JMIRx Med. Band 2, Nr. 4, 2021, Artikel e23713. doi:10.2196/23713
Einige Institutionen begünstigen sexuelle Übergriffe an Minderjährigen durch ihre Strukturen. Darunter sind z. B. Internate (wie z. B. die Odenwaldschule) und Kinderheime zu nennen.Missbrauch und Prostitution: Frühere Heimkinder klagen an. In: Bayerischer Rundfunk. (br.de, aufgerufen am 2. Februar 2022) Im Jahr 2025 wurden in Deutschland zudem zahlreiche Fälle öffentlich bekannt, in denen Heranwachsende von Übergriffen innerhalb von Fußballvereinen berichteten, die vornehmlich durch Trainer aber auch durch Gleichaltrige begangen wurden. Da Frühwarnsysteme aus Datenschutzgründen fehlen, finden selbst Mehrfachtäter finden problemlos neue Vereine.Miriam Lenz, Jonathan Sachse & Finn Schöneck: Gewalt im Sport. Verdrängt, vergessen, verschwiegen: Der deutsche Fußball hat ein Missbrauchsproblem. vom 23. September 2025 Correctiv, aufgerufen am 2. Februar 2022
Erwachsene Männer erleben überdurchschnittlich oft an Orten sexuelle Gewalt, an denen viele Personen eng beieinander leben, wie z. B. in Haftanstalten (siehe hierzu: Vergewaltigung von Strafgefangenen),Sexuelle Gewalt in Gefängnissen: „Es passiert dann, wenn die Zellen geschlossen sind“. In: Deutschlandfunk. (deutschlandfunknova.de aufgerufen am 2. Februar 2022) oder im Militärdienst. Hier kommt es überdurchschnittlich häufig zu Übergriffen, wobei allerdings nur wenige Länder wie die USA zur Vergewaltigung im Militär eigene Statistiken veröffentlichen.Supporting Survivors: Assessing VA's Military Sexual Trauma Programs. In: Veterans of Foreign Wars. (vfw.org, aufgerufen am 2. Februar 2022) Auch Bewohner von Wohnheimen, einschließlich Einrichtungen der Behindertenhilfe, sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer sexueller Übergriffe zu werden.Sexuellen Missbrauch auch in Einrichtungen der Behindertenhilfe bekämpfen. ISL. (isl-ev.de, aufgerufen am 3. Februar 2022)
Forschung und Statistiken Die meisten männlichen Vergewaltigungsopfer wollen und können häufig nicht wahrhaben, dass sie vergewaltigt worden sind, und versuchen, die Tat zu verdrängen und zu verschweigen. Sprechen sie doch über die sexuellen Übergriffe, so geht dies oft mit einer Verharmlosung einher. Die unterschiedliche Sozialisierung von Männern und Frauen, sorgt bei männlichen Vergewaltigungsopfern oft dafür, dass negative Empfindungen wie Angst und Trauer mit Wut überlagert werden.Understanding Male Socialization, Stigma, and Reactions to Sexual Violence. National Sexual Violence Research Centre. (nsvrc.org, aufgerufen am 2. Februar 2022)
Das Ministerium für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten stellte fest, dass Männer mit einer körperlichen Behinderung, sowie Gehörlose öfter von sexuellen Übergriffen betroffen sind als Männer ohne Beeinträchtigungen. Rund ein Viertel der männlichen Opfer von sexueller Gewalt hatte zum Zeitpunkt des Übergriffs eine körperliche Beeinträchtigung. Das Risiko für einen Gehörlosen, Opfer eines Übergriffs zu werden, ist in den USA doppelt so hoch wie das eines nichtgehörlosen Mannes.Sexual Violence and Intimate Partner Violence Among People with Disabilities. Centers for Disease Control and Prevention. (cdc.gov, aufgerufen am 2. Februar 2022)
Es gibt deutlich mehr Untersuchungen zu weiblichen Opfern sowie deren Bewältigungsstrategien und die traumatischen Folgen, die durch Vergewaltigungen ausgelöst werden. Ein Großteil der männlichen Opfer macht nicht nur keine offizielle Meldung, sondern verschweigt den Übergriff auch innerhalb der eigenen Familie oder in der Partnerschaft.Patrizia Riccardi: Male Rape: The Silent Victim and the Gender of the Listener. In: Prim Care Companion J Clin Psychiatry. Band 12, Nr. 6, 2010. PMID 21494342 doi:10.4088/PCC.10l00993whi
Deutschland Repräsentative Studien aus Deutschland sind zu dem Ergebnis gekommen, dass etwa jeder siebte bis achte Erwachsene in der Kindheit und/oder Jugend sexuelle Gewalt erlebten, wobei etwa ein Drittel der Betroffenen von sexuellem Missbrauch männlichen Geschlecht sind und zwei Drittel weiblich. Zudem identifiziert sich ein Teil der betroffenen Jugendlichen nicht als männlich oder weiblich. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass bis zu eine Million Kinder und Jugendliche in Deutschland bereits sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfahren mussten oder erfahren.
Ein Studienprojekt der Universität Regensburg ergab, dass in Deutschland rund fünf Prozent der männlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Kinder sexuell missbraucht wurden. Doch nur ein Bruchteil der Übergriffe wird tatsächlich angezeigt, da männliche Opfer, wie auch nordamerikanische Studien belegen, deutlich länger zögern, bevor sie sexuelle Gewalt zur Anzeige bringen – falls sie sich überhaupt dazu entschließen.
In Deutschland werden minderjährige Jungen deutlich öfter als Mädchen von Bezugspersonen außerhalb der Familie missbraucht. Etwa die Hälfte aller sexuellen Übergriffe auf Jungen erfolgt durch Freunde der Familie, Nachbarn, Pfarrer oder Lehrer, während die andere Hälfte der Taten jeweils zur Hälfte von Familienmitgliedern und von Unbekannten verübt werden. Anschließend schweigen rund 50 Prozent der männlichen Opfer über die Vorfälle.Übergriffe Männer schweigen häufig über Missbrauch. In: Tagesspiegel. (tagesspiegel.de, aufgerufen am 2. Februar 2022)
Eine Befragungen von 44.610 Schülerinnen und Schülern von 9. Klassen kam zu dem Ergebnis, dass innerhalb des Jahres vor der Befragung 1,8 Prozent der Mädchen und 0,4 Prozent der Jungen sexuellen Handlungen unter Androhung oder Anwendung von Gewalt erlebt hatten. Experten schätzen, dass Sexualdelikte in nur 5 bis 25 Prozent der Fälle angezeigt werden.Prävalenz sexueller Gewalt. In: Ärzteblatt. (aerzteblatt.de, aufgerufen am 3. Februar 2022)
USA Das Kriegsveteranenministerium der Vereinigten Staaten erkennt die psychische Traumatisierung von Soldatinnen und Soldaten durch sexuelle Übergriffe im Militärdienst mittlerweile als eigenständiges Gesundheitsproblem an und geht von etwa 10.000 männlichen Opfern pro Jahr aus.
In den USA kamen im Jahr 2020, entsprechend dem Annual Report on Sexual Assault in the Military des US-Verteidigungsministeriums, 6.290 Fälle sexueller Gewalt zur Anzeige (2019 waren es 6.236). Der Anteil der weiblichen Soldaten ist (mit etwa 6 Prozent Betroffenen) zwar prozentual deutlich höher, da jedoch mehr männliche Soldaten in der US-Armee sind, ist die Anzahl der jeweils erfassten Opfer etwa gleich hoch. Innerhalb der letzten 10 Jahre stiegen die Ausgaben für therapeutische und medikamentöse Behandlungen weiblicher Opfer um 158 Prozent, während die Gesundheitskosten für männliche Opfer im selben Zeitraum um 110 Prozent zunahmen.
Schätzungen gehen davon aus, dass männliche Opfer die Übergriffe in nur rund 20 Prozent anzeigen. Außerdem machen zahlreiche Betroffene erst viele Jahre später die entsprechenden Aussagen, wenn ein Teil von ihnen durch Depressionen, Panikattacken, Schlafstörungen, Suchtprobleme und andere Spätfolgen nicht mehr arbeitsfähig ist.Mary F. Calvert: Männer und Opfer. In: Stern Crime. Nr. 39, Oktober 2021, S. 82–96. Selbst das zuständige Ministerium für Kriegsveteranen räumt ein, dass möglicherweise nur ein Drittel der Taten zur Anzeige kommen. Zu den Präventionsmaßnahmen gehören Kurse wie das sogenannte Bystander Intervention Training, durch welches Unbeteiligte dafür sensibilisiert werden, wie Übergriffe verhindert werden können.
Eine US-amerikanische Erhebung mit knapp 500 männlichen Missbrauchsopfern ergab, dass betroffene Männer erst nach durchschnittlich 21 Jahren mit jemandem über ihre Erfahrungen sprechen. Weitere sieben Jahre dauert es, bis sie beginnen, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Ursachen für das Schweigen sind vielfältig, die Gesellschaft und ihre Ansichten vermutlich ein Schlüssel dazu.
Großbritannien Eine in England durchgeführte Studie kam zum Ergebnis, dass 3 Prozent der befragten Männer nicht einvernehmlichen Sex als Erwachsene, 5 Prozent nicht einvernehmlichen Sex als Jugendliche (unter 16 Jahre) und 8 Prozent nicht einvernehmlichen Sex als Kinder (unter 14 Jahre) erlebt haben. Die Vergewaltigung männlicher Personen unterliegt immer noch weitgehend einem Tabu in der Gesellschaft, sowohl bei heterosexuellen wie auch bei homosexuellen Männern.Deborah Condon: Male rape 'still a taboo subject'. Comments of Dr Maeve Eogan and Deirdra Richardson in Modern Medicine, the Irish Journal of Clinical Medicine. In: Irish Health. 4. April 2014.
Täter und Täterinnen Ein Großteil der Übergriffe auf männliche Opfer wird von männlichen Tätern verübt, die jede sexuelle Identität (hetero-, homosexuell oder sonstige) haben können.Wer sind die Täter und Täterinnen? Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, aufgerufen am 20. Oktober 2025
Diese können körperlich überlegen sein und ggf. durch Erpressung weitere Übergriffe erzwingen, um über diese zu schweigen. Weniger häufig, aber für die Opfer deutlich traumatisierender ist es, von einer Überzahl von Personen überwältigt zu werden (Gruppenvergewaltigung).Mary F. Calvert: Männer und Opfer. In: Stern Crime. Nr. 39, Oktober 2021, S. 82–96. Insbesondere im Kontext mit Alkohol- und Drogenkonsum oder in Verbindung mit K.-o.-Tropfen steigt das Risiko, Opfer eines Übergriffs zu werden.
Bei sexuellem Missbrauch minderjähriger Opfer sind die Täter in etwa 80 bis 90 Prozent der Fälle Männer oder männliche Jugendliche. Frauen und weibliche Jugendliche sind für die restlichen 10 bis 20 Prozent der Missbrauchsfälle verantwortlich, wobei Frauen eher männliche Personen missbrauchen.
Vorurteile gegenüber vergewaltigten Jungen und Männern
Männliche Opfer und Vergewaltigung Eine Vergewaltigung wird von zahlreichen für eine Studie Befragten Probanden in erster Linie mit einem weiblichen Opfer, das auf einen älteren, männlichen Täter trifft, assoziiert. Je stärker Missbrauchsmythen und Stereotypen im Denken der Befragten verankert waren, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sie traditionelle Rollenmodelle befürworteten und Vorbehalte gegenüber Homosexuellen hatten. Diese Vorurteile tragen dazu bei, dass deutlich weniger der männlichen Vergewaltigungsopfer von Hilfsangeboten erreicht werden.Scott M. Walfield: “Men Cannot Be Raped”: Correlates of Male Rape Myth Acceptance. (2018). In: Journal of Interpersonal Violence. Vol 36, Nr. 13–14, 2021. doi:10.1177/0886260518817777