Variae (epistulae) sind eine Sammlung von Schriftstücken, die in der Kanzlei des spätantiken Ostgotenreichs in lateinischer Sprache erstellt wurden. Es handelt sich um Briefe der Ostgotenherrscher (hauptsächlich Theoderich) an benachbarte Herrscher und Personen und Personengruppen in Italien, um Edikte und Musterformulare. Gesammelt, herausgegeben und zumindest zum Teil verfasst hat sie Flavius Magnus Aurelius Cassiodorus Senator, der dem römischen Senatsadel angehörte und mehrere wichtige Positionen in der Verwaltung des Ostgotenreichs einnahm.

Cassiodorus erklärt den Titel () mit der Vielfalt des Sprachstils, der den Adressaten angepasst sei.

Aufbau und Zeitstellung Die Variae sind eine Sammlung von 470 Schriftstücken: zwei Vorreden, 369 Briefe, neun Edikte, 18 Beförderungsschreibe sowie 72 Musterformulare, gegliedert in 12 Bücher.Beat Meyer-Flügel: Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor, S. 42. Sie entstanden, während Cassiodorus in hoher Position für die ostgotischen Könige tätig war: 507–511 als Quaestor, 523–527 als Magister officiorum und 533–537 als Praefectus praetorioStefan Krautschick: Cassiodor und die Politik seiner Zeit, S. 8.. Die Schriftstücke sind chronologisch angeordnet, wobei dieses Prinzip allerdings auch unterbrochen wird. Anfang und Ende jedes Buches werden mit einem Brief betont, der durch Schreiber und Empfänger, aber auch durch das Thema hervorragt. So beginnt Buch I mit einem Brief des Königs Theoderich an den oströmischen Kaiser Anastasios I.; Buch X endet mit den Briefen, in denen Witichis seine Herrschaft etabliert.

Grundhaltung und Sprache Cassiodorus entwarf das Bild eines Zusammenlebens von Goten und Römern in der friedlichen Prosperität Italiens, was vielleicht nicht ganz der Realität entsprach.Peter Dinzelbacher: Briefe des Ostgotenkönigs Theoderich der Große und seiner Nachfolger. Aus den „Variae“ des Cassiodor, S. 30. Der Stil wurde von Historikern als „pompöse Obskurität“ und „schwulstige Phrasen“ beschrieben, entsprach aber der höfischen Kultur der Epoche.Peter Dinzelbacher: Briefe des Ostgotenkönigs Theoderich der Große und seiner Nachfolger. Aus den „Variae“ des Cassiodor, S. 31f. Cassiodorus schmückte seinen Text mit zahlreichen naturwissenschaftlichen Beschreibungen und benutzte dabei auch mehrfach die Naturalis historia des Plinius der Ältere.Åke Josefsson Fridh: Magni Avrelii Cassiodori Senatoris Variarvm libri dvodecim, Index auctorum. Literaturzitate verwendete er sparsam. Von den Dichtern, die zum römischen Bildungskatalog gehören, werden nur Cicero, Tacitus und Vergil einige wenige mal genannt.Theodor Mommsen: Cassiodoris Senatoris Variae, Index. Die Sprache ist Spätlatein. Es haben sich grammatische Ungenauigkeiten eingeschlichenJames J. O’Donnell: Cassiodorus, S. 94f. und es gibt auch zahlreiche Wortneubildungen.Odo John Zimmermann: The late latin vocabulary of the Variae of Cassiodorus, S. 1–69.

Nur zwei gotische Lehnwörter werden genannt, der Karpfen = carpa und der saio.Odo John Zimmermann: The late latin vocabulary of the Variae of Cassiodorus, S. 85. Dieser bezeichnet Sonderbeauftragte des Königs. Es handelt sich ausschließlich um Goten, denen die Eintreibung von Steuern, das Aufspüren von Schätzen, das Ausheben von Matrosen und vieles andere mehr aufgetragen wurde.Beat Meyer-Flügel: Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor, S. 466f. Insgesamt 19 saiones werden namentlich genannt, und der Begriff wird darüber hinaus noch verwendet.Theodor Mommsen: Cassiodoris Senatoris Variae, Index.

Inhalt Briefe an auswärtige Potentaten Besondere Beachtung haben die Briefe der ostgotischen Herrscher an andere Herrscher, hauptsächlich oströmische Kaiser, aber auch germanische Könige gefunden. Es handelt sich um 30 Briefe vom Jahr 508 (Theoderich an Anastasios I., I,1) bis zum Jahr 536 (Witigis an Justinian I., X,32). Die 18 Briefe an oströmische Kaiser sind hauptsächlich Ergebenheitsbekundungen und Nachsuche um friedliche Beziehungen. Es werden aber auch Informationen übermittelt, so teilt Amalasuntha den Tod ihres Sohnes und die Thronerhebung des Theodahad mit (534, X,1). In 11 Briefen an den oströmischen Kaiser Justinian und seine Frau Theodora suchen Theodahad und seine Frau Gudeliva das Verhältnis zu Ostrom zu verbessern. Interessant und rätselhaft ist die Aussage in Brief X,20 von Theodahad an Theodora:Zit. n. der Ausgabe von Mommsen, 1894, S. 311.

Nam et de illa persona, de qua ad nos aliquid verbo titillante pervenit, hoc ordinatum esse cognoscite, quod vestris credi(di)mus animis convenire. „So wisst denn auch, dass in Bezug auf jene Person, zu der eine gewisse Aufforderung an Uns ergangen war, das angeordnet wurde, was, wie wir glaub(t)en, Euren Wünschen entspricht.“

Dies könnte eine Übereinkunft von Theodora und Theodahad bezüglich der Ermordung Amalasunthas 535 andeuten.Beat Meyer-Flügel: Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor, S. 174 Übersetzung und Erläuterung.

Einen anderen Themenkreis hat Cassiodorus mit den 11 Briefen Theoderichs an germanische Eliten aufgenommen. Die Briefe sind adressiert an den Franken Chlodwig I. (507, III,1), den Westgoten Alarich II. (507, III,1), den Vandalen Thrasamund (511, V,43f) und Führer kleinerer germanischer Reiche. Thematisiert werden die Erhaltung des Friedens, die familiären Bindungen durch Heirat und Aufnahme als Waffensohn und der Austausch von Geschenken. Dieser findet in beide Richtungen statt. Das Begleitschreiben an den burgundischen König für zwei horologia, eine Sonnenuhr und eine Wasseruhr, ist genauso begeistert abgefasst wie der Dank an den Thüringerkönig für die Pferde, die er als Brautgabe für die Nichte Theoderichs gesandt hat.

Buch I–IV – quaestor – 507 bis 511 Den größten zusammenhängenden Komplex bilden die Bücher I–IV, in denen Cassiodorus 191 Schreiben aus seiner Zeit als quaestor gesammelt hat. Sie bieten ein umfassendes Bild der Regierungstätigkeit der Jahre 507–511, in denen Theoderich der Große relativ gesichert und friedvoll über Goten und Römer herrschte. Ein wesentlicher Teil sind die Ernennungsschreiben, häufig als Paar an den Ernannten und den Senat der Stadt Rom. Die Ernannten sind zum Teil hochrangige und landbesitzende SenatsangehörigeChristoph Schäfer: Der weströmische Senat als Träger antiker Kontinuität unter den Ostgotenkönigen., aber auch Comites civitatum, die den führenden gotischen Kreisen entstammenFrank M. Ausbüttel: Die Verwaltung der Städte und Provinzen im spätantiken Italien, S. 204ff.. Die übrigen Briefe thematisieren, häufig im Zusammenhang mit Rechtsstreit, Fragen des Handels mit Getreide, Landbesetzung, Versorgung durchziehender Soldaten und vieles mehrJames J. O’Donnell: Cassiodorus, S. 81ff.. Die Spannweite reicht von einem Aufruf an alle Goten, zu den Waffen zu eilen und auch das Jungvolk mitzubringen (producite iuuenes uestros in Martiam disciplinam) (I,24) bis zum Lob des patricius' Quintus Aurelius Memmius Symmachus für seine Renovierung antiker Bauwerke (IV,51).

Buch VI, VII Zwischen das Buch V (523–526) und das zeitlich direkt anschließende Buch VIII hat Cassiodorus die zwei Bücher VI und VII eingeschoben, die 72 Briefentwürfe (formulae), hauptsächlich Ernennungen – zum Consul, Patricius, Leiter einer Waffenfabrik etc. – enthalten. Sie sind zeitlich nicht sicher einzuordnen, wenn auch Theodor Mommsen einige in das Jahr 511 datiertStefan Krautschick: Cassiodor und die Politik seiner Zeit, S. 85.. Auch diese Briefe tragen den Schmuck antiken Wissens, etwa eine Beschreibung der Sieben Weltwunder (VII,15) und geben Einblick in das soziale Leben. So beantwortet das Formular VII,40 einen anscheinend öfter gestellten Antrag bezüglich „der Frau, welche angenehme Umarmung Dir verbunden hat … die erwiesener Maßen dem Stand nach nicht gleichgestellt war, zur rechtmäßigen Gattin werde und die Söhne … die Rechtstellung von Erben erlangen“Übersetzung: Peter Dinzelbacher: Briefe des Ostgotenkönigs Theoderich der Große und seiner Nachfolger. Aus den „Variae“ des Cassiodor, S. 132..

Buch V, VIII, IX (1–14) – magister officiorum – 523 bis 527 Der Konsul und spätantike Gelehrter Boethius wurde 522 zum magister officiorum ernannt.Christoph Schäfer: Der weströmische Senat als Träger antiker Kontinuität unter den Ostgotenkönigen, S. 240. Schon 523 verlor er sein Amt und Cassiodorus wurde sein NachfolgerStefan Krautschick: Cassiodor und die Politik seiner Zeit, S. 108.. Im Buch V sind 42 Dokumente aus dieser zweiten Amtszeit Cassiodorus’ von 523 bis zum Tod Theoderichs (526) gesammelt. Es wurde Cassiodorus zum Vorwurf gemacht, dass er den Prozess gegen Boethius und seine Verurteilung, die in dieses Zeitintervall fallen, nicht behandelt hat. Allerdings nehmen die Dokumente der Variae durchaus Bezug zum Zeitgeschehen, wie ein Vergleich mit dem Werk Der Trost der Philosophie des Boethius zeigt. So werden die römischen Beamten Decoratus, Cyprianus und Opilio, die Boethius herabsetzt (Der Trost der Philosophie, Buch I, 4.p. und Buch III, 4.p.), durch lobende Ernennungsschreiben geehrt (V, 3,4,40,41; VIII, 16,17).

Auch der Brief V,42, in dem sich Theodorus (Cassiodorus) vehement gegen die Tierhetzen (ludi crudeles) wendet, die immer noch in Rom im circo stattfinden, könnte gegen Boethius gerichtet sein. Dieser stilisiert sich nämlich, wegen des Konsulats seiner jugendlichen Söhne triumphierend im circo sitzend (Buch II, 3.p.)

Nach dem Tod Theoderichs entwirft Cassiodorus 8 Mitteilungen der Thronnachfolge für den noch kindlichen Athalarich an den Kaiser Julianus, den Senat der Stadt Rom, an Goten und Römer. Damit beginnt Buch VIII. Die Briefe betonen dessen Legitimation durch seine Abstammung von Theoderich und bekunden ein Streben nach Frieden und Wohlwollen. Mitten in Buch IX ist ein Zeitsprung. Cassiodorus hatte sein Amt 527 verlorenStefan Krautschick: Cassiodor und die Politik seiner Zeit, S. 8.. Dies wird in keiner Weise kommentiert, aber auf die Briefe 1–14, die aus den Jahren 526/527 stammen, folgt Brief 15 aus dem Jahr 533.

Buch IX (15–20), X – praefectus praetorio – 533 bis 540 Am 1. September 533 wurde Cassiodorus zum praefectus praetorio ernannt und behielt dieses Amt möglicherweise bis zur Kapitulation des Königs Witichis 540Beat Meyer-Flügel: Das Bild der ostgotisch-römischen Gesellschaft bei Cassiodor, S. 39f.. Er verfasste sein eigenes Ernennungsschreiben (X, 24), in dem er sich nicht nur selbst rühmt, sondern auch seinen früheren Dienstherren König Theodorich, den „Philosophen im Purpur, mit dem er den Lauf der Sterne diskutiert habe“.

Die 35 Briefe von Buch X hat Cassiodorus nach dem Tod Athalarichs verfasst. Es handelt sich weitgehend um „außenpolitische“ Schreiben, alleine 15 an den oströmischen Kaiser Justinian und seine Frau Theodora (siehe Kap. 3.1). Anrührend sind die letzten Briefe, die von König Witichis stammen. In Brief 31 (Vniversis Gothis VVitigis rex, König Witichis an alle Goten) beruft er sich auf altgotisches Erbe:

… parentes nostros Gothos inter procinctuales gladios more maiorum scuto subposito regalem nobis contulisse praestante domino dignitatem „… dass unsere gotischen Verwandten unter Schwertgeklirr im Felde nach Art der Vorväter durch Schilderhebung uns mit Zustimmung des Herrn die Königswürde übertragen haben“Peter Dinzelbacher: Briefe des Ostgotenkönigs Theoderich der Große und seiner Nachfolger. Aus den „Variae“ des Cassiodor, S. 71.

Buch XI, XII – praefectus praetorio – 533 bis 537