Niobe, regina di Tebe bzw. kurz Niobe (deutschsprachiger Originaltitel von 1688: Niobe, Königin in Thebe) ist ein Dramma per musica in drei Akten (12 Bildern) von Agostino Steffani (Musik) mit einem Libretto von Luigi Orlandi nach dem 6. Buch von Ovids Metamorphosen. Die Uraufführung fand am 5. Januar 1688 im Münchener Salvatortheater statt.
Handlung
Der thebanische König Anfione ist amtsmüde und möchte sich in Zukunft der Kunst widmen. Er überträgt die Herrschaft seiner Frau Niobe und dem Fürsten Clearte. Letzterer ist heimlich in Niobe verliebt – doch gelingt es ihm trotz der Unterstützung durch Niobes Amme Nerea nicht, ihr seine Gefühle zu offenbaren. Der Zauberer Poliferno will sich an Anfione für den Tod seiner Schwester Dirce rächen und hat zu diesem Zweck den thessalischen Prinzen Creonte verhext. Der glaubt nun ebenfalls, Niobe zu lieben und sie in einem Feldzug erobern zu müssen. Als Anfione für den Schutz der Stadt betet, entstehen durch seinen Gesang auf wundersame Weise Schutzmauern. Niobe ist davon so beeindruckt, dass sie ihren Gemahl hochmütig zum Gott erklärt.
Mit Hilfe verschiedener magischer Mittel dringen Poliferno und Creonte in die Stadt ein und entführen Niobe, die sie glauben lassen, dass Creonte der Kriegsgott Mars sei. Doch die echten Götter lassen den Zauber vergehen. Niobes Hochmut wächst ins Unermessliche. Sie lässt den Tempel der Latona zerstören und ihre eigenen Kinder als Götter verehren. Bei der Zeremonie greift die erzürnte Latona mit anderen Göttern ein und tötet die Kinder. Anfione begeht aus Kummer darüber Selbstmord, und Niobe versteinert vor Schmerz. Creonte kann ungehindert die Herrschaft übernehmen. Doch er erweist sich als guter König, der als erste Amtshandlung seinen bösartigen Ratgeber Poliferno verbannt und sich den Thebanern gegenüber großmütig zeigt.
In einer Nebenhandlung verliebt sich die thebanische Latona-Priesterin Manto in den jungen Prinzen Tiberino. Die beiden sind in Liebesdingen unerfahren und müssen erst einige Missverständnisse überwinden, ehe sie zusammenfinden. Mantos Vater ist der blinde Seher Tiresia, der Anfione verschiedene Ratschläge gibt.
Dem deutschen Libretto von 1688 ist das folgende Vorwort beigegeben:
Erster Akt
Königliches Zimmer mit einem Thron
Szene 1. Anfione, der König Theben, verkündet seiner Familie und dem Hofstaat, dass er der Königswürde müde sei und die Herrschaft nun seiner Frau Niobe überlassen wolle. Der Fürst Clearte solle sie bei den Amtsgeschäften unterstützen (Duett Anfione/Niobe: „Sollievo del mio seno“).
Szene 2. Der aus dem freiwilligen Exil in der Wildnis herbeigerufene Clearte erfährt von seiner neuen Aufgabe. Anfione überreicht ihm ein königliches Gewand (Arie Anfione: „Miratemi begl’occhi“).
Szene 3. Während Niobe von der Veränderung begeistert ist, zögert Clearte. Er ist heimlich in Niobe verliebt und befürchtet, seine Pflichten nicht mit der nötigen Ehrerbietigkeit erfüllen zu können. Doch schwört er ihr schließlich seine Treue (Arie Niobe: „È felice il tuo cor, né sai perché“).
Szene 4. Niobes Amme Nerea hat Cleartes Gefühle für Niobe bemerkt. Sie macht ihm Hoffnung und verspricht, sich für ihn einzusetzen (Arie Nerea: „Quasi tutte son le brutte“).
Szene 5. Nachdem alle anderen gegangen sind, lässt Clearte seinen Gefühlen freien Lauf. Er war seinerzeit nur deshalb ins Exil gegangen, um seine Liebe zu Niobe vergessen. Doch nun kommt alles wieder hoch (Arie Clearte: „Son amante, e sempre peno“).
Wald
Szene 6. Tiberino, der prahlerische Sohn des Königs von Alba, ist mit seinem Gefolge nach Griechenland gekommen, um Ruhm zu erringen (Arie Tiberino: „Alba esulti, e il Lazio goda“).
Szene 7. Die thebanische Jungfrau Manto, die bei einer Jagd von ihren Leuten getrennt wurde, befindet sich auf der Flucht vor einem Raubtier. Tiberino erlegt das Tier. Manto schwört ihm ewige Dankbarkeit, und beide verlieben sich auf der Stelle ineinander (Arie Manto: „Se la vita a me donasti“).
Szene 8. Mantos Vater, der blinde Seher Tiresia, kommt hinzu. Durch seine Gabe weiß er bereits von Tiberinos Tat. Er lädt ihn in seine Wohnung ein, wo er ihm sein künftiges Schicksal zeigen will (Arie Tiresia: „Amor t’attese al varco“).
Szene 9. Manto erzählt Tiberino, dass sie zusammen mit ihrem Vater im Tempel der Göttin Latona diene. Tiberino fragt sie, welches Opfer sie dem Liebesgott bringen wolle – doch mit der Liebe hat Manto noch keine Erfahrungen gemacht. Sie gibt vor, Tiberino nicht zu verstehen (Arie Tiberino: „Tu non sai che sia diletto“).
Szene 10. Manto beklagt das Ungestüm Tiberinos. Obwohl sie seine Gefühle erwidert, würde sie die Beziehung lieber ruhiger angehen (Arie Manto: „Vuoi ch’io parli, parlerò“).
Szene 11. Plötzlich erscheint ein gewaltiges Tier, das sich auf der Bühne in eine größere Gruppe Soldaten verwandelt. In einer Wolke schwebt der Zauberer Poliferno herein. Er führt den schlafenden thessalischen Prinzen Creonte mit sich, den er durch einen Zauber in Niobe verliebt gemacht hat. Sein Ziel ist es, den eifersüchtigen Prinzen dazu zu bewegen, Theben anzugreifen und zu verwüsten. Creonte erwacht voller Sehnsucht nach Niobe (Arie Creonte: „Dove sciolti a volo i vanni“). Poliferno redet ihm ein, dass er sie nur durch einen Eroberungsfeldzug für sich gewinnen könne. Außerdem gelte es, seinen Onkel Lico zu rächen, den Anfione einst entmachtet und getötet hatte (Arie Poliferno: „Nuovo soglio, e nuova bella“).
Szene 12. Creonte bittet die Götter des Krieges und der Liebe um Unterstützung bei seinem Feldzug gegen Theben und schwärmt anschließend von der Schönheit Niobes (Arie Creonte: „Troppo caro è quel bel volto“).
Königliches Museum, das den Palast der Harmonie zeigt
Szene 13. Anfione sucht seinen Frieden in der Musik (Arie Anfione: „Sfere amiche or date al labbro“).
Szene 14. Niobe schwört Anfione ihre ewige Liebe (Arie Niobe: „Vorrei sempre vagheggiarti“).
Szene 15. Nerea und Clearte berichten vom Anmarsch der thessalischen Truppen Creontes. Während sich Clearte und Niobe kampfbereit zeigen, macht sich Anfione nur widerwillig auf, sein Volk auf den bevorstehenden Krieg einzustimmen (Arie Anfione: „È di sasso chi non t’ama“).
Szene 16. Nachdem Anfione gegangen ist, fordert Nerea Clearte auf, Niobe seine Gefühle zu offenbaren. Er teilt ihr mit, dass er auf seinem Schild den schneebedeckten Vulkan Ätna zeigen wolle – nach außen kalt, im Inneren aber voller Flammen. Als Niobe ihn auffordert, das näher zu erläutern, gerät Clearte ins Stottern, bis Niobe ihn zum Schweigen rät (Arie Niobe: „Segui ad amar così“).
Szene 17. Nerea schilt Clearte für seine Ungeschicklichkeit im Umgang mit der Liebe. Clearte verzweifelt (Arie Clearte: „C’ho da morir tacendo“).
Szene 18. Nerea ist sich sicher, dass Niobe Cleartes Liebe erwidert und ihn nur ein wenig hinhalten will. Frauen seien so einfach zur Liebe zu bewegen – ein Seufzer reiche (Arie Nerea: „In amor siam tanto facili“).
Offene Landschaft mit Blick auf das nicht von Stadtmauern umgebene Theben
Szene 19. Als Creonte und Poliferno sich der Stadt nähern, erhebt sich ein riesiges Ungeheuer aus der Erde. Poliferno hat es heraufbeschworen, um Creonte einen direkten Weg zu Niobe zu bieten, der durch das Maul des Untiers führt. Creonte steigt furchtlos hinein (Arie Creonte: „Anderei sin nell’inferno“).
Szene 20. Poliferno beschwört seine verstorbene Schwester Dirce, die Gattin Licos, aus dem Grab aufzustehen, um seine Rache zu beobachten (Arie Poliferno: „Fiera Aletto del mio petto“). Er folgt Creonte in den Rachen des Ungeheuers, der sich daraufhin schließt. Das Tier versinkt wieder in der Erde.
Szene 21. Anfione hält eine aufmunternde Ansprache an das Volk, um es auf die Verteidigung der Stadt einzustimmen. Dieses jubelt ihm zu. Er bittet Gott um Schutz (Arie Anfione: „Come padre, e come dio“). Während seiner Arie erheben sich wie durch Zauberhand Mauern um die Stadt.
Szene 22. Nachdem Nerea Niobe von dem Zauber benachrichtigt hat (Arie Nerea: „Assistetemi, soccorretemi“), kommt auch diese hinzu. Sie ist der Ansicht, ihrem Mann stünden nun göttliche Ehren zu, da allein sein Gesang dieses Wunder vollbracht habe (Arie Niobe: „Con il tuo strale amore“).
Szene 23. Als der blinde Tiresia das Königspaar zur Bescheidenheit mahnt, wirft Niobe ihn empört zu Boden und tritt ihn. Sie und Anfione schwören sich erneut ihre Liebe (Duett Anfione/Niobe: „Mia fiamma… – Mio ardore…“) und ziehen sich zurück.
Szene 24. Auf Tiresias Hilferufe (Arie Tiresia: „Calpestato, lacerato“) erscheinen seine Tochter Manto und Tiberino, denen Tiresia vom Hochmut Niobes erzählt. Manto und Tiberino versprechen ihm ihren Schutz. Er lässt sich von ihnen in den Tempel der Latona führen, wo er die Sterne zur Rache beschwören will (Arie Tiresia: „Di strali, e fulmini“).
Szene 25. Tiberino erklärt Manto die Geheimnisse der Liebe. Sie hört ihm geduldig zu und gesteht ihm dann ihre eigenen Gefühle (Arie Manto: „Nel mio seno a poco a poco“).
Szene 26. Tiberino ist verwundert über Mantos widersprüchliches Verhalten (Arie Tiberino: „Quanto sospirerai“).
Zweiter Akt
Amphitheater mit einer großen Kugel in der Mitte und einem kleinen königlichen Sitz an der Seite
Szene 1. Creonte und Poliferno kommen auf zwei Drachen aus der Erde hervor. Creonte ist beeindruckt von der Kunstfertigkeit dieses von Niobe geschaffenen Orts. Sie wollen die Königin eine Weile beobachten. Damit sie unbemerkt bleiben, lässt Poliferno eine unsichtbare Wolke einschweben. Creonte erwartet gespannt die Ankunft Niobes (Arie Creonte: „Del mio ben occhi adorati“).
Szene 2. Zunächst erscheint Clearte mit den thebanischen Edelleuten und Volk. Er erinnert die Anwesenden an das Wunder der Stadtmauer und versichert ihnen, dass die Götter sie auch beim Gebrauch der Waffen unterstützen werden. Die Prinzen seien bereits auf dem Vormarsch gegen die Feinde. Er schwört sich selbst, Niobe weiterhin treu dienen zu wollen (Arie Clearte: „Voglio servir fedel“).
Szene 3. Nun kommen auch Niobe und Nerea herein. Niobe fordert Clearte auf, als Mitregent mit ihr den Thron zu besteigen. Clearte zögert, da er sich ihren Befehlen untergeben fühlt und seine Treue auch Anfione gilt. Niobe zieht ihn fast gewaltsam auf den Thron (Arie Niobe: „Qui la dèa cieca volante“).
Szene 4. Als auch Anfione hinzukommt, will Clearte ihm Platz machen – doch Niobe fordert ihn zum Bleiben auf. Anfione fällt sofort die prächtige Kugel in der Mitte auf, die dem Glanz der Sonne Konkurrenz zu machen scheint. Niobe erklärt ihm, dass er nun keinen Platz auf dem Thron mehr habe, da er nicht mehr König sei, sondern ihm als Gottheit ein „besternter Sitz“ zustehe. Die Kugel öffnet sich. und gibt einen Sternenhimmel frei. Anfione tritt begeistert hinein (Arie Anfione: „Ascendo alle stelle“). Niobe fordert die Anwesenden auf, diese Gottheit zu verehren. Anschließend ruft sie zum Tanz. Poliferno kann diese Verherrlichung seines Feindes nicht länger mit ansehen. Er beschwört eine höllische Wolke, die die ganze Bühne verschattet. Creonte entschwebt mit Niobe in der Wolke. Poliferno dagegen versinkt unter fortwährendem Donner in die Erde (Arie Poliferno: „Numi tartarei con vostri sibili“).
Szene 5. Anfione ist verängstigt auf der finsteren und ansonsten menschenleeren Bühne zurückgeblieben. Er klagt über den Verlust Niobes (Arie Anfione: „Dal mio petto o pianti uscite“).
Berglandschaft mit einer Quelle
Szene 6. Tiresia ist durch die Geschehnisse verwirrt und nicht mehr in der Lage, die Omen zu deuten (Arie Tiresia: „Confuse potenze destatevi su“). Tiberino ist enttäuscht, dass er die versprochene Weissagung nun doch nicht erhalten wird. Tiresia teilt ihm jedoch mit, dass er seine Erfolge nicht im Krieg suchen solle. Er macht sich auf den Weg zum Tempel.